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Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München

Mehr als nur Nofretete
laufend

Die berühmte Kopfbüste der ägyptischen Herrscherin kennt wohl jeder. Sie stand schon im Alten Ägyptischen Museum in Berlin-Charlottenburg im Mittelpunkt der musealen Inszenierung des alten Ägyptens. Nun hat sie auch im Neuen Museum ihren zentralen Platz gefunden, wie man auch einer farbigen Großaufnahme von Candida Höfer entnehmen kann. Nun sollten sich Besucher nicht auf die Suche nach der berühmten Nofretete machen. Sie ist nämlich nicht in München zu sehen. Nocvh etwas muss hervorgehoben werden: In München scheint es zum Konzept zu gehören, da man hier die „Artefakte“ von links und rechts des Nils, aus Memphis, Karnak und anderen berühmten Orten des alten Ägyptens nicht allein als archäologische Fundstücke begreift, die in einen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext gehören, sondern auch und gerade auch als Kunstwerke.

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Sargmaske der Satdjehuti
Die Maske gehörte ursprünglich zu einem überlebensgroßen Sarg in Menschenform, der mit einem Federmuster bedeckt war. Diese Form ist charakteristisch für die Epoche der Zweiten Zwischenzeit (ca. 1700-1550 v.Chr.) und ist im nichtköniglichen Bereich auch in einer schlichteren, lediglich bemalten Version bekannt. Über der Perücke ist das Federmuster der Geierhaube zu erkennen, einer von Königinnen häufig getragenen Kopfbedeckung. Über der Stirn ist ein plastisch gearbeiteter Geierkopf zu ergänzen.
Holz, vergoldet; Augeneinlagen: Kupfer, Marmor, Obsidian Theben-West Zweite Zwischenzeit, 17. Dynastie, um 1575 v.Chr. Erworben mit Unterstützung des Ernst von Siemens-Kunstfonds, der Hypo- Kulturstiftung und dem Freundeskreis der Ägyptischen Sammlung München e.V.

Betreten wir das Museum, so nehmen wir alsbald das Standbild des Gottes Horus wahr. Er scheint halb Mensch und halb Greif zu sein und wurde aus Granodiorit herausgearbeitet. Vom wem, das wissen wir nicht. Doch im Werk erkennen wir eine persönliche Handschrift so wie bei den Kunstwerken aus der europäischen Kunstgeschichte. Es gilt: „Jede Kunst ist gegenwärtig.“ Zugleich mit diesem Hinweis weist man in einem Saaltext auf die besondere Form der Figur hin. Es handelt sich um eine Stand-Schreitfigur, wie sie für die altägyptische Kunst typisch ist. Eine derartige Figur ist auf den Raum bezogen. Dabei sind die Elemente der Figur ein Sockel, die Figur selbst und der Rückenpfeiler. Auch in den ausgestellten Reliefs erkennt man den dreidimensionalen Bezug, so auch bei der Grabwand, die einen Würdenträger mit Amtsinsignien zeigt.

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Doppelstatue des Niuserre
Die einzige königliche Doppelstatue des Alten Reiches zeigt zweimal den auf der Basisplatte inschriftlich benannten König Niuserre in identischer Ikonographie. Die linke Figur zeigt im Gesicht deutliche Merkmale eines Altersbildnisses und eine schlaffere Haltung als die rechte Figur, deren angedeutetes Lächeln zum Typ des Idealporträts gehört. So ist diese Statue die künstlerische Umsetzung der Doppelnatur des Königs als Mensch, dem Alterungsprozeß unterworfen, und als ewigjunger Gott. Kalzit Altes Reich, 5. Dyn., um 2390 v. Chr. München ÄS 6794

Kubismus im alten Ägypten?

Interessant ist auch der Hinweis auf den altägyptischen Kubismus und dem möglichen „Abkupfern“ der „kubistischen Darstellungsart“ durch die bekannten Kubisten Picasso und Braque. Betrachtet man die Figuren der altägyptischen Kunst, so muss man konstatieren, dass Kopf, Unterkörper und Beine im Profil, Oberkörper, Auge, Mund und Bauch – Letzterer leicht schräg gestellt – in Frontalansicht zu sehen sind. Die Figur ist also aus verschiedenen Blickrichtungen erfasst und umgesetzt worden – und das ist bei Picassos Porträts auch der Fall.

