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München
Jüdisches Museum


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Ausstellungen

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Wer das Jüdische Museum in Berlin kennt und die dortige, mit Themen und Exponaten überfrachtete Präsentation von 2000 Jahren jüdischer Geschichte in Deutschland, der wird beim Besuch des Jüdischen Museums in München schnell bemerken, dass man Geschichte auch stark fokussieren kann. O-Töne von Zeitzeugen machen den Anfang. Orte und Bilder weisen den Weg in die Geschichte der Stadt. Grundlagen jüdischer Kultur erfährt man in dem Kapitel „Rituale“. Auch hier haben sich die Ausstellungsmacher auf Leitexponate beschränkt – und das ist wohltuend. Im Übrigen: Was Comic und jüdisches Leben miteinander zu tun haben, bleibt in der luftig komponierten Schau auch nicht außen vor.

Gleich zu Beginn hören Besucher zahlreiche Statements von Menschen mosaischen Glaubens, die nach Jahren fern von München an die Isar zurückgekehrt sind, so auch Marta Feuchtwanger, die 1953 nach München kam. Erst seit 1990 in München lebend erzählt eine jüdische US-Amerikanerin mit tränenerstickter Stimme davon, wie es ist im Land der Täter zu wohnen. Max Mannheimer ist zu hören, der eigentlich nie wieder einen Fuß nach Deutschland setzen wollte und der dennoch nach seiner Befreiung aus dem KZ bei Ernst Landau Aufnahme in München fand. Schließlich ist da noch ein „Spätheimkehrer“ aus St. Petersburg, der ganz bewusst auf Abstand zur jüdischen Gemeinde ging, da er sich in Deutschland integrieren und nicht in einem Getto verweilen wollte, wie er ausführt.

Im Zeitstrang

Als Orientierung zum Verlauf der jüdischen Geschichte dient ein Zeitstrahl mit knappen Texteinträgen, die vielfach Unbekanntes aufführen: Urkundlich wurde 1229 der erste Münchner Jude in einem Regensburger Dokument verzeichnet. 1442 beispielsweise wurden die Juden auf Geheiß von Albrecht III. aus dem Herzogtum Bayern-München vertrieben und die Synagoge in eine Marienkapelle umgewidmet. Hofjuden halfen 1725 dabei, die Geldsorgen des bayrischen Kurfürsten zu lindern. 1804 lebten 413 Juden in München. Als erster Jude, der 1813 in der bayrischen Armee aufgenommen wurde, ist Isidor Marx zu benennen. Erfolglos bleibt 1819 die Forderung der Juden nach Gleichstellung. Das gelingt erst 1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches. Zwei Jahre später zieht mit Sigmund Henle der erste jüdische Abgeordnete Münchens in den Landtag ein.

