Reisemagazin schwarzaufweiss

Mit dem Fahrrad auf der 1000 Feuer-Route durchs Ruhrgebiet

Text: Volker Mehnert
Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther & Volker Mehnert

Das „neue Ruhrgebiet“ wird lautstark proklamiert: Das Revier feiert “Auferstehung“, heißt es. Der Pott kocht wie noch nie. Vom „Ruhr Drive“ ist die Rede, der triste Städte in kulturelle Erlebniswelten verwandelt – Hightech statt Kohle und Eisen, Dienstleistung statt Industrie, Grüngürtel statt Rauchschwaden, Freizeitpark statt Maloche. Die wichtigsten Stationen dieser Metamorphose sind neuerdings in einen einzigartigen Fahrradrundkurs eingebettet: die „1000 Feuer-Route“.

Ruhrgebiet Radweg an der Ruhr

Radweg an der Ruhr mit Förderturm

Dortmund Hauptbahnhof ist der Ausgangspunkt der Radtour: Vom neuen Ruhrgebiet ist hier nicht viel zu erkennen. Man schaut auf die einfallslose Fassade des Bahnhofs. Pläne, hier den größten, schönsten und teuersten Bahnhof der Welt zu bauen und die Schienenstränge mit einem gläsernen Ufo zu umhüllen, sind gescheitert. Doch kurz darauf taucht es schon auf, das neue Ruhrgebiet.

Dortmund – Castrop-Rauxel – Herne

Die Zeche Zollern, immer noch Dortmund, ist der erste Höhepunkt der Rundfahrt: Die Anlage war nach ihrer Errichtung vor 100 Jahren ein Vorzeigeobjekt des deutschen Bergbaus; repräsentative Architektur verband sich mit damals modernster Technik. Vom „Schloß der Arbeit“ war die Rede, denn Anordnung der Gebäude und Ausstattung haben feudalen Charakter.

Ruhrgebiet Essen Überblick

Essen: stillgelegte Zechenanlage

Geschwungene Linien, verspielte Details, kunstvoll geschmiedete Geländer, eine Schaltwand aus Marmor und das farbig verglaste Jugendstil-Portal der Maschinenhalle veredelten die industrielle Zweckmäßigkeit. Inzwischen hat das Westfälische Industriemuseum hier eine Ausstellung zur Sozial- und Kulturgeschichte des Bergbaus eingerichtet.

Ruhrgebiet Rhein-Herne-Kanal

Am Rhein-Herne-Kanal

Auf der Schleife durch den Nordosten des Potts – Castrop-Rauxel, Waltrop, Herne – erlebt man exemplarisch den städtischen Wildwuchs, der das Ruhrgebiet fast überall prägt. Um neu eröffnete Zechen herum entstanden im 19. Jahrhundert Siedlungen auf der grünen Wiese. Manchmal war auch ein alter Dorfkern im Wege, der dann von Fördertürmen und Neubauten völlig eingeschnürt wurde. Schienenstränge, Straßen, Wohngebiete und unzugängliche Fabrikgelände wuchern durcheinander, Rhein-Herne-Kanal und Dortmund-Ems-Kanal durchschneiden Stadt und Land.

Ruhrgebiet Bochum Bergbaumuseum

Eine Tür mit typischen Motiven aus dem Bergbau

Spätestens jetzt wird klar, daß die „1000 Feuer-Route“ keine idyllische Radelstrecke sein wird. Es gibt zwar längere Streckenabschnitte abseits der Straßen durchs Grüne, an Flüssen oder Kanälen entlang, doch oft genug fühlt man sich auf Abenteuerfahrt durch eine Megalopolis.

Bochum – Gelsenkirchen – Essen

Bochum und das Deutsche Bergbaumuseum gehören wie Pech und Schwefel zusammen: Schon 1930 gegründet, diente es lange Zeit der Glorifizierung des Bergbaus: ein Stück Ruhrpott-Identität, denn in den vergangenen fünfzig Jahren wurde wahrscheinlich jede Grundschulklasse zwischen Dortmund und Oberhausen mindestens einmal hier durchgeführt.

Verpflegung ist entlang der „1000 Feuer-Route“ kein Problem. Wer nicht in den Kneipen, die hier „Am Pütt“ oder „Eisenhütte“ heißen, einkehrt, kann jederzeit an einer Bude anhalten, denn diese typischen Kioske des Ruhrgebiets stehen buchstäblich an jeder Ecke. Fünfzehntausend soll es im ganzen Revier geben.

Ruhrgebiet Essen Zeche Zollverein

In Essen angekommen, führt kein Weg an der Zeche Zollverein vorbei (Foto), die seit 2001 als Weltkulturerbe anerkannt ist. Die Auszeichnung durch die Unesco hat heftigen Wirbel verursacht und animiert Politiker, Stadtplaner und eine internationale Architektenriege zu großen Taten. Eine „nachhaltige neue Nutzung“ fordert die Unesco, doch darunter läßt sich vieles verstehen. Der Förderturm der alten Zeche jedenfalls ist ein unantastbares Wahrzeichen des Reviers, erhalten bleiben auch die streng-harmonischen Fassaden der Hauptgebäude – das Weimarer Bauhaus hat bis ins Ruhrgebiet gewirkt.

Bottrop – Oberhausen - Duisburg

Bottrop ist eine der unauffälligen Städte im urbanen Durcheinander des Reviers. Die „1000 Feuer-Route“ berührt hier vorwiegend die Facetten des Alltags: Sie verläuft parallel zu Eisenbahndämmen, unterquert Autobahnbrücken, kreuzt S-Bahnlinien und Pipelines, begleitet eine Serie von Hochspannungsmasten, schlängelt sich durch wild wachsende Wiesen und gepflegte Schrebergärten. In Bottrop könnte man auch eine Studie über Wohnsiedlungen im Ruhrgebiet beginnen, denn es gibt von allem etwas: Doppelhäuser, Reihenhäuser, Eigenheime, Mietskasernen, triste Straßensiedlungen, Bergarbeiterkolonien und die renovierte Gartenstadt Welheim.

