Schön und kurvenreich
Mit der Schwarzwaldbahn an den Bodensee
Text und Fotos: Manfred Lädtke u.a.
Sie ist schön, anspruchsvoll, kurvenreich, und sie geizt nicht mit ihren Reizen. Gäbe es einen DB-Strecken-Contest, bei Eisenbahnfreunden wäre sie auf der Favoritenskala ganz oben. 250 Kilometer lang ist der Schienenparcours der Schwarzwaldbahn von Karlsruhe bis Konstanz, bietet fast drei Stunden spektakuläre Aussichten, bezaubernde Ansichten und immer wieder Gelegenheit, die Fahrt zu unterbrechen: Platz nehmen zu einer Romantiktour mit Europas schönster Mittelgebirgsbahn an den Bodensee.
Ausgangspunkt Karlsruhe

© Deutsche Bahn
Zentraler Anreisebahnhof für das Schwarzwald-Rendezvous ist Karlsruhe. Von dort geht es im Stundentakt buchstäblich durch Berg und Tal. Zwar gibt es die Schwarzwaldbahn schon seit 135 Jahren, Panoramawagen rollen aber erst seit 2008 durch die insgesamt 39 Tunnel. Wer auf dem Oberdeck der Doppelstockwagen einen Fensterplatz ergattern will, weicht entweder in die 1. Klasse aus oder steigt morgens in die bereitstehenden Wagen ein. Das erhöht die Chance, in den engen oft rappelvollen Abteilen auch großes Gepäck möglichst in Sichtweite unterzubringen.
Reisende, die ihre Bahntour am Wochenende beginnen, sollten einen Zug zwischen sieben und neun Uhr nehmen. Wenn die Sonne über die sanften Hügel des Badnerlands blinzelt, sind viele Plätze noch frei und die Fahrt im Lichtspiel des Morgens ist zum Hals verrenken schön. Das heißt, die ersten 45 Minuten sind flach und ohne Höhepunkte. Die darf der Bahntourist getrost verschlafen, aber dann bitte hellwach sein. Dunkle Bergkämme kratzen am blauen Himmel, tiefe sattgrüne Täler breiten sich wie in Bilderbüchern vor dem Fenster aus, rauschende Wildbäche fliegen vorbei und stattliche Schwarzwaldhöfe zeigen ihre blumengeschmückten Balkons. Hier ein verträumtes Dörfchen, dort eine klappernde Mühle zwischen Berg und Tal. Zeit, sich zurück lehnen, die Landschaft zu genießen und beim „Klingelmann“ einen Morgenkaffee zu bestellen. Spätestens jetzt sollte aber auch die Frage beantwortet sein: den Schwarzwald nur sehen oder auch erleben?
Die Schwarzwaldbahn en miniature
Ein erster Stopp und Gelegenheit, die sprichwörtliche badische Küche zu probieren, bietet sich im Kinzigtal im Fachwerkstädtchen Gengenbach mit seinen wehrhaften Türmen und bunten Patrizierhäusern an. In Haslach empfiehlt sich eine Fahrunterbrechung, um in die Unterwelt aus Stollen und Schächten der ehemaligen Silbergrube „Segen Gottes“ hinab zu steigen. Oder in Hausach. Gleich gegenüber dem Bahnhof schnurrt dem Reisenden in einem umgebauten Supermarkt der Schwarzwaldexpress im Maßstab 1:87 entgegen. Auf 400 Quadratmetern hat Thomas Panzer die Landschaft und Originalstrecke der Schwarzwaldbahn nachgebaut.

Wie von Geisterhand bewegen sich sogar Autos und Lastwagen. 1,3 Millionen Euro musste der Modellbahnspezialist vor sechs Jahren für das wie er sagt „Spiegelbild dieses gottgesegneten Fleckchen Erdes“ auf den Tisch legen. Dafür gestattet Europas größte Modellanlage nach realem Vorbild einen Blick auf ständig rund 40 fahrende Minizüge, wie er sonst nur aus dem Flugzeug möglich wäre. Rund 70 000 Besucher kommen jedes Jahr in die Welt en miniature und bestaunen die Meisterleistung mit 70 000 Tannenbäumen, 12 000 Obst- und Laubbäumen, verwinkelten Städtchen, Bergen, Wiesen und Auen. Manchmal bedarf es eines Adlerblicks oder wenigstens einer Brille, um zauberhafte Details wie eine Imkerei, badende Kinder in einem Teich, eine Kapelle zwischen Bäumen oder den Ziegen-Peter mit der Heidi zu entdecken.
Die Geschichte der Schwarzwaldbahn
Im Bistro entführt Thomas Panzer seine Gäste in die Geschichte der Schwarzwaldbahn: „Hinter Hausach beginnt mit einem 40 Kilometer langen und 564 Meter hohen Aufstieg bis St. Georgen die eigentliche Kletterpartie der Bahn.“ Und warum so viele Tunnel? Der Hobby-Eisenbahner lacht: „Dafür gibt es weniger Brücken.“ Die Schwarzwaldbahn winde sich oft an Hängen entlang und klebe regelrecht am Berg. Darum habe Eisenbahnbauer Robert Gerwig Mitte des 19. Jahrhunderts auf Brücken verzichten können. So überlistete er nicht nur die komplexe widerspenstige Landschaft des Schwarzwaldes, sondern schützte die Waggons auch vor Steinschlag, Schnee und Lawinen.

