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Sturm im Glas

Land unter auf Hallig Hooge

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Deutschland Hallig Hooge Land unter

„Früher hat man ans Glas geklopft und man wusste, wie das Wetter wird. Das stimmte immer“, sagt Bauer Ketelsen. „Im Gegensatz zur Wettervorhersage mittels Satelliten“, fügt er hinzu. Als Beweis klopft er gegen den altmodischen Luftdruckmesser an der Wand. Der Zeiger schwenkt aus und das Barometer steht auf „Sturm“. „Sie werden wohl länger bleiben müssen“, meint Christa Ketelsen, seine Frau, und stellt einen großen Pott Kaffee auf den Frühstückstisch. „Bei Land unter kommen Sie hier nicht weg.“

Sturm? Durch das Fenster der guten Stube schaut ein freundlicher Himmel. Die Überfahrt mit der Fähre von Schlüttsiel nach Hallig Hooge gestern war ganz gemütlich. Und von Sturm sagten die Meteorologen nichts. „Na also“, brummt Bauer Ketelsen und sieht sich bestätigt.

Deutschland Hallig Hooge Felder

Ruhe vor dem Sturm

Der Alte zieht seine Joppe über und schlurft in den Stall zu seinem Sohn. Die Ketelsens sind die letzten hauptamtlichen Bauern auf den Halligen, die Milchwirtschaft betreiben. Als kleinen Nebenerwerb bieten sie Urlaub auf dem Bauernhof. Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle auf Hallig Hooge.

Die Wäsche flattert im Wind. Von Sturm kann aber keine Rede sein. Hooge, die zweitgrößte Hallig im Reigen vor der nordfriesischen Küste, hat als einzige einen Sommerdeich, der die Zahl der Überflutungen merklich reduzierte. Höchstens acht Mal im Jahr wird noch „Land unter“ gemeldet, erzählt der Jungbauer. Die Wahrscheinlichkeit, das mitzuerleben, ist eher gering.

Im Rhythmus von Ebbe und Flut

Deutschland Hallig Hooge Königspesel

Unmerklich hat der Wind aufgedreht. Er rüttelt an den Pappeln auf der Hanswarft, die am Fething stehen, dem einstigen Trinkwasserreservoir. In den Gräben schwappt das Wasser. Das „Moin“, das sich Passanten im Vorübergehen zuwerfen, schluckt der Wind, der inzwischen lauthals über das Land braust und Spaziergänger in Atem hält.

Im Laufe der sechziger Jahre wurde Hooge an die Zivilisation gekoppelt. Seitdem werden die knapp 130 Bewohner mit Strom und fließendem Wasser versorgt, und asphaltierte Wege verbinden die zehn Warften miteinander. Einen Geldautomaten gibt es allerdings immer noch nicht. Nur eine kleine Schar Unverdrossener zieht es in den Wintermonaten nach Hooge, um sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und ein paar ruhige Urlaubstage im Rhythmus von Ebbe und Flut zu erleben. Geboten wird ausschließlich Natur. Alles andere hat zu, das Sturmflutkino, das Wattenmeerhaus, das Heimatmuseum. Uns Hallig Hus nebst Touristikbüro hat ebenso dicht wie die Andenkenbude.

Deutschland Hallig Hooge Galerie

In den berühmten Königspesel, ein Kapitänshaus aus dem 18. Jahrhundert, kommt man jedoch nach Vereinbarung hinein. Frau Ketelsen hat dem Besitzer schon Bescheid gesagt. Ende Oktober schließen fast alle Restaurants. Sie öffnen erst wieder in der letzten Märzwoche, dann, wenn mit den ersten Ringelgänsen auch die Ornithologen eintreffen. Wochenlang fressen sich die großen Vögel auf den Halligen Fettreserven an, bevor es weiter geht zu den Brutgebieten in Sibirien.

Wenn die Flut in die Kirche kommt

Deutschland Hallig Hooge Abendstimmung

Inzwischen muss sich der Spaziergänger gegen den Wind stemmen und aufpassen, dass es ihn nicht in die Priele drückt. Auch die Enten scheinen in der Luft nicht immer die Kurve zu kriegen. Sonne und düstere Wolken wechseln sich laufend ab. Eben noch zeigt sich unter einem bleiernen Himmel ein schiefergraues Meer mit tosenden Wellen, auf deren Schaumkronen Möwen schaukeln. Wenig später blitzt es stahlblau zwischen Wolkenlücken, und gleißender Sonnenschein überflutet die grünen Salzwiesen. Auf einmal sind am Horizont die Warften der Nachbarhallig Langeneß zu sehen, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Die Windgeschwindigkeit nimmt zu.

Auf der Bakkenswarft sind Gummistiefel zum Trocknen auf einen Staketenzaun gestülpt, die demnächst wohl wieder zum Einsatz kommen. Auf der Schulwarft, die eigentlich Ockelützwarft heißt, liegt ein kleiner Krabbenkutter auf dem Trockenen. Es fängt an zu regnen. Wie gut, dass man vor den Schauern in der kleinen Kirche Zuflucht findet. Sie stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert, ist so niedrig, als scheine sie auf der Warft zu kauern und sich vor den Stürmen zu ducken. Das Gotteshaus, das mit dem Inventar früherer in Sturmfluten versunkener Kirchen bestückt ist, ist ein Beispiel alter Halligarchitektur. Sand- und Muschelkalk liegt unter dem in den friesischen Farben blau, rot, gelb bemalten Gestühl. Bei höchsten Sturmfluten, wenn die Nordsee in die Kirche eindringt, kann das Wasser im Boden versickern.

