Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo das Salz gefeiert wird ...

Entdeckungen zwischen Elbe und Lüneburger Heide

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Die Landschaft zwischen Hitzacker und Lüneburg gehört nicht zu den großen deutschen Reisezielen. Das hat unseren Autor aber nicht davon abgehalten, sich die Gegend einmal genauer anzuschauen. Und wie nicht anders zu erwarten, konnte er eine Menge Entdeckungen machen – nicht zuletzt, weil er zeitweise auch mit Fahrrad und Schiff unterwegs war. Zweifellos eine angemessene Annäherung an dieses schöne Stück norddeutscher Provinz.

Hitzacker ist ein beschauliches Städtchen an der Elbe, das auch schon mal als Filmkulisse herhalten muss, so in der Vorabendserie „Girl Friends“. Zugegeben, die Fachwerkhäuser im Kern des Ortes sind schmuck, doch mit anderen historischen Orten der Region kann das verschlafen wirkende Städtchen nicht mithalten. Und hier gedeihen also Reben an einem Elbhang, wird Jahr für Jahr eine Weinkönigin gekürt, erlaubt ein Archäologisches Zentrum den Blick in die Vergangenheit, sorgen klassische Konzerte für ausgebuchte Hotels und ein Klettergarten für Adrenalinstöße und Teambildung?

Deutschland / Hitzacker / Klettergarten

Vor dem Start hinauf in den Klettergarten

Vom Weinberg in den Klettergarten

Umschlossen ist die Innenstadt vom Hafen und von der Jetzel, einem Nebenfluss der Elbe. Auf dieser so genannten Stadtinsel liegen als Sehenswürdigkeiten die barocke St.-Johannis-Kirche und das Museum im Alten Zollhaus (1589). Rund um das Rathaus finden sich zahlreiche schmucke Fachwerkhäuser. Von hier aus nimmt die Deutsche Fachwerkstraße ihren Lauf, die neben Dannenberg und Lüchow auch die wendländischen Rundlingsdörfer einschließt. An einem Geesthang reifen an 99 Rebstöcken süße Trauben, die zu „Hitzacker Weinbergtröpfchen“ gekeltert werden: eine Rarität, gibt es doch nur hundert Flaschen im Jahr. Und wer einen Weinberg besitzt, der wählt selbstverständlich Jahr für Jahr seine Weinkönigin.

Der Klettergarten unweit des Park-Hotels ist an jedem zweiten Sonntag im Monat für jedermann zugänglich, vorausgesetzt man ist größer als einen Meter vierzig. Bereits der Aufstieg in eine Höhe von acht Metern ist für den einen oder anderen eine Herausforderung. Doch oben angelangt, muss man etwaige Höhenängste und nicht vorhandene Schwindelfreiheit überwinden, will man über eine aufgehängte Seilbrücke laufen oder auf einem Steg balancieren. Mein Herz klopfte schneller als sonst, als ich vor der ersten luftigen Querung stand. Ich entschied mich, es bei einem Ausblick und dem nachfolgenden Abseilen zu belassen. Meine Begleiter hingegen waren Feuer und Flamme, „tanzten“ über Doppelbalken und Hängebrücken vor und zurück, „verfingen“ sich in der so genannten „Mühle“ und befreiten sich geschickt daraus. Und dabei waren alle „Wagemutigen“ mit Gurten an einem Führungsseil gesichert.

Ein Ausflug in die Bronzezeit

Zu den besonderen Attraktionen des Jetzelstädtchens gehört das Archäologische Zentrum, dessen Existenz nur dem Umstand zu verdanken ist, dass bei einer Klärwerksprojektierung am Rande des Hitzacker Sees bronzezeitliche Spuren freigelegt wurden. Was wir heute vorfinden, ist die Rekonstruktion einer Siedlung, die dank der im Erdreich erkennbaren Hausgrundrisse vorgenommen wurde. Aufgrund der Breite der Häuser konnten Fachleute den Neigungswinkel der Dächer bestimmen; Flechtwandreste im Boden gaben Aufschluss über Aspekte der Bautechnik.

