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Auf den Spuren des "Blauen Reiters"

Ein Besuch im Künstlerdorf Murnau in Oberbayern

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Deutschland Murnau Rundblick

Von ihrer Grabstätte hat man einen schönen Blick hinüber zum Haus in der Kottmüllerallee. Das hätte ihr sicher gefallen. Denn Gabriele Münter verbrachte dort auch glückliche Jahre. „Russenhaus“ nannten es die Murnauer, denen die ausländischen Künstler, die dort ein- und ausgingen, suspekt waren, und die sich über das „gschlamperts Verhältnis“ der Münter mit dem aus Moskau stammenden Wassily Kandinsky mokierten. Über ihren Tod hinaus wollte man in Murnau nichts von Gabriele Münter wissen. Kunstgeschichte wurde dort geschrieben, der Expressionismus vorangebracht, doch keiner wollte etwas bemerken.

In einem Brief vom 25. Juli 1949, als es ihr finanziell schlecht ging, schrieb sie an Bürgermeister Brandl: „Vielleicht ist es Ihnen und der Gemeindeverwaltung von einigem Interesse, dass Ihre Mitbürgerin, die nun gerade seit vierzig Jahren in Murnau ein Anwesen besitzt und ihre Wahlheimat hier gefunden hat, jetzt durch eine (nach ihrem 70. Geburtstag freilich um zwei Jahre verspätete) Ausstellung von Werken aus fünf Jahrzehnten geehrt wird...“

Deutschland Murnau Grab Münter
Das Grab von Gabriele Münter

Doch daran hatte man in Murnau kein Interesse. 1957, zu ihrem 80. Geburtstag, schenkte sie der Stadt München eigene Bilder sowie Werke von Kandinsky, die der Maler bei seinem Weggang 1914 zurücklassen hatte, als er unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit seiner Lebensgefährtin in die Schweiz flüchtete. „Millionenkeller“ betitelte der Volksmund den Verschlag, in dem sie die Bilder verwahrte. Für die großzügige Gabe wurde sie in München geehrt. Ein Jahr später verlieh man ihr das Große Bundesverdienstkreuz. In Murnau hingegen blieb sie weiterhin unbeachtet.
 
Heute sind auch Lokalpolitiker klüger. Inzwischen ist Murnau Mitglied bei EuroArt, der Vereinigung europäischer Künstlerkolonien, die im 19. und 20. Jahrhundert die Kunst revolutionierten. Und nun ist man stolz auf das geistige Erbe, das die Künstler dem Marktflecken im Oberbayerischen hinterlassen haben. Inzwischen betrachtet es die Gemeinde als Produktvorteil beim touristischen Auftritt der Urlaubsorte rund um den Staffelsee. Die Region vermarktet sich als „Blaues Land“ - ein Begriff, der von den Protagonisten des „Blauen Reiters“, Wassily Kandinsky und Franz Marc, geprägt wurde.

Malerei aus dem Kindergarten?

Mittlerweile gibt es in Murnau auch einen Gabriele Münter-Platz – gleich gegenüber der Touristeninformation. Das renovierte Münter-Haus, das die Malerin bis zu ihrem Tod 1962 bewohnte, ist eine vielbesuchte Gedenkstätte, und die Sammlung ihrer Werke im Schlossmuseum erfreut sich ebenfalls Beachtung. Unmittelbar vor der Euro-Umstellung bezahlte das Museum für den Ankauf des Münter-Gemäldes „Kandinsky und Erma Bossi am Tisch“, das 1912 entstanden war, 1,2 Millionen Mark.

