Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo Schafe Schnucken heißen

Eine Stippvisite bei den tierischen Landschaftspflegern in der Lüneburger Heide

Text und Fotos: Axel Scheibe

Eine flirrende Staubwolke zieht von Westen her über die Heidelandschaft bei Neuenkirchen. Noch fern, ganz hinten am Waldrand kommen sie ins Blickfeld - 3290 Beine, die der ausgetrockneten Heide den Staub entlocken. Es ist heiß, Regen fehlt seit Wochen. Das Grünland und die Heideflächen sind ausgedörrt. Da sorgen so viele Beine schon einmal für staubige Aussichten. 820 Schafe sind es, die Schäfer Matthias Schüler und seine beiden Hütehunde im Griff haben. Doch halt, was heißt hier Schafe, es sind Heidschnucken und was heißt hier Schäfer, Matthias Schüler ist, um es exakt zu sagen, ein Schnucker. So viel Zeit und so viel Genauigkeit müssen schon sein, denn die Heidschnucken, die in der Lüneburger Heide für Landschaftspflege sorgen, mögen zwar zur Gattung der Schafe gehören, doch es gibt da schon einige Unterschiede, über die man bei einem Besuch auf dem Schäferhof (Beachte: hier bleibt es beim Schaf.) in der kleinen Gemeinde Neuenkirchen (1) in der Lüneburger Heide aufgeklärt wird.

Lüneburger Heide - Schäfer Matthias Schüler mit seinen Heidschnucken

Schäfer Matthias Schüler mit seinen Heidschnucken

Doch bevor es zum theoretischen Exkurs kommt, steht die Praxis im Mittelpunkt. Rund 30 Touristen sind gekommen, um der größten Schnuckenherde in der Heide ihre Referenz zu erweisen. Es dauert nicht lange und sie stehen mitten in der Herde kräftig behörnter Wollknäuel. Frische Äste mit saftigen Blättern haben sie mitgebracht. Eine Delikatesse, der die Heidschnucken auch nach einem langen „Fresstag“ nicht widerstehen können. Ein lustiges Treffen also für beide Seiten und für einige Zeit werden aus den 3290 Beinen 3350. Die prächtigen Tiere gehören dem gemeinnützigen Verein Schäferhof, der sich 1976 gegründet und die Landschaftspflege und den Naturschutz auf Heide- und Moorflächen auf seine Fahnen geschrieben hat. Matthias Schüler, seit fast 40 Jahren als Schäfer unterwegs, ist seit 2006 der vom Verein angestellter „Chef“ der Herde.

Plastik Schäfer mit Heidschnucken im Zentrum von Bispingen

Plastik Schäfer mit Heidschnucken im Zentrum von Bispingen

Von April bis Oktober sorgt er mit seinen Heidschnucken jeden Tag, den Montag ausgenommen, für eines der interessantesten Erlebnisse, das die Lüneburger Heide abseits ihrer zahlreichen Familienparks zu bieten hat. Immer zwischen 17 und 18 Uhr kommt er mit seinen Tieren zurück auf den Schäferhof. Interessenten können den Eintrieb und das Tränken der Heidschnucken beobachten und nach getaner Arbeit mit Matthias Schüler über seine Arbeit und seine Tiere ins Gespräch kommen. Im Gegensatz zu manch anderem Schäfer ist der Schnucker gar nicht „maulfaul“ und weiß viel über sein Arbeitsfeld, über die Lüneburger Heide zu erzählen. Wer will kann sich, nach Voranmeldung versteht sich, auch einen ganzen Tag mit Matthias Schüler und seinen Heidschnucken auf Heidetour gehen. Ein Erlebnis, das keiner so schnell vergisst.

Kulinarisches rund um die Heidschnucke

Dass die Schnucken deutlich rustikaler wirken als ihre „normalen“ Brüder und Schwestern Namens Schafe, fällt auf den ersten Blick auf, doch der Hauptunterschied verbirgt sich unter dem dicken Fell, wie Dirk Tonnhofer, Küchenchef im Bispinger Hotel Bockelmann (2) betont. „Das Fleisch der Heidschnucken unterscheidet sich vom Lamm deutlich. Es hat eine ganz andere Note und schmeckt eher nach Wild als nach Schaf.“ Das Heidekraut ist es, das für diesen besonders delikaten Geschmack sorgt. Der Hamburger Koch, der seit längerer Zeit in der Lüneburger Heide lebt und arbeitet, ist hier schnell auf den Geschmack gekommen. Zu seinen Spezialitäten gehören Heidschnuckenrücken auf Rahmwirsing oder etwas rustikaler, Heidschnuckenbraten aus der Keule. Dazu ein guter trockener Roter aus Australien – so liebt es Dirk Tonnhofer selbst auf seinem Tisch. Die Gäste sehen das nicht anders. Doch im Hotel Bockelmann kommen nicht nur regelmäßig Heidschnucken auf den Teller, nein, das Hotel engagiert sich im Rahmen einer Patenschaft für eine Heidschnuckenherde des Vereins Naturschutzpark Lüneburger Heide e.V.

