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Hamburg
Medizinhistorisches Museum

• Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf
bis 10. Juni 2012

Medialen Rummel darf man nicht erwarten. Auch eine etwa vorhandene Sensationslust wird mit der Ausstellung nicht befriedigt. Opfer werden nicht vorgeführt, die Alltagsarbeit des Pathologen nicht dramatisiert. Eine rechtsmedizinische Koryphäe wie der Tatort-Pathologe Karl-Friedrich Boerne und seine Assistentin, die wegen ihrer Kleinwüchsigkeit stets nur mit Alarich angesprochen wird, sind Fantasieprodukte von Fernsehskriptautoren und haben mit den Alltagsherausforderungen der Rechtsmedizin nichts zu tun. Auch CSI New York und andere reißerische Fernsehstreifen haben mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun.

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Transport einer Leiche in die Gerichtsmedizin Foto: Patrik Budenz

Rechtsmediziner - das macht die Schau überaus deutlich - sind Rechtsmediziner und keine Tatortermittler. Minutengenaue Festlegungen von Todeszeitpunkten gehören ebenso wenig zum „Geschäft“ der Rechtsmediziner wie ein Computerprogramm eingesetzt wird, dass alle ungeklärten Fälle innerhalb von einer dreiviertel Stunde aufklärt. Da die Ausstellung mit diesen „Mythen“ aufräumt, lenkt sie auf ein Thema Tod, das tabuisiert wird, aber dennoch in jeder Minute in unserer Gesellschaft vorkommt. Mord und Totschlag, aber auch Suizid sind Momente des sozialen Lebens. Und die Rechtsmedizin hat ihren Platz dort, wo es gilt, die Ursachen zu erhellen.

Fiktive Fälle
Die Ausstellung verteilt sich auf zwei Räume des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité. Die vorgestellten Fälle sind fiktive, aus vorgekommenen konstruierte. Im ersten Saal bewegt sich der Besucher vom Tatort in den Sektionsraum der Pathologie und ins Labor, während im zweiten Raum den unterschiedlichen Todesarten auf den Grund gegangen wird, angefangen beim Erhängen und endend beim Vergiften durch Drogen und Tablettenmix. Gelungen ist die Ausstellungsdramaturgie nicht nur durch den inszenierten Tatort, an dem wohl eine ältere Frau Opfer einer Gewalttat wurde, sondern auch durch den „Pathologiesaal“ mit Sektionstischen, in dem die Todesarten und deren Analyse präsentiert werden.

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Spurensicherungskoffer der Polizei (Kriminaltechnik)
Foto: Katrin Katzek

Schädel-Hirn-Verletzung als Todesursache Wer den ersten Saal betritt und mit dem Tatort konfrontiert wird, um den rot-weißes Flatterband gespannt ist, glaubt einen süßlichen Geruch zu vernehmen. Sinnestäuschung oder Wirklichkeit? Unter Laken liegt die Tote hingestreckt auf dem Teppich. Die Wohnungseinrichtung aus den 1940er Jahren und auch die sichtbaren Hände der Tote deuten auf eine ältere Frau hin. Einblutungen ins Laken im Bereich des Kopfes lassen schwere Schädel-Hirn-Verletzungen annehmen. Fundstücke vor Ort wie der Kerzenleuchter, der wohl Tatwerkzeug war, sind mit Ziffern versehen worden. Klebestreifen finden sich auf dem roten Ohrensessel. Auf dem Teppich liegt ein Koffer mit einem Tatortthermometer zur Messung von Rektal- oder Köpertemperaturen. Aus diesen Temperaturen, dem Gewicht des Verstorbenen und der Umgebungstemperatur kann dann ein etwaiger Todeszeitpunkt rekonstruiert werden. Rechtsmediziner können außerdem aus der Totenstarre, den Totenflecken und dem Grad der Fäulnis Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt ziehen.

