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Hamburg
Deichtorhallen
SAUL LEITER RETROSPEKTIVE
bis 15. APRIL 2012
gute aussichten - junge deutsche fotografie 2011/2012
27. April 2012 bis 3. Juni 2012
IM HAUS DER PHOTOGRAPHIE

Bitte klicken Sie das Bild für eine vergrößerte Ansicht Saul Leiter: Snow, 1960 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York
Saul Leiter (*1923 in Pittsburgh) erfährt erst seit wenigen Jahren die verdiente Würdigung als einer der führenden Pioniere der Farbfotografie. Warum man dann allerdings ein Konvolut von 400 Arbeiten zeigen muss, bleibt dem gemeinen Ausstellungsbesucher, der von der Bilderflut nur erschlagen ist, allerdings rätselhaft. Eine gezielte Auswahl und keine quasi enzyklopädisch angelegte Werkschau hätte den Blick der Besucher auf das Wesentliche lenken können. Doch Masse macht es, ist nicht zum ersten Mal das Gebot der Stunde. Wer die Schau besucht, der ist gut beraten, auswählend herumzuwandern und sich auf einzelne Arbeiten oder "Zyklen" wie zu Halloween einzulassen. Nur dann ist die Schau ein Augenschmaus!

Saul Leiter: Joanna, ca. 1947 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York
Wer sich in der Schau umschaut, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Leiter seine Kamera als „heimliches Auge“ einsetzt. Aufnahmen erscheinen aus einem Moment heraus geboren zu sein. Schnellschuss und Schnappschuss zugleich mag man meinen. Der Fotograf – hier Leiter – sieht sich als Dokumentarist, der im Verborgenen arbeitet, nicht nur wenn wie in „Wedding“ ein Junge mit Kippa in den Fokus gerät, während die Linse sich gleichsam den Weg zu ihrem Objekt durch die breiten Schultern von Erwachsenen bahnt. Mit der Schwarz-Weiß-Kamera war Leiter ab 1948 in den Straßen der Großstadt unterwegs. Licht und Schatten scheinen Leiter ebenso zu faszinieren wie Brassaï, dem wir beeindruckende Paris-Aufnahmen verdanken. Nein, nicht ein Herr, der an einer Mülltonne vorbeispaziert, ist das Sujet Leiters, sondern der auf den Bürgersteig geworfene Schatten eines Mannes. Ungewöhnlich sind Leiters Blicke, aber auch seine Bildausschnitte wie in „Shoes“. Tatsächlich, es geht um Herren- und Damenschuhe, so wie es explizit in „Shadow“ um einen Schattenwurf geht.
Menschen in der Großstadt, Flaneure und eilig Vorbeilaufende, Schaufensterbummler und andere – das ist die Welt, die uns Leiter zeigt, so auch ein Mädchen, das sich in einem Schaufenster spiegelt und augenscheinlich den Fotografen direkt mit ihrem Blick fixiert. Selten sind Stadtbilder ohne Menschen, aber auch die gibt es im umfänglichen Werk Leiters, man betrachte nur „On the El with Bob Weaver“: Es ist diesig. Die Stadt liegt unter einer Wolkendecke. Die Straßenlaternen sind aufgestellt wie Zinnsoldaten. Menschen sind nicht unterwegs.

Saul Leiter: Canopy, ca. 1957 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York
Die Maskerade bei Halloween hat Leiter ebenso im Bild festgehalten wie Partygänger oder Straßen, in denen alte Straßenkreuzer umherfahren. Einige Aufnahmen wie „Man in Doorway“ oder „Walking“ müssen aus dem Moment heraus, vielleicht sogar aus einem fahrenden Auto aufgenommen worden sein. Auch den Busreisenden, den Leiter vor seine Linse bekommen hat, hat er wohl in einem Zufallsmoment entdeckt und zur richtigen Zeit auf den Auslöser gedrückt. Oder sind die Arbeiten doch alle arrangiert worden?
Banal erscheint eine Serie von Aufnahmen mit Karren, die zum Abtransport von Papier, Kartons, Lumpen, Metall oder ausrangierten Möbeln dienten. Neben derartig banal erscheinenden Sujets gehören auch zahlreiche Aktaufnahmen zum Kanon der Fotografien Leiters. Mal sind die Frauen halbnackt und liegend aufgenommen, mal spiegelt sich eine Nackte in einem riesigen Spiegel.
Neben Licht und Schatten sowie den Spiegelungen ist auch die Unschärfe ein Merkmal der Aufnahmen, die uns Leiter präsentiert. In „Windows“ lässt Kondensat auf der Fensterscheibe nur erahnen, wer gerade vorübergeht.
Hidden in the ordinary are great beauties Saul Leiter
Neben den Schwarz-Weißaufnahmen bekommt der Besucher auch Farbfotografien zu sehen, mit denen sich Leiter zwischen 1948 und 1960 beschäftigte. Motivisch und in der Art der Fotografie unterscheiden sich diese Arbeiten aber kaum von den Schwarz-Weiß-Bildern. Zum Beispiel lebt „Umbrella“ nicht allein von dem angeschnittenen orangefarbenen Regenschirm, sondern vor allem von der vorherrschenden Unschärfe des Motivs.

