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Die Ruhe vor dem Sturm

Winter auf der Ostsee-Insel Poel

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Deutschland Poel KrabbenkutterDer kalte Wind aus Nordost fetzt die Wolken über den strahlend-blauen Morgenhimmel. Schaumkronen schaukeln auf den Wellen. Möwen stoßen gellende Schreie aus, stemmen sich gegen die Sturmböen und kurven schwankend um den weißen Leuchtturm von Timmendorf. Gemeint ist nicht das schicke Timmendorf an der Lübecker Bucht, sondern das Timmendorf in der Wismarer Bucht. Ein Ort ohne Schickimicki. Auf Poel, der einzigen bewohnten Insel Mecklenburgs, gibt es keine Promenaden mit Edelboutiquen und dekadenten Bars, keine eleganten Seebrücken und Luxushotels. Auch keine breiten, feinsandigen Strände. Poel ist urwüchsig, ganz unspektakulär, und im Winter ziemlich verschlafen.

Fischer Karl-Robert Waack kehrt von seinem nächtlichen Fischzug zurück und macht seine „Ramona“ an der Südmole fest. Das Becken im Rumpf des Kutters ist voller Dorsche. Ob er mit der Ausbeute zufrieden ist? „Nö, künn bäter sien“ - Könnte besser sein,
brummt er in Mecklenburger Platt, schaut in den Himmel und über die See. Er ist Fischer in sechster Generation und kennt sich aus mit den Elementen. Im späten Frühjahr wird er nicht nur das Wetter, sondern auch die Holunderbüsche beobachten. Sind die zarten, gelblich weißen Blüten kurz vor dem Aufbrechen, weiß er, dass der Zug der Krabben kurz bevorsteht. Anfang Juni ist es normalerweise soweit. Dann wandern die Garnelen-Weibchen aus dem Salzhaff ins offene Meer zu ihren Laichplätzen. „Dat is so“, sagt Karl-Robert Waack. „Dat wier all ümmer so” - Das war schon immer so, fügt er hinzu. Je kälter der Sommer, desto länger dauere die Saison. Manchmal sei sie nach zwei Wochen vorbei, manchmal könne bis Anfang August Krabben gefangen werden.

Deutschland Poel Wattenmeer
Still liegt die Insel im Winter

Waack gehört zu den zehn privilegierten Fischern, die das Recht haben, zwischen Rerik und Poel ihre Krabbenkörbe auszubringen. Die Fangplätze werden täglich im Uhrzeigersinn gewechselt. Wer wo im Krabbenring beginnt, wird auf der „Krabbenversammlung“ der Fischereigenossenschaft Wismarbucht ausgelost. Mit den ersten Sternen am Himmel beginnt der nächtliche Marsch der Ostseekrabben, die etwas kleiner sind als ihre Schwestern in der Nordsee. Bügelreusen versperren ihnen mancherorts den Weg. „Kannst taukieken, wie sei rinswemmen“ - Kannst zugucken, wie sie reinschwimmen, sagt Waack, der Krabbenfänger. Doch bis dahin dauert es noch eine Weile. Bis Mai fordert die Dorschsaison ihren Mann.

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