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Delmenhorst – Fabrikmuseum Nordwolle

Wer das Fabrikmuseum auf dem Gelände der ehemaligen Nordwolle besucht, taucht nicht nur in die jüngere Geschichte der Industriearbeit ein, sondern auch in ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte von Delmenhorst.

An diesem Schreibtisch wurde Unternehmenspolitik entschieden (Nordwolle Delmenhorst)

An diesem Schreibtisch wurde Unternehmenspolitik entschieden

Die Nordwolle, deren Firmenemblem nicht ein Merinowidder, sondern ein achtstrahliger Goldstern war, gehört heute zur European Route of Industrial Heritage.

Ein Kind der Familie Lahusen

Gleich zu Beginn des Museumsbesuchs wird dank einer Rauminszenierung des „Direktorenkontors“ mit Gemälden der Unternehmen der Lahusen-Familie in die Anfänge der Nordwolle eingeführt. Zu sehen ist auch das geschützte Warenzeichnen der Nordwolle, der Widder.

Die Nordwolle ist im Wesentlichen ein Kind von Carl Lahusen, der den Aufstieg der Kammgarnspinnerei mit eiserner Hand voranbrachte. Er entstammte einer Bremer Unternehmensfamilie. Sein Großvater betrieb an der Bremer Schlachte eine Brauerei, bevor er ins Reedereigewerbe einstieg.

Die Übernahme der Wollkämmerei Neudek in Böhmen war der erste Schritt der Familie Lahusen in das für sie bis dahin unbekannte Geschäft der Wollverarbeitung. In Delmenhorst wurde die Familie Lahusen 1884 tätig, als die dortige Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei durch Martin Christian Leberecht Lahusen (1820-1898) gegründet wurde. Nach ihm bestimmte sein Sohn Carl Lahusen die Geschicke des Unternehmens. 1928 war die Elektrifizierung der Produktion abgeschlossen worden. So ersetzten elektrische Bogenlampen die Petroleumfunzeln. Dadurch wurde die Möglichkeit von Nachtarbeit eröffnet.

Arbeiten unter dem Sheddach

Einst wurde in den unendlich erscheinenden Maschinensälen unter Sheddächern gearbeitet – sie umfassten eine Fläche von beinahe 50000 qm. Nach der Betriebsschließung 1981 wurden diese Produktionshallen teilweise abgebrochen. Längst ist die Personenkontrolle und Zeiterfassung am Haupttor nur noch Historie. Die Pförtnerloge ist heute verwaist. Hier saß einst der „Herrscher des Haupttors“. Auch Stempeluhr und Stempelkasten sind nicht mehr vorhanden. Die schmiedeeisernen Gitter des Tors stehen heute jedermann offen.

Stadt in der Stadt

Ein in der Ausstellung vorhandenes Stadtmodell macht deutlich, welche Dimensionen die Nordwolle einst besaß. Sie war Stadt in der Stadt. Auch Fritz Fuhrkens „Fabriklandschaft“, ein Ölgemälde von 1928, vermittelt einen Eindruck der die Stadt dominierenden Architektur der Nordwolle. Welcher Geist in den Fabrikhallen herrschte, fing Gert Arntz mit seinen Linoldrucken wie „Mittag vor der Fabrik“ oder „Ruhe und Ordnung“ ein. Das inszenierte Haupttor und die Steckkästen für Stempelkarten lassen die Besucher zu Nordwollearbeitern werden, die gerade zur Schicht antreten. Außerdem ist ein Zeiterfassungsapparat in der Ausstellung zu sehen, der die Zeitkarten der Arbeiter stempelte. Wollten Sie schon immer wissen, wie der Arbeitsplatz eines Nordwolleangestellten aussah? Kein Problem, denn auch dieser wurde im Museum inszeniert.