Saul Leiter: Walking, 1956 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York
Autodidaktisch hat sich Leiter das Malen beigebracht, wobei er augenscheinlich von den amerikanischen Abstrakten und Expressionisten beeinflusst wurde, betrachtet man seine „Farbmeere“ und seine teilweise naiv anmutende, figurative Malerei. Letztere hat etwas von Outsider Art, zugleich aber besticht sie durch die „grenzenlose“ Farbigkeit. Frauen hat Leiter porträtiert, bei deren Anblick man durchaus auch an die eine oder andere spontan-gestische Malerei der Gruppe CoBrA denken muss. Einige der Frauenporträts lassen an Kirchners Kokotten vom Potsdamer Platz in Berlin denken.
Mit Modefotografien und jüngsten Arbeiten endet die Schau, die sicherlich ihre Liebhaber finden wird. © fdp

Saul Leiter: Harlem, 1960 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York
gute aussichten - junge deutsche fotografie 2011/2012

Julia Unkel Im Angesicht, 2011 © Julia Unke
95 Einsender gab es, sieben von ihnen wurden ausgewählt, ihre in
den letzten zwölf Monaten entstandenen fotografischen Arbeiten
öffentlich zu präsentieren. Der Titel der Schau bleibt allerdings
rätselhaft, schaut man sich die eingereichten und gezeigten Arbeiten
von Johannes Post, Luise Schröder, Franziska Zacharias, Miriam Schwedt,
Sebastian Lang, Julia Unkel und Sara-Lena Maierhofer an. Aussichten im
Sinne von Belvedere könnten sich beim Nachdenken über den
Ausstellungstitel aufdrängen. Gute Aussichten könnten im Sinne von
Erfolg verstanden werden, als Gegenteil von schlechten Aussichten. Gute
Aussichten könnten aber auch als Zukunftsperspektiven gedeutet werden.
Doch all diese Gedankenspiele laufen ins ´Leere, vertieft man sich in
die fotografischen Arbeiten. Vielleicht hätte man lieber den Titel
„Ansichten“ gewählt statt eines mehrdeutigen Titels.
Gleich beim Betreten der Ausstellung gerät ein abgeschlagener
Ochsenkopf ins Blickfeld, der von Blutspritzen umgeben ist und nicht so
ausschaut, als sei er im Schlachthof nicht gerade frisch vom Leib
eines Ochsen abgetrennt worden. Vielmehr meint man, man sehe eine
ausgestopfte Trophäe, eine Jagdtrophäe, wie sie der Waidmann eben auch
in seinem Heim ausstellt. Doch nicht der „König des deutschen Waldes“
steht bei Julia Unkel im Mittelpunkt, sondern ein Rindvieh. Im Rahmen
ihrer Arbeit „Im Angesicht“ hat sie sich mit der beinahe klinischen
Sterilität von Schlachthöfen und den dort arbeitenden Metzgern und
Tötern befasst. Beherrscht werden die Schlachthöfe nicht von den
Menschen, die Unkel vor die Kamera bekam, sondern vor allem von den
dort eingesetzten gigantisch wirkenden Maschinen wie einer an Ketten
befestigten Riesenknochensäge. Die fertigen Würste hat Unkel ebenso für
ein geeignetes Motiv gehalten wie eben den oben genannt präparierten
Ochsenkopf und nicht zuletzt die Schlachthofmitarbeiter in ihrer
teilweise blutverschmierten Arbeitskleidung.

