Reisemagazin schwarzaufweiss

Stürmisch-stille Marscheninsel

Unterwegs auf Nordstrand

Text und Fotos: Hilke Maunder

1634: Ein machtvoller Herbststurm tobt über der nordfriesischen Nordsee, überflutet die Deiche und reißt die Insel Strand in Stücke. Diese große „Manndränke“ hat der nordfriesischen Inselwelt ihr heutiges Gesicht gegeben: mit winzigen Halligen, dem grünen Pellworm und der Marscheninsel Nordstrand, die heute mit einem Fahrdamm ans Festland gebunden ist.

Nordstrand - Gründeich bei Fuhlehörn

Gründeich bei Fuhlehörn

Die Heimatinsel des einstigen Schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidenten Peter-Harry Carstensen ist nicht nur Weideland für Tausende Schafe und Sprungbrett nach Föhr, sondern auch Geburtstätte eines hochprozentiges Heißgetränks, das garantiert das Herz erwärmt: des Pharisäers. Mindestens vier Zentiliter Rum muss ein echter Pharisäer nach einer Entscheidung des Amtsgerichts Flensburg aus dem Jahr 1981 enthalten", sagt Karl-Addi Martens. Er ist Wirt im traditionsträchtigen Pharisäerhof (1), wo am 12. Oktober 1872 das Nationalgetränk der Nordstrander erfunden wurde. Anlass war die Taufe des siebten Kindes des Bauern Peter-Georg Johannsen, Helene Patria. Der amtierende Inselpastor Georg Bleyer jedoch lebte äußerst asketisch und verbot den anwesenden Gästen den Alkoholgenuss. Da griff Bauer Johannsen zu einer List. Er brühte einen starken, süßen Kaffee, veredelte ihn mit einem ordentlichen Schuss Rum und versteckte den Alkoholgeruch unter einer dicken Sahnesicht aus Schafsmilch. Für den Pastor gab es nur Kaffee pur. Doch die immer heitere Stimmung machte ihn misstrauisch. Energisch griff er zur Tasse seiner Nachbarn links und rechts, trank deren Tassen leer – und zischte wütend seinen ungehorsamen Schäfchen entgegen: „Ihr Pharisäer“. Und damit hatte das Nationalgetränk der Nordfriesen nicht nur seinen Namen, sondern auch eine Geschichte, die bis heute lebendig ist: 1979 widmete die norddeutsche Folk-Gruppe der Legende ein Lied. Auch für den Pharisäerhof bedeutet die Legende bis heute klingelnde Kassen: Bei Kaffeefahrten über die Insel gehört ein Pharisäer-Stopp am alten Friesenhof zum Pflichtprogramm.

Nordstrand - Pharisäer

Ein Blick zurück

Nur wenige, die heute die Insel bewohnen, sind indes tatsächlich waschechte Friesen. Anders als auf Pellworm, wo nach der großen Sturmflut die Bewohner ihre Insel selbst neu eindeichten, hatte Nordstrand nach der großen Manndränke eine weitreichende Landflucht erlebt – seine Bewohner waren auf das höher gelegene Nordstrandischmoor, aufs Festland und sogar bis in die Uckermark geflüchtet. Um die nahezu verwaiste Insel zu schützen, unterschrieb der Gottorfer Herzog Friedrich III. 1652 den ersten „Oktroy“ Nordfriesland, dem weiteren folgen sollten. Dieser Freibrief sprach dem Brabanter Deichgrafen Quirinius Indervolden weit reichende Rechte auf der Insel zu, sollte er sie erfolgreich vor dem Zugriff des Meeres schützen. Als neuer Eigentümer der Insel waren Indervelden und seine katholischen Deichbauern aus den Niederlanden für 14 Jahre von allen Abgaben befreit und durften selbst Gericht, Polizei, Kirche und Verwaltung organisieren. Die alten Insulaner empfingen die neuen Bewohner – und ihren anderen Glauben – mit Ablehnung. Ihre Proteste jedoch blieben fruchtlos. Denn: „Wer nich will dieken, muss wieken“ – wer nicht deichen will, muss weichen“. 1654 wurde der Friedrichskoog (heute: Alter Koog) eingedeicht, 1657 der Maria-Elisabeth-Koog (heute: Oosterkoog), 1663 der Trindermarsch-Koog (heute: Trendermarsch-Koog) und 1691 der Neue Koog (heute: Neukoog). Erst mit dem französischen Grafen Jean Henri Desmercieres wendete sich das Schicksal der Einheimischen. Der Blaublüter, der in Dänemark Karriere als Konferenzrat gemacht hatte, ließ 1768 den Elisabeth-Sophien-Koog eindeichen. Das neu gewonnene Land vergab Desmercieres günstig an die Insulaner, die damit erstmals wieder mehr Einfluss in ihrer Heimat gewannen. Der Oktroy jedoch blieb insgesamt 200 Jahre, bis zur Einführung der Preußischen Gemeindeverfassung 1850, in Kraft. Doch auch danach ging die Landsicherung und -gewinnung weiter. 1866 folgten der Morsumkoog, 1924 der Pohnshalligkoog und 1987 schließlich der Beltringsharderkoog, der große Wattflächen unwiederbringlich zerstörte – und Nordstrand zur Halbinsel machte.