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Wachsmoulagen mit Stanzmarke nach absolutem Nahschuss
Foto: Christoph Weber

Untersuchung am Tatort
Anhand des Fundorts der Leiche wird erläutert, welches Instrumentarium für die Untersuchung vor Ort zur Verfügung steht: Tatortfoto, Tatortzeichnung und 3D-Scan. Nicht nur anhand einer zwischen 2007 und 2008 entstandenen Fotoserie über Tatortuntersuchungen und Sektionen kann sich der Besucher ein Bild von der eher unspektakulären Arbeit bei der Aufklärung von Todesfällen machen. Dass dabei auch das Öffnen der Schädeldecke und des Bauchraumes gezeigt wird, zielt nicht darauf ab, spektakuläre abstoßende Bilder zu inszenieren, sondern unterstreicht, welche Standards für rechtsmedizinische Untersuchungen durch die Gesetzgebung vorgesehen sind. Das Auffinden der Leiche, der Abtransport und die Leichenöffnungen sind Routinen der Fallklärung – nicht mehr und nicht weniger. Dass ein Sektionstisch – allerdings ohne Leiche – in der Schau zu sehen ist, lockert die im Wesentlichen auf Fotodokumenten und Textbausteinen bestehende Schau auf. Gleiches gilt für die Möbel aus einem Gerichtssaal, in dem Rechtsmediziner als Gutachter tätig sind. Dass das Labor, der wohl wichtigste Platz ist, um Todesursachen zu bestimmen und Leichen zu identifizieren, erfährt der Besucher ebenso wie Wissenswertes über den fiktiven Fall der Anna M., der Toten des inszenierten Fundortes. Todesursache war ein Schädel-Hirn-Trauma durch Einwirkung mit einem stumpfen Gegenstand. Der Schädel von Anna M. ist total zerstört worden, ebenso das Nasenbein und der Oberkiefer. Verschlucken von Blut deutet, so der Textbaustein zum Fall, darauf hin, das die Tote noch eine kurze Überlebenszeit nach der Schlageinwirkung auf den Kopf hatte.

ascherAschenbecher als Tatwerkzeug bei einem Tötungsdelikt
Foto: Christoph Weber

Im Labor wird der Tod untersucht
Einblicke ins Labor In einer gesonderten Vitrine wird das Instrumentarium eines Labors dargestellt, u. a. Asservatenbehältern für Blut, Magen- und Darminhalt, Kopf-, Achsel- und Schamhaaren. In der zeitnahen Sektion werden im Vier-Augen-Prinzip die Leichen auf dem Sektionstisch geöffnet und die Untersuchungsergebnisse in ein Körperschema ein getragen, soweit es sich um äußerlich sichtbare Verletzungen oder Narben handelt. Befunde werden auf Band diktiert. Weitere Untersuchungen wie Röntgenaufnahmen ergänzen die Sektion. Dazu gehören auch Gewebeschnitte zum Beispiel vom Gehirn oder Skelettaufnahmen. Auch die DNA-Analyse ist unterdessen fester Bestandteil der Rechtsmedizin.

In Vitrinenschränken, sie gleichen einer polizeilichen Asservatenkammer, kann man verschiedene Tatwerkzeuge begutachten, vom Schwert über Klappmesser und Baseballschläger bis hin zum Schlachtermesser und zum Beil sowie zur Gartenharke.

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Feuchtpräparat: ein Bolus (Stück eines Eisbeins)
verschließt den Kehlkopf Foto Christoph Weber