Lüneburger Heide - Zu Dirk Tonnhofers Spezialitäten gehören auch leckere Gerichte aus Heidschnucken-Fleisch

Zu Dirk Tonnhofers Spezialitäten gehören auch leckere Gerichte aus Heidschnucken-Fleisch

Nun könnte man den Rotwein freilich auch gern austauschen. 50 km südlich von Bispingen, in Walsrode (3) , braut Bernd Meyer, seines Zeichens Diplom Braumeister, sein original Schnuckenbier. Seit zehn Jahren ist seine kleine Brauerei am Hotel Forellenhof in Betrieb und Jahr für Jahr verlassen rund 600 Hektoliter Schnuckenbier die Edelstahltanks. „Drei Sorten sind es, die naturtrüb, sprich ungefiltert, in die Gläser wandern. Ein kräftiges Dunkles, ein eher herbes Helles und dann noch, eine Reminiszenz an meine Jahre in Oberbayern, ein Weizenbier“, erläutert Bernd Meyer im Rahmen einer Brauereiführung. Immer am 1. Mai wird der Brauereigeburtstag gefeiert. Dann ist rings um die Brauerei und das Hotel Forellenhof noch mehr los, als so schon. Besonders beliebt sind die Bierseminare von Bernd Meyer. In reichlich sechs Stunden erfahren die Teilnehmer so ziemlich alles über Bier und können natürlich auch reichlich zum Schnuckenbier greifen.

Das hätte sich Hermann Löns sicher nicht träumen lassen, als er seine Romane in der Region angesiedelt hat. Zeit seines Lebens und auch heute noch sind seine Werke und er selbst etwas umstritten. Trotzdem hat man ihm in Walsrode, unweit vom lohnenswerten Freilichtmuseum, ein hübsches Denkmal geschenkt. Eigentlich nur logisch, denn Heide und Löns gehören halt irgendwie zusammen.

Freizeitparks für jeden Geschmack

Lüneburger Heide - Giraffen im Safaripark in Hodenhagen

Giraffen im Safaripark in Hodenhagen

Die Lüneburger Heide in heutiger Zeit lebt freilich nicht zuletzt von ihren tollen Freizeitparks, in denen Groß und Klein gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Dabei hat man die Qual der Wahl. Mal laut und temperamentvoll, mal eher leise und naturverbunden. Der Safaripark in Hodenhagen (4) bietet eine Kombination aus beidem. Während es auf der Safaritour im eigenen Auto oder im Bus auf den Spuren wilder Tiere eher beschaulich zu geht, wartet auf der anderen Seite des Parks besonders auf jüngere Besucher Action. Und das nicht nur mit dem Speedboot in der nagelneuen Wasserwelt. Wer es besonders verrückt mag, ist im Heidepark Soltau (5) bestens aufgehoben. Zwar gibt es auch dort manch Angebot für Zaghaftere, so richtig perfekt ist er jedoch für all jene, denen der Adrenalinspiegel nicht hoch genug steigen kann. Nicht nur die größte Holzachterbahn der Welt spielt den Nerven mit, es geht noch schneller, noch höher und mit noch mehr Action. Ein ganzer Tag mag dafür kaum reichen, was ja kein Problem ist, den nzum Park gehört neben einem Hotel auch das Holiday Camp. Nur wenige Minuten vom Parkeingang entfernt bietet der Campingplatz „Auf dem Simpel“ Platz für Caravan oder Wohnmobil.

Lüneburger Heide - Heidepark Soltau

Karussell im Heidepark Soltau

Der Natur näher kommt man am besten im Wildpark Lüneburger Heide (6), in dem nicht nur Tiere der heimischen Fauna ganz aus der Nähe zu sehen sind, sondern auch mächtige Tiger, große Bären und (hoffentlich nicht hungrige) Wölfe.

Greifvogelschau im Wildpark Lüneburger Heide

Greifvogelschau im Wildpark Lüneburger Heide

Ein Tipp für Liebhaber gefiederter Freunde ist der Weltvogelpark in Walsrode. Dieser Park überzeugt selbst nicht gerade begeisterte „Vogelgucker“. Der Autor weiß, wovon er spricht. Die gepflegte Anlage ist riesig und beeindruckend die bunte Vogelwelt, die die Macher zusammengetragen haben. Top-Event für große und kleine Leute gleichermaßen – die tägliche Fütterung der Pinguine. Da sind Spaß und manche Überraschung garantiert. Wer dann noch den Greifvögeln bei ihrer Flugschau zusieht, weiß, der Tag im Vogelpark hat sich gelohnt.

Lüneburger Heide - Zu den großen Besuchermagneten im Weltvogelpark Walsrode gehören die Pinguine. Besonders natürlich dann, wenn sie im Rahmen der Fütterung direkt vor den Schaulustigen aufmarschieren

Zu den großen Besuchermagneten im Weltvogelpark Walsrode gehören die Pinguine. Besonders natürlich dann, wenn sie im Rahmen der Fütterung direkt vor den Schaulustigen aufmarschieren

Während die Blütenpracht im Vogelpark von April bis Oktober zu sehen ist, beginnt die Heide erst ab Ende Juli ihren lila Blumenteppich in seiner schönsten Form auszubreiten. Besonders die großen Heideflächen im Kerngebiet der Lüneburger Heide werden dann zum Publikumsmagnet für ungezählte Touristen. Pünktlich zur Hochsaison startet dafür ein Linienkutschendienst in den autofreien Teil des Naturschutzgebiets. Täglich alle zwei Stunden rollen die Kutschen von der Haltestelle am Undeloher Hof in Undeloh (7) mit zwei Pferdestärken hinein ins Zentrum des Naturschutzgebietes Wilsede.

Touristische Informationen

Lüneburger Heide GmbH
Wallstraße 4
21335 Lüneburg
Tel. 0700/20993099
www.lueneburger-heideland.de

 

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