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Hannover
Museum August Kestner

Reklamekunst: Von Leibniz-Keks bis Pelikano
bis 29.01.2017

Reklamekunst aus Hannover: von Leibniz-Keks bis Pelikano

Bis heute ist das Thema hochaktuell, auch wenn sich die Formen geändert haben. A und O von Reklame war der Erfolg für das beworbene Produkt. Unternehmer suchten daher nach Reklamefachleuten und Künstlern wie zum Beispiel El Lissitzky und Kurt Schwitters, um ihre Produkte auf dem Markt an den Mann und die Frau zu bringen. Künstlerinnen und Künstler machten sich Gedanken um Gestaltung der Werbemittel. Ihre Entwürfe von Bildmotiven, Markenzeichen und Verpackungen vermochten Aufmerksamkeit zu erregen und sich in den Köpfen der Kunden einzuprägen. Noch heute sind bestimmte Produkte im Bewusstsein der Konsumenten präsent: der Leibniz-Keks von Bahlsen, die Pelikan-Füller und die Pralinen von Sprengel. Aber auch Gummierzeugnisse, wie Reifen von Excelsior und Continental sowie Fahrzeuge von Hanomag sind Markenprodukte aus Hannover, mit denen ein bestimmtes Erscheinungsbild verbunden ist.

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Keksdose aus Blech die Firma Bahlsen, "Sonnendose" , 1953

Zum Schwerpunkt der Ausstellung gehören die Werbemittel hannoverscher Firmen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wenn auch Werbefilme aus den 1950er und 1960er Jahren zu sehen sind, ob für Eichhornkaffee oder den P15 von Pelikan. Gezeigt werden Plakate, Annoncen und andere Drucksachen; aber auch Emailleschilder, Präsentationsobjekte für Schaufenster und Verpackungen.

Laufende Werbebilder

Laufende Bilder waren nach 1945 neben bunter Lichtreklame und Annoncen ein wichtiges Mittel, um Kunden auf die eigenen Produkte aufmerksam zu machen. Aus heutiger Sicht sind diese Werbefilmchen bisweilen naiv und altbacken. Slogans wie „Für jede Handschrift gibt es die passende Feder“– so wurde der P15 beworben – klingen in unseren Ohren eher hölzern. Der Film mit Cordula und ihrer Mutter beim Besuch des Hannoverschen Zoos ist nicht nur in den Farben blass, sondern auch in der Botschaft. Cordula macht ihre Mutter auf die Kaffeetierchen im Zoo aufmerksam. Die Mutter verbessert ihre Tochter und belehrt sie, dass es sich um Eichhörnchen handelt. Darauf Cordula: „Die sind doch auf unserer Kaffeetüte.“ Kurzum so wird dann Eichhornkaffee beworben, aber auch Tee und Kakao aus Hannover gab es mit Eichhorn-Signet. Ein distinguierter Herr preist dann noch etwas anderes von Eichhorn an:“Sonntags-Kaffee, den sollte sie auch mal probieren.“ Machwitz-Kaffee hingegen versuchte mit „jede Tasse, extra Klasse“ Konsumenten von sich zu überzeugen. Mithilfe eines Animationsfilms suchte Excelsior nach Käufern für ihre Autoreifen. Den Komiker Heinz Erhardt engagierte die Firma Appel, um am Markt erfolgreich zu sein. „Schnibbeldischnabbel Mayonnaise von Appel“ verkündete Erhardt in einem Werbespot. Dass „Sex sells“ auch für frühe Werbefilme galt, unterstreicht die Werbung für Worcestersoße durch eine dralle Blondine, die für die Worcestersoße alles liegen lässt, auch ihren nackten Liebhaber im Bett.

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Blechschild für die Firma Pelikan, 1930er Jahre,
Künstler nicht bekannt.

