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                                Hannover                                       
Historisches Museum Hannover


Bilder im Kopf
bis 22. Juli 2012

Die von der Stiftung Haus der Geschichte entwickelte und von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützte Wanderausstellung "Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte" analysiert die Entstehung, Verbreitung und Wirkkraft politischer Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Sie wirft einen Blick auf die Bildästhetik und beleuchtet gleichzeitig schlaglichtartig deutsche Zeitgeschichte.

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Willy Brandts Kniefall in Warschau ist Vorlage für die Karikatur von Greser und Lenz, die Gerhard Schröder in der bekannten Pose Brandts zeigt. Karikatur: Greser & Lenz © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Foto: Axel Thünker/Patrick Schwarz)

Aufmacher der sehenswerten Schau sind die „eingebrannten Bilder“ von Ernst Volland, der ähnlich wie Gerhard Richter Vorlagen verfremdet und die Unschärfe als Mittel nutzt, um den Betrachter zu intensivem Hingucken zu zwingen. Auch Volland wählte den über den Stacheldraht springenden NVA-Soldaten als Motiv, das wohl ebenso bekannt ist wie der Junge aus dem Warschauer Getto, der mit erhobenen Armen vor den Gewehrläufen einiger SS-Männer herläuft. Das bekannte Bildmotiv erschien auch in Verfremdung gemeinsam mit dem Porträt Einsteins auf einem Veranstaltungsplakat, das auf einen Friedenskongress aufmerksam machen wollte. Zudem ziert der kleine, bis heute unbekannt gebliebene Junge zahlreiche Buchpublikationen, die sich kritisch mit dem NS-Staat befassen.

Der Fotograf Alan Schechner verband in einer Fotocollage mit dem Titel „The legency of abused children“das Schicksal eines Palästinensers mit dem des jüdischen Jungen aus dem Getto: Zu sehen ist u. a. ein palästinensischer Junge in der Gewalt israelischer Soldaten. Der Junge hält das Foto des jüdischen Gettojungen in der Hand. Ohne den Stroop-Rapport wüssten wir nichts über den unbekannten jüdischen Jungen, dessen „Begleiter“ jedoch identifiziert wurden: der SS-Mann Josef Blösche und dessen Opfer, Golda Stavarowski, Leo Kartuczinsky sowie Hanka Lamet. Filmausschnitte, die gezeigt werden, veranschaulichen jenseits des sich in unser Gedächtnis eingegrabenen Bildes auch Szenen aus dem Getto, dessen Bewohner mit einer unzureichenden Bewaffnung gegen die SS erbitterten Widerstand leisteten.

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Der SPD-Poltiker Otto Grotewohl gratuliert dem Vorsitzenden des ZK der KPD, Wilhelm Pieck, zum 70. Geburtstag. Das Bild wird bis April 1946 als Werbung für die Einheit von KPD und SPD eingesetzt, der Händedruck auf dem Vereinigungsparteitag von SPD und KPD am 21. April 1946 nochmals in Szene gesetzt. © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Fotos: Axel Thünker/Patrick Schwarz)

Man zeigt Flagge

Ähnlich bekannt wie der jüdische Gettojunge ist die Szene, in der US_Soldaten auf Iwo Jima die amerikanische Flagge hissen. Wie die Landung war auch dieses Ereignis eines, das medial begleitet wurde, waren doch 90 Film- und Fernsehteams bei der Landung auf dieser Pazifikinsel zugegen. Eingang fand die Aufnahme der Flaggenhissung unter anderem nicht nur in Presseberichten, sondern auch auf einem Plakat, das für Kriegsanleihen warb. Das Hissen einer weiteren Fahne ist gleichfalls als Bild zu einer Ikone geworden: Russische Soldaten hissen die rote Fahne auf dem Reichstag – eine grandiose Inszenierung und völlig losgelöst vom Einmarsch russischer Truppen in Berlin. Da am 30.April 1945, dem Tag der Erstürmung des Reichstaggebäudes, kein Fotograf zugegen war, musste für den Kriegsfotografen Jewgeni Chaldej die Szene am 2.Mai 1945 nachgestellt werden. Michael Petrowitsch Minin, der als Erster die rote Fahne auf das Reichstagsgebäude gesetzt hatte, wurde zwar geehrt, aber nicht für die Inszenierung bestimmt. In einem Interview zeigt sich Minin sehr verbittert darüber. Chaldej berichtete ausführlich nach Moskau, wie die Fotoaufnahmen – er verknipste einen ganzen Film – arrangiert wurden und reiste bereits am 3.Mai in die Hauptstadt der UdSSR, um seine Arbeiten vorzulegen. Doch einen Schönheitsfehler hatte der Fotograf übersehen: Einer der abgebildeten Soldaten trägt an beiden Handgelenken zahlreiche Uhren – Hinweis auf stattgefundene Plünderungen. Doch mit Retusche wurde auch dieser „Lapsus“ schnell beseitigt. Hinfort diente das Foto von der gehissten Fahne der Propaganda. Selbst auf Streichholzschachteln der Nachkriegszeit findet man die gestellte Szene. Selbst in den 1990er Jahren findet man das Bild mit der roten Fahne auf einem T-Shirt.

