Reisemagazin schwarzaufweiss

Sattelfest mit Leib und Seele

Unterwegs auf dem Mönchsweg zwischen Bremen und Puttgarden

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann

Ein Mönchsweg mit echten Mönchen im protestantisch geprägten Norddeutschland? Kaum jemand vermutet hier Männer in schwarzer Kutte, denn die Reformation im 16. Jahrhundert bedeutete das Ende fast aller Ordensgemeinschaften im Norden.

Mönchsweg - Bruder Matthäus trifft Radpilger am Kloster Nütschau

Bruder Matthäus trifft Radpilger am Kloster Nütschau

„Das Kloster Nütschau ist eine Oase der Ruhe am Wegesrand“, sagt Bruder Matthäus Buß: „Den schleswig-holsteinischen Abschnitt des Mönchswegs, den es bereits seit 2007 gibt, bin ich mehrmals geradelt. An erster Stelle steht für mich der sportliche Aspekt, dann der kulturgeschichtliche und natürlich auch der religiöse. Entscheidend ist die gemeinsame Erfahrung beim Unterwegssein.“ Seit über 40 Jahren lebt der 72-Jährige im Benediktinerkloster bei Bad Oldesloe, das erst 1951 in einem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert von der Diözese Osnabrück gegründet wurde. Die Abtei Gerleve bei Coesfeld entsandte daraufhin Mönche nach Schleswig-Holstein, um vor allem den ostvertriebenen Katholiken nach dem zweiten Weltkrieg eine neue geistliche Heimat zu geben. Heute wohnen neben Pater Matthäus 16 weitere Brüder in Nütschau, die sich der Bildungs- und Tagungsarbeit widmen.

Mönchsweg - Wegweiser

Im Juni 2014 wurde der niedersächsische Teil des insgesamt 530 Kilometer langen Radpilgerwegs eröffnet. Die mit einem blauweißen Kirchen-Logo ausgeschilderte Strecke verläuft durch drei Bundesländer: von Bremen durch Niedersachsen bis Puttgarden auf Fehmarn in Schleswig-Holstein. Die Route zeichnet die Ausbreitung des Christentums in Norddeutschland nach. „Sie folgt den Spuren der Missionare wie dem „Apostel des Nordens“, Erzbischof und Benediktinermönch Ansgar, der Mitte des 9. Jahrhunderts zunächst in Hamburg und nach der Vertreibung durch dänische Wikinger in Bremen tätig war“, so Pater Matthäus: „Er ist auch der Patron des Klosters Nütschau. Seine Christianisierungsbemühungen waren noch wenig erfolgreich, da es immer wieder zu Slawenaufständen kam.“ Erst im 12. Jahrhundert setzte Vicelin, der Bischof von Oldenburg in Holstein, die Missionierung in Ostholstein fort.

Rund 100 Kirchen – zirka 80 evangelische und 20 katholische – laden zur inneren Einkehr ein, aber es gibt auch zahlreiche weltliche Stopps am Wegesrand. Unser Start ist der Sankt Petri Dom in Bremen (1). 789 weihte Bischof Willehad den ersten kleinen Holzdom. 70 Jahre später wirkte Ansgar bereits in einer dreischiffigen, steinernen Basilika. Da die Wettervorhersage nichts Gutes verspricht, entzünden wir am großen Gebetsleuchter eine Kerze und bitten Petrus darum, die Himmelsschleusen in den nächsten Tagen geschlossen zu halten. Ob er uns erhört? Da schaut selbst Pastor Henner Flügger ein wenig ungläubig. Nachdem der passionierte Radler uns den Pilgersegen gegeben hat, der uns „glücklich ans Ziel unserer Fahrt bringen soll“, schwingen wir uns auf die Drahtesel. Raus aus dem morgendlichen Berufsverkehr. Hinein in die Wümmeniederungen, die durch Kornfelder, Wiesen, verästelte Flussarme geprägt sind. Vogelgezwitscher überall.

Mönchsweg - Sankt Petri Dom und altes Rathaus in Bremen

Sankt Petri Dom und altes Rathaus in Bremen

Die 1962 aus roten Backsteinen errichtete Johannes-der-Täufer-Kirche in Horstedt (2) ist unser Ziel: ein modernes, lichtdurchflutetes Gotteshaus voller Zahlensymbolik. Ob Kreuze, Kreise, Kerzenleuchter oder die drei Stufen, die zum Altar im Westen der Kirche führen, alles hat einen biblischen Bezug. Der würzig duftende Bibelgarten zeigt von der Schöpfung bis zur Auferstehung anhand von Pflanzen und Ornamenten Szenen aus dem Alten und Neuen Testament.

