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München
Alpines Museum


Berg heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 - 1945
bis 30. Juni 2012

Der alpine Gruß „Berg Heil!“ darf bis heute bei keiner Bergbesteigung fehlen. Berg Heil! steht für Bergbegeisterung, gemeinsame Erlebnisse und alpinistische Leistung, aber auch für die Nähe von Bergsteigen und deutschnationalen Ideologien, Alpenverein und Nationalsozialismus.

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"Luis Trenker muss es wissen". Werbefaltblatt für Neophan-Brillen. Beileger für die Mitteilungen des DAV vom Dezember 1940.

Es hat lange gedauert, ehe die Alpenvereine Deutschlands, Österreichs und Südtirols sich ihrer Geschichte angenommen haben. Es ist dies eine völkisch-nationalistisch, aber vor allem auch antisemitisch geprägte Geschichte zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist eine Geschichte, zu deren Aufarbeitung man sich erst in den letzten Jahren durchgerungen hat. Es ist eine Geschichte zu der auch die „Proklamation gegen Intoleranz und Hass“ von 2001 gehört, aber auch der unsägliche Versuch, die Vergangenheit dadurch zu bereinigen, dass man in den 1950er Jahren eine Abstimmung zur Aufnahme von jüdischen und nationalsozialistisch gesonnenen Alpinisten vorschlug. Opfer und Täter wurden auf die gleiche Stufe gestellt. Dass man sich, wenn auch viel zu spät, mit dem Antisemitismus innerhalb der Alpinistenorganisationen befassen wollte, bezeugt die Einladung des jüdischen Bergsteigers Viktor Frankl zum 125-jährigen Bestehen des Österreichischen Alpenvereins. Dies alles geschah vor dem Hintergrund, dass bereits 1891 deutsch-national gesonnene Kräfte im Alpenverein den Arier-Paragraphen einführten, und zwar in der Sektion Mark Brandenburg und in der Münchener Akademischen Sektion – auch dieses unrühmliche Kapitel der Geschichte des Alpenvereins greift die sehenswerte, abwechslungsreich gestaltete Ausstellung auf. Bis 1921 wurde der sogenannte Arier-Grundsatz zumindest in Österreich flächendeckend umgesetzt. Um dem Ausschluss zu entgegen, gründeten Alpinisten mosaischen Glaubens die Sektion Donauland, die zur achtgrößten im Alpenverein werden sollte. Doch an dem Umstand, dass an immer mehr Berghütten „Juden unerwünscht“ zu lesen war, änderte dies wenig. Nach dem Erlass der sogenannten Nürnberger Rassegesetze galt dann ohnehin die „Judenreinheit“ der Alpenvereine.

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Beim Klettern, um 1938. Aus dem Fotoalbum von Isolde Paur. Archiv des Deutschen Alpenvereins, München

Zum 100. Geburtstag

Der 100. Geburtstag des Deutschen Alpenverein war der Anlass eine historische Rückschau zu halten. Allerdings bleibt die Frage, ob das strittige „Berg Heil“ nach den Jahren des „Sieg Heil“ noch seinen Platz haben kann, bei dieser Aufarbeitung ausgespart. Dankenswerter Weise hat sich Friederike Kaiser in „DAV Panorama 6/2011“ sehr kritisch mit dem Gipfelgruß „Berg Heil“ auseinandergesetzt. Auf das Jahr 1881 soll dieser Gruß zurückgehen, der sprachlich an „Gut Heil“ der deutsch-nationalen Turnerbewegung und eben auch an „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ erinnert.

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Wolldecke aus dem ehemaligen Hermann-Göring-Haus, heute Martin-Busch- Hütte, um 1940. Alpines Museum des DAV, München.

Wie teilweise achtlos mit der Vergangenheit umgegangen wurde, wird ersichtlich, wenn man eine Hüttendecke aus dem Hermann-Göring-Haus zu Gesicht bekommt. Der Schriftzug wurde nach 1945 nur mit einem Stück Tuch übernäht, ansonsten tat die Decke weiterhin ihren Dienst. Auch das nennt man Vergangenheitsbewältigung. Diese Form des Umgangs mit dem sogenannten Dritten Reich verwundert nicht, denn schon bald nach dem Ende des Krieges mehrten sich die Stimmen, die einen Schlussstrich forderten.

Der Berg – eine Herausforderung

Welche geistigen Strömungen und Vorstellungen sich in den Alpenvereinen wiederfinden lassen, das beleuchtet ein Gang durch die Geschichte der Alpenvereine. Dieser Gang durch die Geschichte – gefüllte „Sandsäcke“ markieren wesentliche geschichtliche Abschnitte – beginnt mit der Nachbildung eines Schützengrabens. Kaum einer weiß, dass nicht nur in Westflandern ein erbitterter Stellungskrieg stattfand, sondern auch in den Alpen. Dabei waren Alpinisten im Kampfeinsatz, die zu Gebirgsjägereinheiten gehörten. Die Bergwelt bedeutete Kampf, Kampf gegen den Berg, den es zu bezwingen galt, in Friedenszeiten. Und im Krieg?

