Reiseführer Münsterland
Kein Bischof, aber dennoch ein Dom – Billerbeck
Mitten im Münsterland liegt der Wallfahrtsort Billerbeck, der auch den Beinamen Ludgerusstadt trägt. Verehrt wird der in Utrecht geborene und am 26.März 809 in Billerbeck verstorbene Apostel der Sachsen und Friesen sowie erster Bischof von Münster bis in unsere Tage. Dass man von der neogotischen Propsteikirche St.Ludgerus auch als Billerbecker Dom spricht, ist wohl den Ausmaßen dieses Gotteshauses ebenso geschuldet wie auch der Verehrung des ersten Bischofs von Münster.

Kunst am Bahnhof Billerbeck
Lassen wir den Bahnhof hinter uns und laufen über die sogenannte Theatermeile – sie verweist auf die regelmäßigen Veranstaltungen in der Freilichtbühne – ins Ortszentrum, so sehen wir zahlreiche Skulpturen und Plastiken entlang des Weges. Sie alle beschäftigen sich wie „Hans-Guck-in-die-Luft“ von Mechthild Amann mit Bühnenstücken. Wir sehen die Skulptur „Der Wunschkönig“ von Andreas Perrey und auch den „Froschkönig“ von Jörg Nachtigall, um nur einige der ausgestellten Arbeiten namentlich zu erwähnen.

Unterwegs auf der Theatermeile
Noch auf eine Besonderheit muss an dieser Stelle hingewiesen werden. Während in anderen Orten Kriegerdenkmäler – auch an und in Kirchen – unkommentiert bleiben, hat man in Billerbeck das Kriegerdenkmal von 1926, eine Art Rundtempel, durch eine künstlerische Intervention zu einem Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft umgestaltet. Den am Projekt beteiligten Künstlern W.Winter und B.Hörbelt gelang mit einfachen Mitteln, aus der „Kriegerkapelle“ eine Kapelle der Friedfertigkeit zu schaffen. Sie schufen eine gläserne Gedenktafel, die die Namen der Toten der beiden Weltkriege und die Opfer der NS-Gewaltherrschaft aufführt. So liest man den Namen des australischen Soldaten Ian Dutfield ebenso wie die Namen gefallener Mönche der Benediktiner-Abtei Gerleve. An Michail Koralow wird ebenso gedacht wie an Alexej Garant, die beide 1945 ihr Leben ließen. Die jüdischen Bürger Billerbecks, die verfolgt, vertrieben oder ermordert wurden, haben Namen erhalten, so die Familie Louis Albersheim aus der Münsterstr.3 oder Julius Bendix, der als Zwangsarbeiter verschleppt wurde und unter nie geklärten Umständen ums Leben kam. Dass wohl nicht jeder Einwohner der Stadt mit einer derartigen Erinnerungskultur konform geht, zeigen die Vandalismusspuren an der Gedenktafel.

Das Kriegerdenkmal von Billerbeck
Der Dom ist nicht das einzige Gotteshaus
Der sogenannte Dom ist ein Kind des Historismus des 19.Jahrhunderts und nimmt die Formensprache der Gotik auf. Der Kirchenentwurf stammt vom Münsteraner Baumeister Wilhelm Rincklake, der für das Langhaus die Form einer Basilika wählte. Das bedeutet, dass das hohe Mittelschiff die Seitenschiffe überragt. Die Länge des Doms beträgt 56 Meter, die Breite 26 Meter. Weithin sichtbar sind die 100 Meter hohen Türme, deren Helme mit Schiefer und Kupfer gedeckt sind. Als Material für den Bau des gewaltigen Gotteshauses verwendete man Baumberger Sandstein der Region.

