Reisemagazin schwarzaufweiss

Sa(ar)genhaft!

Unterwegs auf dem Saar-Radweg

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Der Saar-Radweg wurde als erste grenzüberschreitende Route mit vier Sternen ausgezeichnet und führt vom französischen Sarreguemines aus 110,4 Kilometer flach verlaufend bis Konz, wo Saar und Mosel zusammenfließen. 

Die Fähre „Welles“, einzige Fähre über die Saar

Die Fähre „Welles“, einzige Fähre über die Saar

Hier jagt ein Klischee das andere, ein berauschtes Adjektiv das nächste, jeder Phrase folgt eine weitere. Solch ein Ausblick ist auch wahrlich nicht einfach zu beschreiben, und man geht ihm leicht in die Falle. „Wunderschön!“ ist der Gewinner unter den Besuchern an der Brüstung, knapp vor „Wahnsinn!“ und „Spektakulär!“. Sie blicken von der Aussichtsplattform Cloef bei Orscholz (1) aus auf die Saarschleife. Fast windet sie sich einmal um sich selbst und schließt die Kurve. Dies ist so wegen des harten Quarzgesteins, das den Fluss hier in eine enge Schlaufe zwingt. Für Schiffe und deren Kapitäne ist das Manövrieren daher schwierig. Nur hin und her zu schippern braucht dagegen eine Fähre namens „Welles“. Gerade werden zwei Radfahrer samt Rädern von Kapitän Waldemar Lost ans andere Ufer gebracht. Der besitzt sogar das Patent zur See.

Saarschleife

Saarschleife

Die Kurve kriegen

Doch beginnen wir unten am Saar-Radweg: Das Bild in der Saarkurve ist Licht durchflutet, glitzernd, gelb und grün getupft. Ein Renoir? Ein französisches expressionistisches Gemälde muss es allemal sein. Doch es ist wirklich und gar nicht gemalt, wenn auch das Saarland nicht von dieser Welt zu sein scheint, zumindest nicht in Deutschland. Französisch kommt alles daher und leicht. Oder gibt es noch eine andere Stadt, von der aus man mal eben per Straßenbahn nach Frankreich fahren kann? Über die Stadt- und Landesgrenze waren wir tags zuvor so von Saarbrücken aus nach Sarreguemines (2) angereist. Hier kann die Tour beim Café au Lait beginnen mit Blick auf kleine Schleusen, Kanufahrer und massenhaft Rennradler.

Den Café au Lait kriegt man ohne Probleme auch in Saarbrücken (3). In der verwinkelten Fröschengasse finden sich auf kleinstem Raum die fanzösischen Schilder einer „Brasserie“ (Kneipe) neben „Dessous“ (Spezialgeschäft für Damenunterwäsche) und „Monsieur“ (Herrenbekleidung). Die Billardspieler in der „Brasserie“ kommen aus Frankreich. Und auch am Nachbartisch im Brauereigasthof „Zum Stiefel“ wird französisch parliert.

Saarbrücker Schloss mit Schlossplatz und Brunnen

Saarbrücker Schloss mit Schlossplatz und Brunnen

Andere Radfahrer treffen auf dem Platz an der Ludwigskirche ein. Der von Fürst Wilhelm Heinrich bei Baumeister Friedrich Joachim Stengel in Auftrag gegebene Platz wirkt wie eine barocke Place Royale in Frankreich. Sie haben das Schloss besichtigt und die Johanneskirche, den Saarkran und die Gassen um den St. Johanner Markt. An der Saar liegen das Theaterschiff Maria-Helena und Kneipenbarkassen. Hoch ist die Kneipendichte im bunten Nauwieser Viertel, wo sich auch der „fahrradladen“ befindet, der bis heute im Kollektiv betrieben wird. Nebenan liegen die „Bar Central“, das “Kurze Eck“, das „Bingert“ und das „Fleur de Bière“, die Blume des Bieres, wo man Zwickel kosten kann, ein hefetrübes Saarbrücker Bier.

