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Münster

LWL Museum für Kunst und Kultur

Henry Moore. Impuls für Europa
bis 19. März 2017

Henry Moore gehört zu den wichtigsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer gilt er heute noch als Inbegriff des "modernen Künstlers". Die Ausstellung zeigt auf, warum Moore, der bereits zu Lebzeiten als "Picasso der Skulptur" gefeiert wurde, die Bildhauerei in einem solchen Maß dominierte, dass er selbst eine jüngere Künstlergeneration zum Schulterschluss zwang. Moore setzte sich radikal mit dem Verhältnis von Mensch und Natur auseinander und wählte die menschliche Figur als zentrales Motiv. Thema der Ausstellung ist die Frage, warum Henry Moore international, aber auch in Deutschland so viele Künstler inspirierte wie Hans Uhlmann und Bernhard Heiliger und Joseph Beuys. Neben Werken von Moore werden Arbeiten von Jean Arp, Wilhelm Lehmbruck und Alberto Giacometti, aber auch Bilder von Pablo Picasso, Joseph Scharl und anderen gezeigt.

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Henry Moore, Mother and Child, 1953. Tate: Presented by the Friends of the Tate Gallery 1960 © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: © Tate, London 2016

Nein, die aktuelle Ausstellung ist keine reine Werkschau und Retrospektive, sondern beleuchtet die Wechselwirkung zwischen Henry Moore, der ganz nachhaltig die Bildhauerei der Nachkriegszeit beeinflusst hat, und anderen Künstlern wie beispielsweise Hans Arp, Alberto Giacometti, Barbara Hepworth, Karl Hartung, Pablo Picasso und Bernhard Heiliger. Dabei stehen die plastischen Arbeiten jener Künstler und vor allem von Moore im Fokus der opulenten Schau, deren Besuch besonders empfohlen wird. Zu sehen sind unter anderem 74 Arbeiten von Moore, darunter 43 Zeichnungen, und 47 Werke anderer Künstler, davon 34 Skulpturen und Plastiken. Mehr als die Hälfte der Exponate stammt aus der Tate Gallery.

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Henry Moore, Two Reclining Figures, 1980. LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: LWL/Sabine Ahlbrand-Dornseif

Skulpturen mit Gewicht

Henry Moore ist in Münster kein Unbekannter, hat er doch die Stadt mehrmals besucht. Zudem steht eine seiner Großplastiken namens „Vertebrae“ vor der LBS Westdeutsche Landessparkasse unweit des Aasees. Neben dieser Großplastik sind nun im Rahmen der Ausstellung drei weitere Arbeiten Moores im Außenbereich zu sehen. Sie sind gleichsam Stolpersteine auf dem Weg ins Museum und befinden sich sowohl an dem Zugang vom Domplatz wie auch vom Pferdemarkt. Unter anderem sind „Draped Seated Woman“ aus dem Bestand des Kunst- und Museumsvereins Wuppertal sowie „Three Way Piece No. 2: Archer aus dem Bestand der Berliner Nationalgalerie zu sehen. Beide Plastiken zeigen auch nachhaltig, wie Moore mit Masse und Leerraum umzugehen pflegte. Stets umschließt die gegossene Bronze auch Leerraum, selbst bei der lässig in einem Faltenkleid sitzenden übergroßen Frau, die die Besucher des Museums direkt am Eingang begrüßt. Masse haben die figurativ-abstrakten Arbeiten Moores auf alle Fälle: „(The) Archer“ wiegt zum Beispiel drei Tonnen! Übrigens, die Arbeiten Moores, auch wenn sie im Außenraum ihren Platz haben, man denke an Arbeiten vor der Stuttgarter Staatsgalerie oder der Berliner Akademie der Künste im Hansaviertel, sind nie für einen spezifischen Ort konzipiert worden. So war Moore auch zunächst mit der Platzierung von „Großer Wirbel“ ganz und gar nicht einverstanden.