Ruhrgebiet Radweg zwischen Bottrop und Duisburg

Radweg zwischen Bottrop und Duisburg

Oberhausen praktiziert den Strukturwandel radikal. Die Stadt hat sich in den vergangenen zehn Jahren einfach eine „Neue Mitte“ zugelegt, obwohl das eigentliche Zentrum mit seinen amerikanisch anmutenden Straßenzügen kaum mehr als 100 Jahre alt ist. Auf dem Gelände der ehemaligen Gutehoffnungshütte wurde der 116 Meter hohe Gasometer zu einer avantgardistischen Ausstellungshalle umgebaut – ein weithin sichtbares Symbol des alten und des neuen Ruhrgebiets.

Nächste Etappe Landschaftspark Duisburg Nord: Die Anlagen des ehemaligen Meidericher Hüttenwerks sind das überzeugendste Beispiel für die Umwidmung brachliegender Industriearchitektur. Industrielle Hüllen wie Abstichhallen, Erzlager, Kohlebunker, Maschinenhäuser, Schornsteine, Kühltürme, Klärteiche und Werkstätten werden hier einfallsreich mit neuen Inhalten gefüllt. Farbige Illumination verwandelt die schwarzen Industriekolosse nachts in eine gigantische Lichtskulptur. Ein Tauchbecken im alten Gasometer, das Theater in der Gebläsehalle und die Open Air-Bühne in der früheren Gießhalle sind mustergültige Beispiele für die Umwandlung eines Fabrikgeländes in ein Kultur- und Freizeitareal.

Ruhrgebiet Duisburg Deutsches Binnenschfffahrtsmuseum

Duisburg: Deutsches Binnenschifffahrtsmuseum

Immer noch in Duisburg führt uns die Radtour in den Innenhafen: Auf dem einst abgeschotteten Hafengelände neben der Altstadt ist ebenfalls eine „Neue Mitte“ im Aufbau, die sich derzeit allerdings noch als industriell-postindustrielles Konglomerat darbietet: alte Speicher, verfallene Fabrikgebäude, stillgelegte Kräne einerseits, moderne Museen, ein jüdisches Gemeindezentrum, renovierte Kontorhäuser und gehobene Gastronomie andererseits.

Gestaltete Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich im Garten der Erinnerungen: Grasflächen, Bäume und Büsche kontrastieren und harmonieren mit baulichen Überresten des früheren Hafenbetriebs; Erholung und Erinnerung bedingen sich in diesem kleinen Park gegenseitig.

Mülheim – Hattingen – Witten

Mülheim an der Ruhr muss als ein Sonderfall im Revier angesehen werden: Es gibt noch eine kleine Altstadt aus vorindustrieller Zeit mit schiefergedeckten Fachwerkhäusern. Die Vororte waren ein bevorzugtes Wohngebiet reicher Unternehmer aus Duisburg, Oberhausen und Essen; ihre Villen stehen noch heute an beiden Ruhrufern. „Aquarius“, ein ehemaliger Wasserturm direkt an der Fahrradroute, wurde zu einem der schönsten Museen im Ruhrgebiet umgebaut (Foto oben). Auf einem Gang durch vierzehn Stockwerke kann man das Naturereignis Wasser aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und erleben. Radfahrern wird eine Extra-Tour geboten: Pedale halten einen Film in Bewegung, der eine einstündige Fahrt durch das Ruhrtal von der Mündung bis zur Quelle dokumentiert.

Ab Mülheim wird die „1000 Feuer-Route“ für viele Kilometer doch noch zu einem typischen Flußradweg. Sie führt an der Ruhr entlang durch Wiesen und Wälder, durch Mais- und Weizenfelder. Hin und wieder tauchen schon einmal eine stillgelegte Fabrik oder ein Förderturm auf, doch wirken sie in dieser beschaulichen Umgebung völlig fehl am Platze.

Ruhrgebiet Schiffshebewerk Henrichenburg

Schiffshebewerk Henrichenburg

Dann sind Hattingen und die Henrichshütte in Sicht – ein einsamer eiserner Koloss im oberen Ruhrtal. Das Westfälische Industriemuseum zeigt im stillgelegten Hüttenwerk den „Weg des Eisens“ mit all seinen technischen und sozialen Aspekten.

Zurück in Dortmund

Schließlich zurück in Dortmund – die Fahrräder sind abgegeben – lockt zum Abschluss die jüngste Errungenschaft des Ruhrgebiets: das Konzerthaus an der Brückstraße. Hier haben die Bauherren einmal nicht auf bestehende Industriearchitektur zurückgegriffen. Der Neubau aus Glas und schwarzem Beton wurde vollständig den Notwendigkeiten einer optimalen Akustik unterworfen und ist trotzdem von innen und außen ein architektonisches Meisterstück geworden. Vor allem abends, wenn die durchsichtige Fassade durch ein computergesteuertes Farbspiel erleuchtet wird, bekommt das Gebäude eine verblüffende Leichtigkeit. Bereits wenige Monate nach seiner Eröffnung zählt der Sitz der Philharmonie für Westfalen wegen seiner ausgeklügelten Akustik zu den besten Konzertsälen der Welt. Kein geringer Trost für die Stadt, die vom schönsten Bahnhof der Welt nur kurze Zeit träumen durfte.

 

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