Ausstellungsorte in Hannover: Museum August Kestner / Kunstverein / Sprengel Museum / Wilhelm-Busch-Museum / Niedersächsiches Landesmuseum / kesterngesellschaft
Hannover
Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
- Wilhelm-Busch
Nikolas Heidelbach Bilder&Bücher
bis 4. März 2012
„und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“
- Frühwerke aus den Sammlungen des Hauses
bis 30. September 2012
Nikolas Heidelbach Bilder&Bücher

Nikolaus Heidelbach, Tod als Idiot III
„Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“, verkündet der kleine Steppke in roter Badehose und mit blauer Schwimmbrille. Durchaus ein ungewöhnliches Ansinnen möchte man meinen. Doch wer daran glaubt, dass sich Seehunde in Menschen verwandeln können und umgekehrt – kindliche Fantasie kennt keine Grenzen -, der wird über die Geschichte von Heidelbach sicherlich schmunzeln können. Der kleine Steppke hätte einen Wunsch danach, Seehund zu sein, auch nie gehabt, hätte er nicht auf dem Dachboden ein Seehundfell entdeckt. Über seinen Fund berichtete er aufgeregt seiner Mutter, die am nächsten Morgen verschwunden war. Zurück blieb der kleine Bengel mit seinen nächtlichen Träumen von einer Sepia mit Muschelgewand, einem Kraken, einer Meerjungfrau und einem „Königfisch“ mit Krone und Zepter.

Nikolaus Heidelbach, aus 'Die dreizehnte Fee', 1995-2001
Neben seinen Illustrationen von Kinderbüchern schuf Heidelbach auch zahlreiche Einzelzeichnungen, ob von dem Modell, das auf einem braunroten Sofa Platz genommen hat und stolz seine grünen Gummistiefel vorführt, von einer Begegnung am Meer zwischen einer drallen Badenixe mit Hochfrisur und einem Herrn Storch, der seine Feinrippunterhosen heruntergelassen hat – der Schlingel! Statt eines Bikinis bedecken in „Bosch Bikini“ fette dunkelgrüne Frösche Busen und Scham der Porträtierten. Makaber erscheint in unseren Augen die Zeichnung eines schlafenden Säuglings, über dem bedrohlich ein Hammer schwebt: „Wenzel träumt hoffentlich“ lautet der Titel der 1999 entstandenen Arbeit. Selbst an „großer Kunst“ versucht sich Heidelbach, malte er doch „Susanna im Bade“. Doch was sehen unsere Augen, keine Rubensche Schönheit, sondern eine Nasenaffendame mit riesigen bleichen Brüsten! Auch die bedeutenden Geistesgrößen der deutschen Nationen entgingen der spitzen Feder Heidelbachs nicht: Kant im Nachtgewand beim Zubettgehen, Nietzsche mit einer Ratte statt eines buschigen Schnurrbarts auf der Oberlippe und auch der Verfasser von „Zettels Traum“, Arno Schmidt umgeben von Penissen.

Nikolaus Heidelbach, Erzählbild I, 1988
Der Kinderbuchillustrator und Zeichner Heidelbach entführt uns auch in die Synagoge, wo ein Tier in der Größe eines Marders lebt, das allerdings eine menschliche Annäherung aber nur bis auf etwa zwei Meter duldet. Zu sehen ist ein petrolblaues marderähnliches Biest mit langen scharfen Krallen an den Pfoten. Mit diesen hängt er an einem Scherengitter fest. Nicht größer als ein Tannenzapfen sind die kleinen Sargträger, die einen Sarg schultern und genauso zu Heidelbachs Fantasiewelt gehören wie zwei dicke Frauen sowie die Königin Gisela. Sie hat sich ihr eigenes Reich geschaffen, in dem sie von einer Schar Erdmännchen bedient wird. Sie holen ihr Melonen, bauen ihr ein Dach über dem Kopf und, wedeln ihr beim Sonnenbaden Wind zu.
Tierfreunde werden nicht erfreut sein, wenn sie Heidelbachs „Kleines Alphabet für Tierquäler und Kinderfreunde“ zu Gesicht bekommen: Ein Krake wird kurzerhand in eine Schaukel verwandelt, die Flucht eines Geckos mittels einer Gabel beendet, ein Maulwurf in einem Urinstrahl ertränkt und dem Löwen der Schwanz abgeschnitten. Die Vogelspinne wird Zielscheibe von Dartpfeilen und Schmetterlinge werden mit einer Krokodilhandpuppe gefangen.