Ein Dom, doch kein Bischof
Selbstverständlich besitzt der Billerbecker Dom die Reliquien des hl.Liudger. Sie wurden auf Weisung von Clemens August, Kurfürst und Herzog von Bayern, 1735 aus Werden (Essen) nach Billerbeck überführt. Der Heilige ist noch an anderen Stellen in der Kirche präsent, so als Täufer auf einem Kanzelrelief. Im Südturm des Doms befindet sich die Sterbekapelle des Heiligen. Sie ist das Hauptziel der nach Billerbeck pilgernden Gläubigen. Das reliefierte Altarbild wurde aus Carraramarmor gehauen und zeigt den Tod des Heiligen inmitten seiner Brüder. Unter der Altarplatte befindet sich eine weitere Reliquie des hl. Liudgers.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom steht die Johanniskirche, die auf das Jahr 1234 datiert. Erbaut wurde dieses Gotteshaus als sogenannte Stufenhallenkirche. Gotische Überformungen der ursprünglich romanischen Kirche, sind zum Beispiel an der Nordseite zu sehen. An dieser Seite befindet sich auch eine aus dem 17.Jahrhundert stammende Kreuzigungsgruppe. Zur Ausstattung der Kirche gehören das spätgotische Sakramentenhaus, ein Triumphkreuz und eine Doppelstrahlenmadonna aus dem 15.Jahrhundert. Aus der gleichen Zeit stammt auch der Taufstein mit seinen acht Reliefs, die unter anderem die Taufe Jesu im Jordan zeigen. In unmittelbarer Kirchennähe stehen Speicherhäuser, die im 16.Jahrhundert von ärmeren Bürgern Billerbecks bewohnt waren.
Noch eine Burg des Münsterlandes
Auf dem Weg von der Johanniskirche zur Kolvenburg passieren wir zunächst das ehemalige Archidiakonat, das nach einem Brand im Jahr 1679 wieder aufgebaut wurde. Anschließend stehen wir vor der Alten Gerberei, deren Bau im 19.Jahrhundert von der jüdischen Familie Meyer-Bendix in Auftrag gegeben wurde. Der Standort direkt an der Berkel war gut gewählt, denn zum Gerben der Tierhäute brauchte man Wasser, zunächst beim Einweichen der Felle, dann aber beim eigentlichen Gerben mit Baumrinden. Dass die jüdischen Besitzer Ende der 1930er Jahre den Betrieb einstellten, war eine Folge der NS-Gewaltherrschaft. Auf dem mit Alleebäumen gesäumten Grünstreifen in der Nähe der Alten Gerberei entdecken wir eine Installation aus Kreuzen und einer mit Kreuzen versehenen verrosteten Platte. Die zu lesende ausgestanzte Inschrift lautet: „Gottes Willen: Kein Krieg!“ - ein stummes Antikriegsdenkmal in einer Stadt, die nicht arm an Mahnmalen und Denkmalen ist.

Heute museal genutzt: die Kolvenburg
Nächste Station auf unserem Rundgang ist die Kolvenburg unweit der örtlichen Realschule. Es ist ein wuchtig wirkender viergeschossiger Bau mit gewaltigem Knüppelwalmdach. Teilweise sind beim Bau unterschiedlich gebrannte Ziegel verwendet worden. Einige sind in der Färbung hellrot, andere dunkelrot. Von einer Gräfte ist nichts mehr zu sehen. Auch muss man wissen, dass das heutige Aussehen durch Anbauten an den Burgfried entstanden ist: Nachdem die südöstliche Erweiterung abgeschlossen war, erfolgte im 16.Jahrhundert die nordwestliche Erweiterung. Mit den Erweiterungen verschwand auch die ursprüngliche Form des Burgfrieds und des ummauerten Burghofs, der durch den heutigen Bau eingenommen wird.

Auf der Theatermeile von Billerbeck entdeckt
Kehren wir in den Ortskern zurück, so stoßen wir mit Haus Beckebans (1550) auf einen ehemaligen Burgmannshof, der unter Denkmalschutz steht. Nur wenige Schritte von hier hat ein Mahnmal für die jüdischen Bürger der Stadt seinen Platz. Als Inschrift lesen wir ein Zitat von Rose Ausländer:“Wer wird sich meiner erinnern, wenn ich gehe“.

Der hl. Liudger von Billerbeck
Verehrt an einer sächsischen Kultstätte
Unweit der evangelischen Kirche befindet sich der Liudger-Brunnen dort, wo eine sächsische Kultstätte war. An solchen Orten pflegte der umtriebige Liudger das Evangelium zu verkünden. Urkundlich wird der Brunnen erstmals 1541 erwähnt. Erst mehr als eineinhalb Jahrhunderte später erbaute man die barocke Brunnenkapelle, gestiftet von dem damaligen Stadtrichter und dessen Gemahlin. Ihre Wappen finden sich links und rechts über dem Eingang. Aus den 1950er Jahren stammt die Liudger-Figur auf der Brunnenumrandung. Die Züge dieser Figur ähneln denen des Kardinals Clemens August Graf von Galen, der hier am 15.April 1934 eine seiner ersten bekannten Predigten gegen die Nazi-Diktatur hielt. Rund um die Brunnenanlage wurde ein Liudger-Gedenkweg angelegt, der sich mit den Lebensstationen des Heiligen befasst, ob mit der Begegnung mit Bonifatius 754 oder mit dem ersten Missionsauftrag 776. (text/fotos fdp)
Weitere Informationen
Tourist-Information Billerbeck
www.billerbeck.de
Kolvenburg Billerbeck
www.kolvenburg.de
Fahrradvermietung
Radstation in „billerbeck's Bahnhof“
www.billerbecks-bahnhof.de
Im Bahnhof, der vom Interkulturellen Begegnungsprojekt e.V. betrieben wird befindet sich nicht nur die Radstation sondern auch ein Kunstcafé, in dem Ausstellungen gezeigt und unterschiedliche Musikveranstaltungen organisiert werden. Die Freifläche am Bahnhof nutzen bildende Künstler wie Dieter Ebbing und andere, um ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Freibad
Osterwicker Str. 27
Förderverein Mahnmal Billerbeck e.V.
www.artcampus.de/mahnmal