Hochromantischer Hochschwarzwald

 

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Jedes Jahr während der Adventwochenenden findet in Hinterzarten der „Weihnachtsmarkt in der Ravenna-Schlucht“ statt. Und hoch oben rattert die Höllentalbahn.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Ravenna-Viadukt

Weihnachtsmarkt in der Ravenna-Schlucht unter dem Ravenna-Viadukt

Trööööt! Martin Braun legt sein Käsemesser aus der Hand und blinzelt gen Himmel. Es ist nicht Knecht Ruprecht, der aus dem dichten Fichten- und Tannenwald mit seinem Schlitten heran rauscht. 40 Meter über Brauns Holzhütte rattert die Höllentalbahn über den Ravenna-Viadukt (1) bei Hinterzarten im Schwarzwald. Nun ist es an sich nichts Besonderes, wenn ein roter moderner Doppelstock-Wendezug der Deutschen Bahn durch Tunnel oder über Brücken braust, doch an den vier Adventwochenenden wird es wild-romantisch rund um den 90 Jahre alten neunbogigen Steinviadukt. Dann findet ein heimeliger Weihnachtsmarkt in der Ravenna-Schlucht statt. Das wissen auch die Lokführer und grüßen die Standbetreiber und Besucher mit lautem Hupen, wenn sie die Brücke überqueren. Alle halbe Stunde macht sich ein Zug von Freiburg im Breisgau nach Titisee-Neustadt und in umgekehrter Richtung auf den Weg. Hinter der Station „Himmelreich“ schlängeln sich die Gleise durchs Höllental hinauf nach Hinterzarten.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Fackelwanderung zur Ravenna-Schlucht

Fackelwanderung zur Ravenna-Schlucht

Ende des 19. Jahrhunderts stattete man den steilsten Abschnitt der Strecke zunächst mit Zahnstangen aus, damit die Dampflokomotiven die Waggons den Berg hinaufziehen konnten. Seit Mitte der 1930er Jahre ist die Trasse elektrifiziert. Der Bahnhof Hinterzarten ist mit 885 Metern über dem Meeresspiegel der höchstgelegene der Höllentalbahn. Von dort fahren Shuttle-Busse in die Ravenna-Schlucht. Mystischer ist es, sich einer von der Schneeschuh-Akademie organisierten Fackelwanderung anzuschließen. Über 50 Fackelträger folgen an diesem Abend Angelika und Eugen Winterhalder entlang des gurgelnden Rotbachs durchs Löffeltal. „Das Tal bekam seinen Namen, da hier früher Betriebe ansässig waren, die Holzlöffel herstellten“, erklärt Eugen Winterhalder neben der rekonstruierten Klopfsäge am Ufer des Flüsschens: „Derartige Sägen waren im Schwarzwald Jahrhunderte lang sehr verbreitet, um mit Hilfe von Wasserkraft Holz zu verarbeiten.“ Auch wenn kein Schnee unter den Schuhen knirscht, läuft ein wohliger Schauer über den Rücken, als 50 Kehlen „Stille Nacht“ anstimmen. Preisverdächtig! Nach einstündiger Wanderung über breite Forstpfade erreicht die Gruppe den angestrahlten Ravenna-Viadukt. Alle paar Minuten wechselt er seine Farbe von lila auf blau, grün, rot oder weiß. Von den wärmenden Schweden-Feuern ziehen Rauchschwaden durch die mächtigen Steinbogen. Düfte von heißen Waffeln, gebrannten Mandeln, Kartoffelpuffer und Grillwürsten vermischen sich in der klaren Abendluft.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Weihnachtsmarkt in der Ravenna-Schlucht - Herbert Kaiser räuchert Lachsfilet

Herbert Kaiser räuchert Lachsfilet

Wer vor dem Marktbesuch dem Schwarzwälder Skimuseum im 300 Jahre alten Hugenhof am anderen Ende Hinterzartens noch einen Besuch abstattet, erfährt, wann und wie der Wintertourismus in der Region begann. „Initiator des Museums war der in den 1950er und 60er Jahren erfolgreiche Hinterzartener Sportler Georg Thoma“, informiert Elisabeth Mahler vom Museumsteam: „Wir zeigen die Geschichte des Skilaufs seit seinen Anfängen im Schwarzwald und seine Verbreitung in die europäischen Mittelgebirge.“ 1891 entstieg der französische Diplomat und Globetrotter Dr. Robert Pilet der Höllentalbahn in Titisee. Von dort wagt er auf zwei schmalen Holzbrettern den zehn Kilometer langen Aufstieg über Bärental zum damals wilden, schroffen, fast 1.500 Meter hohen Feldberg-Gipfel. „Auf seinen Reisen nach Skandinavien hatte er die „Schneeschuhe“, mit denen man mühelos über den Schnee gleiten konnte, kennengelernt“, berichtet Elisabeth Mahler.

