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Reiseführer Pirmasens

 

Zu Besuch im Deutschen Schuhmuseum in Hauenstein

 

Um 1910 wurde diese bestickte Sandalette mit Absatz gefertigt

Um 1910 wurde diese bestickte Sandalette mit Absatz gefertigt


Wenn überhaupt, dann kennt man Pirmasens als einstiges Zentrum der Schuhproduktion, die in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Dass ein solcher Industriezweig entstehen konnte, hängt auch damit zusammen, dass Ludwig IX.von Hessen-Darmstadt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Pirmasens zur Residenz wählte und damit maßgeblich zur Entwicklung des einstigen südpfälzischen Dorfes zu einer ansehnlichen Stadt beitrug. Im Schatten von Pirmasens entwickelte sich nach 1870 auch die Schuhproduktion im Dorf Hauenstein.

1886 wurde von den Brüdern Seibel die erste Schuhfabrik außerhalb von Pirmasens gegründet. Hauenstein entwickelte sich nachfolgend zu einem Industriedorf, in dem beispielsweise um 1910 1106 Arbeiter mit der Herstellung von Schuhen beschäftigt waren – weit mehr als das Dorf Einwohner besaß.

Museale Erinnerungen
Die Erinnerung an die Schuhherstellung in Hauenstein wird bis heute in dem 1996 eröffneten Museum für Schuhproduktion und Industriegeschichte (Deutsches Schuhmuseum) lebendig, das in einer ehemaligen, im Stil des Neuen Bauens errichteten Schuhfabrik untergebracht ist. Hier bekommt man nicht nur Einblick in die handwerkliche industrielle Produktion, sondern erfährt auch Wissenswertes über die Lebensbedingungen der Schuharbeiter, die teilweise aus den umliegenden Orten zu Fuß nach Hauenstein kamen. Dass in den Schuhfabriken auch Kinder und Jugendliche beschäftigt waren, kann man einer Ausstellung der Gebrüder Schwarzmüller entnehmen, die zur Sammlung des Museums gehört und Teil des Themas „Kinderarbeit“ ausmacht.

"12 Km täglich bei Wind, Sturm, Schnee und Eis musste ich zu Fuß zurücklegen“

Frau D., Jahrgang 1925, aus Donsieders

Nur noch gelegentlich werden die im Museum platzierten Maschinen angeworfen, mit denen Schuhe produziert wurden. Wer erfahren möchte, wie Brand- und Laufsohle miteinander verbunden werden, was es mit dem Zwickeinschlag auf sich hat und wie ein Absatz gebaut wird, der besucht vor dem Museumsbesuch die Gläserne Manufaktur der Firma Josef Seibel unweit des Einstiegs des Schusterpfadsrund um Hauenstein.

Zeigt her Eure Füße, zeigt her Eure Schuh
Einen ersten Überblick kann sich der Besucher vor dem Rundgang dank eines Films verschaffen, der das Schuhdorf Hauenstein ebenso vorstellt wie die einzelnen Schritte der Schuhfabrikation.

Wer sich auf den Rundgang durch das Museum begibt, der unternimmt eine Reise in die Technik- und Sozialgeschichte. Themen wie „Gründung der Schuhindustrie“ oder „Wohnen, Leben, Arbeiten um 1900“ beleuchten beispielsweise die Zeit bis 1918. Beim weiteren Rundgang wird man aber auch mit Themen wie „NS-Kriegswirtschaft“ konfrontiert, kann einen Blick in eine Stepperei und Zuschneiderei sowie in die Sohlenfertigung werfen. Schließlich betritt man ein Schuhgeschäft der 1950er Jahre, erhält einen Einblick in die Maschinenentwicklung während der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders und kann auch durch eine umfangreiche Schuhsammlung schlendern, zu der auch Schuhe von Prominenten wie des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder, Kardinal Lehmann, des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz Kurt Beck, des Rennrodlers Georg Hackl und des Tennisstars Steffi Graf gehören. Also, Willkommen in die Welt der Schuhe!


