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Hamburg
Museum für Kunst und Gewerbe
Body & Soul. Menschenbilder aus vier Jahrtausenden
16. Januar 2011
text: ferdinand dupuis-panther

Richard Luksch
Stehende (aus dem Ensemble zwei Stehende), 1905
202 x 64 cm, Fayence
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Erst waren es „Nude Visions“ – sprich nackte Tatsachen – nun „Body & Soul“, die Besucher ins Museum locken sollen. Der Berichterstatter fragt sich allerdings, wozu die verwendeten Anglizismen eigentlich dienen sollen. Nackte Tatsachen bleiben nackte Tatsachen, auch wenn diese als enzyklopädische Schau zur Geschichte der Aktfotografie anlegt sind. Bei der Schau „Körper und Seele“ hingegen geht es um das Bild des Menschen von sich selbst. Daher spannt sich der Themenbogen von der Geburt bis zum Tod, streift dabei Leidenschaft und Individualität, Schönheit und Kampf. In der überschaubaren und gut strukturierten Schau hat jeder Besucher ausgiebig Zeit nicht nur das Ich und das Du in der Bildhauerei und Fotografie in Augenschein zu nehmen, sondern auch transkulturelle Gemeinsamkeiten zu konstatieren. Statt umfangreicher Saaltexte kann sich jeder, der möchte, mit Informationen zu den einzelnen Themen an verschiedenen Abreißblocks bedienen und dann je nach Vorlieben bei Themen länger verweilen.

China, Dehua
Bodhisattva Guanyin mit Kind, Qing-Dynastie, 18. Jh.
Höhe: 34 cm, Porzellan, Blanc de Chine
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Zwei Frauen aus Porzellan empfangen den Besucher am Ausstellungseingang. Schlank und begehrenswert schauen die von Richard Luksch geschaffenen lebensgroßen Figuren aus, die dem Schönheitsideal zu Beginn des 20.Jahrhunderts entsprechen. Die fließenden Formen der beiden Frauengestalten stehen im Kontrast zur starr sitzenden Gottheit Osiris, die zum Themenkreis „Tod“ gehört.

Leonhard Kern Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies, um 1645/50 Höhe 31 cm, Elfenbein Eigentum der Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen Erworben aus Mitteln der Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen, der Kulturstiftung der Länder und der Campe’schen Historischen Kunststiftung
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Geburt und Werden des Lebens ...
... sind eng mit der christlichen Sakralkunst verbunden, wie wir sie vor allem aus dem 15. und 16.Jahrhundert kennen. Das Christuskind von Gregor Erhard ist eine recht typische Arbeit jener Zeit und zeigt Christus als Kind, die Weltkugel in der einen Hand haltend und mit der anderen den Segen erteilend. Rundgesichtig ist der lebensgroße Jesusknabe, mit dem das Thema „Geburt“ aufgemacht wird. Neben dieser Figur fällt uns die stehende sandsteinerne Muttergottes auf, die in ihrem Arm ihr Kind trägt, das mit dem Kopfschleier der Mutter zu spielen scheint. Während in der Darstellung der Muttergottes überaus viel Wert auf die faltenreiche Kleidung gelegt wurde, ist die Formgebung eines Idols aus dem frühen 1. Jahrtausend vor unser Zeitrechnung, vermutlich aus Nordpersien stammend, eher schlicht und archaisch. Dick sind das Gesäß und die Schenkel der kleinen Statuette ausgeprägt. Dies sind Merkmale, wie wir sie aus ähnlichen steinzeitlichen Darstellungen kennen. Diese verkörpern die Fruchtbarkeit und die Schöpfung schlechthin. Dass es Mutter Kind-Darstellungen auch in anderen Kulturen gibt, unterstreicht die Bronzefigur der Gottheit Isis mit ihrem Sohn Horus auf dem Schoß. Auch im fernen China gibt es derartige Bildmotive, wie aus der ausgestellten Bodhisattva Guanyin mit Kind entnehmen können. Das Kind verkörpert in diesem Falle die Kraft, den Kinderwunsch von Frauen erfüllen zu können.