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Postkarte mit Franz und Toni Schmid als "Bezwinger" der Matterhorn-Nordwand (Walliser Alpen), 1931.
Archiv des Deutschen Alpenvereins, München

Die Ideologie des Berghelden, der nach dem Motto lebt „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ wird in der Ausstellung ebenso thematisiert wie der Freiheitsdrang der Bergvagabunden, die mit dem Fahrrad zu ihren Bergpartien unterwegs waren. Die „Heroische Bergwelt“ spiegelt sich in der Kunst wider, die Hans Beat Wieland schuf. Dieser war Kriegsmaler im österreichisch-ungarischen Heer und musste alle zwei Wochen Zeichnungen an das Heeresmuseum liefern, vor allem solche der Umgebung des Stilfserjochs. Ihm verdanken wir die Ansicht einer Stellung vor der Königsspitz ebenso wie die eines Feldgottesdienstes der Schweizer Armee – in dieser diente Wieland 1916 bis 1919. Ein anderer Künstler, Johannes Matthaeus Koelz, verarbeitete das Kriegsgeschehen 1928 in einer Ansicht des Karwendelgebirges bei einem tosenden Unwetter.

Um den Tod ein Würfelspielen

Welchen Einfluss Nietzsche mit seiner Gedankenwelt auch auf die Welt des Bergsteigens hatte, verrät ein Blick in ein Hüttenbuch, dessen Deckblatt ein Nietzsche-Zitat aus „Also sprach Zarathustra“ (1883-85) schmückt: „Das ist die Hingebung des Größten, daß es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Würfelspielen.“ Von Nietzsche stammt zudem „Ich lehre euch den Übermenschen.Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.“ Auch dies prägte sich in die Hirne der Bergsteiger jener Tage ein.

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Bergung der Leiche von Edi Rainer an der Eiger-Nordwand (Berner Alpen), 1936. Foto: Rudolf Peters.
Archiv des Deutschen Alpenvereins, München.

Bergsteiger der Sektion Mark Brandenburg wurden zu Kriegshelden und bekamen einen Platz auf einer gusseisernen Gedenktafel, die Paul Schley 1923 entwarf. Doch der Berg forderte auch in Friedenszeiten seine Opfer, wie man der ausgestellten Todesliste von Bergsteigern entnehmen kann. Der Tod tritt auch in der Kunst der Bergwelt in Erscheinung. In einer ausgestellten Ansicht einer Klamm von Erwin Mertel, selbst Bergsteiger, klettert der Tod vorweg, der Bergsteiger wagemutig hinterher.

Die „Helden der Berge“

Hammer, Steigeisen, Seil und Filzhut – das war alles, was Franz Schmidt in den 1930er Jahren zum Aufstieg brauchte. Neben ihm ist aber auch der Notar, Major der Gebirgsjäger und Leiter des Fachamtes für Bergsteigen im NS-Staat Paul Bauer zu nennen. Letzterer vertrat die Auffassung, dass Bergsteigen Krieg mit anderen Mitteln sei. Bauer war an zwei Expeditionen auf den Kangchendzönga beteiligt. Zudem war er als Kommandeur des Hochgebirgsjäger-Bataillons 2 im Kaukasus im Einsatz. Von Bauer stammt nachstehende Aussage, die die gedankliche Verknüpfung von Alpinismus, NS-Ideologie und Kriegsführung unterstreicht: „Die Tatsache, dass die deutschen Soldaten fast fünf Jahre lang gegen die Armeen der ganzen Welt siegreich fochten, erzeugt jene ruhige Selbstsicherheit, wie sie deutschen Bergsteigern Vertretern anderer Nationen gegenüber zukommt.“

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Einladung zum Winterfest der Sektion Stettin am 25. Februar 1928. Archiv des Deutschen Alpenvereins, München.

Hier der Ideologe des Bergsteigens und dort mit Walter Stößer, ein politisch aktiver „Held“, der bei einer Klettertour abstürzte und 1935 den Tod fand. Stößer war sowohl in der Schwarzen Front als auch bei der SS Mitglied. Ganz anders hingegen war Günter Oskar Dyhrenfurth, ein Geologie-Professor in Breslau, „Nicht-Arier“, Kosmopolit und Visionär, der in der Zwischenkriegszeit zweimal an Himalya-Experditionen beteiligt war. Nur die Emigration in die Schweiz ersparte ihm das Schicksal, in einem Vernichtungslager umgebracht zu werden. „Lieber in Bolivien Rinder züchten als selbst ein Rindviech sein“ war das Lebensmotto des Bergvagabunden Hans Ertl, Autor, Fotograf und Farmer. Dass auch er korrumpierbar war, belegt sein Mitwirken als Kameramann an Riefenstahls Film „Olympia“. Also doch ein Rindviech?