„Von Erfweiler und Schindhard sind sie über den Berg zwei Stunden zu Fuß gegangen morgens. Und wenn schlechtes Wetter war, waren sie patschnass, wenn sie gekommen sind. Und die haben zu Hause auch noch alle Vieh gehabt und mussten abends die ganze Arbeit schaffen.“

Frau V. ,Jahrgang 1918, aus Hauenstein

Eine Schuhmacherei aus Großvaters Tagen
Schauen wir uns erst einmal in einer alten Schuhmacherei um. Alles ist noch an seinem Platz und man erwartet jederzeit den Schuhmacher zurück. Die Sohlenpresse ist allerdings momentan nicht im Betrieb. Auch die Leisten im Regal werden nicht mehr gebraucht. Zahlreiche Schuhe warten auf Abholer, so auch die Militärstiefel des Volkssturms. Aus einer Preisliste können wir entnehmen, was man für Absätze und Sohlen einst bezahlen musste. Nebenan kann man eine Skurrilität bestaunen: Herrenschuhe mit Absätzen vorne.

Schuh neben Schuh
Die Bandbreite der hergestellten Schuhe, so zeigen Exponate des Museums, ist groß: Arbeitsschuhe aus Holz sind neben Damenknöpfstiefel aus Seide zu sehen. Beide sind Leihgaben des Bally-Schuhmuseums. Bestaunen kann man außerdem Kleinmädchenschuhe (um 1902/03), die Wilhelmine Mehrwart als Kind durchs Leben trugen. Wer mit dem Damen-Knopfstiefel mit Blockabsatz (um 1905) durch die Straßen von Leipzig lief, erfährt der Besucher allerdings nicht. Außerdem sind Pumps mit zwei Schleifen ausgestellt, die um 1880 in Frankreich in Mode waren. Beim weiteren Rundgang erblickt man zudem einen Escarpin, einen flachen Tanzschuh mit Blattstickerei aus napoleonischer Zeit. Moorschuhe mit vergrößerter Auftrittfläche für Arbeiten im Moor stehen neben französischen Holzschuhen. Wie haben sich wohl die bestickten Sandaletten mit Stegspange und Louis-XV-Absatz getragen? Zu Beginn des 20.Jahrhunderts  liebten die Damen von Damenstiefelette und Damenschnürpumps, hergestellt bei der Schweizer Firma Bally.

Mit solchen Maschinen wurden in der Stepperei die Schaftteile zusammengenäht.

Mit solchen Maschinen wurden in der Stepperei die Schaftteile zusammengenäht

Zehenpflocksandale und andere Exoten
Nicht nur Schuhe aus dem europäischen, sondern auch aus dem außereuropäischen Raum beherbergt das Museum. Aus Teakholz und in Form eines Delfins gestaltet sind die Zehenpflocksandalen aus Rajasthan (Indien). Aus Tunesien stammt die mit Perlmutt- und Metallintarsien verzierte Holzsandale (Mitte des 19. Jahrhunderts). Einen englischen Schnabelschuh (Poulaine) können wir ebenso bestaunen wie Jagdstiefel namens Grand Seigneur. Im Kontrast zu diesen stehen die Holzschuhe mit Stoffblatt, die Kriegsgefangene 1940 bis 1944 herstellten. Nicht aus Leder, sondern aus Bronze ist die im 15. Jahrhundert entstandene Zehenpflocksandale aus Afghanistan.

Nicht nur Ledersandale mit Reifensohle
Der Bundschuh der Hitlerjugend und eine Ledersandale mit Autoreifensohle (1945)illustrieren „Schuhmoden“ aus den 1930er und 1940er Jahren. Schließlich sei auch noch der selbst gefertigte Hexenschuh aus Stroh und Leder erwähnt, der von Narren während der Alemannischen Fasnacht getragen wird.

Ein Kind der 1970er Jahre sind die Hochfrontslipper mit Ösenlochung. In dieser Zeit waren auch Schuhe mit Korkplateausohle schwer angesagt. Damals experimentierte man wie bei einem ausgestellten Herrenfreizeitschuh zu sehen zudem mit Reiß- und Klettverschluss. Eine fünf Zentimeter hohe Plateausohle zeichnet die Stiefelette „Buffalo“ aus, die in den 1990er Jahren Frauenherzen höher schlagen ließ.