Die Kathedrale der Arbeit

UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte

UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Industrieanlagen, Kraft- und Stahlwerke begleiten Radweg und Fluss durch das einstige Kohleabbaugebiet bis zum UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte (4). Dennoch ist man von viel Grün, von Wiesen und Büschen umgeben. Und auch in und um die 1873 gegründete Hochofenanlage holt sich die Natur einen Teil zurück. Die beiden begrünten Schlackenhalden etwa, denen einige nie zugetraut hatten, dass sie grün werden. Nun wächst Mischwald darauf, und sie sind als Jagd verpachtet. „Diese Hügel haben eine besonders gute Eigenschaft: Wenn von Südwesten her Sturm aufzieht, leiten sie ihn an Völklingen vorbei, und es regnet erst drei Ortschaften weiter ab“, weiß Manfred Baumgärtner. „Manche sagten schon, ich rede wie Baron Münchhausen, aber das ist wirklich so!“ Baumgärtner führt Gäste durch seine ehemalige Wirkungsstätte. Hier hat er von 1956 bis 1986 gearbeitet. Mit 14 lernte er Hochöfner, wurde dann Industriemeister und später Hüttentechniker. „Und heute bin ich Tourenbegleiter“, betont er, und ein wenig Stolz ist seiner Stimme anzumerken.

In der „Kathedrale der Arbeit“ aus der Hochzeit der Industrialisierung, wie Baumgärtner sie nennt, wurde einst schwer geschuftet. Heute klettern Besucher im Industriedenkmal herum, sehen Ausstellungen in der Erzhalle oder hören Konzerte in der Gebläsehalle, denn man hat nach Stilllegung festgestellt, dass darin eine bessere Akustik herrscht als in manchem Opernhaus. Die Maschinen zur Winderzeugung, die hier immer noch stehen, funktionieren im Prinzip wie eine riesige Luftpumpe. 70.000 Kubikmeter Wind pro Stunde habe diese Maschine geleistet und Wind in die Hochöfen geblasen, erzählt Baumgärtner. So identifiziert mit ihren Maschinen waren die Maschinisten, dass sie ihnen sogar Frauennamen gaben. „Sie sahen sie ja auch öfter als ihre Frauen“, sagt der einstige Hochöfner, „und die haben auch nie gemeckert.“

Manfred Baumgärtner führt durch die Völklinger Hütte

Manfred Baumgärtner führt durch die Völklinger Hütte

„Wasser, Feuer, Luft und Erde“, sagt Baumgärtner, „sind die vier Elemente, mit denen man hier gearbeitet hat.“ Ihnen ist eine Ausstellung mit physikalischen Elementen im Ferrodrom, dem Untergeschoss der Möllerhalle, gewidmet. Schließlich kraxeln wir auf Stegen und Treppen hinauf auf die Gichtbühne. Dort fuhren die Hängebahnwagen entlang und brachten die Rohstoffe zu den Hochöfen. Fast meint man, ein Arbeiter käme gleich um die Ecke, und das Getöse im Werk ginge wieder los. In manchen Hallen werden Geräusche eingespielt, damit der Besucher sich vorstellen kann, wie es zuging. „Der Lärm war unglaublich: 80 bis 90 Dezibel. Die Wände haben vibriert, die Scheiben geklirrt, und der Fußboden hat gewackelt. Wir hatten alle kostenlose Fußmassage, aber wir wussten nicht, wie das heißt“, erzählt Baumgärtner. Als die Hütte 1986 abgeschaltet wurde, konnten die Völklinger nicht mehr schlafen. Es war zu still. “Stille, das hatte doch immer bedeutet, dass etwas kaputt ist“, und nun war es auf einmal für immer ruhig.

UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Von der Aussichtsplattform auf 45 Metern aus blickt man auf Völklingen und die Saar, auf rostende Rohre, Kamine, Aufzüge, Hochöfen. „Abends sind sie bunt angestrahlt, das ist eine Lichtinstallation.“ Die Kathedrale der Arbeit leuchtet. Kein Wunder also, dass man hier schon zu Lebzeiten ins Paradies kommt, wie Baumgärtner betont: „Das Paradies, ein Park gleichen Namens, den Landschaftsarchitektin Gräfin Bernadotte hat anlegen lassen, liegt gleich hier unten.“ Die Natur holt sich den Stahl zurück. 

UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Der „Biergarten Zur Staustufe“ an der Staustufe Dillingen (5) lohnt einen Seitenwechsel ans rechte Saarufer. Die Erwachsenen lassen sich ein Getränk oder eine Currywurst schmecken, Kinder beobachten, wie die Schleuse Rehlingen voll läuft und Kanuten einfahren. Nebenan verkauft ein Bauer Spargel und Erdbeeren. Ein Stück weiter flussabwärts grüßt ein Leuchtturm herüber. Doch das ist nicht Ostfriesland, sondern das Saarland, und die fremdartige Architektur Teil eines Spielplatzes.

Blick auf Saarburg

Blick auf Saarburg

Grandiose Architektur von Baumeister und Marschall Vauban ist in Saarlouis (6) zu bewundern, der die teilweise noch erhaltenen Festungsanlagen der Stadt für den Sonnenkönig Ludwig XIV. in einem „königlichen Hexagon“ angelegt hatte. Kasernen, Kasematten und Kommandantur sind noch zu sehen. In der Bastion VI der ehemaligen Festungsanlagen am Saaraltarm ist heute ein Restaurant zu Hause. Von oben hat man einen guten Überblick über den Stadtgarten und die Vaubaninsel. Ganz anders das mittelalterliche Stadtbild Saarburgs (7), durch dessen Gassen und Treppchen man vorbei an Fachwerk- und Barockbauten bis zur imposanten Burgruine hinauf wandert. Weinreben mit Saarriesling ziehen sich die umliegenden Hänge hoch.

Bastion VI, die ehemaligen Festungsanlagen, heute Restaurant

Bastion VI, die ehemaligen Festungsanlagen, heute Restaurant

Sterneköche und Sternerouten 

In Merzig (8) jedoch trinkt man nicht Riesling, sondern Viez. “Viez, das ist Apfelwein“, erklärt der Wirt der mit dunklem Holz verkleideten Kneipe „Väterchen Franz“. „Alles ist lokal und regional hier, der Viez ist aus Äpfeln von unseren Streuobstwiesen, und einmal im Jahr gibt es Anfang Oktober das Viezfest mit heißem und kaltem Viez.“ Wieder was gelernt. Neben Viez zu trinken gibt es hier andere Merkwürdigkeiten zu essen. ‚Gefillde’, gefüllte Klöße, z. B. haben wir in Saarbrücken verkostet. Oder ‚Dibbelabbes’, das Nationalgericht aus im Backofen gebratenen Kartoffeln mit Lauch und Speck, und ‚Geheiratete’‚ oder ‚Verheiratete’, Kartoffeln und Klößchen, die zusammen gekocht werden. Deftig sind die traditionellen Gerichte und versorgten einst die Industriearbeiter und Bergleute mit Energie, heute die Radfahrer.

Schweinemedaillons mit Dibbelabbes (saarländische Spezialität aus Kartoffeln, Lauch, Speck und Eiern)

Schweinemedaillons mit Dibbelabbes (saarländische Spezialität aus Kartoffeln, Lauch, Speck und Eiern)

Auch Freunde der gehobenen, französisch beeinflussten Gastronomie werden im kleinsten Bundesland fündig. Schließlich gibt es im Saarland angeblich die meisten Sterneköche Deutschlands, zudem einen Europameister der Pattiserie. Speisen kann man auf edlem Porzellan aus Mettlach von Villeroy & Boch, dessen Erlebniszentrum ebenfalls am Radweg liegt. Ausgezeichnet passt dazu, dass das Saarland bereits zwei Sterne-Radrouten vorzuweisen hat. „Hauptsach, gudd gess“, tönt vom Nachbartisch das Motto/der Wahlspruch der Saarländer herüber. Dem schließen sich Radfahrer gerne an: „Hauptsach, gudd geradelt.“ Im Saarland mit seinen Sternerouten ist das überhaupt kein Problem.

 

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