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Wo waren Kluftinger und Kneipp eigentlich nicht?

Unterwegs auf der Radrunde Allgäu

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Die neue Radrunde Allgäu führt seit 2013 auf 450 Kilometern durch die Region. Der Iller- und der Allgäu-Radweg durchschneiden sie mit je 75 Kilometern Länge von Nord nach Süd bzw. West nach Ost, so dass sich vier Quadranten oder kleinere Runden mit insgesamt 600 Kilometern Länge ergeben.

Allgäu - Kuh

„Muh“, sagt die Kuh. „Muh“, antwortet die Radlerin. Das Spiel könnte man stundenlang weiter treiben, denkt sie noch, als sie sich von einem Allgäuer beobachtet fühlt. Die spinnen, die Städter, stellen sich vors Braunvieh und muhen, mag er denken. Gschert!

Allgäu - Blick über die Landschaft

Was soll’s. Fuß aufs Pedal und weiter getreten. Es geht hinunter und wieder hinauf. Hinauf und wieder hinunter. Grün-gelb getupfte Allgäuer Wiesenhügel wirken nicht etwa steil, machen aber bis zum Abend doch einiges an Höhenmetern in die Wadln. Tatsächlich schimmern sie grün in der Sonne und sehen aus wie zum Anbeißen. In der Ferne leuchten blau-grau die Alpen. Milchproduzenten trifft man allenthalben, genauso den Käse für die Brotzeit. Dazu gluckert das Allgäuer Bier aus dem Zapfhahn ins Glas und weiter in Mund und Rachen. Zisch.

Bäder und Kneipp

Nicht jeder kann oder mag die ganze Radrunde Allgäu fahren. Was aber kein Problem ist, da sie sich in vier kleinere Runden aufteilen lässt: Die nordwestliche führt durch Bad Wurzach, und auch durch das wegen seiner vielen Sennereien so genannte Käsedreieck Leutkirch, Wangen und Isny zurück nach Kempten. Teils parallel zum Bodensee-Königssee-Radweg geht es auf der südwestlichen Viertelrunde am Alpenhang lang. Im Südosten stehen die Berge Spalier: Man radelt durch das Tannheimer Tal mit seiner beeindruckenden Gebirgskulisse ins so genannte Königliche Allgäu nach Pfronten und Füssen, bis an den Forggensee und zu den Königsschlössern. Im Zentrum der Radrunde liegt die Allgäu-Metropole Kempten, durch das auch die Querverbindungen Iller- und Allgäu-Radweg führen.

Hier starten wir auf den Rundweg im Nordosten, der durchs Kneipp-Land führt. In Bad Grönenbach (1) gibt’s allerdings nicht nur Kneipp-Kuren und Wasser, sondern auch die erste Allgäuer E-Bike-Ladestation bei Herrn und Frau Einsiedlers Bistro. „Wir haben alle Systeme und Ladeschalen vorrätig“, sagen sie stolz und holen sie gleich hervor. Im Bistro „Zum Kohlenschieber“ kann man Pause machen, während der Akku wieder aufgeladen wird. Elektrounterstützung kann das Rad hier schon brauchen bei den vielen Hügeln. Das Mekka der Radfahrer liegt fast nebenan: „Zweirad Lämmle“ ist eine bekannte Größe. „Mein Gott“, bemüht Ernst Lämmle den obersten Herrn, der hier oft bemüht wird, „der Francesco Moser war so oft hier und viele der anderen italienischen Rennradfahrer auch.“ Die teuren Rennmaschinen stehen oben im ersten Stock, unten im Keller ist die immense Werkstatt. „Wir haben sogar Whirlpool und Swimmingpool für die Radfahrer“, sagt Lämmle und zwinkert „und Cappuccino und Pizza gibt’s auch in unserem Café.“ Letzteres lässt sich verifizieren, ersteres nicht. Doch Bad Grönenbach bietet müden Radlermuskeln genügend Anwendungen und Bäder. Denn hier wie anderswo in der Gegend wirkte Pfarrer Kneipp.