Mönchsweg - Johannes-der-Täufer-Kirche in Horstedt

Johannes-der-Täufer-Kirche in Horstedt

Vier Kilometer weiter in Nartum (3) leuchtet ein grünes Holzhäuschen mit rotem Ziegeldach zwischen knorrigen Bäumen. In ihrem „Melkhus“ bietet Birgit Intemann Milchspezialitäten an und hilft ausgelaugten Bikern mit einem Buttermilchshake namens „Pina-Kuh-lada“ wieder auf den Sattel. Über ein Rezept für einen Mönchs- oder Pilgermix grübele sie noch, meint die Landfrau. Weiterhin irdisch geht es in der Kleinstadt Zeven (4) zu. Hier fand zwar nicht die Vermessung der Welt, aber des Königsreichs Hannover statt. Carl Friedrich Gauß, der Mann auf dem letzten Zehn-D-Mark-Schein, legte den Grundstein für die trigonometrische Landvermessung. Dazu erklomm er 1824 den Kirchturm von Sankt Viti. Von hier hatte er sowohl den Wilseder Berg in der Lüneburger Heide als auch Bremen im Blick. Wir blicken hin und wieder vom Rad gen Himmel. Noch scheint die Kerze im Bremer Dom zu brennen.

Mönchsweg - typisches Bauernhaus im Alten Land

Typisches Bauernhaus im Alten Land

Etliche Pedalumdrehungen später tauchen rote Backsteinhäuser mit weiß gestrichenen Balken und Reetdächern am tiefblauen Horizont auf. Viele tragen verzierte Giebel mit plattdeutschen Segenssprüchen und kunstvoll geschnitzten Brauttüren. Üppige weiße Kirsch- und rosa Apfelblüten verströmen ein betörendes Aroma. Wir haben das Alte Land, Deutschlands größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet, erreicht. Auf 30 Kilometern Länge erstreckt es sich direkt hinterm Elbdeich, zwischen Buxtehude, Hamburg-Finkenwerder und der alten Hansestadt Stade. Auch die zehn markanten Fachwerkkirchen sind eine Besonderheit der Region. Da der feuchte Marschboden die Last der gesamten Kirche nicht tragen würde, stehen die Türme separat neben dem Kirchenschiff.

Vor der Sankt Martini et Nicolai-Kirche in Steinkirchen (5) wurde dem holländischen Priester Henricus ein Denkmal gesetzt. Anfang des 12. Jahrhunderts schloss der Erzbischof von Bremen mit ihm einen Vertrag über die Besiedelung der Marschen. Mit ihrem Wissen über Deichbau haben die niederländischen Siedler den Boden vor den regelmäßigen Sturmfluten geschützt, Moore entwässert und das Gebiet unter den Bauern aufgeteilt. Schließlich gab es das „Alte Land“, das schon urbar gemacht war, und das „Neue Land“, das noch kultiviert werden musste. Irgendwann konnte die gesamte Region bewirtschaftet werden. Das „Neue Land“ gab es somit nicht mehr. Der Name „Altes Land“ blieb übrig.

Mönchsweg - Priester Henricus in Steinkirchen

Priester Henricus in Steinkirchen

„Ho, ho, ho“, heißt es nicht nur im Winter im Kehdinger Land, das sich nordwestlich der Hansestadt Stade ausbreitet. Auf unserem Weg zur Oste durchqueren wir Himmelpforten (6). Hier befindet sich eines von sechs Weihnachtspostämtern, die es in der Republik gibt. Auch wenn der Weihnachtsmann in der warmen Jahreszeit im Urlaub ist, seine Stube und ein angeschlossenes Museum neben der Villa von Issendorff am Christkindplatz kann man jederzeit besichtigen. Wir müssen weiter. Die historische Schwebefähre über die 80 Meter breite Oste hebt nur alle dreißig bis sechzig Minuten ab. „Acht Bauwerke dieser Art gibt es noch in Europa“, dröhnt es aus dem Lautsprecher: „Der Schirmherr aller ist König Juan Carlos von Spanien, denn in Bilbao im Baskenland schwebt die älteste Fähre.“ Doch auch dieses grüne Technikwunder stammt bereits aus dem Jahre 1909. Und noch einmal können wir den müden Knochen und angespannten Muskeln eine Auszeit gönnen und uns treiben lassen. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit der Elbfähre vom niedersächsischen Wischhafen ins schleswig-holsteinische Glückstadt (7). An die Reling gelehnt, beobachten wir den kurz vor der Mündung fast drei Kilometer breiten Strom. Zwei Containerschiffe kreuzen. Sie sind auf dem Weg von der Nordsee in den Hamburger Hafen.