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Henry Moore, Tube Shelter Perspective, 1941. Tate: Presented by the War Artists Advisory Committee 1946 © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: © Tate, London 2016

Auf die Begleitung kommt es an

Neben einem Begleitheft für jeden Besucher mit Erläuterungen zu den Exponaten dienen auch ein Einführungsfilm mit Erläuterungen der Ausstellungskuratorin Dr. Tanja Pirsig-Marshall und eine BBC-Dokumentation über Henry Moore dazu, den Besuchern das Lebenswerk des britischen Bildhauers näherzubringen. Moore nahm im Übrigen vier Mal an der documenta in Kassel teil und zeigte sich, wie der Besucher erfährt, sehr von der Sammlung frühmittelalterlicher Kunst und dem Werk von Heinrich Brabender angetan, als ihm durch den damaligen Direktor des Museums Paul Pieper dieser Teil der Sammlung bei einem Besuch des LWL Museums für Kunst und Kultur gezeigt wurde. 40 Jahre nach seinem letzten Münsterbesuch präsentiert das Museum nun Moore in allen Facetten, auch das zeichnerische Werk. Brabenders Werk kann man heute u. a. im Außenschaufenster des Museums auf der Domplatzseite bewundern.

Ob man ähnlich wie die Kuratorin der Schau in einigen Werken Moores erodierte Felsen sehen kann oder aber doch eher modifizierte Wirbelkörper, liegt allein am jeweiligen Betrachter. In der Ausstellung jedenfalls ist das „Working Model for Stone Memorial“ der erste Blickfang. Diese Arbeit ist auf einem rotierenden Sockel platziert, so wie es sich auch Moore vorgestellt hatte. Noch heute funktioniert der Drehmechanismus für eine Bronze, die wie andere auch in der Bild-Gießerei Hermann Noack in Berlin ihre abschließende Form erhielt.

An der Heimatfront

Skulptural erscheinen die Figuren, die Moore auf Papier bannte, so in „Shelter Perspective“, eine Momentaufnahme aus einem Luftschutzraum, in dem die Menschen – alle erinnern ein wenig an Gewandfiguren – Schutz vor dem Bombardement suchen. Das Leben an der Heimatfront während des II. Weltkriegs hielt Moore auch mit der Arbeit „Shelter Scene: Bunks & Sleepers“ fest. In der Not, so die Botschaft, muss man zusammenrücken und auf Privatheit verzichten! Bei den Arbeiten in Kreide, Kohle, Tinte und Aquarell handelt es sich um eigenständige Kunstwerke und nicht um Vorarbeiten oder Skizzen für Moores Großplastiken. Auch wenn wir unter den grafischen Arbeiten „Two Reclining Figures“ finden, so heißt das nicht, dass diese gezeichneten Figuren mit ausgeprägter Faltenkleidung unmittelbar in irgendeine plastische Arbeit eingegangen sind.

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Hans Arp, Ruhende 1960. Stiftung Arp e. V., Berlin/Rolandswerth © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: © Stiftung Arp e. V., Berlin/Rolandswerth, Wolfgang Morell

Das Thema der Liegenden wurde zudem von anderen Zeitgenossen Moores aufgegriffen, wenn auch in unterschiedlicher Formensprache. So sehen wir eine Kohlezeichnung von Karl Hartung zum Thema. Die Figur ist dabei mit wulstigen, muskulösen Extremitäten versehen, erscheint weniger monolithisch oder gar in Gestalt von verformten Wirbelkörpern. Auch Toni Stadler hat sich mit dem Thema befasst und einen Jünglingsakt auf Papier gebannt. Moores liegende Figuren sind also kein Alleinstellungsmerkmal, sondern Teil figurativer, teilweise auch figurativ-abstrakter Kunstauffassungen, wie sie neben Moore auch andere Künstler nach 1945 vertraten.