Deutschland Murnau "Russenhaus"
Das "Russenhaus"

Grämen werden sich heute jene, die mit Münter-Bildern Fenster zupappten, die Gemälde auf dem Dachboden vermodern ließen oder den Ofen damit heizten. Erst Mitte des vorigen Jahrzehnts begann das Interesse an der Künstlerin zu erwachen. Der heute 91 Jahre alte Malermeister Franz Fischer, der sie und ihren späteren Lebensgefährten Johannes Eichner persönlich kannte und selbst Hinterglasbilder fertigt, kann sich mit den bunten Münter-Bildern allerdings bis heute nicht anfreunden. „Kindergartenmalerei“ sei das für ihn damals gewesen. Bei der Ansicht ist er geblieben.

„Bis vor dreißig Jahren war Murnau nur als Luftkurort existent“, erzählt Gina Feder, die 1994 nach Murnau zog und in dem Haus ihrer Großeltern ein Galerie-&Art-Hotel betreibt. Zudem ist sie selbst Künstlerin und Mitbegründerin des Vereins „Das gelbe Haus“, dem etwa fünfundzwanzig Maler und Bildhauer angehören. Die Künstlerszene in und um Murnau ist lebendig. Doch die örtliche Presse tue sich mit den zeitgenössischen Künstlern im eigenen Dorf immer noch schwer, sagt Gina Feder.

Eine Landschaft für Talente

 Ausgerechnet ein Zugereister brachte den Stein der Münter-Renaissance ins Rollen. Johannes Giessler kam 1972 nach Murnau. Der Innenarchitekt, Designer und Maler graphischer Landschaftsbilder fand in der Kunstpostkarten-Sammlung seines Vaters zahlreiche Murnauer Motive. Das machte ihn neugierig. „In Murnau selbst gab es damals keine Hinweise auf Maler, die dort gelebt und gearbeitet haben.“ Das Grab von Gabriele Münter war zugewuchert, die Inschrift des Grabsteins kaum noch zu entziffern. Giessler forschte nach weiteren Kunstpostkarten, Kalenderblättern und Bildbänden, suchte die Schauplätze in der Landschaft und bat Heinz Steinmetz aus Riegsee, mit seiner Hasselblad Fotos davon zu machen. Im Sommer 1978 wurde die Ausstellung im neuen Kurgästehaus eröffnet. Später gerät die Dokumentation in die Hände der Gemeinde Murnau, wo sie in der Schublade verschwand. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis Urlauber auf den Spuren des Blauen Reiters wandern konnten.

Deutschland Murnau Schneelandschaft
Oberbayerische Landschaft: wie gemalt

Giessler hat Murnau sein unverwechselbares Image zurückgegeben. Unverständlich bleibt, dass seine Verdienste nirgendwo gewürdigt werden. Für den Außenstehenden macht Murnau den Anschein, als hätte niemals eine Lücke in der Chronik geklafft, als sei man sich der künstlerischen Bedeutung des Städtchens immer bewusst gewesen.
 
Schon im Jahre 1782 schrieb der Münchner Historiker Lorenz von Westenrieder voller Enthusiasmus: „Wir haben die herrlichsten Gegenden, und so ganz romantische in Bayern, dass ich versichert bin, die größten Künstler, wenn sie dieselben jemals gesehen hätten, würden sich freuen, hier ihr Talent zu üben...“ Mehr als 125 Jahre später kommen Münter und Kandinsky auf der Suche nach einer ländlichen Idylle von München nach Murnau, damals ein Ort mit 2500 Einwohnern und zehn Brauereien. Ihre Künstlerfreunde Alexej Jawlensky und Marianne von Werefkin hatten ihnen von dem malerischen Ort vorgeschwärmt.

Das Licht des Alpenvorlands, die klaren Farben und die weite, offene Landschaft, das Murnauer Moos und die Alpenkette dahinter begeistern sie. Im Sommer 1908 quartiert sich das Paar im Gasthof „Griesbräu“ ein. Mit Feuereifer greifen sie sogleich zu Pinsel und Farben. Der „Blick aus dem Fenster des Griesbräu“, den beide malten, zeigt unterschiedliche Blickwinkel auf die Johannisstraße und legt nahe, dass jeder für sich ein Zimmer bewohnte.

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