Reisemagazin schwarzaufweiss

Radfahren und Inselhüpfen in Ostfriesland

Die Nase im Wind

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Strandkörbe, Seehundkolonien, Sanddünen, Kurhäuser und Leuchttürme: Borkum, Norderney und Langeoog, drei der schönsten ostfriesischen Inseln, verbindet die Fahrradtour „Inselhüpfen Ostfriesland“. Die einwöchige Radreise zeigt nicht nur die Vielfalt der ostfriesischen Inselwelt, sie macht auch Station in Hafen- und Fischerstädten wie Emden, Greetsiel und Norddeich – und sie führt auf schmalen, verkehrsarmen Radwegen durch ein Ostfriesland, das moderne Windparks mit alten Häuptlingsburgen verbindet.

Greetsiel - Hafen mit Kuttern

Wenn es jemanden gibt, der als Symbol für Ostfriesland steht, dann ist dies sicherlich der Komiker und Schauspieler Otto Waalkes, der in Emden geboren und aufgewachsen ist. Bereits im Jahr 1987 hat sich Otto in seiner Geburtsstadt ein persönliches Denkmal gesetzt – in einer ehemaligen Apotheke eröffnete er „Dat Otto Hus“, eine Mischung aus Museum und Fan-Shop. Die Architektur ist Otto-gemäß, denn aus der aufgebrochenen Vorderfront des Hauses ragt der Kopf eines Ottifanten.

Emden - Dat Otto Hus

Emden (1) ist Ausgangspunkt der einwöchigen Fahrradtour, die in den Sommermonaten drei Mal pro Woche gestartet werden kann - und die es ermöglicht, das ostfriesische Binnenland und die Inseln im eigenen Rhythmus zu erkunden. Emden ist auch der Ort, von dessen Außenhafen aus jeden Morgen um 8 Uhr die Fähre nach Borkum (2) ablegt, zur größten und am weitesten im Meer gelegenen aller ostfriesischen Inseln. Rund zwei Stunden dauert die Schifffahrt bis zum Borkumer Anleger. Dort steht die Inselbahn bereit, die mit den Neuankömmlingen in den siebeneinhalb Kilometer entfernten Hauptort tuckert.

Borkum: Sand, so weit das Auge reicht

In der Stadt Borkum lohnt es sich, einen Stopp beim 45 Meter hohen Alten Leuchtturm einzulegen, dem Wahrzeichen der Insel. Wer die über 160 Treppenstufen hinaufsteigt, wird durch einen grandiosen Rundumblick belohnt. Der Leuchtturm war ursprünglich ein Kirchturm, deshalb findet sich in seiner Nähe ein Friedhof. Dort sind Kapitäne, Seeleute und Walfänger beigesetzt. An die Walfängertradition der Insel erinnert wenige Meter entfernt auch ein altehrwürdiger Zaun. Dieser ist nicht aus Holz, Metall oder Draht gefertigt, sondern besteht aus meterlangen Knochen. Genauer gesagt, aus den Kinnladen von Walfischen.

Borkum - Zaun aus Walknochen

Vom Walknochenzaun sind es nur wenige Minuten bis zur Strandpromenade, an der sich Strandkorbverleiher und Gründerzeithotels, aber auch das Kurhaus und ein kleiner Musikpavillon finden. Vor allem aber Sand so weit das Auge reicht – denn ein 26 Kilometer langer weißer Sandstrand, zum Großteil menschenleer, prägt das Gesicht der Insel. Wer weiter nach draußen spaziert, fühlt sich fast wie in der Sahara. Wie in jeder ordentlichen Wüste finden sich auch auf Borkum Oasen: In gemütlichen Strandbuden wird Milchreis, Sanddorn-Buttermilch und Dickmilch serviert.

Borkum - Strand

Doch auf der Insel ist für Radfahrer noch weit mehr zu entdecken: Über Dämme, auf denen Schafen weiden und auf kleinen Wegen, die an Wiesen vorbeiführen, in denen Kühe knietief in Tümpeln stehen, kann vor der Rückfahrt nach Emden noch die Alte Düne, der Weiler Ostland und die Dünenlandschaft im Osten der Insel erkundet werden.