Ausstellungen

BIER IST DER WEIN DIESES LANDES JÜDISCHE BRAUGESCHICHTEN
bis 08. Jan. 2017

Hopfen, Wasser, Hefe und Malz; das sind die vier Zutaten, mit denen in Bayern traditionell Bier gebraut wird. Das in die Liste des immateriellen Kulturerbe Bayerns aufgenommene Bayerische Reinheitsgebot feiert 2016 seinen 500. Geburtstag. Das Jüdische Museum München nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, erstmals in einer Ausstellung Geschichte und Gegenwart des Biers in der jüdischen Tradition und Kultur zu beleuchten. Im Alten Ägypten wurde Bier zum Volksgetränk und dort lernten es auch die Israeliten kennen. Für sie stellte sich die Frage, ob Bier koscher sein muss und ob es wie Wein für rituelle Handlungen verwendet werden darf. Wenn Bier statt Wein das Hauptgetränk ist, dann, so legt der Talmud fest, "ist das Bier der Wein dieses Landes" und darf verwendet werden. Der Frage, was der Brauerstern und seine oberpfälzische Ausprägung, der "Zoigl", mit dem Davidstern zu tun haben, widmet sich ein weiterer Bereich der Ausstellung. Anschaulich wird auch die Geschichte des Hopfenhandels erzählt, der in Süddeutschland über lange Zeit von jüdischen Händlern maßgeblich geprägt war. Außerdem wird nachgewiesen, dass das "Bierkrugveredelungsgewerbe", also die Bemalung von Krügen sowie die Herstellung und Montage der Zinndeckel, ein maßgeblich von jüdischen Münchnern entwickeltes und betriebenes Gewerbe war. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die jüdischen Brauherren in München und Umgebung. Die freiherrliche Familie von Hirsch errichtete 1836 in Planegg "auf der grünen Wiese" eine der ersten modernen, industriell ausgestatteten Brauereien Bayerns, die in den knapp 100 Jahren ihres Bestehens zum Vorbild anderer moderner Brauanlagen wurde. In München gründete 1895 der aus einer kleinen Landjudengemeinde in Mittelfranken stammende Josef Schülein die Unionsbrauerei Schülein & Cie, die rasch zur zweitgrößten Brauerei Münchens wurde. Er und sein Sohn Hermann fusionierten sie 1921 mit der Löwenbräu AG. Während sich Josef Schülein in die Schlossbrauerei Kaltenberg zurückzog, wurde Löwenbräu unter Hermann Schülein als Generaldirektor zu bedeutendsten exportorientierten Brauerei Münchens. Nach seinem von den Nationalsozialisten erzwungenen Rücktritt emigrierte er in die USA, wo er die Liebmann Brewery in New York mit ihrer Biermarke "Rheingold" zu einer der größten Brauereien der USA machte. Seine innovativen Werbemethoden wie die jährliche Wahl der "Miss Rheingold" oder der Werbeeinsatz von Stars wie Louis Armstrong, Nat King Cole, Marlene Dietrich, Ella Fitzgerald oder John Wayne gelten in den USA noch heute im Bereich der Markenbildung und -pflege als vorbildhaft. Abschließend widmet sich die Ausstellung der Bierkultur im heutigen Israel, die zum einen stark von der deutschen Brautradition und deutschen Bierstilen geprägt ist und andererseits durch eine junge und vielfältige Craftbeer-Szene überrascht. Neben einem umfassenden Rahmenprogramm, das Ausflüge, Bierverkostungen und vieles mehr beinhaltet, wird es während der Laufzeit der Ausstellung eine Besonderheit geben: Die öffentlichen Rundgänge und Kuratorenführungen durch "Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten" werden durch eine Verkostung eines eigens für die Ausstellung gebrauten Biers abgerundet. Der Herzl Beer Workshop aus Jerusalem und die Münchner CREW Republic haben sich zusammengetan und erstmals ein gemeinsames bayerisch-israelisches Bier entwickelt, das im Museumscafé und im Rahmen von Ausstellungsrundgängen vorgestellt wird und verkostet werden kann. In speziellen Craft-Beer-Gläsern ausgeschenkt, sollen die Besucher einen Eindruck der geschmacklichen Vielfalt, die innerhalb des Bayerischen Reinheitsgebots möglich ist, erhalten.

In Bilder erzählt

Hauptpersonen der in die Dauerausstellung integrierten Bildergeschichte – sie ist Jordan B. Gorfinkel zu verdanken – sind Becca, Beth, die Realistin, Bernie, der Idealist, Yael und Sjde, der Traditionalist. Urteile und Vorurteile begleiten diese Figuren bei ihrem München-Besuch, bei dem sie auf Josef Rabinovich stoßen, der Jude ist und freiwillig in Deutschland lebt. Für die „Neuankömmlinge“ ist dies völlig unverständlich. Die Geschichte lebt auch von dem Sprachwitz. So wundert sich Bernie, dass es in München so sauber ist, während Sejde entgegnet: „Du meinst gesäubert.“

Objekte

Zu sehen sind außerdem Fundstücke, die bei der Renovierung des Rindermarktes am Löwentor gefunden wurden. Sie sind wie auch andere Objekte Teil eines Puzzles, aus dem sich ein jüdischer Alltag in München nachvollziehen lässt. „Leitexponate“ sind unter anderem ein Feiertagsgebetbuch für das Neujahrfest Rosch haSchana und den Versöhnungstag Jom Kippur sowie ein Brieffragment aus der Zeit um 1800.