Nikolaus Heidelbach, So kann man nur springen,
wenn die Tapete mitmacht, 2005
Mit dem Tod treibt Heidelbach auch seine Späße, so in „Mein Freund Heinrich“. Er lädt uns zudem zum „Elefantentreffen“ ein und zeigt uns Elvira bei ihrem berühmten Tanz mit der Salatgurke. Dass Schweine Spaß am Sex haben und dabei durchaus kreativ sind, verrät uns Heidelbach ebenso. In „Was machen die Mädchen“ und „Was machen die Jungen“ zeigt er uns den „kleinen Unterschied“. Während zum Beispiel Gerhild Urlaubsfotos macht, denkt Gerd vor einem Werbeplakat für Dessous nach. Die in einem Ohrensessel sitzende Irmgard möchte beim Lesen nicht gestört werden, während Igor in der guten Stube über dem offenen Feuer Fleisch grillt. Ortrun spielt mit dem kleinen Bruder Minigolf, während Oliver den Wettbewerb beim Weitpinkeln gewinnt. Mädchen sind artig, die Buben nicht, so könnte man kurz und knapp diese Heidelbachsche Bilderreihe zusammenfassen, oder? © fdp

Nikolaus Heidelbach, Der Tod und ich
„und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“- Frühwerke aus den Sammlungen des Hauses
F.K. Waechter, Mr. Punch, o. J.
Mehr oder minder in engem Bezug stehen die derzeit präsentierten Arbeiten von Zeichnern wie Tomi Ungerer oder Roland Topor zu den Werken des Vaters von Max und Moritz. Dass Busch auch ein durchaus talentierter Zeichner war und eben nicht nur Bildergeschichten, sondern auch Landschaften zu Papier gebracht hat, unterstreicht die sehenswerte Sammlungsvorstellung ebenso wie die Tatsache, dass Busch auch zahlreiche kleinformatige Ölgemälde, darunter Landschaften ebenso wie Porträts. schuf. Doch ehe wir uns dem umfänglich zur Schau gestellten Werk von Wilhelm Busch widmen, unternehmen wir noch eine „Reise“ durch die Welt der Satire und Karikatur. Ungerer zeichnete zum 125. Geburtstag von „Max & Moritz“ eine sehr eigenwillige fromme Helene, und Topor versuchte sich an den beiden Lausebengeln Max und Moritz.

Horst Haitzinger, Ohne Titel, 1972
Schlecht sind die Zeiten, denn auch ein Kirchenmann muss sich am Flughafen einer Leibesvisitation unterziehen – jedenfalls bei Gerhard Brinkmann. Günter Canzler hat sich seine Mitmenschen genau angeschaut, vor allem die Kulturbeflissenen und die eifrigen Museumsgänger, die einer übereifrigen Reinigungskraft im Wege sind. Die gute Frau hat nur ihre Arbeit im Sinn, auch das Säubern von zwei Sesseln. Auf einem der beiden Sessel soll Goethe gesessen haben. Das interessiert die Putzfrau wenig, denn mal stellt sie den entsprechenden Aufsteller „Hier saß Goethe“ auf den einen und dann auf den anderen Sessel, um mit ihrer Reinigung des Raumes fertig zu werden. Dass man in Museen nichts anzufassen hat, hat ein Museumsbesucher, den Erich Sokol zeichnete, nicht für bare Münze genommen. Auch das Schild „Frisch gestrichen“, angebracht am Rahmen eines Hitler-Porträts, hat der Herr geflissentlich übersehen. Nun prangt sein Handabdruck auf dem Ölschinken des „Führers“.

Gustav Peichl alias Ironimus, Es geht um Europa, 1962
Vergangenheitsbewältigung und Rassismus
Mit Bezug auf den allgegenwärtigen Rassismus in den USA der 1960er Jahre hat Manfred Oesterle seine Zeichnung „Olympia-Training“ konzipiert. Hauptpersonen sind zwei afroamerikanische Sprinter und ihr weißer Trainer, der die beiden mit den Worten antreibt: „Und nun braust ab, als sei Barry Goldwater und der halbe Ku-Klux-Klan hinter euch her“. Diese Zeichnung spielt auf die Präsidentschaftskandidatur des ultrarechten Politikers Goldwater an, der sich dabei des rassistischen Geheimbundes Ku-Klux-Klan bediente. Die unbewältigte deutsche Vergangenheit nimmt Wigg Siegl in „Justiznotstand“ aufs Korn: Jeder der Angeklagten verweist auf einen anderen Täter und der letzte Delinquent schließlich auf den „Führer“, der als Geist bei Gericht erscheint: „Ich bin unschuldig. Herr Richter – der da hat es mir befohlen.“ Die Watergate-Affäre war Volker Ernsting eine Zeichnung wert, der kranke US-Dollar hingegen steht bei Hans Hartzinger im Blickpunkt.