Sebastian Lang Behaviour Scan, 2010 © Sebastian Lang
Mit dem Titel „inform“ - man denke an „In Form „– bezeichnet
Johannes Post seine beiden großformatigen Arbeiten. Was hat er da wohl
aufgenommen? Verschnürte Backfolien mit und ohne Inhalt? Liest man den
Ausstellungsbegleittext, so sollen die Tableaux mit 36 Bildern unsere
„zweite Haut“ zeigen, also das, was wir tragen. Doch sieht der
Betrachter dies auch auf den ersten Blick?
Mit beinahe journalistischer Akribie und Recherche verfolgte
Sara-Lena Maierhofer die „Häutungen des Christian G.“, eines
Hochstaplers aus dem Bayrischen, der sich in den USA auch schon mal als
UN-Diplomat ausgab, aber auch als Börsenmakler und Moderator. Falsche
Identitäten nahm er an, nannte sich auch Christopher Chichester – und
genau diesen Identitätenwechsel verfolgte auch die Kamera von
Maierhofer. Resultat sind Bildsequenzen, die einem gefälschten
Lebenslauf gleichen, den man allerdings nur erkennt, wenn man weiß,
dass auch Clark Rockefeller eben Christian G. aus dem Chiemgau ist, der
in den USA wegen Vorwurf des Mordes vor Gericht stand.
Wer kennt Haßloch? Niemand wohl oder doch? Die deutsche Gesellschaft für Konsumforschung kennt dieses Dorf, denn von ihr wurde Haßloch als deutscher Durchschnitt eingeordnet. In der Fotoserie "Behaviour Scan" untersucht Sebastian Lang diesen deutschen Durchschnitt und zeigt Aufnahmen von Häusern aus Haßloch im Dämmerlicht, die irgendwie surreal-unwirklich wirken. Menschenleer scheinen diese Häuser. Hier und da weist ein parkendes Auto darauf hin, dass es in Haßloch auch Menschen gibt. Und wo leben die: in Haßloch, in "little boxes", ganz durchschnittlich eben.

Luise Schröder Arbeit am Mythos, 2011 © Luise Schröder, www.guteaussichten.org
Das Zerstörende von Wassermassen und Bombenhagel versucht Luise Schröder, mittels der Bildsprache der Kollage mit teilweise angeschmorten und angerissenen Fotos aus Dresden zu verdeutlichen. Doch auch hier fehlen die genauen Hinweise auf die Bildmotive und -ursprünge. Erst ein Blick in eine Begleitzeitung der Ausstellung mit entsprechender textlicher Ausführung erschließt Schröders Bilderwelt ein wenig. Angesichts der minimalistischen Raumansichten, die Franziska Zacharia uns präsentiert, fragt man sich, ob nicht bei Ben Willikens oder bei Kurt Schwitters abgekupfert wurde, da keine neuen Bildmotive jenseits von Konstruktivismus und Suprematismus von Zacharia komponiert wurden. Wie Thomas Demand hat die Fotografin Modelle gebastelt, die sie dann fotografierte. Gute Aussichten sehen doch wohl anders aus, oder? So bleibt bei dieser Ausstellung im Vergleich mit anderen fotografischen Präsentationen wie "Photography calling" oder "Für immer jung" - beide 2011/12 in Hannover und Berlin zu sehen – ein schaler Beigeschmack der Mittelmäßigkeit und Belanglosigkeit nach dem Motto "Who cares". Was völlig fehlt, ist eine eigenständige Weiterentwicklung des Dokumentarischen, sieht man einmal von Unkel und Schröder ab. In der Suche nach dem Besonderen wirken Teile der vorgestellten Arbeiten überaus aufgesetzt. Auch "Behaviour Scan" ist dabei keine Ausnahme. © fdp
Ausstellungen 2012
WIM WENDERS PLACES, STRANGE AND QUIET
15. APRIL bis 5. AUGUST 2012
SAMMLUNG FALCKENBERG, HAMBURG-HARBURG

Cowboy Clown, Brisbaine, 2006 c-print 132 x 148 cm.
Courtesy Haunch of Venison.
Als Regisseur ist Wim Wenders, 1945 in Düsseldorf geboren, mit Filmen wie »American Friend« (1978), »Paris, Texas« (1984), »Der Himmel über Berlin« ( 1987), »Buena Vista Social Club« (1999) und zuletzt »Pina« (2010) als einer der einflussreichsten Vertreter des New German Cinema international bekannt. Parallel hat Wim Wenders zahlreiche Bücher mit Essays und Fotografien publiziert. Seine eigenen Fotografien wurden unter dem Titel »Pictures from the Surface of the Earth« seit 2001 weltweit in einer Vielzahl von Museen und Kunstinstitutionen gezeigt.Seine Bilder von Orten auf der ganzen Welt wie Salvador in Brasilien, Palermo in Italien, Onomichi in Japan oder Berlin und amerikanischen Landschaftsaufnahmen im Breitwandformat wurden im Frühjahr 2011 unter dem Titel »Places, strange and quiet« in seiner Londoner Galerie Haunch of Venison präsentiert. Zuvor waren die Werke im Sao Paulo Museum of Art in Brasilien ausgestellt.