Mitarbeiter des Museums haben von den wenigen „Sachen“, die von der jüdischen Geschichte der Isar-Stadt zeugen, ihre Lieblingsobjekte ausgewählt und kommentieren ihre Auswahl. Zudem wird das jeweilige Objekt aber auch in einen museologischen Kontext gestellt. Zu den ausgewählten Objekten gehört zum Beispiel ein Tora-Mantel aus Seide, Leinen und Baumwolle, der auf das Jahr 1887 zu datieren ist. Er diente als Umhüllung und Schutz der auf Pergament geschriebenen Tora-Rollen. Die Inschrift auf dem Tora-Mantel verweist auf die Stiftung durch Jerta Zollfrey zum Andenken an ihren verstorbenen Gemahl. Auch ein Alijah-Spiel –1935 in Berlin hergestellt – ist ausgestellt. Es sollte Kinder und Jugendliche spielerisch auf die Einwanderung nach Palästina vorbereiten. Zu sehen ist außerdem das Gemälde „Gettomädchen“ von Stanislaus Bender, der sich unter anderem mit Genreszenen aus dem Leben der Ostjuden befasst hat. Das gezeigte Ölgemälde von 1915 gilt als Vorstudie für das Werk mit dem Titel „Der Eltern Stütze“, das stets im Besitz der Familie war, ob nun während der erzwungenen Emigration oder nach der Rückkehr nach München.

Werbemedien wie Reklamemarken jüdischer Unternehmen aus der Zeit zwischen 1900 bis 1914 sind gleichfalls zu sehen. Mit einem goldenen Schuh warb das Schuhhaus J. Braunschweigs Nachfolger, mit der Silhouette der Frauenkirche das Schuhhaus Rothschild&Walter. Ein blauer Auerhahn ist das „Logo“ der Federnfabrik von Heinrich Guttmann. Das Kaufhaus Schottländer warb mit derartigen Papiermarken ebenso wie das Seiden-Haus Gebr. Frank.

Geschichte mit Stadtplan

Einem "Puzzle" gleicht der Stadtplan "Jüdisches München" – eine Idee von Renata Stih und Frieder Schnock –, auf den die Besucher bereitgestellte „Reiter“ mit Biographien Münchner Juden platzieren können. 99 Orte haben die beiden Berliner Künstler ausgewählt. Setzt man die entsprechenden Reiter an die richtige Stelle des Stadtplans, so erscheint auf einer Projektionswand im Hintergrund das dazugehörige Bild aus dem Münchner Alltag. Was es mit dem St.-Jakobs-Platz 15 auf sich hat und warum Rabbiner Steven Langnas am 9. November 2000 an diesem Ort war, wird dem Besucher ebenso nahegebracht wie der Alltag des Künstlers Stanislaus Bender, der - umgeben von seinen frühen Arbeiten – in einer Wohnung in der Isabellastr. 25 lebte. Dass es als einen der ersten osteuropäischen Juden den Kaufmann Samuel Kraus nach München verschlug, können die Besucher ebenso herausfinden. Man „begegnet“ auch Dr. Michael Siegel aus der Brienner Str. 18, der im März 1933 wegen seines Eintretens für Max Uhlfelder, der ins KZ Dachau geschafft werden sollte, als einer der ersten Juden öffentlich gedemütigt wurde. Dass in der Pasinger Fabrik 2006 eine Veranstaltung zur „Identität und Zukunft jüdischer Menschen in Deutschland“ stattfand, schlägt den Bogen zur Gegenwart, die bezüglich jüdischen Lebens vor allem durch die Zuwanderungen aus Osteuropa geprägt wird. Schließlich spielt auch der Münchener Hauptbahnhof eine wichtige Rolle in der deutsch-jüdischen Geschichte: Hier verabschiedeten sich Kinder wie Beate Siegel von ihren Verwandten. Mit einem sogenannten Kindertransport ging es nach Holland und dann weiter per Schiff nach Großbritannien. Beates Eltern entkamen der Vernichtung durch die Ausreise nach Peru.

Man widmet sich im Museum auch den jüdischen Riten und Ritualen, zum Beispiel dem Schabbat mit dem Kiddusch, dem Segen für Wein und Brot. Auch in diesem Teil der Schau hat man sich auf eine kleine Auswahl von „Kultobjekten“ beschränkt. In den Vitrinen findet man eine Reihe von kostbaren Exponaten, Tora-Aufsätze oder Tora-Kronen sowie Tora-Zeiger. text ferdinand dupuis-panther

Jüdisches Museum
St.-Jakobs-Platz 16
80331 München
Tel. 089/23396096
juedisches.museum@muenchen.de
Öffnungszeiten Dienstag-Sonntag: 10-18 Uhr

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