Ausstellungsorte in Köln: Museum Ludwig / Museum für angewandte Kunst / Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud
Köln
Museum Ludwig
Vor dem Gesetz
17. Dezember 2011 bis 22. April 2012
Sammlung Haubrich bis auf Weiteres

Wilhelm Lehmbruck Sitzender Jüngling, 1916/17 Bronze, Höhe 104 cm Stiftung Lehmbruck Museum, Duisburg Foto: Jürgen Diemer
Der Titel der Ausstellung könnte mit dem Zusatz „... sind alle gleich.“ vervollständigt werden. Dass dem nicht so ist und ein Gesetz auch Menschen ausschließt, wissen wir u.a. aus der herrschenden Asylgesetzgebung. Vorlage für den Titel war eine Parabel von Kafka über einen Mann vom Lande, der Einlass in das Gesetz erbat. Der Türhüter des Gesetzes ließ ihn jedoch nicht ein. Neben der Frage, wer Zugang zum Gesetz hat und wer nicht, beleuchtet Kafka aber auch den Widerstreit zwischen dem Menschen und dem Gesetz, auch im politischen Kontext.
Von all dem scheint mir die Ausstellung wenig auszustrahlen, sieht man einmal von der dezidiert als politisch anzusehende Installation Jimmie Durhams ab, der mit „Building a Nation“ auch ein Bekenntnis zu den Rechten der nordamerikanischen Ureinwohner abgibt. In einer „Assemblage“ aus Autoschrott – von Blechteilen über Radkappen bis hin zu Reifen -, aus zerbrochenen Stühlen – symbolisch für den Bruch in der nordamerikanischen Gesellschaft stehend -, aus Spiegeln, Ästen, Baumscheiben, Folien und anderen Fundstücken positioniert sich Durham in der Frage der Bürgerrechte. Zitate aus der amerikanischen Geschichte ergänzen die Fundstücke und unterstreichen, dass Indianer Bürger zweiter Klasse sind.

Jimmie Durham Building a nation, 2006 (Detail) Verschiedene Materialien Maße variabel Foto: John Riddy © Jimmie Durham and Matt's Gallery, London
Auf einem Steg weit über den Köpfen der Besucher sieht man ein gebeugtes Mischwesen, das an Drähten hängt und damit ein wenig an eine Marionette denken lässt. Zugleich aber begreift man, dass hier jemand zu stürzen scheint, auch wenn er in ein „Korsett“ eingespannt ist. Dies ist eine figurative Arbeit von Germaine Richier. Sie repräsentiert einen Teil der Bildhauerei nach dem barbarischen Zweiten Weltkrieg. Auch Fritz Cremers sitzende Mutter gehört in diesen Kanon. Er schuf diese sich abwendende, scheinbar abweisende Mutter in eher zerlumpter Kleidung als Denkmal für das KZ Mauthausen. Zeilen aus einem Brecht-Gedicht wurden für den Titel verwendet: „Oh Deutschland, bleiche Mutter“. Die in Köln gezeigte Figur ist allerdings nicht überlebensgroß wie die, die aktuell aus dem Sammlungsbestand der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist. In der Figur der Mutter versucht Cremer Seelenzustände zu erfassen, wie sie für die Nachkriegszeit in Europa typisch waren.

Germaine Richier Le Griffu, 1952
Bronze 89 x 98 x 85 cm
Museum Ludwig, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Eine Ausnahme unter den dreidimensionalen Arbeiten, die man in Köln ausstellt, bilden die C-Prints von Candida Höfer, die allerdings um ein bildhauerisches Sujet kreisen: „Die Bürger von Calais“. Rodin allerdings ist in der Schau nicht vertreten, da sich diese ganz und gar auf die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart konzentriert.
So rücksichtslos, wie der Mensch mit dem Menschen umgeht, scheint auch der Umgang des Menschen mit der Natur. Dies spiegelt sich in Bruce Naumans „Carousel“ wider: Verfangen in Fangschlingen und aufgehängt an einem Drehkreuz des Kettenkarussels werden die „Kadaver“ von einem Hirsch, einem Fuchs, zwei Kojoten und einem Bären immer im Kreis herumgedreht und über den Boden geschleift. Die Barbarei scheint kein Ende zu finden!