Street Corner Butte, Montana, 2003 c-print 186 x 224 cm. Courtesy Haunch of Venison.
ANTONY GORMLEY – HORIZON FIELD HAMBURG
27. APRIL bis 9. SEPTEMBER 2012
IN DER HALLE FÜR AKTUELLE KUNST
Der britische Künstler Antony Gormley entwickelt eigens für die große
Deichtorhalle zur Documenta-Zeit eine neue, spektakuläre Installation,
das »Horizon Field Hamburg«.
Der Besucher betritt die Nordhalle der Deichtorhallen und sieht
sich mit einem fast 4.000 qm großen und bis zu 19 m hohen, fast leeren
Raum konfrontiert. In diesem offenen Raum lädt eine weite, schwarze,
spiegelnde, schwebende Ebene, sieben ein halbsiebeneinhalb Meter vom
Erdboden entfernt zu neuen Erfahrungen ein. Die hängende, leicht
schwingende Fläche nutzt die strukturellen Möglichkeiten und den
architektonischen Kontext des über 100 Jahre alten Gebäudes der
Deichtorhallen, um die Besucher in Zeit und Raum im gegenseitigen
Miteinander neu zu orientieren.
EUROPEAN PHOTO EXHIBITION AWARD - EPEA
3. MAI – 3. JUNI 2012
HAUS DER PHOTOGRAPHIE
Im European Photo Exhibition Award – kurz epea – erarbeiten zwölf junge Fotografen aus Europa Foto-Essays zu einem europäischen Thema. Es geht um ihre unterschiedlichen künstlerischen Sichtweisen auf gesellschaftlich relevante Fragestellungen in Europa. Das aktuelle Thema heißt Europäische Identitäten. Ausgewählt und damit ausgezeichnet wurden die zwölf Fotografen von Rune Eraker (freier Fotograf, Norwegen), Sérgio Mah (Soziologe und Kurator, Portugal), Enrico Stefanelli (Kurator Photo Fest Lucca, Italien) und Ingo Taubhorn (Kurator Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg, Deutschland). Bei der Erstellung ihrer Arbeiten werden sie von den vier Kuratoren betreut und treffen sich zu Workshops mit den Kuratoren und allen Fotografen. Ab Mai 2012 touren ihre Foto-Essays in einer Wanderausstellung durch Europa, von Hamburg (Haus der Photographie/Deichtorhallen Hamburg) über Paris (Centre Culturel Calouste Gulbenk ian/Paris Photo) und Lucca (Fondazione Banca del Monte di Lucca/Lucca Photo Fest) nach Oslo (Nobel Peace Center). Der European Photo Exhibition Award ist ein Gemeinschaftsprojekt der Fondazione Banca del Monte di Lucca, der Fundação Calouste Gulbenkian, der Institusjonen Fritt Ord und der Körber-Stiftung. Der European Photo Exhibition Award setzt den Körber-Foto-Award der Körber-Stiftung (1999-2010), der ausschließlich deutsche Nachwuchsfotografen förderte, unter veränderten, nämlich europäischen Vorzeichen fort.
ALBERT WATSON
MEMORIES AND VISION feat. FACES OF AFRICA
14. SEPTEMBER – 6. JANUAR 2012
HAUS DER PHOTOGRAPHIE
Der schottische Fotograf Albert Watson (* 1942) hat sich in den vergangenen Dekaden einen Namen als einer der erfolgreichsten Mode- und Werbefotograf der Welt gemacht. Er lichtete unter anderem Stars wie Mick Jagger, Alfred Hitchcock, Kate Moss, Johnny Depp oder Jack Nicholson ab. In einem außergewöhnlichen Experiment hat die Aid by Trade Foundation, Hamburg in Kooperation mit dem Haus der Photographie den Starfotografen beauftragt, Gesichter in Afrika zu fotografieren, um ein Bild der Menschen zu vermitteln, die mit dem Projekt "Cotton Made in Afrika" verbunden sind. Damit wagt das Projekt, Celebrity Shots und soziale Dokumentation miteinander zu verknüpfen. Neben einer Retrospektive des Starfotografen Albert Watson, die noch nie gezeigtes Vintage– und Polaroidmaterial beinhaltet, wird das Herz der Ausstellung eine exklusiv für das Haus der Photographie in Afrika entstandene Arbeit sein.
Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstr. 1-2
D-20095 Hamburg
Tel.: 0 40 / 32 10 30
info@deichtorhallen.de
http://www.deichtorhallen.de
Öffnungszeiten
Di. - So. 11 - 18 Uhr, Neujahr 12 - 18 Uhr; Heiligabend, 1. Weihnachtsfeiertag, Sylvester geschlossen