Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo Schillers Initialzündung stattfand

Auf den Spuren des Dichters in Marbach und Ludwigsburg am Neckar

Text und Fotos: Ulrich Traub

Sie liegen beide am Neckar und sind als Heimat berühmter Dichter und Denker bekannt. Und doch präsentieren sich das gemütliche Marbach und das stolze Ludwigsburg als Städte der Gegensätze. Das Bindeglied heißt Friedrich Schiller und die Literatur.

Deutschland - Marbach - Marbachs größter Sohn: Schiller-Büste in seinem Geburtshaus, das ein kleines Museum beherbergt

Marbachs größter Sohn: Schiller-Büste in seinem Geburtshaus, das ein kleines Museum beherbergt

„Wo geht’s denn hier zum Schiller?“ Auf diese Frage bleibt kein Marbacher die Antwort schuldig. Die Frage ist nur, in welche Richtung er den Fremden schickt - zum Geburtshaus des Dichters in die Altstadt oder zum Museum auf die Schillerhöhe. Als Friedrich Schiller am 10. November 1759 in einem für das Städtchen typischen Fachwerkhaus das Licht der Welt erblickte, sah Marbach fast schon so aus wie heute. Das stattliche Tor wacht immer noch über die Altstadt, Stadtmauer und Reste der Wehranlagen erzählen von früherer Bedeutung, während die schmucken Fassaden restaurierter Häuser verraten, dass man gerne hier lebt. In der Mitte des Städtchens liegt, wie es sich gehört, der Marktplatz mit blumengeschmücktem Rathaus und der Kirche.

Deutschland - Marbach - Geburtshaus Friedrich Schillers in der Marbacher Altstadt

Geburtshaus Friedrich Schillers in der Marbacher Altstadt

Zu Schillers Geburtshaus sind es vom Markt noch ein paar Schritte über abschüssiges Kopfsteinpflaster. Ob der Dichter diesen Weg auch gegangen ist? Wohl kaum, denn bereits 1764 zog die Familie fort – zunächst nach Lorch und 1767 nach Ludwigsburg. „Aber wir sind  sehr froh, dass er wenigstens hier zur Welt gekommen ist“, schmunzelt die Dame vom Info-Stand im Geburtshaus, wo die Familie unter eher ärmlichen Verhältnissen gelebt hat. Die Ausstellung hier beschäftigt sich mit Schillers Kindheit und dem damaligen Alltag in Marbach.

Es hatte nicht lange gedauert, bis die Marbacher entdeckten, welches Pfund sie mit der Geburtsurkunde des Dichters in Händen hielten. Im Zuge des Schiller-Booms im frühen 19. Jahrhundert gründete sich ein Verein, der 1857 - mit Unterstützung aus ganz Deutschland - das Geburtshaus erwarb und es zum 100. Geburtstag des berühmten Sohnes als Gedenkstätte eröffnete. 1903 kam ein eigenes Museum für den Dichter hinzu. Auch dies ermöglichten rührige Marbacher Bürger. Eine Landschaftsterrasse hoch über dem Neckar wurde als angemessener Ort, der bis heute Erhabenheit ausstrahlt, für die Dichter-Würdigung ausgeguckt. Der Neubau hatte schlossähnliches Aussehen und ebensolche Dimensionen, darunter tat man’s nicht. Ob man ahnte, welche Wirkung diese Gründung hatte? Heute ist das Deutsche Literaturarchiv, das mittlerweile drei Häuser bespielt, jedenfalls das Mekka der Literaturfreunde.

Deutschland - Marbach - Akropolis oberhalb von Marbach: das neue Literaturmuseum der Moderne, erbaut von David Chipperfield; im Hintergrund der Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert

Akropolis oberhalb von Marbach: das neue Literaturmuseum der Moderne, erbaut von David Chipperfield; im Hintergrund der Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert

Der Spaziergang über die Schillerhöhe führt vom Denkmal des Dichters, der recht wohlwollend sein Museum betrachtet, durch die Säulengänge des Literaturmuseums der Moderne, dem Neubau von Star-Architekt David Chipperfield, der wie eine zeitgenössische Akropolis den Altbau flankiert, in den Garten des Altbaus. Von hier schweift der Blick über den Neckar weit ins Land. Weihevolle Stimmung garantiert.