Zoe Leonard Tree, 1997/2011 Baum, Metall ca. 9,5 m x 23 cm
Museum Ludwig, Köln Foto: Achim Kukulies © Zoe Leonard
Gezähmt ist die Natur, die uns Zoe Leonard zeigt. „Tree“. Ja, im Museum Ludwig steht ein Baum, eine Eiche von einer Kölner Brachfläche, zusammengesetzt aus Segmenten, gehalten von Draht und Metallspangen. Der blattlose Baum ist eigentlich abgestorben und tot. Nur durch menschlichen Eingriff wird er „künstlich am Leben gehalten“.
Aus dem unmittelbaren Blick entrückt ist Oskar Zadkines Hommage an eine zerstörte Stadt. In Gestalt einer geschundenen Frau – in kubistischer Manier gestaltet – klagt Zadkine die Kriegsgräueltaten an. Die Frau hat ihren Mund weit aufgerissen, Schreie der Verzweiflung und des Schmerzes dringen nach außen. Hochgerissen sind die Arme zum Himmel flehend. Doch von dort kam nicht Rettung, sondern die Bombenlast auf Canterbury, Dresden, Hamburg und andere Städte. Im Dialog zu dieser Arbeit steht Werner Heldts „Stillleben auf dem Balkon“, scheinbare Idylle und Ausdruck des Verdrängens. Die heile Welt wird sehnsüchtig gesucht, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weggeschoben. Einen gesamten Ausstellungsraum bespielt Karla Black mit ihrer Vorstellung von Natur, für die sie Gipspulver, teilweise eingefärbt, zur Anlage eines Rechtecks verwendete. Kitschig farbiges Zellophan dient als „Absperrzaun“ der Fläche.

Paul Chan Sade for Sade's sake, 2009
Digitale Projektion
Maße variable
Foto: Achim Kukulies
© Courtesy of the artist and Greene Naftali, New York
Überlebensgroß ist der armlose „Vater Staat“, der in seiner Ausformung an einen venezianischen Kaufmann erinnert. Thomas Schütte schuf diese erdfarbene Figur 2011. Was will der Künstler uns vermitteln, einen handlungsunfähigen Vater Staat oder die Illusion des allmächtigen Staates? Zu sehen ist zudem der Minimalist Carl Andre, der einzelne Holzblöcke zu einem Körper aufgeschichtet hat. Das Innere des „Timber Piece“ bleibt uns verborgen. Im Gegensatz zu dieser ungegenständlichen Arbeit steht Henry Moores gefallener Krieger. Noch scheint es sich gegen den Tod zu stemmen, hält einen Arm mit Schild schützend vor seinen Kopf. Mittels Ferse und einem Arm kann der Krieger sich in der Schwebe halten. Doch der Fall scheint nur eine Frage der Zeit, auch wegen des Gesetzes der Schwerkraft.
Justitia wacht über die Gesetze. Blind ist sie und doch muss sie die Waage in ihrer Hand in der Balance halten, also den Ausgleich suchen. Joseph Beuys wurde von der Justitia angeregt, denn er schuf mit „Sibylla (Justitia)“ seine eigene Vorstellung des Rechtssystems. An eine Bronzeplatte hat er links und rechts zwei traditionelle Gewichthebergewichte platziert, Ausdruck für das Abwägen. Ursprünglich sollte das Werk im Oberlandesgericht Düsseldorf seinen Platz finden. Doch nun sieht man die „Balance“ im Museum. Um Ausgleich geht es auch in der überlebensgroßen Pferdeskulptur von Mario Marini. Winzig erscheint der Reiter, der sich auf dem scheuenden und auf den Hinterbacken sitzenden Pferd nicht mehr halten kann. „Miracolo“, „Wunder“, lautet der Titel des Werks von 1953.
Alberto Giacometti: Das Bein (1958) Photo: Jürgen Diemer;
Foundation Lehmbruck Museum, Duisburg;© Fondation Giacometti / VG Bild-Kunst, Bonn 2011)
Lehmbrucks „Sitzender Jüngling“, der auch als „Gebeugter“ bekannt ist, und ein als Symbol für Elend und Verzweiflung anzusehen ist, wird in der sehenswerten Schau mit Reg Butlers stürzender Frauenfigur konfrontiert. Der Mensch, so meint man beim Betrachten beider Werke, ist aus seinem Gleichgewicht geworfen. Wo wird er aber Halt finden? Im Gesetz? Welchem Gesetz?