Erich Heckel
Stehende, 1912
141 x 24,5 cm, Holz, bemalt
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Stiftung des Kunstgewerbe-Vereins zum 70. Geburtstag von Herrn Eberhard Thost
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Leidenschaft ist auch Sexus
In Elfenbein geschnitzt hat Leonhard Korn „Adam und Eva“, die aus dem Paradies vertrieben wurden und nun mit Angst im Gesicht das Leben jenseits von Eden beginnen. Die Verführung der Schlange und die verbotenen Früchte der Erkenntnis standen nach christlichen Vorstellungen am Anfang des irdischen Lebens. Spaß und Freunde strahlen die ausgelassenen Tänzer aus, die eine Schale aus dem Iran schmücken. Von Leidenschaft und Liebe sprechen auch die Fächer, die Oskar Kokoschka für Alma Mahler schuf. Kokoschka hatte sich in die Witwe Gustav Mahlers verguckt und mit ihr unter anderem 1912 eine Italienreise unternommen, in deren Kontext die Fächer als Liebesgabe entstanden. Intimes enthüllen die Fotografien von Araki, der in seinen Arbeiten gefesselte nackte Frauen zeigt. Die weibliche Leidenschaft und der Sexus scheinen gefesselt, nicht offen zur Schau gestellt. Wären sie dies, dann widerspräche eine solche Zurschaustellung des in Japan mit Diskretion gepflegten Intimen. Umso erstaunlicher ist es, einen Holzschnitt aus Japan zu sehen, der ein Liebespaar in ganz eindeutigen Posen zeigt. Vor den Konturen des Fuji treiben es die beiden nach Herzenslust in der Stellung 69. Dieser Holzschnitt ist wohl Teil eines Lehrbuches zum Thema Sexualität.
Verschämt hingegen geht die Stehende von Erich Heckel mit ihrer Nacktheit um, kreuzt ihre Beine, sodass ihre Scham nicht zu sehen ist, und legt auch die Arme über ihre entblößten Brüste – eine ganz eigenwillige Darstellung einer Venus des 20.Jahrhunderts.

Nô-Maske des jungen blinden Prinzen, Edo-Zeit, 1. Halfte 18. Jh.
Höhe: 21 cm, Zypressenholz, Muschelkalkgrundierung, Farbfassung
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Schönheit entsteht im Auge des Betrachters
Magazine in verschiedenen Aufmachungen befassen sich heute jede Woche mit dem Thema. Unterdessen haben auch vollschlanke Frauen und nicht allein untergewichtige Models Eingang in diese bunte Blätterwelt erhalten. Augenscheinlich empfinden die drei Frauen aus Dahomey, die Irving Penn 1967 fotografierte, ihre Narbentätowierungen als schön so wie heute unter jungen Frauen und Männern unterdessen Lippen-, Nasen- und Zungenpiercings chic sind. Die drei Grazien, die Christoph Gottfried Jüchtzer im späten 18.Jahrhundert aus Porzellan modellierte, galten zu jener Zeit als vollkommen. Dicksein war in China in der Mitte des 8. Jahrhunderts durchaus angesagt, so muss man annehmen, wenn man die beiden Chinesinnen aus der Zeit der Tang-Dynastie betrachtet. Mondgesichtig ist die Dame, die Pablo Picasso auf einem Keramikteller verewigte. Ob sie schön ist, muss der Betrachter entscheiden.
Spiel und Kampf
Zum Menschsein gehört das Spiel sowie körperliche Betätigung auch jenseits des Schneller, Höher, Weiter. In Schillers Worten klingt das so: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Leider kann der Besucher weder das Dreirad mit dem kleinen in Rot gekleideten Knaben auf dem Sitz noch den Trinkspielautomaten mit Neptun, der auf einer Schildkröte reitet, in Gang setzen. Auch die von Lyonel Feininger für seine Kinder geschaffenen Spielfiguren bleiben hinter dem Vitrinenglas unerreichbar.