Sie kamen aus Polen und Galizien nach Delmenhorst

Sie kamen aus Polen und Galizien nach Delmenhorst

Wolle aus Argentinien für Delmenhorst

Der Unternehmensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefe folgt der Besucher bei seinem Museumsrundgang. Er erfährt von den polnischen, russischen und galizischen Wanderarbeiter, die nach Delmenhorst kamen, um bei der Nordwolle zu arbeiten. Dabei veranschaulicht eine inszenierte Szene Aufbruch von Männer, Frauen und Kinder aus ihrer angestammten Heimat. Textpassagen aus Franz Rehbeins „Leben eines Landarbeiters“ verdeutlichen zudem das Schicksal derer, die als Fremde kamen. Exponate wie ein Kruzifix und das Himmelblüthen-Gebetbuch von 1873 ergänzen Rehbeins Darstellung vom Leben der „Fremdarbeiter“.

Eine Familie hat das Sagen

Historische Aufnahmen vermitteln ein Bild von der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei „Herrenheim“ und dem angeschlossenen Mädchenheim. Ja, „sozial“ waren die Fabrikherren von Anbeginn, gab es doch auch ein Krankenhaus auf dem Firmengelände. Die Bedingungen auf der Nordwolle können jedoch nicht nur zum Besten bestellt gewesen sein, da es 1897 einen lang andauernden Streik gab.

Neben der Geschichte der Beschäftigten wird die Aufmerksamkeit der Besucher immer wieder auch auf die Geschichte der Lahusens gelenkt. Der Vater Carl Lahusens hatte sich im Zusammenhang mit der Wollverarbeitung in Argentinien Landbesitz erworben. Die Brüder Carl Lahusens kümmerten sich im fernen Südamerika um die Wolle, die man in Delmenhorst dringend benötigte. Nach und nach wurden die Lahusens der größte Wollexporteur Argentiniens. Dieses „Argentinienabenteuer“ der Familie hielt ein Freund der Familie um 1855 in einer naiv gestalteten Bildergeschichte fest.

Geschlossenes System Nordwolle

Dem Konzept folgend, nicht allein die Maschinen der Kammgarnspinnerei zu bewahren und zu zeigen, sondern auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, finden sich unter den Exponaten auch Dokumente wie die am 25. April 1892 erlassene Arbeitsordnung, in der auch auf die Einhaltung der christlichen Sitten und das Verbot anstößiger Reden und Lieder Bezug genommen wird.

Heute kaum vorstellbar, aber die unterschiedlichen Mitarbeiter waren gut an ihrer Kleidung zu erkennen. So gab es „Mützenangestellte“, Meister und technische Angestellte, und „Hutangestellte“, die in der Verwaltung und in der Direktion arbeiteten. Historische Aufnahmen, ob von der Belegschaft der Ringspinnerei beim Abschied von Obermeister Dörfler oder von einer Übung der Werksfeuerwehr veranschaulichen das Betriebsleben.

... dort hatten wir eine glückliche Kindheit

Historische Aufnahmen wie die von der Familie vor dem Pavillon des 1894 angelegten Wolle-Parks oder auf dem hauseigenen Tennisplatz veranschaulichen, dass die Unternehmersfamilie ein von der Belegschaft abgeschottetes Leben führte. Der Besucher von heute steht in der Museumsausstellung vor einem übermannshohen, weißen Zaun „rund um die Villa“ und sieht den von einer Ziege gezogenen Karren, mit dem die Kinder der Lahusens zu spielen pflegten. Wie pompös die Villa war, zeigt ein nach 1921 geschaffenes Gemälde von E.Halleur. Auch ein Blick in die edel ausgestattete Konzernzentrale in Bremen und ins eher rustikal eingerichtete Herrenhaus Gut Hohenhorst ist in der Ausstellung möglich.

An dieser Maschine wurde Wolle zu Garn versponnen

An dieser Maschine wurde Wolle zu Garn versponnen

In der Kämmerei und Spinnerei

Waagen, Sackkarren und Ballen mit Wolle gehören zur Inszenierung der eigenlichen Produktion ebenso dazu wie der Essplatz eines Arbeiters neben der Garnspinnmaschine mit ihren Spulen. Sie läuft zwar nicht, doch dank einer audiovisuellen Animation bekommt der Besucher einen Eindruck davon, wie an dieser Maschine gearbeitet wurde.

