Reisemagazin schwarzaufweiss

Ein Fluss macht die Biege

Der Havel-Radweg

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Darf bei diesem Fluss überhaupt von fließen die Rede sein? Nur um die 40 Meter Gefälle bringt er auf seinem ca. 300 Kilometer langen Weg hinter sich. Dabei beschreibt er einen weit nach Osten geschwungenen Bogen durchs Land: Quelle und Mündung liegen also nahe beieinander, ein Fluss macht die Biege. Das schönste Stück Havel-Radweg ist das zwischen Fürstenberg und Brandenburg an der Havel und lässt sich bequem in einer Woche mit genügend Zeit für die vielen Besichtigungen abradeln.

Brandenburg - Radweg am Voss-Kanal entlang (von Zehdenick bis Bischofswerder)

Radweg am Voss-Kanal entlang (von Zehdenick bis Bischofswerder)

Gemächlich fließt sie dahin, die Havel. Und genauso gemächlich rollen wir an ihren Ufern auf dem komplett ausgeschilderten Radweg. Kein Berg weit und breit. Steigung ist auf dieser Route ein Fremdwort.

Brandenburg - Schloss Rheinsberg

Schloss Rheinsberg

Mit Schwung radelt man so durch plattes Land. Gleich zu Beginn führt ein Abstecher zu Schloss Rheinsberg im Ruppiner Land. Rheinsberg begeisterte nicht nur Friedrich II. und Kurt Tucholsky: „Das Schloß leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellen Rahmen, von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im glatten Wasser.“ Einst eine Wasserburg, beherbergt es einen prachtvollen an Versailles orientierten Konzertsaal mit französischen Fenstern und Kronleuchtern. An manchen Türen finden sich Ornamente mit Goldauflagen. Sie zeigen die Metamorphosen des Ovid. Lange Türfluchten eröffnen weite Blicke, im Muschelsaal wurden echte Südseemuscheln zur Dekoration verwendet. Puder- und Kleiderkammern, das Bacchuskabinett und die Schlafkammer sind nur einige der kuriosen Räume. Letztere war ehemals mit einem Sitzbett ausgestattet. „Denn man glaubte, dass einen im Liegen der Tod ereilt“, erklärt die Führerin Viola Suckert. Auch Wasser wurde nur spärlich verwendet, dafür Puder umso mehr. „Mit dem Wasser kommen die Krankheiten, hieß es damals!“, so Frau Suckert. Dies wird nicht das einzige Schloss dieser Reise bleiben. Wie Perlen reihen sie sich längs des Radwegs. Klangvolle Namen wie das Barockschloss Oranienburg, Schloss Cecilienhof oder Sanssouci und Schloss Paretz in Potsdam werden folgen. Preußens Geschichte zieht sich an Havel und Radweg entlang.

Brandenburg- Schloss Rheinsberg

Schlösser-, aber auch wasserreich ist die Gegend und viele Seen locken im Ruppiner Land zu einem Bade aus dem Sattel. Ganze 55 Seen soll es auf nur 8 Kilometern entlang des Flusses geben. Viele davon sind natürlich entstanden, einige kreisrunde Exemplare aber gibt es, weil hier früher Ton gestochen wurde. Bei Mildenberg in der ehemaligen VEB Ziegeleien Zehdenick, heute mit 42 Hektar Europas größter Ziegeleipark, lässt sich mehr dazu erfahren. „Einst lebte man hier vom Ton. Die gebrannten Ziegel wurden dann hauptsächlich nach Berlin verschifft, wo aus ihnen Häuser erbaut wurden“, erzählt Wilfried Krüger, der hier den Beruf des Keramfacharbeiters gelernt und bei 65 Grad im Ringofen gearbeitet hat. Durst garantiert. Den und den Hunger kann man heute im Gasthaus „Alter Hafen“ stillen, in dem Ziegenkäse aus der Region und Zander aus der Havel serviert werden.