Wigg Siegl, Die Flotte der Unterentwickelten, 1960
Auf das schwierige Mann-Frau-Verhältnis schaut Marie Marcks und lässt uns an einem „Beziehungsdrama“ teilhaben: „Nun muffel doch nicht gleich wegen meinem Ruf nach Bremen, du kannst ja einen Kinderladen machen oder irgendwas.“ sagt sie zu ihm - Anno 1973. Dass die Welt der indigenen Völker im Umbruch begriffen ist, spiegelt sich in Roland Searles Arbeit „Stony Indian Reservation (Sioux) Alberta“ wider: Im Kreise seiner Familie und unter den Augen des Häuptlings ist ein Indianerjunge in die Lektüre von „The Great Cowboy Stories“ vertieft. Von Searle sind außerdem Arbeiten zum Kopenhagener Tivoli und zu New York ausgestellt. Dem als Privatperson in den USA unerwünschten österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, der seine eigene braune Vergangenheit stets leugnete, gelingt es bei Manfred Deix in Frauenkleidern doch noch in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu reisen. Unsere „wunderschöne Welt“ zeichnete Ungerer für uns: Ein Gerippe fotografiert einen AKW-Gau – oh, what a beautiful world. Dass Friedenstauben nicht immer friedlich sind, sondern auch eine tödliche Fracht ablassen können, ist ebenfalls ein Motiv aus der Feder Ungerers. Was es mit Nullwachstum bei Männern auf sich hat, führt uns Hans Traxler mit einer Arbeit sehr plastisch vor Augen. In der Schau fehlt auch Friedrich Karl Waechters bekannteste Zeichnung „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“ nicht.

Wilhelm Busch, Selbstbildnis in holländischer Tracht, um 1870
Wilhelm Busch malte auch in Öl
Frisch und flott erscheint der Pinselstrich, mit dem Busch das Bildnis eines Bauernjungen schuf. In der Bewegung eingefangen wurde von Busch auch der Kegeljunge, ein Werk, das wegen der flüchtigen Strichführung skizzenhaft erscheint. In der Tradition niederländischer Porträtmalerei des Goldenen Zeitalters ist das Selbstbild Buschs angelegt. Buschs Landschaftsimpressionen stammen überwiegend aus der Umgebung von Wiedensahl, wo Busch vier Jahrzehnte seines Lebens zubrachte.

Wilhelm Busch, Bildnis eines Bauernjungen, 1um 1875
Neben Originalzeichnungen von „Max und Moritz“ zeigt man aktuell auch die Bildergeschichte „Die Maus“, die im Münchener Bilderbogen erschien. „Diogenes und die bösen Buben von Korinth“ sind ebenfalls zu sehen, aber eben auch ein Ölgemälde wie „Hünengrab in Wiedensahl“. Mit feinem Pinselstrich bannte Busch einen Rehbock und eine Calla aufs Papier. Zu sehen sind aber auch Zeichnungen wie „Bauernhaus mit überdachtem Ziehbrunnen“. So gewinnt man als Besucher ein anderes Bild von Wilhelm Busch, dessen malerisches Werk weitgehend vergessen ist. Stets wird Busch mit seinen Bildergeschichten in Verbindung gebracht. Sie waren es, die ihn bekannt machten, größtenteils aber erst nach seinem Ableben am 9. Januar 1908. Bis heute ist beispielsweise die Bilderposse „Max und Moritz“ in mehr als 200 Sprachen und Dialekten übersetzt worden!
© fdp

Wilhelm Busch, Bauernhaus mit überdachtem Ziehbrunnen, 1865 -70
Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst - Wilhelm-Busch
Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik
Georgengarten
30167 Hannover
Tel.: 05 11 / 16 99 99 16
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonn- und Feiertage 11–18
Uhr