Dreiradfahrer, 1867
23 x 12 x 29 cm, Eisen, Blech, Messing, Baumwolle, Pappmaschee
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Neben dem Spiel gehört auch der Kampf, der Streit, der Konflikt zum menschlichen Leben. Dabei ist der Kampf auch ein Phänomen, das in Nigeria ebenso auftaucht wie im antiken Griechenland. Eine aus Nigeria stammende Reliefplatte zeigt Krieger mit Schwertern und abgeschlagene Feindesköpfe am Boden. Aus Mamor entstand eine Kampfszene zwischen Herkules und Cacus, bei der der griechische Held, der schon beim Kampf mit dem Löwen erfolgreich war, den Riesen aus der finsteren Höhle zieht. Dort hatte Herkules Cacus eigenhändig erwürgt.
Individualität oder was?
Was den Menschen besonders ausmacht, sind seine Eigenheit und die Vorstellung der eigenen Person im Zentrum des Denkens. Zumindest gilt das für den modernen Europäer. Der Bildhauer Jean Carriès stellt sich in seinem Selbstbildnis als Griesgram mit faltigem Gesicht dar und orientiert sich dabei an Nô-Masken aus Japan. Selbstbewusst zeigt sich der Hofschneidermeister Daniel Gottlieb Keilpflug, den kein Geringerer als Johann Gottfried Schadow aus Gips geformt hat. Der Kopf eines afrikanischen Kindes mit einer ausgeprägten Nasen-Mund-Falte sowie der Porträtkopf eines Römers, dessen Stirn in Falten liegt, versuchen gleichfalls den Bezug zum Thema Individualität herauszustellen. Auch das Rentnerpaar bei einem Seniorentanznachmittag, das Diane Arbus 1968 in einer skurrilen Kostümierung fotografiert hat, versucht, das Individuelle in den Vordergrund zu rücken.

Madame d’Ora (Dora Philippine Kallmus)
Josephine Baker, 1928
18,2 x 15,4 cm, Bromsilber
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Maria Thrun
Verehrung
Die einen bewundern Ché – keine WG der 1960er Jahre verzichtete auf ein entsprechendes Plakat – andere verehren Buddha, dessen aus Siam stammender Kopf zu sehen ist. Wiederum andere schwärmen für Josephine Baker, die zum Zeitpunkt der ausgestellten Aufnahmen aus dem Jahr 1928 ein gefeierter Weltstar war. Damals begeisterte man sich für sogenannte „Neger-Revuen“. Klassisch zu nennen ist die Anbetungsszene, die Edward Burne-Jones und William Morris zu verdanken ist.

Kopf eines afrikanischen Kindes, Anfang 1. Jh. v.Chr.
19,7 cm, Basalt
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Hiltmann/Rowinski/Torneberg
Der Kreislauf des Lebens...
... schließt sich mit dem Tod und wie Martin Heidegger es formulierte: „Der Tod im weitesten Sinne ist ein Phänomen des Lebens. Seit der Renaissance ist der Totenschädel das Symbol für Tod und Leidenschaft, aber auch für Vergänglichkeit, für Vanitas. Für den Tod stehen eine Gesichtsmaske eines jungen Mannes aus China und die goldene Totenmaske einer Libanesin aus dem 1./2.Jahrhundert. Bizarr mutet die teilweise skelettierte Frauenbüste an, die in England um 1700 entstand. Schließlich präsentiert man auch ein aus Limoges stammendes Kopfreliquiar, in dem wahrscheinlich Schädelteile eines Kindes aufbewahrt wurden.
Vorschau
Klimakapseln 28. Mai 2010 - 08. Aug. 2010
Ein Ausblick auf das Leben mit dem Klimawandel und die Auswirkungen auf Design und Formgebung mit historischen und aktuellen klimabezogenen Modellen und Strategien aus Design, Kunst, Mode, Wissenschaft, Architektur und Städtebau.
Schöner Sitzen: 150 Jahre Stuhldesign
27. Aug. 2010 - 07. Nov. 2010
Eine Ausstellung mit über 100 Designklassikern vom berühmten Thonet-Stuhl bis zu aktuellen Sitzskulpturen.
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