Delmenhorst wird Garnisonsstadt

Nicht ausgespart bleibt bei der Präsentation die Zeit nach 1933. Ein besonders denkwürdiger Tag war der 3.Oktober 1935 als unter dem Jubel der Bürger Delmenhorst Garnisonstadt wurde und Soldaten des I.Bataillons des Infanterieregiments Oldenburg in die Stadt einzogen. Für sie war die Caspari-Kaserne an der Wildeshauser Straße erbaut worden. Benannt wurde sie nach Walter Caspari, dem Führer des Freikorps Caspari, das 1919 maßgeblich an der Zerschlagung der Bremer Räterepublik beteiligt war.

Auch das Themen Zwangsarbeit und Gleichschaltung werden in der Ausstellung nicht ausgespart. 1939 wurde die Nordwolle, die 1932 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, zu einem Wehrmachtsbetrieb.

Nach 1945

1948 begann die Nordwolle, unter neuem Namen wieder an alte Zeiten anzuknüpfen. In den 1960er Jahren warb man billige Arbeitskräfte aus Spanien und der Türkei an und holte sie nach Delmenhorst. Daran erinnern einige Souvenirs, die die einstigen Gastarbeiter dem Museum überlasen haben, und ein blauer Ford Transit, Sinnbild der Migration der türkischen Großfamilie.

Der Ford Transit erinnert an die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter der Nordwolle

Der Ford Transit erinnert an die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter der Nordwolle

Die wachsende Krise in der deutschen Textilindustrie führte schließlich dazu, dass das Unternehmen mit der Kammgarnspinnerei Düsseldorf fusionieren musste. Aber auch das brachte keinen Erfolg, sodass 1981 in der Nordwolle endgültig die Lichter ausgingen. Versuche, den Textilstandort Delmenhorst zu retten, so durch den Aufbau einer modernen Spinnerei der Firma Hermann Rehers, scheiterten kläglich. Seit 1983 existiert der Textilstandort Delmenhorst nicht mehr. Auch ein Telegramm der Belegschaft an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht mit der Bitte um eine Landesbürgschaft konnte diese Situation nicht abwenden.

Im Hirn der Nordwolle: Blick ins Turbinenhaus (Nordwolle Delmenhorst)

Im Hirn der Nordwolle: Blick ins Turbinenhaus

Das „Hirn“ der Nordwolle

Das 1902 errichtete Turbinenhaus mit seinem Maschinenpark ist nach wie vor zu besichtigen. Die Architektur knüpft mit der Rosette an sakrale Backsteingotik an, sodass häufig vom Turbinenhaus auch als „Kathedrale der Industriearbeit“ die Rede ist. Bis 1928 wurden von hier aus über ein Schwungrad und Transmissionseinrichtungen die zahlreichen Textilmaschinen betrieben. 1930 wurde im Turbinenhaus eine Dampfturbine eingebaut. Bis heute sind die vorhandenen Maschinen betriebsbereit. Zu sehen ist nicht nur der alte Turbogenerator, sondern auch ein Drehstrom-Öl-Generator aus den 1950er Jahren, ganz abgesehen von einem Schaltpult und der Dampfverteilung, die einem Labyrinth aus Rohrleitungen gleicht. Dieses Rohrleitungssystem war bis 1981 in Betrieb.

Verschwunden sind die Heizer und Kohlenzieher, die um 5 Uhr früh mit ihrer Arbeit begannen. Von ihren Arbeitsbedingungen erfahren Besucher heute allein aus einem informativen Saaltext.

Da es keine ehemaligen Betriebsangehörigen der Nordwolle mehr gibt, die die Musterspinnerei betreiben könnten, steht diese Anlage leider still.

 

Weitere Informationen

Nordwolle Delmenhorst
Nordwestdeutsches Museum für IndustrieKultur

Am Turbinenhaus 12
27749 Delmenhorst
www.delmenhorst.de/kultur-bildung/museum/index.php

 



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