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Enteignet Springer!": Plakat der Studentenbewegung mit dem Bild des sterbenden Benno Ohnesorgs © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Fotos: Axel Thünker/Patrick Schwarz)

Rosinenbomber und Steinewerfer

Ein weiteres Kapitel der deutschen Geschichte ist mit dem sogenannten Rosinenbomber verbunden, der während der Blockade Berlins für die Versorgung der Berliner Bevölkerung sorgte. Dieser von Kindern begrüßte Rosinenbomber, der notwendige Lebensmittel aus der Luft nach Berlin-Tempelhof brachte, wurde 2008 in einer Karikatur eingearbeitet, die sich mit der Schließung des Flughafens Tempelhof auseinandersetzte. Auch die Deutsche Post nutzte den Rosinenbomber als Motiv für einen 1999 erschienenen Jubiläumsbrief.

Es bleiben uns die Bilder in Erinnerung, die mit einer tiefen Emotion verbunden sind oder mit Schicksalen. Herlinde Koebl, Fotografin

Über Jahrzehnte gedachte man in diesem Land dem Volksaufstand vom 17.Juni 1953. Der 17. Juni war sogar ein Feiertag. Zur Bildikone wurde ein Foto, das zwei Unbekannte zeigt, die Steine auf sowjetische Panzer werfen. Dieses Bild fand Jahrzehnte später Eingang in die Sonderausgabe zum Tag der deutschen Einheit des Kölner Stadtanzeigers. Zu verdanken ist das Bild dem Fotografen Wolfgang Albrecht, der eine Serie von Fotos der Ereignisse an der Ecke Leipziger/Wilhelmstraße geschossen hatte, wie man den präsentierten Kontaktabzügen entnehmen kann.

Die Teilung Berlins

Willy Brandt, der damalige Regierende Bürgermeister in West-Berlin appellierte am 13. August 1961 mit folgenden Worten an die Funktionäre der SED: „An alle Funktionäre des Zonenregimes, an alle Offiziere und Mannschaften: Lasst euch nicht zu Lumpen machen! Zeigt menschliches Verhalten… und schießt nicht, vor allem nicht auf eure Landsleute.“ Der Sonntag im August 1961 war der Beginn der auch sichtbaren Teilung in Ost und West. Mit dem Bau der Mauer wurde ein äußeres Zeichen für den Kalten Krieg gesetzt. Conrad Schumann war wohl einer der bekanntesten Flüchtlinge der ersten Stunden nach dem Mauerbau. In Uniform und unter Zurücklassen seiner Waffe sprang er über die noch niedrige Mauer und den Stacheldraht in den Westen. Dabei wurde er von verschiedenen Fotografen abgelichtet, denen er zuvor durch Gesten sein Vorhaben signalisiert hatte. Nicht nur auf Filmmaterial wurde Schumann gebannt, sondern auch auf Taschen und T-Shirts. In einem Werbefilm für das belgische Bier Stella Artois greift man ebenfalls auf die Fluchtszene eines NVA-Soldaten zurück. Entstanden ist der gezeigte Film an der Filmakademie Baden-Württemberg. Die Mauer wurde hinfort zum Spielball der politischen Propaganda hüben wie drüben. .

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Die Deutsche Post gibt am 4. Mai 1999 einen Jubiläumsbrief heraus. Die Sondermarken zeigen die Fahnen der an der Luftbrücke beteiligten Alliierten. © Deutsches Historisches Museum, Berlin, Henry Ries (Foto)

Ein Handschlag und ...

Nicht nur der Handschlag von Potsdam zwischen Hindenburg und Hitler gehört zum kollektiven historischen Gedächtnis dieses Landes, sondern auch der zwischen Pieck und Grotewohl auf dem Vereinigungsparteitag zwischen SPD und KPD zur SED. Das Symbol des Händereichens, ein in der Geschichte der Arbeiterbewegung tradiertes Symbol, wurde hinfort das Logo der SED und findet sich auf einer Briefmarke aus Anlass des 20.Jahrestages der DDR. Diese schuf sich ihre eigenen Helden wie den Kumpel Hennecke, der wegen der Übererfüllung des Planes zum Vorbild der Werktätigen stilisiert wurde. Millionenfach wurde sein Bild bis 1989 verbreitet. Der Bergmann Adolf Hennecke hatte nach dem Vorbild des russischen Bergmanns Alexei Stachanow die vorgegebene Norm um das Vielfache überboten. Diese Leistung wurde in nachträglich inszenierten Szenen im Schacht dokumentiert. Die Rekordschicht fand am 13.Oktober 1948 im Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers statt. Hennecke baute in einem Tag mehr als 24 Kubimeter Kohle ab. Erst zwischen dem 20. und 22. Oktober fanden die Aufnahmen statt, die dem „Arbeiterhelden“ galten: Hennecke wurde mit dem Presslufthammer und nacktem Oberkörper abgelichtet. Retuschiert wurden nachträglich störende Elemente des Untertage-Verhaus.

