Reisemagazin schwarzaufweiss

Heimat für die verstörte Seele

Ein Wiedersehen mit Rothenburg ob der Tauber

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Rothenburg ob der Tauber - was soll man dazu noch sagen? Vielleicht, dass Deutschlands Tourismus-Ikone trotz des ganzen Rummels einen Besuch wert ist? Dass die Einheitlichkeit von Fassaden und mittelalterlicher Baustruktur den weltweiten Ruf tatsächlich rechtfertigt? Dass sich diese Märchenbuch-Stadt in einem wunderbaren Gleichgewicht zwischen Verfall und Erhaltung befindet? Dass man über schwülstige Kitschläden und amerikanisierte Auswüchse durchaus hinwegsehen kann? Dass es in dieser Hochburg des Fremdenverkehrs tatsächlich noch stille Winkel gibt? - Unsere Autorin Judith Weibrecht hat sich hineingewagt in die touristische Höhle des Löwen.

Rothenburg ob der Tauber

Marktplatz

Was oder wie ist denn eigentlich Rothenburg? Horden knipsender Japaner in Busstärke auftretend oder eher der Altbürgermeister Nusch, der im Dreißigjährigen Krieg dreieinviertel Liter Wein auf einmal schluckte: Der Meistertrunk, den schon Rainer Maria Rilke nachdichtete. Butzenscheiben, Frankenwein und des Deutschen liebstes, mittelalterliches Gemäuer? Oder Motiv für Maler und Fotografen verschiedenster Gattung? Kulisse für Gerhart Hauptmanns „Florian Geyer“?

Rothenburg ob der Tauber / Stadtüberblick

Blick vom Rathausturm aus

Schiffe sinken, Rothenburg nie!

Für Erich Maria Remarque war es die wiedergefundene Heimat nach dem Kriege: „Die Stadt stand da wie früher mit ihren Winkeln und Mauern und Gassen und Träumen, wie eine Bastion der Hoffnung, des Trostes, und eine zweite Heimat für die verstörte Seele. Morgen fliegen wir vielleicht schon zum Mond, aber Rothenburg mit seinem Zauber bleibt unverändert.“ Ähnlich dachte der weit gereiste Seebär Felix Graf Luckner, der 1953 im Goldenen Buch der Stadt notierte: „Schiffe sinken, Rothenburg und seine Geschichte aber nie!“ Vielleicht ist dies das Geheimnis und eine Erklärung dazu? Rothenburg möge dauern, überdauern - ewiglich.

Die turmbespickte, wehrhafte Mauer wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach innerhalb kurzer Zeit wieder aufgebaut: Spender aus aller Welt sorgten dafür, dass die gefühlsbefrachtete Stadt wieder auferstand und erhalten wurde. In den Wehrgang eingelassene Schilder künden davon: Fünf Meter spendete die M.A.N. in Nürnberg, ein Meter kam von Hiroshi & Kazuko Eguchi aus Yokohama, zwei Meter vom Meyers Hans aus Haiti und gar volle achtundzwanzig Meter vom Amts- und Jugendgericht Rothenburg - aus Geldbußen Jugendlicher finanziert.

Rothenburg ob der Tauber / Herrengasse

Blick auf Herrengasse

Aber Rothenburg ist immer so verdammt aufgeräumt und langweilig, höre ich mein Kinder-Ich sagen. Wenn wir mit Oma dorthin fuhren, mussten wir frisch gebügelte Dirndl tragen. Warum? Niemand weiß, warum. Heute noch habe ich ein Foto von mir und meiner Cousine unter einem blühenden Apfelbaum, im Hintergrund die Stadtmauer.

Bratwurstselige, herrliche Stadt!

Ist dies das ganze Deutschland in einer Stadt, oder jedenfalls sein geheimes, romantisches Herz? Das Urbild einer mittelalterlichen Stadt der Deutschen, die vor Gemütlichkeit nur so starrt? Ehrwürdig, konservativ und angehimmelt? Und alles, was sich in den Heimatbegriff hineinpacken lässt, wird auch hineininterpretiert: bratwurstselige, herrliche Stadt! Und man glaubt zu wissen: Hier ist die Welt noch heil, nur hier! Hierher kann sich die kranke Seele flüchten, wenn ihr in der Jetzt-Zeit gerade mal nicht wohl ist!

Rothenburg ob der Tauber / Rathaus

Rathaus

Was sagt die ehrwürdige Frau John, die ich auf einer Parkbank getroffen habe, zu meiner Schelte? Vor Jahrzehnten aus Kaiserslautern hierher gekommen, fanden sie und ihr Mann alles wie im Märchen. Er wollte hier wohnen, und nach den ersten Anfragen hatten sie auch schon ein kleines Häuschen gefunden. Wieder wie im Märchen! „Und“, so sagt sie, „hier sieht man andauernd etwas Schönes, egal, wohin man schaut! In welcher Stadt ist das sonst so?“

Mir gefällt´s hier!

In Rothenburg herrscht laut Meyers Lexikon „sehr starker Fremdenverkehr“. Die meisten Touristen sehe ich auf dem Marktplatz vor dem mächtigen Rathaus und in der „Welt größtem Weihnachtsdorf“, Käthe Wohlfahrts Laden.

Rothenburg ob der Tauber / Rathaus

Rathaus mit Markt davor

Jetzt säumen sie andächtig die Straße, denn der „Historische Heereszug“, Teil der alljährlich stattfindenden Meistertrunk-Festspiele, wälzt sich durch die Gassen. Einer der kroatisch verkleideten Rothenburger reißt mir mit den Worten „Des schaffst du heit eh nimmer!“ mein Hefeweizen aus der Hand. Kaum halt ich´s wieder in Händen, tut mir ein „Schwede“ das Gleiche an. Ein Pferd strauchelt und schmeißt den General Graf Tilly ab, aber es geht gleich weiter. Wie im wirklichen Leben.

Rothenburg ob der Tauber / Meistertrunk-Festspiele

Meistertrunk-Festspiele

Vor der „Wein- und Pilsstube Nusch“ beim Wirt Klaus auf der Steinbank fühle ich mich recht integriert und gar nicht fremd. Mir schmeckt´s! Und um der Wein- und Biergrenze, die ungefähr hier verlaufen muss, gerecht zu werden, kaufe ich mir einen Franken (Wein natürlich) und ein paar Bratwürscht und betrachte die gemütlichen Butzenscheiben, und: Mir gefällt´s hier! - stelle ich widerwillig fest.

 

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