Brandenburg - Schienenfahrrad, Ziegeleipark Mildenberg

Schienenfahrrad im Ziegeleipark Mildenberg

Ab der 1844 eingeweihten Sacrower Heilandskirche, deren Turm einst in die Grenzmauer integriert war, könnte man sich und das Rad im Wassertaxi fahren lassen und ganz ohne zu treten die stählerne Glienicker Brücke betrachten, auf der zur Zeit des Kalten Krieges Spione und Agenten zwischen Ost und West ausgetauscht wurden, die Pfaueninsel, Kormorane und Reiher beobachten. Angelandet wird am Haltepunkt Cecilienhof/Meierei. Im Schloss Cecilienhof, heute Hotel und Museum, ist der Raum, in dem 1945 die Potsdamer Konferenz stattfand, original mit Tischen und Stühlen erhalten. Hier speist und übernachtet der Radwanderer königlich.

Brandenburg - Schloss Cecilienhof

Schloss Cecilienhof

Solchermaßen gestärkt fällt das Radeln am nächsten Morgen leicht: In die auf einer Havelinsel gelegene Obstblütenstadt Werder geht's durch einen Märchenwald mit Efeu umrankten Stämmen. Märchen und Geschichten bekommt man bei Frau Garbe zu hören, die in Werder ihre „Muckerstube“ mit Heimatmuseum, Kaffee und Kuchen betreibt. „Mucker“ wurden einst abfällig jene genannt, die Obst nur nebenbei verkauften und keine echten Obstbauern waren. Im traditionellen Kostüm der Obstzüchter, mit langem Rock und breitkrempigem Hut bereitet uns Heidemarie Garbe, die Muckersche, eine Tafel wie zu Großmutters Zeiten mit goldgerandetem Geschirr und selbst gebackenem Kuchen. „Mein Großvater war Obstsaftpresser“, erzählt sie.

Um Obst geht es auch heute noch im Städtchen und alljährlich Ende April/Anfang Mai findet das Obstbaumblütenfest statt. Dann wird viel Obstwein getrunken. „Der wird auch Bretterknaller genannt!“, sagt Frau Garbe. „Denn die Betrunkenen Berliner fuhren früher oft erst spät im Güterwaggon wieder nach Hause. Da knallten sie auf die Bodenbretter.“ Bescheidenheit oder Komplexe gegenüber Berlinern ist die Sache der Werderaner nicht. Die Menschen, ihre Geschichte und Geschichten sind das Salz in der Havel. Bei der Stadtführung mit der Muckerschen gibt es mehr davon zu sehen und zu hören.

Brandenburg - Heidemarie Garbe und ihre „Muckerstube“

Heidemarie Garbe und ihre "Muckerstube"

Im Sonnenlicht glitzern die Gräser. Ein Angler wartet geduldig auf einen Biss, starrt ins dunkle Wasser. Schnatternd ziehen Störche über uns hinweg, ihre Nester sind ringsum auf den Schlöten und Türmen der Dörfer zu sehen. Schwäne ducken ihre Hälse ins Nass. Rechts und links des Wegs stehen mächtige Laubbäume Spalier. Hohe Gräser flimmern im Abendlicht. Ein Schiff namens „Tütüchen“ tuckert vorbei. Ruhig ist es hier. Der Havel-Radweg darf mit Fug und Recht noch als Geheimtipp gehandelt werden.

Brandenburg - Radweg am Voss-Kanal entlang (von Zehdenick bis Bischofswerder)

Am Voss-Kanal

Der Flussradweg wurde im Mai 2009 eröffnet und schlängelt sich vom Quellgebiet in der Mecklenburgischen Seenplatte bis zur Mündung in die Elbe über 350 Kilometer die Havel entlang. Dabei wird durch ganze vier Bundesländer geradelt: Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Der Radweg ist größtenteils asphaltiert oder führt auf ruhigen Nebenstraßen entlang. Ab Waren bis Berlin-Spandau verläuft er wie der Radweg Berlin-Kopenhagen, in Potsdam wie der Europa-Radweg R1, von Brandenburg an der Havel bis Rathenow die Tour Brandenburg entlang.

Brandenburg - Der Dom zu Brandenburg

Der Dom zu Brandenburg

Havel adieu heißt es im mächtigen Dom zu Brandenburg. Die Orgel dröhnt mit einem schönen Bukett von Obertönen durch den mächtigen Raum. Abschiedsschmerz zieht in der Brust. „Der Dom“, sagt Herr Radeke, „ist sehr interessant“. Mit seinen vielen Brüchen berge er jede Menge Geschichte. Genau wie der Havel-Radweg.

 

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