Bäckerin in Gutach
Zehn Jahre baute der Planer bis 1873 an dem Meisterwerk der Ingenieurbaukunst, das den Schwarzwald industriell erschlossen hat. Vorher seien die kleinen versteckten Dörfer nur mit Kutschen und Pferdewagen erreichbar gewesen. So wie das Bauernörtchen Gutach. Heute können dort Besucher auf dem Vogtsbauernhof den harten Schwarzwaldalltag vor 400 Jahren nachvollziehen. Bäckerinnen und Holzschnitzerinnen lassen sich über die Schulter blicken und Stickerinnen zeigen, wie die Bollen auf den Schwarzwaldhut kommen. Ein Bus bringt Ausflügler in 15 Minuten vom Bahnhof Hausach zu den imposanten Höfen, Scheunen, Sägen und Stuben des Freilichtmuseums. Dann mahnt ein Blick auf die Uhr zum Aufbruch.

Vogtsbauernhof in Gutach
Von Hornberg nach Engen
„Hornberg“ kündigt der Monitor im Abteil an, als die Bahn Hausach verlässt. In Hornberg, wo das berühmte Schießen bei großem Aufwand wenig Wirkung erzielte, balanciert der Express hoch über den Hausdächern der Stadt über das einzige Viadukt zwei ausladenden Kehrschleifen entgegen. Der Zug fährt Ringelreihen, was eben noch vorne war, ist jetzt hinten. Viel zu erleben gibt es auch in Triberg, wo Deutschlands höchste Wasserfälle 160 Meter tief hinab stürzen, die größte Kuckucksuhr der Welt schlägt und das Schwarzwaldmuseum auf 1 600 Quadratmeter mit seiner Sammlung alter Musikautomaten die gute alte Zeit zum Klingen bringt. In St. Georgen erreichen Fahrgäste 805 Meter über dem Meeresspiegel den Scheitelpunkt ihrer Reise. Jetzt geht es wieder abwärts. Schnurstracks an den Bodensee, oder bis zu einem weiteren Höhepunkt der Tour, der „Engen“ heißt.

Musikautomaten in Triberg
Die denkmalgeschützte Altstadt des hübschen Städtchens mit seinen buckligen Gassen, beschaulichen Plätzen und schiefen bunten Häusern, ist eines der schönsten und besterhaltenen Stadtensembles in Süddeutschland. Seit der Stadtsanierung vor 20 Jahren sprudeln wie im Mittelalter auch wieder die vielen Brunnen mit ihren „erzählenden“ Skulpturen. Das Fehlen gastronomischer Vielfalt und zentraler behaglicher Fremdenzimmer, vermittelt dem Gast freilich auch jenen Charakter, den Stadtväter für das mit viel südlichem Flair herausgeputzte Engen vermeiden wollten: ein museales Anschauungsobjekt zu sein. Was den Reisenden aber nicht hindern sollte, hier ein paar Stunden auf Entdeckungstour zu gehen. Und wenn er das Städtische Museum Engen besucht, findet er dort garantiert „museale Anschauungsobjekte“ von verblüffender Qualität und Originalität.
Konstanz am Bodensee

Meersburg
Zug um Zug nähert sich die Bahn jetzt ihrem Ziel. Vor Radolfzell schweift der Blick über den Zeller See, dann drosselt der Schwarzwald-Express das Tempo. Endstation Konstanz. Von der Rheinbrücke blicken die Reisenden auf die Panoramakulisse des Bodensees. Das „Schwäbische Meer“ glitzert und funkelt in der Mittagssonne, Schiffe legen an oder nehmen Kurs auf Meersburg, Lindau und die Insel Mainau. Um der ehemaligen Bischofs- und Reichsstadt jenseits von Antike und Moderne auf ihre mittelalterlichen Spuren zu kommen, nehmen regelmäßig ein „Mönch“ und die „Hure“ Imperia Besucher mit auf einen Stadtrundgang. Aus berufenem Ketzermund und mit Bänkelgesängen erfahren Gäste anrüchige Geschichten und Skurriles aus der Zeit des Konzils. Wurde in Konstanz gar der Rosenkranz erfunden, und wie ging man mit Fleischeslust, Hexen und Zauberei um?
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