An den Wänden und in Vitrinen stapeln sich Modelle vom alten Holzski bis zum modernen Snowboard. Auch der Entwicklung der Skimode ist ein Raum gewidmet. In der Bauernstube sind die wichtigsten Trophäen, Urkunden und Startnummern von Georg Thoma, 1960 Olympiasieger von Squaw Valley (USA), ausgestellt. Die nordische Kombination (Skispringen und Skilanglauf) war seine Disziplin. Auch die alpine Läuferin Christl Cranz vermachte dem Museum viele Exponate. In den Toilettenräumen können Besucher der legendären Stimme des 2012 verstorbenen Sportjournalisten Harry Valérien lauschen, wenn er zur Ski-Gymnastik auffordert.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Weihnachtsmarkt - Martin Braun bereitet Käse-Raclette

Martin Braun mit Raclettekäse

Ski-Equipment gehört allerdings nicht zum Angebot der Marktbeschicker unter dem Ravenna-Viadukt. Sie bieten Kulinarisches, feine Handwerkskunst aus Holz, Skulpturen, Kunstschmiedearbeiten, Schmuck und Naturkosmetik feil. Martin Brauns Spezialität ist ein Raclettebaguette mit selbstgeräuchertem Schwarzwälder Schinken und selbstproduziertem Schnittkäse. Der 52-Jährige hängte einst sein Maschinenbaustudium an den Nagel, modernisierte Haus und Ställe und übernahm den damaligen Nebenerwerbshof seines Vaters. „Meine Frau Jutta und ich betreiben auf dem Ospelehof eine Käserei“, sagt Braun: „Wir verkaufen die Produkte neben Wurstwaren, Ölen und Marmeladen in unserem Bauernladen und während der Adventszeit auf dem Weihnachtsmarkt.“ Die zotteligen schottischen Hochland-Rinder auf der Weide vor dem Hof sind die Fleischlieferanten. Rotscheckige Vorderwälder Kühe geben die Milch für die großen runden Käselaibe wie dem „Ospele pur“ oder verfeinert mit Bärlauch, Knoblauch, Chili und grünem Pfeffer. Um auch die abgeschöpfte Molke zu nutzen, entwickelte Braun zusammen mit einem Chemiker Rezepturen für Badezusätze, Gesichts- und Handcremes.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Käselaibe auf dem Ospelehof

Käselaibe in der Käserei auf dem Ospelehof

Im Holzunterstand gegenüber räuchert Herbert Kaiser bei 100 Grad Lachsfilets. Da Weißwein zu Fisch nun mal besser passt, schenkt er dazu auch weißen Glühwein aus. Filigranen Schmuck hat Goldschmiedemeister Oliver Weigand im Angebot. In der Nikolauswerkstatt von Fritz Wöhrle entstehen Holzwichtel mit roter Mütze in allen Größen für Fensterbank, Balkon oder Garten

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Weihnachtsmarkt Ravenna-Schlucht - Nikolauswerstatt von Fritz Wöhrle

Nikolauswerstatt von Fritz Wöhrle

Die moderne Krippe aus Lindenholz stammt von Simon Stiegeler. Der nächstgelegene Bahnhof zu seinem Atelier in Grafenhausen ist der Weiler Seebrugg. Hierher fährt einmal pro Stunde die Dreiseenbahn. Sie zweigt seit 1926 in Titisee als eingleisige Strecke von der Höllentalbahn ab. Ihren Namen erhielt die Linie, weil sie entlang oder in der Nähe der drei Seen, Titisee, Windgfällweiher und Schluchsee, dem größten See des Schwarzwalds, verläuft. In Feldberg-Bärental passiert der Zug auf 967 Metern über dem Meeresspiegel den höchstgelegenen Bahnhof der Deutschen Bahn. „Da auch diese Strecke einst mit Dampf betrieben wurde, gründete 2008 eine Gruppe von Eisenbahnenthusiasten die Interessengemeinschaft 3-Seenbahn“, so Jens Reichelt, Erster Vorsitzender des Vereins: „Während der Sommermonate und um die Weihnachtszeit bieten wir Dampfzugsonderfahrten an. Dann ziehen wieder Rauchschwaden über dem Schwarzwald auf.“

Hochschwarzwald - Dreiseenbahn am Schluchsee

Dreiseenbahn am Schluchsee

Alte Dampfrösser sind nicht die Welt des Simon Stiegeler. Auch mit traditionellen christlichen Figuren und Krippen, wie sein Vater sie fertigte, hat er nicht viel am Hut. Er fand seinen eigenen Stil und stellt in seinem Studio „Flügelwesen“ her. Gesichtslose Engel aus Linde, Douglasie oder Weymouthkiefer mit Flügeln aus Metall, das bereits Patina angesetzt hat. „Schwerelosigkeit war mein Thema während meines Kunst-Studiums in Freiburg, das ich nach meiner Lehre als Holzbildhauer absolvierte“, erzählt der inzwischen 40-Jährige. Seit einigen Jahren hat er sich auch auf „Sternsucher“ spezialisiert: Vier Figuren, die in die unterschiedlichen Himmelsrichtungen schauen und ihre Gedanken, Hoffnungen und Wünsche in die Weite senden. Ein Gewinn für gestresste Menschen könnten seine „No-Clocks“- Uhren ohne Zeit - sein. Ein zweites Standbein, das er benötige, um von seiner Kunst leben zu können, seien ausdruckstarke Fasnet-Masken, meint Stiegeler. Zirka 120 Fastnachtvereine aus dem süddeutschen Raum bestellen fröhliche und gruselige Gesellen, die seine Frau Lillian, eine ehemalige Floristin, bemalt.

Kurz vor Mitternacht surrt der letzte Zug über den Ravenna-Viadukt. Jetzt zerreißt kein Tröten mehr die Stille der Nacht, denn die Lichter des Weihnachtsmarktes unter der steinernen Bogenbrücke sind längst erloschen.

Hinterzarten im Hochschwarzwald - Fasnet-Masken in der Werkstatt von Simon Stiegeler

Fasnet-Masken in der Werkstatt von Simon Stiegeler

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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