Weiblich und Männlich

Typisch für die Kunst aus dem Reich am Nil sind außerdem sogenannte Würfelfiguren, so auch die des Bekenchons, eines Hohepriesters des Amun. Betrachtet man die Skulptur genaustens, so entdeckt man Einritzungen, die auf zwei Franzosen verweisen, die im frühen 19. Jahrhundert die Figur in Theben „entdeckt“ hatten. Nur einen Schritt weiter begegnen wir der Sitzfigur eines Vorstehers des Speichers von Amun. Aber auch eine Familiengruppe ist im Museum ausgestellt. Sie stammt aus dem 3. Jh. vor unserer Zeitrechnung und zeigt Sabu, einen hohen Beamten, dessen Frau und dessen Sohn, von dem allerdings nur die Füße noch vorhanden sind. Stufig geschnitten ist das Haar des Mannes, sodass er eine Art Schuppenfrisur zeigt. Offenes langes Haar mit Mittelscheitel trägt die Gattin des Sabu, die ihren Mann umarmt. Ins Grübeln kommt man allerdings, wenn man der Sitzfigur des Sobekhotep, eines altägyptischen Königs (Pharao) der 13. Dynastie (Zweite Zwischenzeit), und dessen Gattin gegenübersteht. Die Frau, sehr viel kleiner als ihr Mann, steht gleichsam zu Füßen des Sitzenden.

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Porträtkopf Sesostris III.
Ein großes Thema der Kunst des Mittleren Reiches ist das Individualporträt. Die Bildnisse von Sesostris III. lassen sich verschiedenen Porträttypen zuordnen, die unterschiedliche Altersstufen zeigen. In der konzentrierten, beherrschten Kraft dieses Kopfes ist der Machtanspruch des Pharao formuliert, kommt aber auch eine nur mühsam gebändigte, aggressive Ungeduld des jungen Königs zum Ausdruck. Granit Mittleres Reich, 12. Dyn., um 1870 v. Chr. München ÄS 7110

Beim Weitergehen fällt uns an den altägyptischen Figuren auch die Farbgebung auf. Der Mann ist in dunkles Braunrot getaucht, die Frau in helles Gelb. Doch konzentrieren wir uns noch ein wenig auf die Individualität der dargestellten Personen, so auch eines alten Mannes mit hohlen Wangen und langen geflochtenen Haaren. Besonders die Frisuren der Figuren zeigen deutliche Unterschiede. Man sieht eine stufige Bubikopffrisur, die das rundliche Gesicht rahmt. Mandelaugen und ausgeprägte Nasen-Mund-Furchen sind nicht zu übersehen. Neben dieser „realistischen Darstellung“ präsentiert man aber auch eine stilisierte weibliche Figur mit ovaler Form.

Siesta und eine moderne Bleistiftzeichnung

In welcher Weise sich moderne Künstler mit der altägyptischen Kunst auseinandersetzten, unterstreicht die Skulptur „Siesta“, eine halb kniende, halb hockende Frau aus Basalt, die Mahmoud Moukhtar zu verdanken ist. Dieser 1931 verstorbene Bildhauer gilt als „Vater der modernen Bildhauerei Ägyptens“. Dabei ist nicht zu übersehen, dass er sich am Würfelformat von altägyptischen Skulpturen orientierte, als er die Ruhende bzw. Schlafende schuf, die ihren Kopf seitlich auf die Schulter gelegt hat.

Betrachten wir das Relief des Sohns des ersten Königs der 3. Dynastie des Alten Reichs, so bestaunen wir ein sogenanntes Pastenrelief eines Bankgrabs. In die versenkten Reliefformen wurden Pasten aus Gips, Ton und Pigmente gestrichen, um die Darstellung u. a. von Langhornrindern besser hervorzuheben.

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Würfelstatue des Bekenchons
Die Inschriften auf der Vorderseite, der Rückenplatte und dem Sockel der Figur enthalten einen berühmten biographischen Text. Er schildert die Laufbahn des Bekenchons von seiner Schulzeit bis zum Amt des Hohenpriesters des Amun von Karnak zur Zeit Ramses' II. Die Statue selbst ist jedoch einer früheren Epoche zuzuordnen: Das Gesicht - im Bereich der Augen unfertig geblieben - gehört stilistisch in die Epoche der Nachamarnazeit. In einem bewußten historischen Rückgriff hat Bekenchons diese Statue (zu der es ein Pendant in Kairo gibt) rund 80 Jahre später wiederverwendet und mit seiner biographischen Inschrift versehen lassen. Kalkstein; Theben Neues Reich, 18. Dynastie, um 1290 v.Chr. (Zeit des Haremhab) Inschriften: 19. Dynastie, um 1210 v.Chr. (Zeit Ramses' II.) München, Gl. WAF 38

Wer ist denn diese ägyptische Dame? Es handelt sich um eine Amarna-Prinzessin, die einen verlängten Hinterkopf besitzt. Dies galt insbesondere während der Regentschaft von Echnaton, als besonders schön, sodass bereits bei Kindern begonnen wurde, durch „Einschnürungen mit Bandagen“ den Schädel derart zu deformieren.

