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Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Straße der Gartenkunst im Rheinland

Text und Fotos: Ulrich Traub

Das Rheinland als Städtereigen zwischen Bonn und Duisburg mit dem anschließenden bäuerlich geprägten und aufreizend unspektakulären Niederrhein gilt nicht unbedingt als Heimat grüner Paradiese. Das wird sich nun ändern. Mit der noch jungen „Straße der Gartenkunst zwischen Rhein und Maas“, die zu Dutzenden historischer Garten- und Parkanlagen führt und zu Entdeckungstouren einlädt, tritt das Rheinland an die Seite so berühmter Gartenlandschaften wie dem Tal der Loire oder manch englischer Grafschaft.

Deutschland - Rheinland - Schloss und Park Augustusburg in Brühl
Pflichtbesuch: Weltkulturerbe-Ensemble von
Schloss und Park Augustusburg in Brühl

Zu ausladenden Anlagen mit barocken Blumenparterres, Spiegelweihern und verschwiegenen Boskettgärten zu Füßen herrschaftlicher Schlösser führt die Route ebenso wie zu Gärten im englischen Landschaftsstil mit ihren kleinen Hügeln, Teichen, Baumgruppen, Wiesen und den mäandernden Wegen, die immer wieder überraschende Raumbilder erschließen. Von Schloss-, Burg-, Villen- und Klostergärten zu Volks- und Botanischen Gärten sorgt die „Straße der Gartenkunst“ nicht nur für Abwechslung, sondern bietet grundlegende Einblicke in rund 300 Jahre europäische Gartenkunst. Und auch die Moderne wird nicht ausgespart.

Deutschland - Rheinland - Schloss Benrath
Schloss Benrath, Düsseldorf: Skulpturengruppe vor der Gartenfront des
Corps de Logis, dem Hauptgebäude der fünfteiligen Rokoko-Anlage

Pflichtbesuchen in der Barockwelt der zum Weltkulturerbe der Unesco zählenden Gärten von Schloss Augustusburg in Brühl und von Schloss Benrath in Düsseldorf stehen echte Entdeckungen gegenüber: der Skulpturenpark von Schloss Moyland bei Kleve oder der an Sanssouci erinnernde Terrassengarten von Kloster Kamp oder das Natur und Kunst verbindende Gartenreich in den Auen des Flüsschens Erft auf der Insel Hombroich in Neuss.

Deutschland - Rheinland - Terrassengarten des Klosters Kamp im niederrheinischen Kamp-Lintfort
Fast wie in Sanssouci: Terrassengarten des Klosters Kamp
im niederrheinischen Kamp-Lintfort

Schloss Dyck

Als Fixpunkt der „Straße der Gartenkunst“ fungiert Schloss Dyck zwischen Neuss und Mönchengladbach. Dieses Zentrum für Gartenkunst und Landschaftskultur lädt die Besucher zu einer Reise, die vom Landschaftsgarten aus dem 19. Jahrhundert zu neuesten Schöpfungen führt. Im Schloss und seinen Vorburgen, einem wehrhaft erscheinenden Ensemble aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, finden Ausstellungen zum Thema Garten statt. Außerdem wird hier wissenschaftlich über Gartenkunst und Landschaftskultur gearbeitet.

Der Park dieses Wasserschlosses wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Thomas Blaikie angelegt. Zuvor hatte dieser schottische Gartenarchitekt in Paris die Gärten von Bagatelle und Monceau geschaffen. Aufgrund seiner Artenvielfalt ist der Dycker Schlosspark eine Rarität unter den europäischen Gärten. „Ich beschloss, alle unter freien Himmel in hiesigem Klima ausdauernden Bäume und Sträucher vollständig aufzunehmen“, hatte seinerzeit der Hausherr beschlossen. Fürst Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck war nicht nur ein aufgeklärter Herrscher über sein Mini-Territorium, sondern ein wissenschaftlich interessierter Freund der Botanik.

Deutschland - Rheinland - Schloss Dyck im Kreis Neuss: Barockbrücke im Landschaftsgarten
Schloss Dyck im Kreis Neuss: Barockbrücke im Landschaftsgarten

So lustwandelt der heutige Besucher unter 200 Jahre alten Baumgiganten. Exotische Zeugen fürstlicher Sammelwut wie eine Sumpfzypresse aus Florida oder ein Riesenmammutbaum aus Kalifornien, Säuleneichen und Rieseneiben, Magnolien und Robinien, Azaleen und Rhododendren säumen den Weg. Vielfältige Sichtachsen eröffnen immer wieder neue Ansichten der Schlossbauten und der benachbarten Halbinsel, auf der die Orangerie liegt. Nur dieser Teil des Gartens weist noch barocke Gestaltungselemente auf.

Vor den Toren des historischen Ensembles wogt ein Meer aus bis zu vier Meter hohem Chinaschilf, das einen Schatz versteckt. In 22 kleinen Gärten haben junge Landschaftsarchitekten ihrem Einfallsreichtum freien Lauf gelassen. Diese bereits vielfach preisgekrönten Themengärten sind kunstvoll arrangierte Naturarchitekturen mit verblüffender Originalität. Im „Garten der Eitelkeiten“ lustwandelt man auf den Spuren der Pflanzensymbolik, lässt sich im „Garten der freundlichen Nachbarn“ von der friedvollen Atmosphäre anregen und spürt die meditative Kraft des „Judäischen Gartens“.

Deutschland - Rheinland - Hüsch-Garten
Blick in den Garten, den der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch nach
seinen Erinnerungen an seine niederrheinische Heimat im
Gartenreich von Schloss Dyck anlegen ließ

Wer nach der Zeitreise durch den Park und die neuen Gärten von Schloss Dyck erst so richtig auf den Geschmack gekommen ist, der kann in der Umgebung weitere grüne Entdeckungen machen: die Parks der Wasserschlösser in Wickrath und Neersen, der Hofgarten in Düsseldorf oder die von reichen Textilfabrikanten im 19. Jahrhundert angelegten Villengärten in Krefeld, wo mit Burg- und Greiffenhorstpark im historischen Stadtteil Linn weitere Kleinode warten. Wenn es nicht bei der Naturbetrachtung bleiben soll und es noch ein bisschen Geschichte der Gartenkunst sein darf - der laut Philosoph Kant wichtigsten aller Künste -, dann wartet das Europäische Gartenkunstmuseum im Schloss Benrath in Düsseldorf.

Fast alle Anlagen sind erst in den letzten Jahren aus einem Dornröschenschlaf geweckt und behutsam in ihren historischen Zustand zurückversetzt worden. Als Katalysator fungierte im Jahr 2002 die bundesweit erste dezentrale Landesgartenschau, die erfolgreich das Bewusstsein für die vernachlässigten Schätze geweckt hat und den Anstoß zur Gründung der „Straße der Gartenkunst“ gab. Überzeugend hat man im Rheinland die Substanz dieser Anlagen wiederentdeckt und sich dabei nicht nur von der historischen Bedeutung leiten lassen. Wahrscheinlich hat auch hier die Ansicht geholfen, dass Gärten und Parks schließlich Abbilder des Paradieses sein sollen.

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