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Hannover
Museum August Kestner
Auf den Spuren von August Kestner:
»Jahrtausende unter einem Dach« laufend
text: ferdinand dupuis-panther
Auf den Spuren von August Kestner

Ansicht
des Kestner-Museums
„Jahrtausende unter einem Dach“ verspricht das Museum: Und tatsächlich finden wir Kleinkunst der antiken Kulturen des Mittelmeerraums sowie altägyptische Kunst vom 4. Jahrtausend bis in die römisch-christliche Zeit des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Zeugnisse zyprischer Kunst aus Terrakotta und Kalkstein sind ebenso zu sehen wie etruskische Bronzen. Italienische Majolika, Meissner und Fürstenberger Porzellan, Fayencen aus Delft, Braunschweig und Hannoversch Münden sowie Kunsthandwerk vom Mittelalter bis zur Gegenwart vervollständigen die Sammlungen des Hauses.
Ohne den Juristen und Diplomaten August Kestner (1777-1853), der eine umfangreiche Sammlung antiker Kunst zusammentrug, und dessen Neffen gäbe es einen großen Teil der Sammlung ebenso wenig wie ohne die 1887 erworbene Kunstsammlung des Buchdruckers und hannoverschen Senators Friedrich Culemann.
Intention Kestners war es, dass „jedem der daraus zu lernen fähig ist, der Eintritt in dasselbe (d. h. Kestner-Museum) verstattet, und das Studium der Gegenstände erleichtert werde...“(Auszug aus dem Testament Kestners von 1851)
Das Museum umfasst heute die Abteilungen Münzen und Medaillen mit einem Bestand von etwa 80 000 Münzen, Ägyptische Kunst, Antike Kulturen sowie Angewandte Kunst und Design vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Einen der Sammlungsschwerpunkte der Abteilung Angewandte Kunst bilden niedersächsische Fayencen aus den Manufakturen in Braunschweig, Hannoversch Münden und Wrisbergholzen, darunter eine Deckelterrine mit Streublumen (um 1780) und zwei Doppelhenkelvasen mit Blaumalerei (1754). Aber auch wertvolles Porzellan aus Meißen und Fürstenberg beherbergt das Haus.
Buckelschale
mir Fuß, Majolika,
wahrscheinlich Urbino, um 1555-60
Zu sehen sind Reliefs wie das „Ehepaar vor der Baumgöttin“, Stelen und Grabsteine von Privatpersonen und Pharaonen wie Echnaton, aber auch Kultgerät und Weihgaben wie ein bemaltes Totenbuch aus West-Theben (ca. 1420-1400 v. Chr.) und Totenstatuetten wie die aus Zedernholz gearbeitete des „Schreibers der Getreideabrechnungen Ije“ (um 1340 v. Chr.). Besonders stolz ist man auf die ausgestellte Mumie einer jungen Frau (um 300 v. Chr.), die mit Hilfe der modernen Gerätemedizin untersucht wurde. Die entsprechenden Untersuchungsergebnisse sind über Computer abzurufen. Nicht minder sehenswert sind die antiken Schätze des Museums: „Orpheus unter den Tieren“, ein Bodenmosaik aus Nordsyrien (2. Hälfte 4. Jh. v. Chr.), ist ebenso ein besonderer Blickfang wie die bronzene Bildnisbüste des Kaisers Trajan (um 197/8 n. Chr.). Etruskische Bronzestatuetten wie die des Herkules finden ihre Bewunderer wie auch die Halsamphore mit abgebildeten Löwen und Hirschen (650-600 v. Chr.), ganz zu schweigen von einer zyprischen Schnabelkanne (um 1800-1700 v. Chr.).

Kelchförmiges
Gefäß, Fundort unbekannt,
15./14. Jh. v. unserer Zeitrechnung
Die ausgewählten Exponate der aktuellen Ausstellung „Auf den Spuren von August Kestner" sind durch das Porträt des Kunstmäzens und Diplomaten August Kestner, der inmitten eines „Mosaiks“ ausgewählter Sammlerstücke zu sehen ist, hervorgehoben. Diese Exponate sollen, so Wolfgang Schepers im Vorwort des Ausstellungskataloges „die persönlichen Beziehungen August Kestners zu seiner Sammlung auf eingängige Art und Weise lebendig werden lassen“. Doch ohne den Blick in den Katalog oder den Griff zum Audioguide erhellt sich diese Auswahl beim Gang durch das Museum nicht.