Unser Blick streift die farbige Sitzfigur des Sohns des Thutmosis II. und dessen Gattin. Mutter und Sohn tragen Goldschmuck, ob nun Armreife oder ein goldenes Diadem sowie einen goldenen Brustschmuck. Ein kleinfigürlicher. bronzener Amun mit Federkrone lässt uns für einen Moment innehalten, ehe wir den Kopf eines Mannes von Alberto Giacometti „entdecken“, der von sich selbst stets sagte, dass er keinen Sinn für Volumina habe. Zu sehen ist ein älterer Mann mit spitzem Kinn und kahlen Schädel. Ihm zur Seite hat man eine Priesterstatue gestellt, der die Nase und Teile des Kinns fehlen. Doch ist dort nicht auch eine moderne Plastik zu sehen? Nein, denn sie stammt aus ptolemäischer Zeit: Weich schmiegt sich das Faltengewand um den Körper der Isis und lässt deren Reize voll zur Geltung gelangen..

Klassischer Kanon oder nicht?

Während man zu Beginn des Rundgangs zunächst ein wenig irritiert über den Ansatz des Hauses ist, dass in ihm Kunst gezeigt wird, gewöhnt man sich schnell an diese andere Sichtweise. Doch das Haus hält diesen Ansatz nicht stringent durch, sondern zeigt in weiteren Abteilungen dann doch Arbeiten zu Themenruppen wie „Pharao“, „Jenseitsglaube, „Religion“, „Ägypten und Rom“ oder „Nach den Pharaonen“. Das ist ein klassischer Kanon, wie man ihn auch sonst in archäologischen Museen antrifft. Sicherlich mag die Beschäftigung mit diesen Themen ihre Berechtigung haben, doch nachvollziehbar ist die „Kehrtwende“ zu einer klassischen Präsentation nicht. Sicherlich wollen die Besucher wissen, welche Bedeutung ein Pharao hat, der von einem göttlichen Vater mit einer irdischen Mutter gezeugt wurde. Zu diesen Garanten der göttlichen Ordnung auf Erde zählte auch Ramses II, dessen Sandsteinkopf mit Krummstab und Wedel wir zu Gesicht bekommen.

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Silberfalke
Diese Statue eines falkenköpfigen Gottes ist ein hervorragendes Beispiel der ägyptischen Tierplastik. Hier ist dem eleganten Schwung des Körpers mit seiner kaum gebändigten Spannkraft der gekrümmte Schnabel des Vogels entgegengesetzt. Die starke Stilisierung der Details (Federmuster, Umrandung der Augen) sowie die Verwendung kostbarer Materialien überhöhen die Darstellung eines Tieres zur Wiedergabe des Göttlichen. In dieser Figur ist vermutlich die Kultstatue eines Falkengottes aus dem Allerheiligsten seines Tempels erhalten. Dauerleihgabe der Bayerischen Landesbank Girozentrale München Silber, Elektron Herkunft unbekannt Spätzeit, 27. Dynastie,
um 500 v. Chr.

Dass im alten Ägypten ein ausgeprägter Jenseitsglaube herrschte, und Grabbeigaben eine wichtige Rolle in diesem Glauben spielten, wird gleichfalls in der Ausstellung beleuchtet. Man gab den Verstorbenen z. B. Modelle eines Hofs mit Rindern mit auf die Jenseitsreise und bettete die Toten in reich bemalten Särgen. Welche Bedeutung Horus und Anubis in der Religion des alten Ägyptens hatten, wird in einem weiteren Ausstellungsabschnitt dargestellt.

Zu sehen bekommen die Besucher zwar nicht wie Großarchitektur aus dem alten Ägypten, aber dafür Pilasterkapitellen mit Akanthusblättern, ein polychromer Relieffries mit christlichen Motiven und die Grabplastik eines Jünglings, der ein Kreuz in der Hand hält. Sie spiegeln bereits die Berührungen der altägyptischen Kultur mit der des frühen Christentums in Europa wider. © fdp / © Staatliches Museum Ägyptischer Kunst Fotografin: Marianne Franke

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Kniefigur des Senenmut
Senenmut war Bauleiter am Terrassentempel der Hatschepsut und damit Architekt des größten und spektakulärsten Bauprojektes einer ganzen Epoche. Für seinen eigenen Nachruhm schuf er mehrere neue Statuentypen – so auch diese Kniefigur mit Sistrum ("Sistrophor"), dem Kultsymbol einer weiblichen Gottheit. Granit; Armant Neues Reich, 18. Dyn., um 1470 v. Chr. München ÄS 6265

Staatliches Museum Ägyptischer Kunstr München
Gabelsbergerstr. 35
80333 München
Öffnungszeiten Di. - So. 10 - 18 Uhr Montags geschlossen (außer Oster- und Pfingstmontag) Di. Abendöffnung bis 20 Uhr

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