Allgäu - Barockbasilika in Ottobeuren

Barockbasilika in Ottobeuren

Der Kneipp-Radweg, Teil der Radrunde Allgäu, verbindet die Bäderorte alle. Auch in Bad Wörishofen (2) dreht sich vieles um Kneipp. Schließlich sagte er selbst: „Ich will, dass Wörishofen die Pflegestätte meiner Heilmethode bleibe!“ Dem Vermächtnis fühlt man sich hier verpflichtet. Kneipps ehemaliges Wohnhaus liegt an der Hauptstraße neben dem Kloster, nur ein paar Meter weiter das Kneipp-Museum. Auch in Ottobeuren (3) war Sebastian Kneipp, und bis heute werden dort Wasserkuren angeboten. Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes aber ist die Barockbasilika. Schon von Weitem schieben sich deren Kirchturmspitzen langsam und immer mehr über einen Grashügel ins Blickfeld. „Zur Kinderzeit war es immer ein Spiel, wer die Türme als Erster entdeckt“, sagt Elke Baum, Ottobeurerin und bei der Allgäu GmbH Produktmanagerin für die Themen Wandern, Rad und Golf, „dann wussten wir, jetzt sind wir gleich zu Hause.“ Von der barocken Basilia aus, dem „schwäbischen Escorial“, blickt man auf den südländisch wirkenden, aufgestuhlten Marktplatz. Man schleckt Eis und genießt Capuccino und Bier.

Allgäu - Radweg-Wegweiser

Krimis und Kluftinger

In Altusried (4) war Kneipp anscheinend nicht. Jedenfalls stützt man sich hier auf eine andere Person. Kneipp ist schließlich nicht der einzige berühmte Allgäuer. In und um Altusried fährt man durch die Kluftinger-Gegend. Kommissar Kluftinger ist der übergewichtige Protagonist der Allgäu-Krimis von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH erklärt: „Das ist die Metzgerei Klüpfel, die in den Krimis vorkommt, dort das Milchwerk, und sogar das Elternhaus von Klüpfels ist hier zu besichtigen. Da gibt’s heutzutage Elektroräder.“ Auf dem Marktplatz von Altusried spielt „Erntedank“, gegenüber liegt das Musikerheim, wo Kluftinger jeden Abend probt. Auch Kluftinger-Filme wurden hier gedreht, z. B. „Milchgeld“. Und die Hängebrücke, die nur einen kleinen Abstecher weiter liegt, spielt auch in einem Kluftinger-Krimi mit. „Kreuzkruzifix!“, möchte man da ausrufen, denn mit diesem Ausruf begann der erste Kriminalroman.

In der barocken Wallfahrtskirche in Maria Steinbach

In der barocken Wallfahrtskirche in Maria Steinbach

Wo war Kluftinger eigentlich nicht? In Maria Steinbach (5) vielleicht. Die barocke Wallfahrtskirche ist so bedeutend wie die Wieskirche, nur weniger bekannt. Und so kommt es, dass Radfahrer sie oft für sich haben. „Sonntags werden hier drei Gottesdienste abgehalten, da kommen auch Leute in Radlermontur herein“, so Zehnpfennig. Keine andere Kirche in Deutschland hat Fresken wie diese mit Maria-Hilft-Szenen. Viele wurden angeblich durch die Fürsprache Marias gerettet. Die Szenen ringsum sind wie ein Bilderbuch: Ein Pferd stürzt in die Iller. Doch ein Engel hilft. Ein Engel hängt auch jeweils links und rechts and den Kanzeln, um den Pfarrer daran zu erinnern, dass er nicht zu lang predigt. Sonst würden sie nämlich herunterfallen, weil sie einschliefen.

