Reisemagazin schwarzaufweiss

Papageien, Geysire und Burgenkino

Der Rheinradweg zwischen Mainz und Köln

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Der Rhein-Radweg führt als Eurovelo-Route 15 durch die Schweiz, Deutschland, Frankreich und die Niederlande. 1.233 Kilometer lang ist die Route von der Quelle in der Schweiz bei Andermatt bis zur Mündung in die Nordsee in Hoek van Holland/bei Rotterdam. Zwischen Mainz und Köln ist teils großes Landschaftskino angesagt. Ein Test.

Ich stand schon einmal hier – vor Jahren. Damals war ich traurig, weil der Main im Rhein aufging. Da glitzerte doch tatsächlich eine Träne in meinem Augenwinkel. Nun bin ich neugierig und will per Rad ab Mainz dem Rhein folgen.

Rheinradweg - Mainz, Marktplatz mit historischen Gebäuden

Marktplatz von Mainz mit historischen Gebäuden

Mitten in Mainz (1) liegt die gute Stube der Stadt, der Marktplatz, gesäumt von historischen Bauten. Drumherum in der Altstadt gibt es verwinkelte Gassen wie das Nasengäßchen, Fachwerkhäuschen wie das des Weinhauses “Zum Spiegel“ und natürlich den alles überragenden Dom. Doch Mainz hat auch einen Strand. Wie sich herausstellen sollte, sogar zwei. „Der andere Strand“ liegt auf der "ebsch Seit", wie man mir erklärt. Die "ebsch Seit" ist immer die falsche, die andere, und somit von Mainz aus gesehen das rechtsrheinische Wiesbadener Ufer. Mainz, die geteilte Stadt? „So ist es. Dort drüben“, erklärt Öli, meine ehemalige Fahrradschrauberin, die hierher verzogen ist, „ist AKK. Das bedeutet Amöneburg, Kostheim, Kastel. Und die gehören emotional gesehen eigentlich zu Mainz.“ Dort drüben, das ist nämlich der abgespaltene, Wiesbaden zugeschlagene Stadtteil, denn auch Mainz wurde 1945 von den U.S. Amerikanern besetzt und es wurden Besatzungszonen geschaffen, deren Grenze der Rhein war.

Rheinradweg - Mainz, Weinhaus zum Spiegel

Weinhaus zum Spiegel

Papageien am Rhein

Ich muss los auf die ebsch Seit, denn heute Abend will ich noch nach Wiesbaden (2). Das Biebricher Schloss leuchtet altrosa in der Abendsonne, der stahlblaue Himmel passt perfekt dazu. Das Gekreische der Halsbandsittiche im Schlosspark ist keine Fata Morgana. Vielmehr haben sich die exotischen, grünen Gesellen mit ihrem leuchtend roten Schnabel aufgrund der Klimaerwärmung im ganzen Rheintal ausgebreitet.

Rheinradweg - Wiesbaden - Schloss Biebrich

Schloss Biebrich

Am Wiesbadener Kurhaus und bei den Wasserspielen finde ich sie nicht. Um die Ecke aber wohnt ein ganz anderer Vogel: An einer Hauswand prangt die einst größte Kuckucksuhr der Welt. Anscheinend integriert man hier gern Exotisches, denn auch die Kuckucksuhren stammen ja nicht eigentlich von hier, sondern aus dem Schwarzwald.

Rheinradweg - Wiesbaden, die größte Kuckucksuhr der Welt

Die einst größte Kuckucksuhr der Welt

Hinter Eltville wachsen direkt am Radweg heimische Brombeeren en masse. „Haste se all weggesse?“, ruft mir eine Herrenriege zu. Ich solle mir einen „Schoppe Woi“ dazu gönnen. Ein Schoppen Wein wäre zu viel. Doch an den Probierbuden, die fast an jeder Schiffs-Anlegestelle an den Rheinpromenaden in den verschiedenen Dörfern zu finden sind, gibt es auch so genannte „Piffchen“ zu 0,1 Litern. Dort steht man zusammen und bespricht das Neueste vom Tage. „Hast du schon gehört?“ „Nein, sag bloß!“ Auf dem Rhein pflügt ein Kohleschiff vorbei Richtung Rüdesheim.

