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Ausstellungsorte in Marl: Museum Glaskasten

Marl
Skulpturenmuseum Glaskasten

• Kunst im öffentlichen Raum laufend
text und fotos: ferdinand dupuis-panther

Reisender kommst Du nach Marl, sei tapfer und kehre nicht um, wenn Du der S-Bahn entstiegen bist. Durchquere den wüsten Vorplatz, durchschreite das Einkaufszentrum, das unter einem gelben Tunneldach sich ausbreitet und lasse Dich auf Kunst im öffentlichen Raum ein. Du wirst es nicht bereuen!


Friederich Werthmann: Dividorizzonte, 1975
Remanit, 800 x 150 x 150 cm

Ein Platz für Skulpturen – der Chemiestandort Marl

Fürwahr, das Stadtambiente macht der Begriff „Unwirtlichkeit der Städte“ trotz des ausufernden Grüns alle Ehre. Das Hallenbad ist längst entleert, der Beton des „aufgehängten Rathause“ ist porös, die Mosaikplatten vor den Betonfassaden der Schlafburgen sind teilweise abgefallen, die Tiefgaragen sind autoleer. Und doch hat diese aus fünf dörflichen Gemeinde künstlich geschaffene Stadt etwas zu bieten, was es nirgendwo sonst zu sehen gibt: Skulpturen und Plastiken im öffentlichen Raum und im Museum Glaskasten, dessen Besuch kostenlos ist – und dies in Zeiten von Geldnot der Kommunen.

Nicht nur Orpheus im satten Grün

Nicht sehr einladend sieht die „Sitzbank“ von Richard Serra aus, die vor dem Aufgang zum Rathaus ihren Platz gefunden hat. Ungläubig schaut der bronzene Rabe – ein Werk des Surrealisten Max Ernst – auf die Vorbeilaufenden. Auf dem Platz vor dem Rathaus faltet sich Hagen Hilderhofs „Vertikaler Rhythmus“ auf. Wie riesige Würmer, die sich aus dem Erdreich an die Oberfläche bewegt haben und sich nun erstmals im Sonnenlicht krümmen, erscheint die „Naturmaschine“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, die auf einer Steinplatte vor dem Eingang des Skulpturenmuseums Glaskasten ruht. Im Schatten des Rathauses haben „Sitting People“ von Kenneth Armitage regungslos Platz genommen.


Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff: Naturmaschine,
1969, unsigniertes Unikat, Inv.-Nr.673

Aus der sanft hügeligen Gestaltung des öffentlichen Grüns am Eduard-Weitsch-Weg taucht Ansgar Nierhoffs „Skulptur“ empor, ein rostiger Stachel in der Natur. Wie gestapeltes Reifenmaterial, aus dem dicke Säulen gestaltet wurden, erscheint dem Betrachter das „Tor zu Baalbek“ von Carl Bucher, ebenfalls am Eduard-Weitsch-Weg zu sehen. Die Rasenfläche vor dem leeren Hallenbad hat Friedrich Gräsel mit seinen voluminösen Raumplastiken besetzt. Sie scheinen mit ihren Formen aus einem Baukasten für Kleinkinder zu stammen, mal kubisch, mal als Zylinder, mal als Zick-Zack-Band – alle aus dem Rasen aufragend.

Am flachen Trakt des Rathauses, der der Josefa-Lazuga-Straße zugewandt ist, prangt der Schriftzug „Angst“, der von einem roten Golfspieler und einem blauen Kirchlein umrahmt wird. Unwillkürlich fragt der Betrachter, nach der Rolle der Kirche. Ist sie ein Hort, der Angst vergessen lässt, während unsere Konsumgesellschaft symbolisch im Golfspieler aufgegriffen, Zukunftsängste schürt? Zum „Glaskasten“ zurückgekehrt, blickt der Besucher auf die Böschung zum „Patio“ des Museums: Der Hang ist mit „umgefallenen“ Straßenschildern bepflanzt. Diesen „Schilderwald“ hat Stefan Wewerka erdacht, der mit seinen Arbeiten der „Anti-Kunst“ in der Tradition der Dadaisten steht.

Organisch entfalten sich die Knospen des „Ruhendes Blattes“ von Hans Arp, das am Ufer des Citysees seinen Bestimmungsort gefunden hat. In unmittelbarer Nachbarschaft „durchzieht“ Wilfried Hagebölling mit seinem „Raumpflug“ die Rasenfläche. Es ist eine für die 1980er Jahre typische Stahlplastik ohne Sockel. Mitten im See treiben roten Kunststoffschwimmkörper", die von Dorothee Golz entworfen wurden, und auf einer kleinen Anhöhe hebt der „Große Orpheus“ von Ossip Zadkine an, die Saiten seiner Leier zu stimmen. Und auch Ulrich Rückriem hat am City-See einen Raum gefunden, seinen „Granit gespalten“ dem Publikum zu zeigen. James Reineking konfrontiert den Betrachter mit „Innen-Außen-Neben“, einer Bodenskulptur aus drei Teilen, die einem Abwurfring des Kugelstoßers gleicht.


Ossip Zadkine: Grand Orphée, 1956,
Standort Ufer des City-Sees

Wer um das Rathaus und den Citysee schlendert, wird wie auch in und an der Paracelsus-Klinik weitere Werke finden, die typisch für die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts sind. Zu empfehlen ist aber auch der Besuch des Museums Glaskasten, das immer wieder interessante Videoinstallationen neben der Sammlungspräsentation zeigt.