Zu den klassischen figürlichen Skulpturen gehört Gerhard Marcks' „Gefesselter Prometheus“, der ebenso Teil der Ausstellung ist wie Katharina Fritschs „Messeloge“ und Giacomo Manzús „Stehender Kardinale“, mehr Hülle als Individuum, eingepanzert in einem bodenlangen Ornat.
Ganz in der Tradition des Hauses, dass man nur sieht, was man auch weiß, gibt es einen Ausstellungsbegleiter für die Besucher, die somit eine „Sehschule“ in den Händen halten und daher auch einen Zugang zur ausgestellten Kunst finden können. © fdp
Bei der umfänglichen Sammlung handelt es sich um die Stiftung des Kölner Rechtsanwalts und Kunstsammlers Dr. Josef Haubrich, der 1946 der Stadt Köln seine Sammlung überlassen hatte. Diese Sammlung bildet den Grundstock der Abteilung moderne Malerei im Museum Ludwig. Zusammengetragen wurden durch Haubrich Arbeiten aus der Zeit zwischen 1914 und 1939. Also auch während der Nazizeit gelang es dem Sammler, damals als entartet diffamierte Kunst zu erwerben und zu bewahren!
Porträts und Landschaften
Auf einer Staffelei steht Kirchners Gemälde „Braune Figuren im Café“. Es sind gesichterlose Gestalten von Herr und Frau Unbekannt, die sich zu unterhalten scheinen. Eine ländliche Idylle hingegen präsentiert uns Max Pechstein mit der Arbeit „Das grüne Haus“: Vor dem Haus sieht man das konisch gestapelte Heu, das zum Trocknen dort steht. Von Pechstein stammt außerdem das Bildnis von zwei Frauen unterschiedlichen Alters, die liegend und sitzend auf einem roten Teppich ihren Platz gefunden haben. Mit wenigen Strichen deutet Pechstein das grüne Polstersofa an, auf dem das schlafende Mädchen in seinem schwarz-gelb geringelten Kleid liegt. „Das grüne Sofa“ entstand 1910.
Andere Lebenswelten
Andere Motive bevorzugte Karl Schmidt-Rottluff, der sich schon früh mit außereuropäischen Kulturen befasste und dazu regelmäßiger Gast im Berliner Völkerkundemuseum war. Ergebnis der Besucher ist u. a. das „Stillleben mit Negerplastik“ (1913): Nicht nur die rote Tischplatte und der blaue Aschenbecher springen dem Betrachter ins Auge, sondern auch die hockende primitiv erscheinende Figur. Schmidt-Rottluff war zudem ein sehr versierter Landschaftsmaler. Davon kann man sich anhand der Arbeit „Düne im Wald“ überzeugen. Rottluffs Sinn für Komplementärfarben kommt besonders in „Rittersporn“ zur Geltung: Ein knalliges Blau des Rittersporns trifft auf einen feuerroten Hintergrund. Stadtansichten wie „Kanal in Berlin“ - eine Momentaufnahme im Herbst, wenn die Bäume kahl sind – und „Fasanenschloss bei Moritzburg“ sind Arbeiten von Erich Heckel, der ebenso in der Schau seinen Platz hat wie Otto Mueller, bekannt für seine Zigeunermädchen. Die Lebenswelt des fahrenden Volkes war für Mueller gleichbedeutend mit dem Ausbrechen aus den gängigen Konventionen und Wertvorstellungen. Neben zwei halbnackten Mädchen vor einem geöffneten und gerafften Vorhang stammt auch „Zwei Mädchenakte“ von Mueller. Auffallend sind die sehr hageren Gesichter mit spitzem Kinn und die kurzen „Bubikopffrisuren“, die Muellers „Models“ auszeichnen.
