Reisemagazin schwarzaufweiss

Zwischen "Kiepenkerl" und Kultur

Das westfälische Münster ist längst nicht mehr verschlafen

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Es war schon mutig, als sich das vermeintlich verschlafene Münster neben Großstädten wie Essen und Köln um den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt bewarb. Die Stadt wurde zwar nicht Kulturhauptstadt, doch die Kultur ist deshalb im Westfälischen keinesfalls am Ende. Was also bleibt an Höherem und Alltäglichem in der Metropole der Wiesen und Äcker, der Reitpferde und Kirchen? Und warum sollte man getrost einmal einen Kurztrip dorthin wagen? - In unserer Reportage lesen sie die Antworten auf diese und andere Fragen.

Zugegeben, Münster gilt eher als bieder denn als bahnbrechend. Das liegt wohl daran, dass die meisten Menschen ihr Urteil von der beschaulichen Schönheit des Prinzipalmarktes, der so genannten „guten Stube“ Münsters, beeinflussen lassen. Oder sind gar die bäuerlichen Spezialitäten wie Schinken, Münsterländer Töttchen und Pumpernickel der Grund, dass man hier eher an Schlachtplatten als an Schickimicki denkt? Auch das Wahrzeichen des Münsterlandes, der wandernde Kiepenkerl-Händler (sein Denkmal siehe Foto unten), ist ein seit dem Mittelalter vertretener Stand und somit nicht gerade Aushängeschild für Innovation.

Deutschland Muenster Kiepenkerl

Münster setzt sich in Szene

Aber Moment! Ein Blick hinter die Fassade eröffnet dem Besucher neben dem Freilichtmuseum, das tatsächlich ebendiese Vorstellungen wieder aufleben lässt, viele Facetten einer im wahrsten Sinne „ausgeschlafenen“ Stadt. Fragen Sie die Fernsehzuschauer, die durch stetig steigende Einschaltquoten beweisen, dass ihnen der Drehort Münster mit seinem verschroben-schnorrenden Privatdetektiv Wilsberg mehr bietet als oben genannte Traditionen. Und spätestens seit Franka Potente auch in Hollywood-Produktionen ihr Talent beweist, ist das Münsterland um ein wenig Glamour reicher. Ihr letzter Film feierte denn auch konsequenterweise dort seine Deutschlandpremiere. Ganz zu schweigen einmal von den sich ewig anfrotzelnden Protagonisten der Münsterschen Tatort-Serie.

Im Sommer lockt der Prinzipalmarkt als Open-Air-Konzertsaal, und das von Conrad Schlaun erbaute Schloss wird Kulisse lauer Filmnächte. Auch musikalisch hält die Domstadt mehr, als man von ihr vielleicht erwartet. Jenseits des Echo-prämierten Swing der 50er Jahre, den der bekannte Tollenträger Götz Alzmann als Lokalmatador präsentiert, gibt sich Münster durch seine lebendige Jazz- und Bluesszene und die stetig wachsende Beliebtheit des Kreativkais am ehemaligen Stadthafen schillernd und vielseitig.

Deutschland Muenster Kreativkai

Am alten Stadthafen: kreativ wird der Kai

Der Hot Jazz Club und das Dockland mit seinen regelmäßigen Starauftritten aus der Hipp-Hopp und Technoszene sind ebenso Aushängeschilder für ein „angesagtes“ Münster wie die Watusi Bar. Daneben lockt Steffi Stefan, Mitglied des Panikorchesters um Rockrebell Udo Lindenberg, etliche bekannte Größen zu dem von ihm organisierten Stadtfest der Superlative und in seine Lokalitäten. Womit die Abende in der westfälischen Metropole also gerettet wären.

Nicht nur Regen und Glockenläuten

Vor den Konzerten oder Disco-Besuchen locken die Pinten der Studentenszene, die die drittgrößte Universitätsstadt Deutschlands zuhauf und in allen Variationen zu bieten hat. Vom mittelalterlichen Schmaus im „Fegefeuer“ zu „Münsters erster akademischer Trinkanstalt“, der Cavete, von lateinamerikanisch über koreanisch bis hin zum „Friedensreiter“, dem Bier, das an den hier geschlossenen Westfälischen Frieden am Ende des Dreißigjährigen Krieges erinnert, findet der Genießer weit mehr als die oben zitierten Pumpernickelschnittchen!

Deutschalnd Muenster Gasolin

Kreativ-Café "Gasolin"

Und wer sich auf den Guide Michelin verlassen möchte, der ist in Münster ebenfalls gut bedient. Schließlich wartet die Villa Medici mit einem im doppelten Sinne ausgezeichneten italienischen Menü auf. Und abgetanzt wird in der ehemaligen Bananenreiferei, dem Dockland, in den 2500 Quadratmeter großen Nachtstudios und diversen anderen Szenekneipen und Discos.

Aber was tut man nun während des Tages? Schließlich sagt man von Münster, dass es dort „entweder regnet oder die Glocken läuten“. Auch dies ist wohl eines der Vorurteile, die noch aus den landwirtschaftlich geprägten Tagen der Torf- und Wiesenlandschaft stammen. Weder ist das Wetter wirklich so schlecht, noch wird es heute so wichtig genommen wie damals. Und selbst wenn es mal „meimelt“, wie der Münsteraner sagt, genießt man den Tag eben im Planetarium oder im sehenswerten Stadtmuseum, bei einer internationalen Zeitung im Café Malik oder Extrablatt. Oder man studiert die Fensterbilder im alten Gasthaus Leve (Foto unten). Auch eine Runde Billard in der Westerndekoration des Roadhouses söhnt den Besucher schnell mit einem Schauer aus. Sogar der Tierpark mit integriertem Delfinarium, westfälischem Pferdemuseum und stets überraschenden Aktivitäten heißt hier „Allwetterzoo“, also keine Angst!