Warum durch Erhängen der Tod eintritt
Wenden wir uns nun dem zweiten Saal zu, in dem auf inszenierten Sektionstischen und in Vitrinenschränken Fotos und Exponate zu sehen sind, die sich mit verschiedenen Todesursachen befassen. Modelle erläutern die Todesfolgen eines Erhängens. Allein, so erfährt der Besucher, das Gewicht des Kopfes reicht aus, um mittels Strang oder Gürtel die Blutzufuhr zum Gehirn zu unterbinden und somit den Tod herbeizuführen. Selbst wenn die Füße den Boden berühren, wie im Falle eines in einem Latexanzug aufgefundenen erhängten Mannes, kann der Tod herbeigeführt werden. Also nicht das Unterbinden der Luftwege und auch nicht der Bruch des Halswirbels sind ursächlich für das Eintreten des Todes verantwortlich, sondern die Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Einblutungen in die Augen und punktförmige Einblutungen der Gesichtshaut sind Begleiterscheinungen eines Todes durch Strangulierunf. Einwirkungen von scharfen Gegenständen werden anhand von Präparaten, Fotos und Textbausteinen erläutert. So ist beispielsweise eine konservierte Brusthaut zu sehen, in der deutlich zwölf Einstiche in der Herzgegend auszumachen sind. Im schizophrenen Wahn hatte sich ein 49-jähriger Mann selbst getötet. Im Zimmer des Getöteten fand man Blutspuren und Darminhalt sowie ein 20 cm langes Messer.

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Selbstkonstruierte Apparatur für Suizid durch Strom
Foto: Christoph Weber

Verkohlte Leiche
Die Todesursache Brand wird dem Besucher nicht nur durch Fotos verkohlter Leichen, sondern auch durch Exponate wie eine defekte Kraftstromkuppelung, ein Feuerzeug oder eine Uhr mit Elektrokabel und Stecker nahe gebracht. Mittels eines Feuchtpräparats eines aufgeschnittenen Kehlkopfes mit Rußpartikelablagerung wird deutlich, wodurch der Tod bei einem Schwellbrand beispielweise eingetreten ist.

Der so genannte Bolustod durch Verschlucken und Ersticken wird gleichfalls vorgestellt. Dabei mag es für den einen anderen schon skurril anmuten, dass ein Mann durch das „Verschlucken“ eines Pfeifenmundstücks verschied. Dieses Pfeifenteil verschloss den Kehlkopf. Der so genannte Reflextod trat ein. Dieser wird verursacht durch den Druck auf den neben dem Kehlkopf liegenden Nervus Vagus, wie im Text nachzulesen ist. Auch das Foto eines Kehlkopfverschlusses durch ein Mandarinenstück mag befremden, kommt aber hin und wieder vor.

An den Zähnen kann man sie erkennen
Thematisiert wird die Identifikation einer Leiche durch Zahnstatus, DNA-Profil oder persönliche Fundstücke wie einen Stahlhelm mit Einschuss oder Soldatenstiefel mit Knochenresten, die jüngst bei Bauarbeiten in Berlin geborgen wurden. Zu erfahren ist vom Tod durch Mischtoxikation mit diversen Tabletten von Tavor bis Eu-Med und mit Drogen jedweder Art. Auch der Vergiftungstod durch CO-Einatmung wird präsentiert.

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Tatwerkzeug: elektrisches Küchenmesser Foto: Christoph Weber

Ein wenig überraschend ist der Hinweis, das bei 40-60% aller Toten im Zuge einer Obduktion eine andere Todesursache festgestellt wird als bei der Leichenschau.

Zum Schluss: Es ist sehr zu begrüßen, dass ein sensibles Thema mit der notwendigen Distanz vermittelt wird und auf jede Art von theatralischer Dramaturgie verzichtet wurde. Das gilt im Übrigen auch für die Dauerausstellung, die allerdings mit vielen Feuchtpräparaten von missgebildeten Föten den einen oder anderen Besucher abstoßen und schockieren mag. Doch auch diese Präsentation ist fern von jeder reißerischen Zurschaustellung, wie sie beispielsweise für von Hagens „Körperwelten“ gilt. (c) fdp

drogen
Drogenutensilien eines Verstorbenen Foto: Christoph Weber

Medizinhistorisches Museum Hamburg
m Universitätsklinikum Eppendorf (UKE),  Gebäude N 30 b
Eingang Schedestraße/Ecke Frickestraße
Öffnungszeiten: Di, Do, Fr, So 10 - 17 Uhr, Mi, Sa 10 - 19 Uhr, Montag geschlossen. 

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