Deutschland / Hitzacker / Langhaus

Bronzezeitliches Langhaus im Archäologischen Zentrum Hitzacker

Dem Besucher eröffnet sich in der Ausstellung „Zeitreise“ im Langhaus I des Museums ein Eindruck von den Siedlern der Bronzezeit. Auch wenn es keine Knochenfunde zu sehen gibt, so doch den Schmuck der Damen aus der Bronzezeit, ob nun Reifen oder Fuß-, Arm- und Halsringe. Gürtelzier und Gewandnadel sind gleichfalls wesentliche Accessoires aus der Bronzezeit.

Das Archäologische Zentrum in Hitzacker widmet sich experimenteller Archäologie. So werden beispielsweise Vorratsgruben mit Äpfeln gefüllt und Jahre später ausgegraben, um zu sehen, wie lange Vorräte unbeschadet im „Erdreich“ gelagert werden können. Und auch der Hausbau ist Teil dieser Art Archäologie. Man findet das typische bronzezeitliche Langhaus umgeben von Vorratsgruben und Kochstellen aus Lehm sowie Kuppelöfen zum Backen. Eines der rekonstruierten und aus Gründen der Isolierung mit Reet gedeckten Häuser besitzt einen Boden und Stallungen, in dem zumindest im Winter das Vieh gehalten wurde. Eine derartige Wärmequelle unter dem Dach war bei bitterer Kälte gerne gesehen. Sechs bis sieben Höfe besaß ein bronzezeitliches Dorf. In jedem Haus lebten bis zu fünfzehn Menschen in einem Großverband.

Wo einst die innerdeutsche Grenze verlief

Deutschland / Hitzacker / an der Fähre

Warten auf den Fährmann

Nach dieser musealen Exkursion ist es Zeit, die Gegend links und rechts der Elbe zu erkunden. Man kann dies zu Wasser und auch zu Lande tun. Bei einer Bootstour von Hitzacker nach Neu-Darchau lässt sich der Fluss inmitten einer reizvollen Marsch- und Geestlandschaft entspannt genießen. Am Ufer gehen Reiher auf Beutefang. Hoch in den Lüften segelt ein Roter Milan. Das Klappern der Störche ist in der Ferne zu vernehmen. Und mit etwas Glück kann man auch Biber beobachten, die an der Elbe wieder heimisch geworden sind.

Aktiver erleben kann man das Elbtal bei einer Radtour auf dem Elbe-Radweg. Nein, eine Superpiste darf man auf der Ostseite der Elbe nicht erwarten, wenn man nach dem Übersetzen nach Bitter in Richtung Neu Bleckede unterwegs ist. Noch immer geht es zum Teil über die Betonplatten des alten Grenzweges, der die innerdeutsche Grenze markierte. Durchgeschüttelt wird man, doch die Aussicht entschädigt für derartige Strapazen.

Deutschland / Hitzacker / Grenzwachturm

Spuren der deutsch-deutschen Geschichte (1961-1989)

Unterwegs passiert man einen Wachturm und einen Teil des Grenzzaunes, den man bei Darchau noch stehen gelassen hat, um anschaulich an die Geschichte von 1961 bis 1989 zu erinnern. An ihnen vorbei führt die Fahrt immer in Sicht des Flusses nach Nordenwesten. Gemächlich gleitet der Strom dahin. Nur selten sieht man einen Binnenschiffer mit Fracht, bisweilen wagen sich Paddler auf den Fluss. Von Neu Bleckede aus setzen wir über und steuern danach das um 1600 erbaute Schloss Bleckede an. Heute ist hier ein sehenswertes Museum untergebracht, das sich der Flora und Fauna des Biosphärenreservates Elbetal und der Elbe angenommen hat.

Die Elbe von allen Seiten

Von Lauenburg bis zur Landesgrenze zu Sachsen sind der Fluss und seine Niederungen Teil des UNESCO-Biosphärenreservats. Mit 400 Flusskilometern und einer Fläche von 3 750 Quadratkilometern ist es das größte Schutzgebiet in Deutschland und erstreckt sich in fünf Bundesländer. Wer sich im Herbst und im Winter dort aufhält, wird eine Vielzahl von Wintergästen entdecken, ob nun Sing- und Zwergschwäne oder Saat- und Blessgänse. Besonders bei Neu Bleckede finden sich Abertausende von Gastvögeln auf ausgesuchten Weideflächen ein, und zwischen Radegast und Bleckede lassen sich die gefiederten Gäste aus dem hohen Norden zum Schlaf nieder. Die Gegend rund um Bleckede wird auch immer wieder von Weißstörchen aufgesucht, die Jahr für Jahr hier ihre Nester beziehen.