Rheinradweg - Oestricher Weinverladekran von 1745

Oestricher Weinverladekran von 1745

Bayern in Rüdesheim

Szenenwechsel: Rüdesheim (3), Drosselgasse. Japaner in Busstärke, chinesische Schulklassen, sämtliche Dialektfärbungen Deutschlands, ein Bayer in Lederhosen neben einer Asiatin im Sarong. Hier hört und sieht man fast alles. Es gibt eine Mini-Loreley fürs Wohnzimmer oder eine Mini-Germania zu kaufen, Rheinkiesel oder ein Römerglas mit Drosselgasse bemalt, T-Shirts mit Aufdruck der bayerischen Fahne samt Lederhosenträger. Daneben finden sich hervorragende Restaurants und Winzer. Von der Fähre nach Bingen aus kann man die Reben sehen. Die Namen der steilen Weinlagen werden in großen, weißen Lettern angezeigt. An die Kaimauern sind riesengroß die Ortsnamen gepinselt. „Annabella“ tuckert vorbei.

Rheinradweg - Rüdesheim, Drosselgasse

Drosselgasse

In Niederheimbach liegt ein Kiosk direkt am Radweg. Hier zieht fast jeder die Bremsen. Unter einem weißen Zeltdach stehen orangefarbene Biertische und –bänke. Man starrt auf den Fluss oder hinüber nach Lorch. Die Fähre kreuzt und bahnt sich ihren Weg durch die Fluten. Im Schatten sitzt der Kioskbetreiber, der die Radfahrer von oben bis unten taxiert. Neben ihm Hush Puppie Emma, drei Jahre alt. Emma schnuppert am Riesling-Glas.

Rheinradweg - „Italia 76 Eiscafé“ in Bacharach. Hier gibt es Rieslingeis

Rieslingeis

Frisches Rieslingeis lockt am Bacharacher (4) „Italia 76 Eiscafé“ die Radfahrer aus dem Sattel. Eine köstliche zitronige Erfrischung. So schafft man es sogar nach der Radtour noch, zur Aussichtsplattform oberhalb der Burg Stahleck zu wandern, von wo aus man großartige Ausblicke auf kleine geduckte Bacharacher Häuschen, auf Rheinschiffe und im Sonnenlicht glänzende Trauben genießt. Oder man besucht unten im Ort lokale, engagierte Winzer wie Dr. Randolf Kauer, Professor für ökologischen Weinbau, Toni Jost, bekannt für seine Rotweine vom Mittelrhein, oder Friedrich Bastian, Winzer in der achten Generation mit Operndiplom. In der urigen Weinstube „Zum grünen Baum“ am Marktplatz kann man probieren: Riesling natürlich oder Inselwein Heyles’en Werth, ein Wein, der auf einer kleinen Rheininsel gleichen Namens wächst.

Rheinradweg - Blicke von der Burg Stahleck aus (Bacharach)

Blick von der Burg Stahleck aus

Burgenkino

Was folgt, ist ein Burgenfilm wie im Daumenkino: eine nach der anderen in regelmäßigem Takt. Hier im Mittelrheintal zwischen Bacharach und Koblenz gibt es die höchste Burgendichte weltweit, und so folgt auf die mitten im Strom gelegene Burg Pfalzgrafenstein Burg Gutenfels, die Schönburg, Burg Rheinfels, Burg Katz und wie sie alle heißen. Zwischen Bingen und Koblenz ist die großartige Kulturlandschaft Mittelrheintal UNESCO-Welterbe. Nicht zu vergessen: Der Loreleyfelsen! (5) Gerade fährt ein Ausflugsschiff vorbei. Herüber schallt Heinrich Heines Lied: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“. Fotoapparate klicken, fröhliche Kreuzfahrer schippern dahin, sehnsuchtsvoll die Augen gen dem Felsen verdreht, wo die schöne Blondine mit dem langen Haar vielleicht gerade auf sie wartet.

War er bislang oft holprig, gibt es ab St. Goar Radweg de Luxe: glatt asphaltiert, fast immer direkt am Rhein entlang. Doch oft verläuft links davon die Landstraße und rechts der Strom. Die Beläge entlang der Strecke sind von äußerst unterschiedlicher Qualität: Betonplatten, Feldwege, Kies, Asphalt, manchmal versperren gar versetzte Schranken den Weg, durch die ein Rad mit Packtaschen nicht hindurch kommt. Einheitlich beschildert wird der Rheinradweg mit dem Eurovelo-Logo (eine weiße 15 auf dunkelblauem Grund, umrahmt von gelben Eurosternen), in Frankreich und den Niederlanden ist die Strecke bereits vollständig damit ausgeschildert. Entlang der hier beschriebenen Route gibt es außerdem grün beschriftete Schilder auf weißem Grund mit Kilometrierung.

Rheinradweg - Seilbahn zur Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund das Deutsche Eck

Seilbahn zur Festung Ehrenbreitstein im Hintergrund das Deutsche Eck

Oftmals ist der Rheinradweg beidseitig befahrbar. So kann man in Koblenz, wo die Seilbahn vom Deutschen Eck aus zur Festung Ehrenbreitstein fährt, auf die rechte Seite überwechseln. Ein Bonbon: Die Seilbahn nimmt auch Fahrräder mit! Von der ehemals kurtrierischen und später preußischen Festung aus dem 16. Jahrhundert blickt man hinüber auf die Mündung der Mosel in den Rhein.

