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Es geht auch ohne Lucas Cranach

Besuch im oberfränkischen Kronach

Text und Fotos: Ulrich Traub

Hinter den gewaltigen Mauern der Festung vernimmt man ein kontinuierliches Hämmern. Frauen und Männer in Arbeitskleidung und mit Schutzbrillen rücken mit Meißeln und Fäusteln klobigen Steinblöcken zu Leibe. Ein älterer Herr, der eine blaue Schürze trägt, das Erkennungszeichen der Steinmetze, steht den Kunst-Amateuren mit Rat und Tat zur Seite.

Deutschland - Kronach - Unterricht bei der Sandstein-Akademie: Leiter Hermann Schreiber nimmt Maß

Unterricht bei der Sandstein-Akademie: Leiter Hermann Schreiber nimmt Maß

Hermann Schreiber ist Leiter der Kronacher Sandstein-Akademie. Es ist kein Zufall, dass er mit seinen Schülern hier arbeitet. „Die Stadt würde es ohne den Sandstein gar nicht geben“, erklärt der Senior. In dem oberfränkischen Ort sei fast jedes Haus aus diesem Material, das aus eigenen Steinbrüchen stamme, erbaut worden – vor allem die gewaltige Festung Rosenberg. „Die Arbeit der Steinmetze hat das Gesicht von Kronach geprägt“, erklärt Schreiber, der als Steinbildhauer dazu beiträgt, dass die traditionelle Handwerkskunst erhalten bleibt.

Deutschland - Kronach - Entree der Altstadt: das Bamberger Tor an der Stadtmauer. Heute befindet sich hier eine gemütliche Weinstube

Entree der Altstadt: das Bamberger Tor an der Stadtmauer. Heute befindet sich hier eine gemütliche Weinstube

Wer Kronach entdecken möchte, muss hoch hinaus. Steile Straßen und Treppen führen in die Oberstadt: eine Zeitreise ins Herz des über 1000 Jahre alten Ortes. Mit Toren und Türmen, engen Gassen, Plätzen und Brunnen, der Pfarrkirche und dem historischen Rathaus versammelt das historische Zentrum das, was man gerne mittelalterlich nennt, obwohl sich der zeitliche Bogen doch viel weiter spannt. Vor allem abends präsentieren sich die alten Gassen mit ihren Cafés und Restaurants wie der Salon der Stadt.

Deutschland - Kronach - Natürlich aus Sandstein: das historische Rathaus aus der Renaissance

Natürlich aus Sandstein: das historische Rathaus aus der Renaissance

Oberhalb der Altstadt wacht die Festung, eine der größten in Deutschland, über das Treiben. Ihr verdanken die Kronacher, dass sie nie erobert worden sind. Die mächtigen Bastionen wirken noch heute wehrhaft. Weit reicht der Blick von hier zu den grünen Hügeln des Frankenwaldes. Abends, wenn Hermann Schreibers Schüler ihr Werkzeug längst eingepackt haben und die Dämmerung geheimnisvolle Schatten auf die Festungsmauern zaubert, dann hört man manchmal Schreie und Gelächter von dort oben. Kein Grund zur Sorge. Entweder geht’s im Biergarten hoch her oder Daniel Leistner hat eine besonders packende Inszenierung im Programm seiner Faust-Festspiele, die jeden Sommer vor der Naturkulisse auf der Festung stattfinden. „Zwar war der Doktor Faustus nie in unserer Stadt, dafür kann man sich hier aber prima in seine Zeit versetzen“, begründet der Leiter die Wahl für das Goethe-Drama.

Deutschland - Kronach - Wurde nie erobert: Festung Rosenberg, eine der größten Anlagen in Deutschland

Wurde nie erobert: Festung Rosenberg, eine der größten Anlagen in Deutschland

Apropos Goethe, ja richtig, der war auch in Kronach. Aber der Vielgereiste notierte nur, dass es geschneit habe. Ein berühmter Künstler ist dennoch mit der Stadt verbunden: Lucas Cranach der Ältere, der sich sogar den Namen seiner Geburtsstadt zulegte. Die aber zeigte sich wenig dankbar und ließ sein Geburtshaus in den 1970er-Jahren abreißen - worüber man sich nun mächtig ärgert. Kronachs stolzer Beiname ‚Lucas-Cranach-Stadt’ unterstreicht eher diesen Missstand, als ihn zu kaschieren. Immerhin sind einige Werke aus der Hand des Malers sowie Arbeiten seiner Schüler in der Fränkischen Galerie zu sehen, die im von Balthasar Neumann errichteten Kommandantenbau der Festung Rosenberg untergebracht ist. Ansonsten muss man sich mit einem Spezialbier und einem Aussichtsturm, die man auf Lucas Cranach getauft hat, bescheiden.

Da ist es Erfolg versprechender, anderen Spuren zu folgen. Der repräsentative Fachwerkbau des Kronacher Floßherrenhauses erinnert an einen nahezu vergessenen Beruf, den Flößer. Alfons Geiger war einer der Letzten, die Mitte der 60er-Jahre Waren, vor allem Holz, aus dem Frankenwald auf der Rodach, einer der drei Kronacher Flüsse, zum Main und weiter zum Rhein flößten. „Das war nicht nur ein Kraft raubendes, sondern auch ein gefährliches Gewerbe.“ Wer sich im Flößermuseum in Unterrodach, ein paar Kilometer von Kronach flussaufwärts, umschaut, glaubt Alfons Geiger, der dort durch die Ausstellung führt, jedes Wort.

Deutschland - Kronach - Festung im Grünen: Von den Bastionen reicht der Blick bis zu den Hügeln des Frankenwaldes

Festung im Grünen: Von den Bastionen reicht der Blick bis zu den Hügeln des Frankenwaldes

„Waren aus dem Frankenwald sind schon immer sehr begehrt gewesen“, erzählt der ehemalige Flößer. „Früher war hier fast jeder im Holz- oder im Flößergewerbe tätig. Hiesige Baumstämme würden so manches Haus in Amsterdam tragen. „Aber sicher, auch der Kronacher Sandstein wurde geflößt.“ Er fand etwa beim Bau des Schlosses von Herrenchiemsee und des Berliner Reichstages Verwendung. Heute befördern die Flöße im Sommer Touristen, die sich auf eine garantiert feuchte Gaudi einstellen müssen. Wer es trockener mag, kann an der Rodach wandern – auf dem Weg, den auch die Flößer zurückgelegt haben, um zur Anlegestelle zu kommen.

Deutschland - Kronach - Nicht nur mittelalterlich: Die Altstadt ist über viele Jahrhunderte entstanden

Nicht nur mittelalterlich: Die Altstadt ist über viele Jahrhunderte entstanden

Wenn man durch das historische Kronach spaziert und dem Spiel der Sonnenstrahlen zusieht, die die alten Sandsteinfassaden golden aufscheinen lassen, freut man sich, dass nicht nur die Steinmetze ganze Arbeit geleistet haben, sondern auch die Stadt, die viel Geld in Restaurierungsmaßnahmen gesteckt hat. Wundern mag man sich darüber, dass Kronach, das aus einer Randlage an der thüringischen Grenze vor 20 Jahren ins Zentrum gerückt ist, noch so unentdeckt ist. Wer weiß, vielleicht hat man dann ja Lust auf ein Cranach-Bier.

 

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