Gezwickt, geballt, durchgenäht ...
Für das Zwicken und Nähen von Schuhen benötigte man Maschinen, darunter eine Flachsteppmaschine mit Fußantrieb, die in der Heimarbeit beim Nähen von Leder und Textilien zum Einsatz kam. Eine Sohlenstanzmaschine diente dazu, Ledersohlen auszustanzen. Mit der Absatzpresse hingegen konnte man Absätze produzieren. Zum Vernageln von Leder- und Zwischensohlen kam die Holznagelmaschine zum Einsatz. Eine Schärfmaschine benötigte man nicht etwa zum Schärfen von Werkzeugen, sondern zum Säubern der Ränder des Oberleders und der Futterteile. Und wie kommen die Ösen für die Schnürsenkel in den Schuh? Keine Frage, dank der Ösenmaschine.

Eine Absatzpresse, die heute funktionslos ist

Eine Absatzpresse, die heute funktionslos ist

Um den Schaft über den Leisten ziehen und diesen an der Brandsohle befestigen zu können, musste man die Überholmaschine in Gang setzen. In der rotierenden Sohlenklebepresse wurden schließlich dem Schuh die Sohlen aufgeklebt.

Am Anfang stand ...
Bevor man Leder zur Schuhherstellung verarbeiten konnte, benötigte man eine Lederwalze, ähnlich der, die zwischen 1911 und 1950 in den Lederwerken Rodalben zum Auspressen von Rindsleder benutzt wurde. Für das genaue Ausmessen von Lederstücken - eine Rinderhaut ist etwa drei Quadratmeter groß – wurde eine Oberledermessmaschine entwickelt, die man im Museum gleichfalls sehen kann. Am Zuschneidetisch schnitt man aus der ganzen Haut mittels Schablone und Zuschneidemessern das Oberleder zu.

Von Hauenstein in die Welt
Dass die Schuharbeiter sich organisierten, um ihre Interessen durchzusetzen, wird in der Ausstellung ebenso angesprochen wie die Tatsache, dass im 18. und 19.Jahrhundert in Hauenstein Auswanderung durchaus an der Tagesordnung war. Elisabeth Scheib zum Beispiel führte der Weg nach Galizien, wo sie als Bäuerin ihr Einkommen fand. Sebastian Moser und Gemahlin verschlug es nach Südrussland, während Johann Seibel mit Gattin 1851 in den US-Bundesstaat Ohio auswanderte.

Leihgaben aus dem Bally-Museum in der Schweiz: Stiefeletten, Damenhalbschuhe und Damenpumps aus dem frühen 20. Jh.

Leihgaben aus dem Bally-Museum in der Schweiz:
Stiefeletten, Damenhalbschuhe und Damenpumps aus dem frühen 20. Jh.

Mit Siebnmeilenstiefeln durch die  Jahrzehnte
Dass Rohstoffknappheit erfinderisch machte, unterstreicht die Entwicklung der biegsamen Heureka-Holzsohle, von der es auf einem Werbeplakat heißt: „10 ½ Millionen Paar in 3 Wochen verkauft!“ Schuhe aus Ersatzmaterialien machten nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern auch danach einen Teil der Schuhproduktion bei Unternehmen wie der Firma Rheinberger in Pirmasens aus. Baumwollgewebe und Lederreste sowie Feuerwehrschläuche wurden um 1945 zu Schuhen verarbeitet. „Zeitzeugen des Leidens“ sind die Originalschuhe einer 16-Jährigen, die in einem Treck von Elbling über Danzig nach Westen unterwegs war.

Die 1950er Jahre werden unter anderem in einem Schuhgeschäft aus jener Zeit lebendig. Zu sehen ist außerdem ein Werbefilm der Hauensteiner Schuhfabrik Palette mit dem Motto „Palette-Schuh von Rang“.

Am Ende des Rundgangs steht man vor einigen Zwickmaschinen aus dem Zeitraum von 1950 bis 1980, die den technischen Fortschritt demonstrieren. Zu diesen Maschinen gehört auch die automatische Spitzen-, Seiten- und Gelenkzwickmaschine aus den späten 1970er Jahren. Gezeigt werden aber auch – zumindest temporär - modische Schuhe jener Jahrzehnte wie eine Sandalette mit Fesselriemen Marke „Peter Kaiser“.

 

 

 

Weitere Informationen

Gemeinde Hauenstein
http://www.hauenstein.de

Deutsches Schuhmuseum
http://www.museum-hauenstein.de

 



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