Der Sinn für die Farbigkeit
„Gefühlte Farben“ sind wesentlicher Bestandteil von Kirchners Gemälden. Dabei ist auch ein gewisser Hang zur Farbexplosion nicht zu übersehen. Feuerrot ist der Hintergrund in „Milchträgerin in den Alpen“, so als liege ein glühender Himmel über der Bergwelt. Gegenüber diesem Hintergrund hebt sich die Milchträgerin in ihrem hellblauen Kleid deutlich ab. In Lila und Pistaziengrün sind die Bergkuppen getaucht. Lila und Rostbraun hingegen sind die Stämme der Bäume in „Wald im Winter“, 1925 bis 1926 in Davos entstanden. Über der winterlichen Szenerie – man betrachte die weißen Zuckerhauben auf den Bäumen – liegt in diesem Landschaftsgemälde ein tiefgrüner Himmel. Verführerisch wirkt die junge Dame, die die Träger ihres geblümten Kleides von den Schultern gestreift hat und ihre prallen Brüste präsentiert. Unter der Krempe eines lila Hutes schaut die Dame ganz unschuldig hervor. Auch dieser weibliche Halbakt stammt von Kirchner, ebenso die Stadtansicht mit der Eisenbahnbrücke, unter der die Dampfloks mit Waggons hindurchrattern.
Nicht allein Gemälde
Elementare Grundfarbe mit kreisbogigen Elementen zur Gestaltung seiner Kompositionen nutzte Franz Marc, der vor allem für seine blauen, roten und gelben Pferdchen bekannt ist. Im Museum Ludwig ist das Gemälde „Wildschweine“ zu sehen. Darüber hinaus bekommt man auch die Arbeit „Rinder“ mit einem liegenden und einem stehenden Rindvieh, zu Gesicht.
Im Kontrast zu derartigen friedvollen Tierporträts steht, da dreidimensional, der vorwärtsstürmende Rächer, der das Schwert zum Schlag mit beiden Händen ergriffen hat. Ernst Barlach hat diese Bronze entworfen und zudem aus Holz eine „Hockende Alte“. Zu dieser gesellt sich die „Schlafende Katze“ von Ewald Mataré. Dass man es mit einer Katze zu tun hat, ist nur am Kopf mit den aufgestellten Ohren zu erkennen. Auf einem länglichen Sockel liegt nahebei eng umschlungen ein Paar. „Die Schlafenden“ wurde von Hermann Scherer geschaffen.
Gestatten Nolde und Kokoschka
Nicht nur die Blumenbilder, sondern auch die Ansichten des Hamburger Hafens, aber auch Seelandschaften, die Farblandschaften gleichen, verdanken wir Emil Nolde. In der aktuellen Präsentation können wir „Nach Sonnenuntergang“ bestaunen: In Schwarz und Umbra gehalten ist die Landschaft, über der sich ein hellgrauer Himmel mit tiefschwarzen Wolken türmt.
Kokoschka hingegen weiß mit zwei Porträts zu überzeugen. Das eine zeigt die österreichische Schauspielerin Tilla Durieux, die eigentlich Ottilie Godeffroy hieß, das andere den Berliner Dichter Peter Baum. Dabei fällt auf, dass Kokoschka Wert auf die Verdeutlichung der typischen Gesten der Porträtierten legt und sich nicht nur deren Physiognomie annimmt. Von Oskar Kokoschka stammt außerdem das im Grünen liegende Paar, das mit fleckig-flächigem Farbauftrag und dynamischem Duktus von Kokoschka auf die Leinwand geworfen wurde.
Blauer Reiter und Lichtbrechungen
Von dem im Kreis des Blauen Reiters anzusiedelnden Alexej von Jawlensky zeigt man nicht allein ein Stilleben mit Vase und Krug, sondern auch eine eher naturalistisch anmutende Landschaft mit windgepeitschten Olivenbäumen. Hinzuweisen ist auf ein kleines Kabinett mit feinen Zeichnungen von Alfred Kubin.
Das Konzept der Lichtbrechungen übertrug Lyonel Feininger auf seine „Architekturansichten“, ob nun in „Brücke III“ oder der Ansicht von Halle mit seinen Kirchtürmen.
Schließlich weist die Sammlung auch einige sehr sehenswerte Porträts auf, die Otto Dix geschaffen hat, ob nun von dem dickbäuchigen, vierschrötigen Dichter Theodor Däubler, von seiner Frau Martha oder von sich selbst an der Leinwand. (c) ferdinand dupuis-panther
Museum
Ludwig
Am
Dom / Hbf.
Bischofsgartenstr. 1
50667 Köln
Tel. (0221) 221-26165
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag:
10 – 18 Uhr
jeden ersten Donnerstag im Monat: 10 – 22 Uhr
http://www.museum-ludwig.de