Von einem IM erschossen

Erst seit wenigen Jahren wissen wir, dass die Kugel, die den Studenten Benno Ohnesorg am Rande einer Anti-Schah-Demo am 2.Juni 1967 tötete, von Karl-Heinz Kurras alias Otto Bohl, IM der Staatssicherheit der DDR, abgefeuert wurde. Hatte also die Stasi bei der Entstehung der Studentenrevolte ihre Hand im Spiel? Jürgen Henschel, der Haus- und Hoffotograf des SEW-Zentralorgans „Die Wahrheit“ hielt das Ereignis wie auch andere anwesende Fotografen in bewegenden Bildern fest. Zur Bildikone wurde der am Boden liegende Ohnesorg, über den sich Friederike Hausmann neigt, die sich Hilfe suchend umschaut. Dabei erinnert die Szene ein wenig an eine barocke Pietà bzw. an die Beweinung Christi, wie Gaspar de Craeyer sie gemalt hat. Die Springer-Presse, voran Bild und BZ, sorgten mit ihren Schlagzeilen für eine „Pogromstimmung“. Schlagzeilen spiegelt nicht das wider, was geschah, sondern verzerrte die Wirklichkeit.

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Der Namensgeber der Aktivistenbewegung in der DDR, der Bergmann Adolf Hennecke, wird in zahlreichen Kunstobjekten gewürdigt. Die Skulptur entstand um 1950. Foto: Punctum/Bertram Kober

Ein Kniefall sorgt für Aussehen

Sicherlich ist auch Brandts Kniefall bei seinem Warschau-Besuch ein Bild, was nicht so schnell vergessen wird. Es war keine mediale Inszenierung – solche waren Brandts Sache nicht, sondern eher die von Gerhard Schröder -, sondern eine spontane Geste der Demut.

Wir erinnern uns außerdem an das Bild von dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer oder des entführten CDU-Politikers Peter Lorenz, die in einem erbärmlichen Zustand waren, als man sie ablichtete. Ziel dieser Aufnahmen war es, die damalige Regierung der Bundesrepublik zu Zugeständnissen gegenüber den inhaftierten Mitgliedern der RAF zu bewegen. Doch im Herbst 1977 herrschte eine bleierne Zeit. Der Staatsapparat blieb unnachgiebig und kalkulierte Opfer ein. Ob allerdings die in der Ausstellung vorgenommene Parallelisierung zwischen den gefangenen Schleyer und Lorenz und den mit Spottschildern durch die Straßen gejagten Juden während der NS-Zeit gerechtfertigt ist, ist zumindest eine Debatte wert.

Abschließend befasst sich die ansprechend gestaltete Ausstellung mit dem Krieg der Bilder aus Anlass des Irak-Kriegs und des 11. Septembers, als das World Trade Center im Herzen New Yorks durch zwei in die Türme gesteuerte Flugzeuge zum Einsturz gebracht wurde. Schließlich werden die Besucher gefragt, wie ein Bild zur Ikone wird und warum weder die Trümmerfrauen noch der Fall der Mauer zu einer Bildikone geworden ist. (c) fdp

Ausstellungen 2012

Lust und Scherz für's Kinderherz Von Hannover in die Welt
A. Molling & Comp. 1887-1939
18. Januar bis 15. April 2012

Kaum vorstellbar, dass eine der größten Druckereien Hannovers mit internationaler Verlagstätigkeit in Vergessenheit gerät – aber genau das ist bei A. Molling & Comp. der Fall. 1887 vom jüdischen Bankier Adolf Molling gegründet, verlegte die Druckerei ab etwa 1900 auch eigene Bilder- und Malbücher. Im Keller des imposanten Druckereigebäudes am Schneiderberg sammelte Kurt Schwitters Fehldrucke für seine Kunstwerke; zusammen mit der Künstlerin Käte Steinitz arbeitete er in der Druckerei Molling an der Gestaltung seiner Märchen vom Paradies.Die Produkte von A. Molling & Comp. umfassten u.a. Plakate, Postkarten, Grußkarten, Zeitschriften, Verpackungen und Reklamemarken sowie Bilder- und Malbücher. A. Molling & Comp. druckte viele Bücher für die international agierende Londoner Firma Raphael Tuck und benutzte auch Motive englischer Illustratoren aus diesen Büchern für eigene Buchproduktionen.

Historisches Museum Hannover
Pferdestraße 6
30159 Hannover
Öffnungszeiten:
Di.   10.00 – 19.00 Uhr;
Mi. - Fr.   10.00 – 17.00 Uhr
www.historisches-museum-hannover.de

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