Ausstellungen 2012
Form + Material = Produkt Werkstoffe im Design
02.02. – 29.04. 2012
Der Fokus dieser Ausstellung liegt auf der Funktion und Bedeutung von Materialien im Produktdesign des 20. Jahrhunderts bis heute. Die rund 100 Exponate sind in Produktgruppen wie z.B. Bestecke, Kannen, Kaffeemaschinen, Eierbecher, Butterdosen, Leuchten und Radios gegliedert. Jede Gruppe zeigt Objekte gleicher Funktion, aber aus unterschiedlichem Material. Dabei wird der Bogen von frühen Beispielen aus Bakelit über Arbeiten aus Metall, Holz, Glas und Keramik bis hin zu modernen Kunststoff-Objekten gespannt. Es sind Exponate namhafter Entwerfer wie Richard Riemerschmid, Otto Lindig, Wilhelm Wagenfeld, Dieter Rams, Joe Colombo, Ettore Sottsass, Matteo Thun und Michael Graves vertreten. Ergänzend werden zu fast jeder Produktgruppe Entwürfe aus Kork von Studierenden der Hochschule Hannover, Fakultät III – Medien, Information und Design präsentiert. Außerdem werden bis zum 19.3.2012 Module der physischen Materialbibliothek der Hochschule Hannover ausgestellt, anhand derer ausgewählte Materialien haptisch erlebt werden können. Die Ausstellung demonstriert das reizvolle Wechselspiel von Form, Funktion und Material im Produktdesign.
An keiner Stelle erfährt der Besucher Wissenswertes über die Bedeutung der Exponate im Kontext der Museumssammlung und darüber, warum Kestner gerade diese und nicht andere Stücke für seine Sammlung erworben hat. Lobenswert ist allerdings der Versuch, aus der Fülle der gezeigten Exponate eine begrenzte Auswahl zu treffen, die dem Besucher ein Konzentrieren auf Einzelgegenstände erlaubt. Doch völlig mangelhaft bleibt die Beschriftung, die im Text nur selten – eine Ausnahme sind die römischen Tonlampen – nähere Ausführungen zur Bedeutung des Exponates macht. Will der Besucher nicht wissen, wie die gezeigten Zupfinstrumente in die Sammlung kamen und welche Beziehung Kestner zur Musik hatte? Verwirrend ist zudem, dass einige Objekte auch mit einem roten Punkt gekennzeichnet sind – diese bezeichneten Objekte betreffen eine Auswahl, die in einem eigenen Museumsführer zusammengefasst sind und nichts mit der Sonderausstellung zu tun haben, deren Exponate durch rote Plexiglasunterlagen gekennzeichnet wurden. Wenigstens gelingt das Auffinden der ausgewählten Stücke dank der aufgestellten gelben Richtungspfeile mühelos.

Georg Laves: Wohnzimmer August Kestners, 1853
Der Rundgang sollte für die, die sich nicht für Numismatik interessieren, in der 1. Etage beginnen. Gegenüber der Treppe erblickt der Besucher eine Art Schrein mit dem Porträt August Kestners. Verschiedene farbige Schubladen können geöffnet werden, um zum Beispiel die Bleistiftzeichnungen von Georg Laves: „August Kestner in seinem Arbeitszimmer im Palazzo Tomati in Rom“ (1853) oder „August Kestners Sammlung im Palazzo Tomati“ (1853) sehen zu können. Kestners Wohnung in der Via Gregoriana 42 gleicht einem Museum zeigt die Sammelleidenschaft August Kestners, der in kunsthistorischen Fragen wohl nur ein Dilettant war. Doch aufgrund seines ausgeprägten Interesses für Altertumsforschung suchte er die Nähe zu Fachleuten wie Otto Magnus von Stackelberg. Kestner nahm auch an Ausgrabungen wie denen von Corneto (1827) teil. In Rom pflegte er regen Kontakt mit Mitgliedern der deutschen Kolonie, aber vor allem zu dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen, dessen in der Ausstellung gezeigtes Porträt von Kestner stammt. Aus der Hand Kestners stammt auch das Porträt von Johann Friedrich Overbeck, einem Mitbegründer der so genannten Nazarener. Aus dem Stammbaum, den wir auf dem „Kestnerschrein“ finden, können wir entnehmen, dass Kestner mit dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe weitläufig verwandt ist und dass seine Mutter Vorbild für die Gestalt der Lotte in „Die Leiden des jungen Werthers“ war.