Ein Geschenk mit Nägeln, ein monströser Straßenkreuzer und Schatten, die Klänge erzeugen

Ein Blick in das Innere des „Glaskastens“ enthüllt Wolf Vostells Vorstellungen. von unserer „Brave New World“: ein ausgestopftes Kalb liegt unter einem schwarzen Straßenkreuzer, dessen einer Scheinwerfer durch einen Projektor ersetzt wurde. In der Fahrertür klemmt ein Fernseher. Ein Video zeigt Fleischhauer bei der Arbeit des Zerlegens. Im Auto entdeckt der Betrachter die Kettenhandschuhe und Gummistiefel eines Fleischers; aus dem Kofferraum lugt eine Schreibmaschine hervor. Vostell formulierte zu seinem Kunstwerk die folgenden Worte: „Dieses Jahrhundert ist ja nicht so unschuldig und idyllisch, und ich empfinde es nicht so, und deshalb kann ich dem Publikum unschuldige und idyllische Motive nicht liefern.

Dringen wir als Besucher weiter ins Museumsinnere vor, so fällt der Blick auf eine Sich-Entkleidende, der es aber nicht vollständig gelingt, sich aus Hose und Bluse zu schälen. Drei Kupferpfeifen, die aus der Marmorplatte eines Nachttisches aufragen, lassen brummende „Heimattöne“ erklingen, während in einer Raumecke ein länglicher Neonfaden sich seinen Weg bahnt: “Brain Wave“ lautet der Werktitel. Doch wessen Hirnwelle ist in ihm materialisiert?

Schattenwürfe lassen eine Klanginstallation lebendig werden. Atonales und hohes Pfeifen, quälender Computerklang und harmonischer Orgelton schwellen an und klingen ab. Einer Landschaft mit „Flugobjekt“ gleicht die Assemblage „Bild-Relief“ von Erwin Wortelkamp, die aus Eisen und Holz geschaffen wurde. An einen Tag auf dem Lande erinnert Robert Jacobsens „Polychromes Relief“. Rostige Platten, Fleischerhaken, eine Stange, ein Regal, gebogener Stacheldraht, Holzreste und eine Petroleumlampe sind die Werkstoffe, mit denen Jannis Kounellis eine monströs wirkende „Plastik“ erarbeitet hat.

Kostenlose Führungen

Donnerstags und sonntags gibt es kostenlose Führungen durch die Wechselausstellungen im Skulpturenmuseum. Beginn: jeweils 16. 30 Uhr (nicht am ersten Donnerstag im Monat!).

Jeden ersten Donnerstag im Monat starten die Touren an anderer Stelle: Für Kunstfreunde gibt es dann Führungen durch die ständige Ausstellung in der Außenstelle-Paracelsus Klinik am Lipper Weg. Beginn: 16.30 Uhr.

Audio-Guides Die tragbaren Geräte informieren über 30 Skulpturen im Außenbereich des Museums. Leihgebühr: 2 Euro (Pfand: 20 Euro).

Nahezu filigran erscheint dagegen Gerlinde Becks „Hängende Figur“, und einem Torso gleicht die „Kleine schwarze Figur“ von Joachim Bandau. eißglas, das in Scherben zerbrochen ist, eine Kabeltrommel und aufgewickelte Lichtschlaufen dienten Federica Marangoni als Material für eine „Rauminstallation“. Zwei Holzschnecken verführen den Besucher zum Berühren – doch das ist nicht erlaubt. Nicht die bekannten zerschnittenen monochromen Leinwände, sondern eine aufgerissene verformte Bronzekugel diente Lucio Fontana diesmal dazu, sein „Raumkonzept“ zu materialisieren.

Ein anthropomorpher Gipsstein wird unter den Händen von Abraham David Christian zum „Heiligen Menschen“. Während man noch dieses reliefierte Gipsgebilde im Blick hat, schweift das Auge schon zu Berto Larderas Unterredung III“. Doch wer redet hier eigentlich mit wem? Schließlich präsentiert Fabian Sanchez dem Besucher des Glaskastens die Metamorphose einer Nähmaschine.

Kleinplastiken findet der Besucher in einer Art Atrium, darunter auch Meuniers „Bergmann“, der neben Pierre Bonnards „amorphem Seepferdchen“ seinen Platz gefunden hat. Der „gehockte Akt“ stammt von Henri Matisse. Nicht verschlankt wie sonst bei Giacometti zeigt sich der „Frauentorso“, dessen Vertiefungen Augen und Bauch des abstrakt dargestellten Weibes erahnen lassen. Nicht nur vor dem Glaskasten, sondern auch unter den Kleinplastiken im Inneren findet man „Habakuk“, der von Max Ernst gestaltet wurde und an Hans Huckebein von Wilhelm Busch erinnert. Ein ganz besonderes „Geschenk“ hat sich Man Ray ausgedacht: ein Bügeleisen mit Stacheln auf der Bügelfläche.

Für alle, die sich für Plastik und Skulptur interessieren – in den meisten Museen fristen dieses Formen der Kunst oftmals ein Schattendasein, sieht man mal vom Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum ab – ist Marl der Ort, an dem man sich ausgiebig mit Plastik der Gegenwart auseinander setzen kann. Mein Tipp: Hingehen, schauen, staunen und wiederkommen!


Carl Bucher: Tor zu Baalbeck, 1977, Standort: Eduard-Weitsch-Weg

Skulpturenmuseum Glaskasten
Creiler Platz / Rathaus
45765 Marl
Tel.: 0 23 65 / 99 22 57
skulpturenmuseum@stadt.marl.de
http://www.marl.de/skulpturenmuseum
Öffnungszeiten
Di. – So. 10 –18 Uhr

Reportage Ruhrgebiet, Reportage Kulinarisch Reisen

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