Drei Meter Hochwasser über normal

Das Schild vor dem Eingang zum Kirchengelände lässt ahnen, was im Sommer los sein kann, wenn rund 200.000 Tagesausflügler pro Saison die Hallig stürmen. Die Menschen werden alle fünfzehn Minuten portionsweise hineingelassen, immer nur sechzig auf einmal. Doch jetzt im Winter ist die Kirchwarft verwaist. Inzwischen wirkt die ganze Hallig wie ausgestorben.

Deutschland Hallig Hooge Überschwemmung

Hochwasser ...

Algen und Gras, Überreste der letzten Sturmflut, schlingen sich um Drahtzäune. Neueren Datums sind die Haufen von Ästen und Kleinholz. Seit Wochen sammelt die Schuljugend Brennmaterial für das Biikefeuer am Abend des 21. Februar. Früher war das Biiken ein Abschiedsfeuer für die Seefahrer, die auf Walfang gehen mussten. Heute symbolisiert es den Abschied vom Winter. Doch so weit ist es noch lange nicht.

Deutschland Hallig Hooge unter Wasser

... und Land unter

Es fetzt und stürmt jetzt infernalisch. Der Wind hat auf West Nord-West gedreht. Regen prasselt wie ein Trommelfeuer an die Fensterscheiben des „Café Königspesel“ auf Hanswarft. Hinter dem Tresen läuft das Radio. Der Sprecher gibt eine Sturmwarnung für die gesamte Nordseeküste durch. „Windstärke 10 mit Orkanböen bis Stärke 12.“ Drei Meter Hochwasser über normal sind angekündigt. „Dann geht die Hallig blank“, sagt Claus Bendixen, der Krogwirt, der als einziger die Stellung hält und die wenigen Pensionsgäste mit warmen Mahlzeiten versorgt.

Der blanke Hans ist da

Die Deichhöhe beträgt nur 1,50 Meter. Ab 3,80 Meter Hochwasser schwappen die Wogen auch über den Warftdeich. „Kann sein, dass wir nasse Füße kriegen“, meint Bendixen und es klingt ein bisschen frohlockend. Für den gebürtigen Hamburger, der bald fünfzehn Jahre auf Hooge lebt, ist eine Sturmflut keine Katastrophe, sondern ein Erlebnis. Grünkohl mit Kassler und Röstkartoffeln hat er zubereitet. Dazu serviert er einen Köm und die Gewissheit: „Der blanke Hans kommt.“

Deutschland Hallig Hooge Blanker Hans

Nur noch die Warft lugt hervor

Die Nacht ist stockfinster. Draußen rumoren Leute und rufen sich etwas zu. Am Morgen scheint die Sonne ins Zimmer und der Wind heult nicht mehr. Na also. War alles Panikmache. Ein Blick aus dem Fenster und die Überraschung ist perfekt: Wellen schlagen an die Hanswarft. Landunter auf Hallig Hooge. „Heute kommen Sie nicht weit“, sagt Frau Ketelsen ganz trocken und bietet ein paar Gummistiefel an. Der Radius für Spaziergänge ist stark eingeschränkt. Es geht nur rundherum, immer entlang der brandneuen Wasserkante des Erdhügels. Sandsäcke und Bretterverschläge blockieren den Zulauf der Fluten ins Warftinnere mit ihren fünfzehn Häusern.

Deutschland Hallig Hooge Fähranleger

Wann geht die Fähre zurück?

Gatter stehen nun im Wasser. Aus den Wogen lugen die Spitzen der Zaunpfähle. Ein Kormoran hat sich oben auf dem Klettergerüst des versunkenen Spielplatzes niedergelassen. Alle Warften sind meerumschlungen und wirken wie kleine Inseln im Atoll. Vom Fähranleger ist nichts mehr zu sehen. Die Halligleute sind von der Außenwelt abgeschnitten. 36 Stunden wird es dauern, bis das Wasser durch die vier Siele abgelaufen ist. Es sei schon vorgekommen, dass die Halligkinder eine Woche lang nicht zur Schule gehen konnten, weil der Wind das Wasser immer wieder in die Siele drückte. Dieses Mal sei das nicht so, versichert die Bäuerin gelassen. „Morgen kommen Sie hier weg.“ Sie klopft ans Glas. Der Zeiger des Barometers steht auf „Veränderlich“. „Sag ich doch“, sagt Frau Ketelsen.

Reiseinformationen zur Hallig Hooge

Anreise:
Mit der Bahn bis Husum. Von dort verkehrt ein Zubringerbus zum Fährhafen Schlüttsiel. Die Überfahrt nach Hooge dauert 75 Minuten.

Auskünfte:
Touristikbüro, Hanswarft, 25859 Hallig Hooge, Telefon 04849/9100, Fax 04849/201, Internet www.hooge.de.

 

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