Deutschland Muenster Fensterbild

Von Tatort zu Tatort

Und wenn dann die Sonne wieder scheint, sind den Möglichkeiten ohnehin keine Grenzen mehr gesetzt: Die Filmfans kommen bei einem ersten Stadtrundgang unter dem Motto „Wilsberg und Co.“ auf ihre Kosten.

Deutschland Muenster Buddenturm

Buddenturm mit Promenade

Stadtrundgänge sind angesagt und abwechslungsreich, mal von Tatort zu Tatort, mal typisch mit dem Fahrrad, mal historisch mit Schwerpunkt auf dem Wiedertäufer Jan van Leiden, dessen Glaubensbewegung genau wie er selbst in Münster ein jähes Ende fand. Oder aber architektonisch bei einem Spaziergang entlang der Formen und Bauwerke, die unter anderem die beliebte Skulp-Toura in regelmäßigen Abständen im gesamten Stadtgebiet hinterlässt.

Die Promenade, grüner Gürtel der Innenstadt, bietet sich selbst für „Kunstbanausen“ als ideale Spazierstrecke an. Liebhaber von Tand, Trödel oder Antiquitäten kommen hier während der Sommerflohmärkte auf ihre Kosten. Oder sei es nur, um die Geschwindigkeit der „Leezen“ (münsterscher Ausdruck für Fahrräder) zu bewundern, die neben dem sicheren Fußgängerweg entlangrasen. Habe ich schon den Giro d’Italia erwähnt?

Deutschland Muenster Dom

Der Dom zu Münster

Noch ein Grund, besonders im Sommer die westfälische Metropole zu besuchen. Dann fahren hier die wirklichen Radprofis durch die Stadt. Auch der Münster-Marathon lockt nicht nur mit seinem Zieleinlauf am fahnengeschmückten Prinzipalmarkt. Sportlich kann sich die circa 270.000 Einwohner starke Stadt also auch sehen lassen. Preußen Münster sucht man zwar in der 1. Bundesliga vergebens, dafür glänzen aber die Volleyball-Damen, gibt es das Reitspektakel „Turnier der Sieger“ auf dem Schlossvorplatz und lohnt sich das Kanufahren auf der nahegelegenen Werse.

Vom Kuhviertel zur Halfpipe

Malerisch sind nicht nur die kopfsteingepflasterten Gässchen des Kuhviertels oder der alljährliche Weihnachtsmarkt in der Altstadt, auch international kann man sich spätestens seit der Eröffnung des Picasso-Museums mit seiner umfangreichen Grafiksammlung „malerisch“ behaupten. Und sicherlich hat kaum eine Bewerberstadt ein Museum für Lackkunst oder solch farbenfrohe Fassaden wie die von Otmar Alt gestalteten Gebäude. Auch in der Literatur haben die Münsteraner ihre Spuren hinterlassen.

Deutschland Muenster Erbdrostehof

Der Erbdrostenhof

Wer kennt nicht die „Judenbuche“ der Annette von Droste-Hülshoff, deren Erbdrostenhof im Sommer als Open-Air-Konzertbühne der klassischen Art dient? Die Burg Hülshoff, umgeben von Wasser und Parklandschaft in der unmittelbaren Nähe Münsters, gehört unbedingt zu den Attraktionen eines Aufenthalts.

Spätestens jetzt werden sich die jugendlichen Leser fragen, was sie eigentlich hier zu erwarten haben. Doch auch Kinder und Teenager kommen nicht zu kurz. Wen die Wasserschlösser und die letzten westfälischen Wildpferde der näheren Umgebung wenig reizen, der sollte sich ins Kinder-Dschungelland - einen Indoor-Spielplatz mit Kletterwand, Hüpfburg, Rutschen und Ballparadies - oder auf die Mini-Eisfläche des winterlichen Maikotten-Lokals begeben. Auch die dreimal im Jahr stattfindende Großkirmes „Send“ lohnt den Besuch allemal.

Deutschland Muenster Kreuzviertel

Im Kreuzviertel

Für die jugendlichen Skater aber ist ein Ladenlokal das Mekka, das es zumindest einmal im Leben zu besuchen gilt: Titus als Hersteller von Skateboardzubehör und Ausrichter diverser Meisterschaften im Skateboardfahren ist mit Sicherheit jedem Könner auf dem Brett ein Begriff. „Halfpipes and good vibes“ sind das Motto im umgebauten Kinosaal, der jetzt als Verkaufsfläche der Superlative gilt. Und liegt Münster auch auf dem platten Land, so kann man hier trotzdem hoch hinaus, denn die Kletterhalle „High Hill“ zeigt nicht umsonst einen gelenkigen Orang Utan auf dem firmeneigenen Emblem.

Fazit: Das einst so verschlafene Marktfleckchen Münster hat sich längst den Sand aus den Augen gerieben. Wer den Glockenschlag des Big Ben schon auswendig kennt, die Lichterfahrt auf der Seine beim fünften Mal einfach nicht mehr so recht genießen kann und wessen Stöckelschuhe auf der Via Appia immer so merkwürdig wegsacken, dem sei guten Gewissens ein neuer Stern am Himmel der Städtereisen empfohlen - Italienisch kann ja jeder, doch wer spricht schon Masematte? Und was das ist? Fahren Sie hin und finden Sie’s raus!

 

Weitere Informationen zu Münster bietet unser Reiseführer Münster

 

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