Liegende, Bergkönig und Gelagerte

Man betrachte dazu auch die „Gelagerte“ von Bernhard Heiliger. Sie stützt sich auf einen Block auf, richtet den Blick gen Himmel und hat den linken Arm auf dem Bauch abgelegt. Leicht geöffnet sind die abgelegten Schenkel der Figur. Im Dialog mit dieser Figur Heiligers befindet sich Moores „Liegende Gewandfigur“, deren Körper auf dem Gesäß und den aufgesetzten Füßen ruht. Den Kopf hat die Figur mit der Kurzhaarfrisur zur Seite gedreht. Während der übrige Köper unter dem Faltenwurf nur zu erahnen ist, zeichnen sich die prallen Brüste mit erigierten Brustwarzen deutlich ab. Heiligers weitere in der Schau gezeigte liegende Figur aus Zement ist wesentlich abstrakter geformt. Zudem ist sie auch kompakter und lang gestreckt, fast überdehnt erscheint sie. Es fehlt ihr auch an den „Leerräumen“. Stattdessen ist die Liegende sehr geschlossen in der Form und torsohaft. Beinahe hat man den Eindruck, der Künstler habe zwei flache Kegelstümpfe miteinander verbunden. Zum Thema „Liegende“ leistete auch Joseph Beuys einen Beitrag, betrachtet man seinen „Bergkönig“, der in seiner Ausführung an ein Epitaph oder die skulptural gestaltete Platte eines Sarkophags denken lässt. Dass man aus Gummiband durch geschickte Wendungen und Drehungen dem bildhauerischen Gedanken von Moore sehr nahekommen kann, unterstreicht Beuys' „Plastik von Moore von Beuys-Objekt“ eingebettet in einem kleinen Karton.

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Henry Moore, Working Model for Three Way Piece No. 1: Points, 1964. Tate: Presented by the artist 1978 © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: © Tate, London 2016

Noch mehr Liegende

Das Thema „Liegende“ nimmt in der Schau einen breiten Raum ein. So konfrontiert man den gefallenen Krieger, der seinen Helm abgelegt hat und sich auf seinen ramponierten Schild stützt – Markus Lüpertz ist diese Skulptur zu verdanken – mit „Working Model for UNESCO Reclining Figure“ von Moore. Der Kopf der Figur, die sich auf dem Ellenbogen abstützt, erinnert an den einer Schildkröte. Die Last der Figur ruht außerdem auf der Hüfte.

Masken, Köpfe, Helme

Zunächst fällt der Blick auf eine Arbeit ohne Sockel. Michael Croissant schuf „Kopf und Schulter“, eine tropfenförmige Scheibe, die auf einer liegenden Dreieckssäule ruht. Dazu gesellt sich eine „Kopfbüste“ von Heiliger, die sich allerdings allen traditionellen Formen der Büste verweigert. Der Kopf von Carl Hofer ruht auf einem gebogenen Hals, der nur minimal auf einem Sockel halt findet. Aus Gneis schuf Moore seine Maske, die an ein Kindergesicht mit großen Augen und kleinem Mund erinnert. Auch Giacometti verweigerte sich dem Credo des Volumens in seinen Arbeit. Extrem ausgefallen ist dabei „Starrender Kopf“, nichts anderes als ein flaches verzogenes Quadrat mit eingearbeiteten Mulden für Augen und Mundpartie. Wie eine Schädeldecke, die vom Rest der Kopfstruktur getrennt worden ist, erscheint Moores „Atom Piece, Working Model for Nuclear Energy“ aus dem Jahr 1964/65. Zugleich muss der Betrachter angesichts des Werktitels auch an die pilzförmige Nuklearwolke einer Atombombe wie der von Hiroshima denken.