Julie von Egloffstein: August Kestner (1777-1853)
- In der Natur zeichnend
Während der Ausstellungskatalog mit den ägyptischen Schätzen der Sammlung beginnt, weist der Rundgang durch die Ausstellung den Besucher in die Glas- und Porzellansammlung des Hauses. Unser Blick fällt auf eine Fußschale aus Netzglas, wie sie im Venedig des 16. Jh. hergestellt wurde, und auf eine Deckelkanne (Wrisbergholzen, um 1740) mit blauem floralen Dekor, das einzige Stück – so nur aus dem Katalog zu erfahren –, das Kestner in Rom an seine „Heimat“ erinnerte. Diese Vase war auch das einzige Werk mitteleuropäischer Fayence-Manufakturen, das bei der Eröffnung des Museums 1889 präsentiert wurde. Und auch die oben bezeichnete Schale gehört zu den Raritäten der Kestnerschen Sammlung. Während das Museum weit mehr als 600 mittelalterliche Gläser besitzt, gehörte die Schale zu den wenigen Gläsern, die Kestner erworben hatte.
Von den gezeigten Musikinstrumenten, u. a. eine Mandoline aus Ahorn, Ebenholz, Nadelholz und Elfenbein nimmt man an, dass sie nicht reine Sammlerstücke waren, sondern von Kestner zum Spielen genutzt wurden. Auch dies erfahren wir nur durch das Blättern im Katalog und nicht an Ort und Stelle.
Vorbei
an der Designabteilung – sie zeigt Designs des 19. und 20. Jh.:
vom rohrbespannten Schaukelstuhl über den von Alvar Alto entworfenen
Teewagen Modell 98 (1936) und dem Sofa „Marilyn“ in Kussmundform
bis hin zu Dieter Rams Entwürfen für den Phonofabrikanten
Braun – kommen wir zum Herrenzimmer von Dr. Paul Erich Küppers,
das in seiner kubischen Form wahrscheinlich von Frits Spanjaard entworfen
wurde.
Anschließend erblicken wir einen für die Sonderausstellung
ausgewählten Kabinettschrank aus Birnbaumholz, der mit Ornamenten
aus getriebenem Silber verziert ist. Danach wird unser Blick auf eine
Buckelschale mit der Darstellung von Adam und Eva gelenkt sowie auf
eine Vitrine mit vier Majolikaschalen, von denen drei durch Platzierung
auf rotem Plexiglas hervorgehoben wurden. Links und rechts des Durchbruchs
zum nächsten Ausstellungsraum stehen zwei meisterlich gearbeitete
Kabinettschränke mit Elfenbeineinlagen, die Pflanzen und Vögel,
aber auch anderes Getier wie Heuschrecke, Frosch und Pelikan zeigen.
Beide Schränke stammen aus dem Empfangszimmer im Palazzo Tomati.
Die Vorliebe des Hausherren für die Antike unterstreichen Einlegearbeiten,
die u. a. Herkules und Hydra, aber auch Theseus mit dem Gorgonenhaupt
zeigen. Doch auch diese Information kann man nicht vor Ort entnehmen,
sondern man muss vorab oder während des Rundgangs den Katalog befragen.

Stele des Ani, Kalkstein, 19. Dynastie
(Ramses II., 1279-1213 v. unserer Zeitrechung),
Theben West, Deir el-Medineh
In der 2. Etage wurde neben antiken Vasen auch der „Kopf eines Jünglings“ (um 470 c. Chr.) besonders herausgestellt. In einer der zahlreichen Vitrinen erblicken wir eine Schelle in Penisform. Nähere Einzelheiten versuchen Besucher vergeblich zu erfahren. Neben antiken Kleinstatuen wurde auch eine doppelschalige Volutenlampe mit Henkelaufsatz und eine Campana-Relieftafel für diese Ausstellung hervorgehoben.
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die altägyptische Abteilung: In dieser wurde nicht nur die Stele des Ani, sondern auch die des Em-Saef mit Familie ausgewählt. Wenigstens hier sind einige Zeilen über die Bedeutung und den Bildinhalt der Stele nachzulesen, auf der ein Totenopfer für Em-Saef und seine Gattin dargestellt ist.
Wenn
auch der Ansatz der Ausstellung zu begrüßen ist, die Highlights
der Sammlung Kestner herauszustellen, so ist dies jedoch nur teilweise
gelungen. Allzu sehr vermisst der Besucher textliche Hinweise auf die
Auswahlkriterien, ganz zu schweigen von detaillierten Hintergrundinformationen:
Nicht jeder mag mit einem Audioguide oder einem Katalog durch die Ausstellung
gehen.
Kestner-Museum
Hannover
Trammplatz 3
30159 Hannover
Tel.: 0511 / 16 84 21 20
kestner-museum@hannover-stadt.de
http://www.kestner-museum.de
Öffnungszeiten
Di., Do.-So. 11-18 Uhr, Mi. 11-20 Uhr