Das Inserat muss geschickt abgefasst werden. Durch ein wohlüberlegtes, packendes Schlagwort, durch ein gut gezeichnetes Bild oder durch eine sonstige Eigenschaft auffallen. Willi Roerts, 1912

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Plakat der Firma Continental, 1971, aus einer Reihe von vier gleichartigen Werbeplakaten in betont hochrechteckigem Format. Im Stil der Pop-Art sind Fotos als Plakatmotive verwendet und farbig verfremdet worden (Tontrennung). "Continental Nylon Reifen" "Modern, Rasant, Spitzenklasse, Erpobt, Bewährt"

Nicht mit den Werbefilmen, sondern den Reproduktionen von Zeitungsanzeigen macht die Ausstellung auf. Dabei kam es darauf an, die Gestaltung der Anzeige genaustens zu planen, auch die Schrifttypen. Manche Geschäfte liefen nur so gut, weil im Hannoverschen Anzeiger dafür geworben wurde, wie man einem Saaltext entnehmen kann. Eine lasziv erscheinende Dame in schwarzem langem Kleid warb für Continental Pneumatic. Bahlsen warb mit seiner Keks-Packung und dem TET als „Logo“. Übrigens, 52 Zähne musste der Keks haben. Noch etwas: Keks ist ein Begriff, den Bahlsen erfunden hat und der sich von Cakes ableitet. Für einen Malzkaffee aus Hannover warb man mit der Waterloosäule als dem Wahrzeichen der Stadt. Die übrige Bildsprache war schlicht: Eine weißhaarige füllige alte Dame serviert diesen Kaffee auf einem Tablett. Das EKAHA Lose-Blatt-Geschäftsbuch wurde mit „liegt immer flach auf, schließt unbedingt sicher“ einprägsam beworben. Viele der vorgestellten Anzeige der Schau beziehen sich auf Produkte, die längst vom Markt verschwunden sind wie „Favorite – doppelseitige Schallplatte“.

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Plakat für Sefira Zigaretten, A. Constantin Zigarettenfabrik, Hannover, Entwurf Wendisch (Vorname unbekannt), 1912

Ohne Lichtreklame kommt man noch heute nicht aus. In Zeiten vor der Allgegenwart des Internets war sie besonders wichtig: Ein Blick in die Georgenstraße im Sommer 1959 anlässlich des Sommerschlussverkaufs zeigt die Allgegenwart der damaligen Außenreklame. Auch Litfaßsäulen erfüllten eine wichtige Rolle, um Produkte zu bewerben. Leider ist in der Schau nur eine sehr schlecht kopierte Litfaßsäule zu sehen.

Auf die Feder kommt es an

Ins Auge springt die riesige Lichtwerbung für den Pelikan-Füllfederhalter, der bei W. Lippold angeboten wurde. Leuchtend gelb ist die Feder des Füllfederhalters, der den Blick der Besucher auf sich zieht. Auch Straßenbahnen in Hannover dienten als Werbefläche wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt. Lieferwagen mit dem Schriftzug Kaffeerösterei Machwitz waren unterwegs und ein Tempo-Kradfahrzeug warb für Sprengel. Wichtig waren auch die Schaufensterdekorationen, um Coca Cola, Machwitz-Kaffe, Scharlachberg und anderes zu verkaufen. Werbeobjekte waren ebenso wichtig, um den Verkauf anzukurbeln, sei es die Pelikanfigur mit Füller im Schnabel oder der drehbare Verkaufsstand für Radiergummis.

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Blick in die Ausstellung

Protagonisten: die Architekten

Vorgestellt werden in der Ausstellung auch die Protagonisten – die visionären, mit wirtschaftlichem Kalkül und Kunstsinn agierenden Unternehmer; die Architekten, die vorbildliche, das Image fördernde Fabrikbauten entwarfen und die Künstler, die einprägsame Entwürfe lieferten. Den Architekten ist wie den Unternehmern ein eigenes „Unterkapitel“ gewidmet. Karl Börgemann gehört zu den Baumeistern, auf die Unternehmen wie die Kaffeerösterei Eichhorn setzten. Ganz im Sinne der Hannoverschen Schule von Conrad Wilhelm Hase gestaltete er den Entwurf des Firmensitzes. Auf diesen Architekten geht aber auch das Heiligen-Geist-Stift in Hannover zurück. Zudem entstammten noch andere Entwürfe seiner Feder: 1909 begonnen: Bauten für die Döhrener Wollwäscherei und -kämmerei in Hannover-Döhren und 1921–1922: Bauten für die Arbeiterkolonie Döhrener Jammer sowie Werkmeisterwohnungen der Wollwäscherei in Hannover-Döhren, Kastanienallee (unter Denkmalschutz).Wer sich das Firmengebäude der Kaffeerösterei anschaut, wird als Teil der Fassadenzier auch ein naturalistisch gestaltetes Eichhörnchen entdecken. Bernhard Hoetger war in seinem Schaffen mit der Firma Bahlsen verbunden. Er wurde mit dem Entwurf der revolutionären TET-Stadt betraut. Deren Realisierung scheiterte infolge des Ersten Weltkriegs. Peter Behrens, der wegen seiner Arbeiten für AEG bekannt ist, war auch in Hannover aktiv und entwarf für Continental das Verwaltungsgebäude in neoklassizistischer Formensprache. Für Continental war aber auch Ernst Zinsser tätig, der in den 1950er Jahren die Hauptverwaltung konzipierte.