Wo Curd Jürgens einst Pfarrer war

Nordstrand - Außendeich

Befestigter Außendeich

Aber wer über den schon 1935 eröffneten Straßendamm nach Nordstrand kommt, der hat das Festland verlassen – denn Nordstrand hat das ‚Inselgefühl’ bis heute bewahrt. Das ist besonders beim Radfahren zu spüren, wo sich außerdeichs die gesamte Insel auf einem Betonplattenweg umrunden lässt – vorbei an der Badebucht von Fuhlehörn (2), wo des Sommers auch Wattwagenfahren und Wattführungen starten und mehreren Cafés, die auf der Deichkrone mit Halligblick, Matjesteller und Butterkuchen locken. Vor den Deichen erstrecken sich riesige Salzwiesen. Durch diesen einzigartigen Lebensraum, in dem jährlich Hunderttausende Vögel brüten, führt von April bis Oktober der Salzwiesenlehrpfad am Süderhafen. Die würzigen Salzgräser auf den Deichen und Weiden wie Andel und Strandwegerich sind für die Schafe die reinste Delikatesse – und verleihen Nordfrieslands Nationalgericht seinen unvergleichlichen Geschmack: dem Salzwiesenlamm.

Nordstrand - Cafe auf der Deichkrone

Cafés auf der Deichkrone

Zu den renommiertesten Schäfereien an der Westküste gehört die Schäferei Baumbach (3) an der Inselauffahrt auf Nordstrand. 300 Schafe beweiden den Außendeich, 450 Lämmer werden bei Baumbach jedes Jahr geboren. Alles rund ums Lamm gibt es ganzjährig im Hofladen: frisches Lammfleisch, Lammwurstwaren und von Mai bis Oktober auch frischen Schafs- und Ziegenkäse – pur, in Öl, oder mit Kümmel oder Dill verfeinert. Die typische Inselkeramik gibt es bei der Nordstrander Töpferei, die ihre Kreationen nach Vorbild der inseltypischen Gebrauchskeramik fertigt: Schüsseln, Teller, Tassen und Deko-Souvenirs in Grau-Blau und Grau-Grün, in der angeschlossene „Nordstrander Teestuv“ (4) gleich im praktischen Einsatz.

Durch die Fenster über weites, plattes Land, auf dem zwölf riesige Windräder den einst höchsten Bau der Insel klein erscheinen lassen: die altkatholische Kirche St. Theresia. Vor mehr als 40 Jahre wurde dort ein Film gedreht, der 2011 erstmals am Originalschauplatz aufgeführt wurde: der Pfarrer von St. Pauli. Im Erfolgstreifen von 1970 spielte Curd Jürgens einen U-Boot-Kapitän, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Dienst als Pfarrer auf St. Pauli aufnimmt, wo er es mit allerlei Kleinganoven zu tun hat. Als er einer Bande unbequem wird, inszeniert diese einen Skandal, der zu seiner Versetzung auf eine Nordseeinsel führt: nach Norderkoog alias Nordstrand. 2010 diente die Insel wieder als Kulisse für ein Nachkriegsdrama: Mit „Liebe deinen Feind" warf Niki Stein den Blick auf die politischen Grauzone des Sommers 1945: Krieg und Frieden als tragische Dreiecksgeschichte vor der windigen Strand-Kulisse der Nordseeinsel Nordstrand.

Nordstrand - Schafe mit Lämmern

Schafe mit Lämmern

 

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