Geysir außerhalb Islands

Mehr Industrie, weniger Burgen, der Strom wird breiter, die Landschaft flacher. Von Andernach aus kann ein Kaltwasser-Geysir auf der Halbinsel „Namedyer Werth“ (6) besucht werden. Der weltweit höchste Kaltwassergeysir schießt bis zu 60 Meter in die Höhe. Geysire sucht man eher in Island, bis man am Rhein gewesen ist!

Von der hübschen Rheinpromenade in Bad Breisig beobachten Schaulustige das Pendeln der „Santa Maria“, einer Autofähre, hinüber nach Bad Hönningen. Die „Pride of Faial“ stampft vorbei, eine Yacht düst Richtung Köln. Auch in Remagen ist eine solche Promenade, in die man auf dem Radweg mitten hinein radelt. Absteigen bitte, Fußgängerzone! Am Weg lockt das Brauhaus Remagen, und man merkt auch daran, dass es Richtung Köln geht: Weniger Wein, mehr Bier.

Rheinradweg - Bahnhof Rolandseck, Arp-Museum

Bahnhof Rolandseck, Arp-Museum

In Remagen (7) befindet sich direkt am Radweg die Remagener Brücke, die eine wichtige Rolle in beiden Weltkriegen spielte. Die Wehrmacht wollte alle Brücken über den Rhein sprengen, was aber bei dieser nicht glückte. Sie wurde von U.S.-amerikanischen Soldaten eingenommen, stürzte am 17. März 1945 ein und riss 30 amerikanische Soldaten mit in den Tod. Heute ist in einem Brückenturm das Friedensmuseum, das auch über das Kriegsgefangenenlager „Goldene Meile“ informiert. „Goldene Meile“ nennt sich ebenfalls das Gebiet rund um die Ahr-Mündung im hier bis zu 2,5 Kilometer breiten Rheintal, denn das Klima ist günstig und die Erde fruchtbar. Ab Remagen führt das so genannte Skulpturenufer den Strom entlang mit Werken wie Bosslets „Regenfänger“ oder Arps „Bewegtes Tanzgeschmeide“. Am markanten Bahnhof Rolandseck halten keine Züge mehr, dafür befindet sich in seinen Räumen das Arp-Museum mit wechselnden Ausstellungen.

Rheinradweg - im Kölner Dom

Im Kölner Dom

Weiter geht’s ganz mondän durch Bad Godesbergs Villenviertel, vorbei an der Villa Hammerschmidt und dem einstigen Bundeshaus, am Rheinufer der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn (8) entlang und bis in die Köln-Bonner Bucht. Man passiert Wesseling mit seinem Ölhafen und den petrochemischen Anlagen. Die Spannung steigt, es folgt eine weit geschwungene Linkskurve und dann ist er von Ferne zu sehen: Der Kölner Dom (9) und die Skyline der City. Ausgiebig betrachten und genießen kann man den Blick vom bewirtschafteten „Bootshaus Alte Liebe“ am Rodenkirchener Leinpfad aus. Durch den neuen Rheinhafen mit hoch aufragenden alten Verladekränen und stylischen modernen Bauten radelt man geradewegs hinein ins Vergnügen dieser pulsierenden Stadt: Zum Dom natürlich, zum fantastischen Museum Ludwig, wo Marcel Duchamp sogar das Fahrrad in der Kunst verewigt hat: „Das Fahrradrad“, zu Kölsch an einem Büdchen oder in einer der vielen Kneipen, zu „Himmel un Äd mit Flöz“. „Himmel und Erde“ bestehe aus gebratener Blutwurst auf Apfelscheiben mit Röstzwiebeln und Kartoffelpüree, erklärt der Kellner in der Hausbrauerei Päffgen, einer alten Kölner Traditionsgaststätte / Institution. 1883 gegründet ist sie die älteste Hausbrauerei Kölns.

Rheinradweg - Köln, Rheinauhafen, umgebaute Speicherstadt

Rheinauhafen in Köln, umgebaute Speicherstadt

Drunten am Rhein legt das Partyboot ab. „Dat jibbet do seit anderthalb Jahren!“ erzählt eine Blonde begeistert und läuft los. „Maach et jot!“ ruft sie mir auf Kölsch zu. „Maach et jot!“ rufe ich dem Rhein hinterher auf seinem Weg Richtung Niederlande und starre in seine vom Partyboot aufgeschäumten Wellen. Das Rheinwasser fließt weiter. Eins ist aber sicher: Der Dom bleibt in Kölle.

 

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