Mönchsweg - Schwebefähre von 1909 über die Oste

Schwebefähre von 1909 über die Oste

„Eine der ältesten Kirchen am Mönchsweg ist die romanische Feldsteinkirche in Bosau (8), das aus einer Slawensiedlung hervorgegangen ist. Damals war der Ort noch eine Insel. Heute liegt er am Ostufer des Plöner Sees, dem größten der rund 200 Seen in der Holsteinischen Schweiz“, berichtet Pastorin Heike Bitterwolf: „Der Gipsmörtel, der die Feldsteine miteinander verbindet, stammt vom Kalkberg in Bad Segeberg.“ Durch den Abbau der weißen Substanz entstand eine Grube, in der man ein Freilichttheater errichtete. Popstars und -sternchen haben hier ihre Auftritte. Während der sommerlichen Karl May Spiele lässt Winnetou die Silberbüchse knallen. „Bischof Vicelin gründete die Sankt Petri Kirche in Bosau 1151“, erzählt die Pastorin: „Er weihte eine ganze Reihe Gotteshäuser in der Gegend, so in Bornhöved, Oldesloe, Segeberg und Neumünster, wo er 1154 verstarb.“

Mönchsweg - Sankt Petri Kirche in Bosau am Plöner See

Sankt Petri Kirche in Bosau am Plöner See

Der Glaube versetzt Berge, heißt es: Nicht so im Naturpark Holsteinische Schweiz. Selbst bei kühlen 15 Grad treibt ein steiler Hügel nach dem anderen neuen Schweiß auf die Stirn. Als Bruder Matthäus Anfang der 1970er Jahre aus Nordhrein-Westfalen gen Norden entsandt wurde, dachte er an ein weites, flaches Land. Wir auch. „Pergamus – Lasst uns weiter machen“, steht auf seinem Pilgerstab, den er zum 50-jährigen Ordensjubiläum geschenkt bekam. Das nehmen wir uns zu Herzen. Im kleinsten Gang und mit einem Puls auf höchster Frequenz erklimmen wir Anhöhe um Anhöhe. Genießen schließlich vom 94 Meter hohen Gömnitzer Berg, der zweithöchsten Erhebung Schleswig-Holsteins nach dem Bungsberg, die Endmoränen-Landschaft mit Buchen- und Tannenwäldern, blassgelben Raps-, dunkelgrünen Kornfeldern und sonnengelben Löwenzahnwiesen.

Mönchsweg - Frühlingslandschaft in der Holsteinischen Schweiz

Frühlingslandschaft in der Holsteinischen Schweiz

Bald haben wir das Hafenstädtchen Neustadt (9) an der Ostsee erreicht, das während der Hansezeit als Umschlagplatz für Getreide und Salzheringe diente. In Grömitz plätschern die ersten Ostseewellen sanft an den Strand. Dann führt der Mönchsweg wieder durchs Landesinnere bis Oldenburg in Holstein (10). Starigrad lautet der alte Name des Ortes. Er bedeutet „alte Burg“. Bis zum Jahre 700 wurde ein Burgwall angelegt, dessen 18 Meter hohe Reste noch heute zu begehen sind. Um die slawische Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, eröffnete in den 1980er Jahren das Wallmuseum. Hier erfährt der Besucher alles über Herkunft und Leben der Heiden und ihre Christianisierung. Das Museumsgelände ist als slawentypische Hafensiedlung angelegt, da die Slawen schon lange vor der Hansezeit Handelsbeziehungen in Europa unterhielten. Am Ufer dümpeln Einbäume und mittelalterliche Frachtkähne. Ehrenamtliche führen an Aktionstagen alte Gewerke wie Spinnen, Weben, Lederverarbeitung oder Specksteinschleifen vor.

Mönchweg - Mönch und Slawe im Wallmuseum in Oldenburg in Holstein

Mönch und Slawe im Wallmuseum in Oldenburg in Holstein

Die letzte Herausforderung für Körper und Gleichgewichtssinn ist der schmale Rad- und Fußweg über die 23 Meter hohe und fast einen Kilometer lange Fehmarnsundbrücke. Durch ebenes Land windet sich die Schlussetappe bis Puttgarden (11). Von hieraus unternahm Apostel Ansgar 826 seine erste Missionsreise nach Dänemark. Wer noch Kraft, Lust und Zeit hat, kann weiterradeln. Noch einmal 450 Kilometer auf dem dänischen Munkevejen von Rødby bis Roskilde. Unsere „Mission“ endet hier. Kaum ein Wölkchen trübt den blassblauen Himmel. Eine angenehme Brise weht den Geruch des Meeres herüber. Petrus sei Dank!

Mönchsweg - Fehmarnsundbrücke

Blick auf die Fehmarnsundbrücke

 

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