Zum schiefsten Turm der Welt

Nach einer Übernachtung in Emden steht am dritten Reisetag eine längere Etappe an: gut 55 Kilometer sind es von Emden nach Norden (3). Eine kurzweilige Strecke, überwiegend auf markierten Radwegen und durchweg flach, die einige Highlights, aber auch einen Tiefpunkt bereithält. Beispielsweise den schiefsten Turm der Welt – denn der steht, glaubt man dem Guinness-Buch der Rekorde, nicht im italienischen Pisa, sondern im ostfriesischen Weiler Suurhusen (4). Ein Überhang von 2,47 Metern, so berichtet Kirchenführer Tjabbo van Lessen, wurde am Kirchturm gemessen. Der 1450 erbaute Turm, der auf einem Fundament aus dicken Eichenstämmen ruhte, begann sich zu neigen, als die umliegenden Ländereien trocken gelegt wurden. Nachdem die Kirche in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wegen Einsturzgefahr geschlossen war, hat man in den 80ern nicht nur das Fundament freigelegt und mit Beton und Stahl aufgefüllt, sondern auch den Giebel saniert. In der Zeit vor dem Bau der Deiche, so erklärt Tjabbo van Lessen, war die Kirche, die auf einer Warft steht, das heißt einem künstlich angelegten Hügel, für die Bewohner nicht nur ein geistiger Zufluchtsort, in dem der evangelisch-reformierte Glauben verkündet wurde - sie bot ihnen auch Schutz vor den Sturmfluten der Nordsee.

Hinte - Wasserburg

Vier Kilometer weiter, in Hinte (5), lohnt es sich erneut, in der Nähe des Gotteshauses vom Rad zu steigen. Denn nur wenige Meter hinter der Backsteinkirche versteckt sich eine mehr als 600 Jahre alte Wasserburg. Früher war die Burg Hinta Sitz eines der wichtigsten ostfriesischen Häuptlingsgeschlechter.

Pilsumer Leuchtturm

Bei der Weiterfahrt durch das Freesumer Meer, eine Marschlandschaft, die im 16. Jahrhundert trocken gelegt wurde, weht mir der Wind um die Nase. Und ich stoße auf eine Stelle, die als der tiefste Punkt Ostfrieslands gilt. Da die Region nicht mit einer Zugspitze als Sehenswürdigkeit aufwarten kann, ist die eher unscheinbare Wiese, die knapp zweieinhalb Meter unter dem Meeressiegel liegt, deutlich gekennzeichnet. Schlitzohren sind sie eben schon, die Ostfriesen. Eines ihrer Wahrzeichen liegt an diesem Tag noch an meinem Weg – der gelb-rot gestrichene Pilsumer Leuchtturm (6), durch den Film „Otto - Der Außerfriesische“ weit über Norddeutschland hinaus bekannt. Einige Kilometer weiter, in Greetsiel (7), stoße ich schon wieder auf ein Bilderbuchmotiv: zwei dicht nebeneinander stehende Holländer-Windmühlen, die so genannten Zwillingsmühlen.

Greetsiel - Zwillingsmühlen

Norderney und Langeoog

Nach der Binnenland-Etappe stehen an den nächsten drei Tagen wieder zwei echte Inselperlen auf meinem Programm: das mondäne Seebad Norderney und die vollkommen autofreie Insel Langeoog. Norderney (8), eine 15 Kilometer lange Insel, erweist sich als ein Eiland mit zwei Gesichtern: im geschäftigen Westen der Insel findet sich zahlreiche Hotels und Geschäfte sowie das Kurviertel. Der Osten Norderneys hingegen gehört den Dünen, dem Watt und den Vögeln – eine Naturlandschaft, die ab der Inselmitte sogar für Fahrräder tabu ist. Doch es gibt eine Möglichkeit, zumindest den Blick Richtung Osten schweifen zu lassen: die Aussichtplattform des rund 50 Meter hohen Leuchtturms in der Nähe des Inselflughafens.

Norderney

Auch Langeoog (9), die letzte Insel auf meiner Tour, ist von einem langen Sandstrand und einer wildromantischen Dünenlandschaft geprägt. Die Melkhörndüne in der Mitte der Insel erhebt sich stolze 21,3 Meter über den Meeresboden. Sie gilt damit – man höre und staune – als der zweithöchste Berg Ostfrieslands!

Langeoog - Wasserturm und Lale Andersen in Bronze

Das Wahrzeichen Langeoogs, der achtzehn Meter hohe Wasserturm aus dem Jahr 1909, ragt im Nordwesten gen Himmel – und ist bei Besuchern so beliebt, dass man ein bisschen Wartezeit einkalkulieren sollte. Ein Stück vom Turm entfernt lehnt sich eine lächelnde Frau aus Bronze an eine Laterne. Die 2005 aufgestellt Bronzestatue erinnert an die Sängerin Lale Andersen, die durch das Lied „Wie einst Lili Marleen“ weltberühmt wurde. In Andersens früherem Langeooger Wohnhaus, dem Sonnenhof, ist heute eine Tee- und Weinstube untergebracht, nicht weit davon entfernt, auf dem Dünenfriedhof, befindet sich das viel besuchte Grab der 1972 verstorbenen Künstlerin.

 

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