Zeitweilig aus Emaille

Haltbare Emailleschilder machten jahrelang auf Unternehmen und deren Produkte aufmerksam, so auch der vor dem Grammofon sitzende Hund, der die Schallplatten der Deutschen Grammophon bewarb. Excelsior warb für ihre Reifen mit einem Windhund, der neben dem Reifen zu sehen war.

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Plakat für die Firma Bahlsen, Entwurf Heinrich Mittag, um 1903

Kleine Geschenke ...

Als Neujahrsgabe gab es von der Firma Sprengel einen Tintenroller, der Bierkrug der Firma Massey-Ferguson Hanomag mit der Abbildung des historischen Verwaltungsgebäudes und der Schmuckteller von Bahlsen mit floralen Dekors und dem TET-Logo – als das waren Give-away, auch um die Marken in den Köpfen zu etablieren.

Ohne Künstler, keine Werbung

Änne Koken, aber auch Lucian Zabel und Lucian Bernhard sowie Heinrich Mittag sind nur einige der unzähligen Künstler, die sich um Werbung Verdienste erworben haben. Koken hat nachhaltig das Bild der Firma Appel geprägt: Ein roter Hummer hält eine Mayonnaise-Flasche in seinen Scheren. Die Kaffeerösterei Machwitz stellte hingegen den Bezug zu ihrer Ware aus fernen Ländern her und zeigte auf Verpackungen drei Afrikaner, die das rhombenförmige Firmenschild mit der Inschrift Machwitz halten. Der Schokoladenhersteller D'Heureuse aus Berlin warb mit Damen und Herren der feinen Berliner Gesellschaft für die Süßware. Günther Wagner schwor für seine Pelikan-Produkte auf den Pelikan mit Jungen als Marke. Diese gilt als ältestes eingetragenes Warenzeichen des Deutschen Reichs. Diese wurde, das zeigt man in der sehenswerten Ausstellung, mehrfach modifiziert und vereinfacht, sodass zum Schluss nur noch zwei Pelikankücken in der Marke zu sehen sind. Für Pelikan war auch El Lissitzky, der Schöpfer des sogenannten Proun-Raums tätig. Ohne diesen Job hätte sich der Künstler seinen Kuraufenthalt in der Schweiz nicht leisten können, um von der Tuberkulose geheilt zu werden. Zum Kreis derer, die für Pelikan arbeiteten, gehört auch der Dadaist Kurt Schwitters. Er wurde durch Collagen und Assemblage bekannt, in denen es um „Merz“ ging. Entnommen hatte er dieses Kürzel von der „ComMerzBank“. Beschlossen wird die Schau mit einer umfänglichen Plakatpräsentation, darunter zahlreiche Entwürfe für Pelikan und Pelikanfüller mit farbigen Pelikanköpfen oder einem schwarzen Pelikan, der auf einem großen Tintenfass sitzt.

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Blick in die Ausstellung

Als Begleitpublikationen erscheinen eine Heftreihe mit acht Firmenmonografien (Hanomag, Bahlsen, HAWA, Machwitz, Sprengel, Continental, Appel, Pelikan), zu je 4,00 €, im Set 24,00 € und ein Reklameratgeber zum Preis von 11,00 €.

Text © ferdinand dupuis-panther Fotos/Abb. © Museen für Kulturgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose

Museum August Kestner Hannover
Trammplatz 3
30159 Hannover
www.museum-august-kestner.de

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