Abstecher „Hüttenleben“

Zur Welt des Bergsteigens gehört auch die Berghütte mit ihren Matratzenlagern. Streng waren die Regeln, wie man der Inschrift an der Hüttenwand entnehmen kann: „Maul halten“! Rauchen verboten!Treten wir also ein in die inszenierte Höllental-Hütte auf 1381 Meter Höhe. Ein Deckenbalken aus der Originalhütte wurde in die Inszenierung integriert und zeigt Szenen zum Thema „Alles, was laufen kann, strebt auf den Berg“. Die Höllental-Hütte war sehr beliebt. In den 1920er Jahren übernachten hier bis zu 5000 Bergsteiger jährlich. Sie legten ihr müdes Haupt auf rot-weiß karierte Kissenbezüge und deckten sich mit grauen Decken zu. Zur Hüttenlektüre gehörte Emma Gündels „Elke lernt bergsteigen“, erstmals 1937 erschienen und bis 1979 immer wieder aufgelegt. Die Faszination der Bergwelt im Schnee spiegeln Filmausschnitte aus „Weißer Rausch“ (1931) wieder. Viele der Einstellungen gleichen einer einstudierten Choreographie auf Skiern.

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"Juden und Mitglieder des Vereins <Donauland> sind hier nicht erwünscht". Anschlag an Alpenvereinshütten in den 1920er Jahren. Archiv des Oesterreichischen Alpenvereins, Innsbruck.

Kameradschaft, Hingabe, Volksgemeinschaft

„Ausgegrenzt“ ist ein Kapitel der Schau, die dem Schicksal jüdischer Alpinisten nachgeht, wenn auch nur recht oberflächlich. Der Aushang aus der Austria-Hütte im Dachsteingebirge weist darauf hin, dass Juden hier unerwünscht sind – und das um 1921. Dies ist eine frühe Ankündigung dessen, was nach 1933 dann systematisch betrieben wurde. Aber auch Naturfreunden wurde das Leben schwer gemacht. In einem Hüttenbuch derAmperstall-Alm wurde u. a. das Naturfreunde-Emblem mit einem Hakenkreuz verunstaltet.

Mit der Mode und mit neuen Techniken fürs Bergsteigen beschäftigt man sich ebenso in der Ausstellung wie mit dem Naturschutz sowie dem Vordringen von Bergbahnen in die Welt der Berge.

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Kletterausrüstung von Franz Schmid, 1930er- bis 1950er-Jahre. Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins, München.

Teil der NS-Propaganda

In einem gesonderten Ausstellungsraum – ein Tisch in der Mitte ist in eine Hakenkreuzfahne eingehüllt - zeichnet man die nationalsozialistische Vorstellung von Alpinismus nach, wie er sich unter anderem in der Besteigung des Nanga Parbat niederschlug. Tugenden wie Kameradschaft, Willensstärke und bloße Hingabe galten als deutsche Tugenden. Doch der „deutsche Schicksalsberg“ konnte trotzt dieser Tugenden zwischen 1932 und 1939 nicht bezwungen werde, da der Gipfelsturm nicht gelang. Doch die NS-Propaganda setzte sich halt andere Ziele, so die gemeinsame Besteigung der Eiger-Nordwand durch deutsche und österreichische Bergsteiger. Der Sieg über die Wand wurde als Sieg des deutschen Herrenmenschen gefeiert. Dass entgegen kriegsstrategischer Überlegungen alpine Besteigungen vorgenommen wurden, erfährt man anhand der fotografisch dokumentierten Elbrus-Besteigung durch deutsche Gebirgsjäger 1942. Hitler war mehr als nur ungehalten über diese Aktion, sollten doch die Gebirgsjäger an der Eroberung von Sochumi am Schwarzen Meer teilnehmen.

Dass zwischen 1933 und 1945 der HJ die alleinige Erziehung übertragen wurde und es HJ-Bergfahrtgruppen im Alpenverein gab, macht die „Gleichschaltung“ als Mittel der nationalsozialistischen Politik deutlich. Keine Frage , seit 1935 gab es eine enge Zusammenarbeit mit dem Alpenverein zur Gebirgsjägerausbildung. Der Alpenverein wurde also schlicht instrumentalisiert, ohne das es nennenswerten Widerstand gab.

Und nach 1945?

Der Nanga-Parbat-Mythos wurde gepflegt. Das Edelweiß, die Lieblingsblume Adolf Hitlers, hatte als Emblem weiterhin Bestand. Liedgut wie „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen ..“ trällerte man weiterhin. Erst 26 Jahre nach Kriegsende kam es zur bereits oben erwähnten Erklärung „Gegen Intoleranz und Hass“. Sehr spät, aber immerhin. Und die Ausstellung versucht nun, in diesem Sinne Aufklärung zu betreiben. Hoffentlich nicht zu spät! © fdp

Alpines Museum
Praterinsel 5
80538 München
Tel. 089/21 12 24-0
Öffnungszeiten
Di - Fr 13 - 18 Uhr, Sa/So 11 -18 Uhr

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