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Markus Lüpertz, Der Krieger, 1993. Collection Ströher, Darmstadt. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Foto: © Kunstmuseum Bonn, Reni Hansen

Figuren

Neben den an archetypische Höhlenmalerei erinnernden Figuren, die Willi Baumeister für „African Figures“ für die Nachwelt geschaffen hat, sieht man Moores „Standing Figures“, darunter auch Gewandfiguren, aber eben stehend und nicht wie sonst üblich liegend. Was sind das denn für skurrile, surreal anmutende stehende Figuren? Hat sie Picasso oder Ernst geschaffen? Nein, es ist Moore, der augenscheinlich durch ähnliche Fantasiewesen Picassos dazu angeregt wurde. Man betrachte dazu Picassos „Une Anatomie: Trois Femmes, 28.Februar 1933“.

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Henry Moore, Helmet Head and Shoulders, 1952. Tate: Presented by the artist 1978. © Reproduced by permission of The Henry Moore Foundation. Foto: © Tate, London 2016

Abstraktionen

Zum Schluss widmet sich die Schau dem Thema der Abstraktion und konfrontiert Moore unter anderem mit dem Werk von Barbara Hepworth, Bernhard Heiliger und Hans Arp. Auch Hans Uhlmann und Norbert Kricke werden mit ihren Ansätzen der „offenen Form“ Moore gegenübergestellt. Moores Werk strahlt im Kern Wuchtigkeit aus und lässt Beschwingtheit und Graziles vermissen. Das ist bei den genannten Künstlern anders, insbesondere bei Uhlmann und Kricke, die mit Stahldrähten arbeiten, die sie verformen. Kricke schuf seine Raumplastik aus in Schleifenform verwickelten Stahldrähten. In „Akkord“ zeigt uns Hans Uhlmann ein turmartiges Gebilde aus verschlungenen Dreiecksformen. Gar vegetabil erscheint Krickes auf einem Eisenbasaltsockel ruhendes, weißes Stahlgeäst. Dagegen wirkt auch „large Slow Form“ von Moore eher geerdet und schwerlastig.

 

Skulptur Projekte Muenster 2017 10. Juni bis 1. Oktober 2017

Seit ihrer ersten Ausgabe 1977 haben sich die Skulptur Projekte Münster zu einer der weltweit wichtigsten Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum entwickelt. Ihr großzügiger Turnus von zehn Jahren macht die Skulptur Projekte nicht nur zu einem besonderen Ereignis, sondern auch zu einem Ort, an dem jenseits von Moden und Trends nach der Zeitgenossenschaft öffentlicher Kunst gefragt wird. Im Sommer 2017 sind zum fünften Mal internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, an einem selbstgewählten Ort innerhalb der Stadt Münster ein ortsbezogenes Projekt zu realisieren. Das Spektrum der Arbeiten reicht von bildhauerischen Positionen bis zu temporären Installationen und Performances, mit denen sich die Kunst in die baulichen, historischen und gesellschaftlichen Kontexte der Stadt einschreibt. Gleichzeitig weisen viele Projekte über den konkreten Ort hinaus und verhandeln aktuelle soziale und urbanistische Themen. Im Fokus der Skulptur Projekte 2017 steht das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum in Zeiten zunehmender Digitalisierung.

Die Ausstellung – das ist ihr Plus – lebt nicht allein vom Werk Moores, sondern von der Gegenüberstellung verschiedener Positionen zu ähnlichen Themen. Insoweit öffnet diese Ausstellung den Blick für die Kunst nach 1945, die zwischen figurativ und abstrakt changierte. Konnte man noch figurative Kunst schaffen, die stets in der Gefahr steht, ideologisch vereinnahmt zu werden? Muss man sich nicht der Abstraktion verschreiben, um eben als Künstler nicht mehr für ein System herzuhalten? Genau dies waren Fragestellungen damals und sind es angesichts der sich abzeichnenden restaurativen Tendenzen auch heute wieder, oder?

Text © ferdinand dupuis-panther

LWL-Museum für Kunst und Kultur
Domplatz 10
48143 Münster
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/

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