Spielt Schiller in Marbach unangefochten die Hauptrolle, so macht ihm diese im benachbarten Ludwigsburg der schwäbische Dichterkreis um Eduard Mörike und Justinus Kerner, allesamt gebürtige Ludwigsburger, streitig. Wenn das kleine Marbach heute so etwas wie ein gemütliches Studierstübchen ist, so schätzt man im ungleich größeren Ludwigsburg die große Bühne. Und Schiller? Da geraten viele Bewohner der ehemaligen Residenzstadt ins Grübeln. Da war doch was. Genau, hier besuchte der angehende Dichter nicht nur sechs Jahre die Lateinschule, sondern auch erstmalig das Theater – und was für ein Theater. Wo Schillers Initialzündung stattfand, wird immer noch gespielt. Das barocke Schmuckkästchen ist Europas ältestes Schlosstheater mit funktionstüchtiger Bühnentechnik.

Deutschland - Marbach - Früher Jagdpavillon, heute Ort kultureller Veranstaltungen: Schloss Monrepos in Ludwigsburg

Früher Jagdpavillon, heute Ort kultureller Veranstaltungen: Schloss Monrepos in Ludwigsburg

Was der junge Friedrich wohl gedacht hat, als er die Stadt kennen lernte? So ganz anders als sein verwinkelter Geburtsort präsentierte sich das als Folge des Schlossneubaus am Reißbrett entstandene Ludwigsburg. Das Schloss, mit dessen Bau 1704 begonnen worden war, bestimmte den Lebensstil in der neuen Stadt. Es herrschte die strenge Ordnung einer Garnisonsstadt. Trotz des absolutistischen Hofes und des Säbelgerassels der Soldaten erwarb sich die Stadt in jener Zeit das Attribut „Schwäbische Poetenwiege“. Und, so heißt es, Schiller habe seine Jahre im Schatten der Hofhaltung des Herzogs Carl Eugen genossen.

Deutschland - Marbach - Ausgangspunkt der Ludwigsburger Stadtentwicklung: der alte Teil des Schlosses mit seinen barocken Gartenanlagen

Ausgangspunkt der Ludwigsburger Stadtentwicklung: der alte Teil des Schlosses mit seinen barocken Gartenanlagen

Mit barocker Pracht und Fülle lockt noch das heutige Ludwigsburg. Das größte Barockschloss in Deutschland mit 452 Räumen in 18 Gebäuden, umgeben von ausladenden Gartenanlagen sowie Straßenzüge, in denen die Häuser in Reih‘ und Glied paradieren, lauschige Alleen und weite, von Kirchen flankierte Plätze. Von der sprichwörtlichen schwäbischen Sparsamkeit keine Spur. Auch der Hang zu opulenten Feiern ist in der Stadt, die bereits ihren 300. Geburtstag feierte, erhalten geblieben – von den berühmten Schlossfestspielen im Sommer bis zur Venezianischen Messe, einem Straßenkarneval im September. Da konnte der gute Friedrich Schiller schon mal in Vergessenheit geraten. Aber wie sagte doch die freundliche Dame im Marbacher Geburtshaus: „Im Jubiläumsjahr werden wir harte Konkurrenz haben.“

Reiseinformationen zu Marbach und Ludwigsburg am Neckar

Informationen:

Stadtinformation Marbach
Tel: 07144/1020,
www.schillerstadt-marbach.de

Tourist Information Ludwigsburg
Tel: 07141/9102252,
www.ludwigsburg.de

Schiller:

Deutsches Literaturarchiv
Tel: 07144/8480,
www.dla-marbach.de.

www.schillersgeburtshaus.de

 

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