Deutschland / Schloss Bleckede

Schloss Bleckede: Vom Fürstensitz zum Elbtalmuseum

Mit einer Fülle ansprechender Medien bringt das Museum Elbschloss Bleckede dem Besucher die Elbe von der Quelle bis zur Mündung nahe. Man schlendert durch Flure des Hauses, die Flussabschnitte darstellen. In ihren Böden sind allerlei Fische unter einer Abdeckung eingelassen, darunter Stint, Kaulbarsch und Forelle. Drehbare Stelen erläutern die unterschiedlichen Landschaftstypen entlang der Elbe, darunter das Alte Land und die Insel Neuwerk bei Cuxhaven. Behandelt werden Themen wie die Festung Dömitz und das Elbtal zwischen Schnackenburg und Lüneburg. Man steht Aug’ in Aug’ mit den gefiederten Bewohnern der Region, ob Reiher, Seeadler oder Brachvogel. Mit Papier kann man Fledermäuse und Raketen falten, um selbst zu testen, welche Form sich zum Fliegen am besten eignet.

Deutschland / Schloss Bleckede

Museum Schloss Bleckede: Flora und Fauna des Elbtals zum Greifen nah, Foto: Elbschloss Bleckede GmbH

Und hier liegt auch das Hauptaugenmerk des Museums: Nicht nur Text und Bild sollen die Besucher animieren, sich mit der Elbe zu befassen, sondern auch das eigene kreative Tun.

Lüneburg besichtigen und einkehren

Deutschland / Lüneburg / Mühle

Blick auf eine der ehemaligen Mühlen an der Ilmenau

Zeitweilig folgen wir dem Elbe-Seiten-Kanal, ehe wir den Ortsrand von Adendorf erreichen, in ein Waldstück einfahren und auf dem ausgeschilderten Radweg nach Lüneburg gelangen. Diese Tour ist Teil einer Rundtour von etwa 85 Kilometern, auf der von Lüneburg aus die Orte Scharnebeck, Neetze und Bleckede sowie Boizenburg und Lauenburg angefahren werden.

Deutschland / Lüneburg / Backsteinhaus

Schmucke Fassade aus Backstein

Vor allem Backstein und Terracotta erwartet den Lüneburg-Besucher. Und seit mehr und mehr Studenten Lüneburg als Studienort entdecken, pulsiert die Stadt. Restaurants, Brauhäuser und Cafés laden zum Verweilen ein. Ob man sich zuerst im „Schallander“ am Stintmarkt beim Frühstück „Landliebe“ stärken sollte, bevor man sich durch das schmucke Lüneburg mit seinen typischen Backsteinhäusern bewegt, mag jeder selbst entscheiden. Auf dem Rundgang durch die einst wegen ihrer Salzsiederei bekannten Stadt an der Ilmenau wird man immer wieder Gelegenheit haben, bei einem Latte Macchiato eine kleine Rast einzulegen. Und wer den Abend in Lüneburg verbringt, hat die Qual der Wahl, wohin er gehen soll, zum „Pons“ – dem nach eigener Auskunft ältesten Lokal der Stadt –, um Getreidefrikadellen mit Meerrettich-Apfel-Dip zu kosten, oder in den „Kartoffel-Keller“, in dem man sich am Pellkartoffel-Buffet satt essen kann. Omas Küche gibt’s in der Gaststätte „Zum Alten Brauhaus“, ob nun Sauerbraten nach altem Rezept oder Steckrübencremesuppe. Ein hausgebrautes Bier zapft man im „Mälzer“ unweit des Brauereimuseums. Und auch im Restaurant „Zur Krone“ versteht man sich auf Braukunst und „Hausmannkost“.

 

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