Allgäu - Schwäbische Bauernhofmuseum in Illerbeuren

Schwäbisches Bauernhofmuseum in Illerbeuren

In Illerbeuren (6) an der Iller, und somit an der Querverbindung Iller-Radweg, liegt das Schwäbische Bauernhofmuseum. Mehr als 30 Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten sind aufgebaut wie ein ländliches Dorf und vermitteln hautnah, wie es zuging im Bauernhof, in der Schmiede, im Geißenstall, Feuerwehrhaus, Kornspeicher oder Bienenhaus. In der angeschlossenen Museumsgaststätte „Gromerhof“, ausgezeichnet mit der Goldmedaille für die besondere Pflege der bayerischen Wirtshauskultur, kann man typisch Allgäuer Gerichte kennenlernen wie den Bergkäse. Um den kommt man nicht herum im Allgäu, der größten Käseküche Deutschlands. Es gibt andere Merkwürdigkeiten wie Krautkrapfen, Allgäuer Hochzeitssuppe oder Versoffene Jungfern. „Das sind Semmeln, in schwimmendem Fett ausgebacken und dann in Most oder Wein getunkt“, erklärt die Bedienung. Nach dem Saibling passt aber leider nichts mehr rein. Die versoffenen Jungfern müssen auf eine andere Chance warten. Vielleicht gibt es sie ja unten in der verwunschenen Katzbruimühle, nur einen kleinen, unbedingt zu empfehlenden Schlenker vom Radweg entfernt.

Allgäu - Kaufbeuren

Kaufbeuren

Wer Glück hat oder gut plant, kommt dann nach Kaufbeuren (7), wenn das Tänzelfest stattfindet, das auf eine Stiftung Kaiser Maximilians I. zurückgeht. Während des Umzugs laufen 1.600 Kinder in traditionellen Kostümen durch die Straßen und stellen die Geschichte nach. Festwagen rollen durch das geschmückte Städtchen, das protzen kann mit seinem Crescentia-Kloster, dem Klosterberggarten, der begehbaren Stadtmauer, dem Neptunbrunnen und dem historischen Rathaus.

Allgäu - Jugendstilbrunnen vor der St.-Mang Kirche in Kempten

Jugendstilbrunnen vor der St.-Mang Kirche in Kempten

Kempten (8), die größte Stadt des Allgäus, liegt mitten im Zentrum der Radrunde Allgäu und an der Schnittstelle der Querverbindungen Iller- und Allgäu-Radweg. Wegen der vielen Sehenswürdigkeiten sollte man hier glatt einen Tag Pause machen. Außerdem ist es hier wie fast überall am Radweg möglich, Tagestouren ohne Gepäck zu unternehmen und per Bahn an den Ausgangspunkt zurück zu kehren. Von der römischen Vergangenheit zeugt der archäologische Park Cambodunum mit einem ausgegrabenen gallorömischen Tempelbezirk. Dort lässt sich die 2.000 Jahre alte Geschichte Kemptens nacherleben. Weiter führt die Spazierfahrt durch die Geschichte zur unter der Erde liegenden, restaurierten Erasmus-Kappelle, wo eine Multivisionsshow die Zeit vom Früh- bis zum Spätmittelalter und zur heutigen Zeit in den Katakomben veranschaulicht. Sehenswert ist auch die Residenz mit ihren Prunkräumen mit Stuck und Malerei aus der Zeit des Barock und des Rokoko. Kemptens Doppelstadtcharakter, einerseits freie Reichsstadt im unteren Teil, andererseits Stifts- und Kirchenstadt im oberen Teil, wird durch die unterschiedlichen Baustile überdeutlich.

Muh sagt die Kuh

Allgäu - der Fluß Iller

An der Iller

An der rauschenden, hellgrünen Iller entlang fährt man geradewegs auf eine große Wand zu: Die Alpen. Bei Fischen (9) kann man rechts zu den Hörnerdörfern abbiegen, die so heißen, weil sie allesamt unter Bergen liegen, die auf –Horn enden. Das Nebelhorn ist wohl das beeindruckendste von ihnen. Bauernhof-Eis gibt es im Hörnerdorf Ofterschwang und im Ortsteil Hüttenberg eine Bergbauern-Sennerei. Eine Kirchenglocke bimmelt zur Rechten, zur Linken schimmert das türkise Illerflimmern. Ein Greifvogel beäugt die Radfahrerin und kreist. „Zu groß!“, mag er wohl entschieden haben, denn er dreht ab, lugt aufs Feld und sticht hernieder, um sich eine Maus zu greifen. Die Radlerin geht lieber wieder Kühe streicheln. „Muh“, sagt die Kuh.

Allgäu - Hörnerdörfer

 

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