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Hamburg
Ernst Barlach Haus


PUPPEN, MASKEN UND IDOLE
bis 28. Mai 2012

Nicht nur Plastiken aus Holz und Bronze von Ernst Barlach laufend
texte: ferdinand dupuis-panther/ Abb. alle Rechte bei den Künstlern oder Rechtenachfolgern

 

• Bettler, Moses und der Berserker...

Auf dem Elbhang im Westen Hamburgs befindet sich am Rande des Jenisch-Parks das Ernst-Barlach-Haus, das einen bedeutenden Teil der Skulpturen des expressionistischen Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers Ernst Barlach (1870-1938) beherbergt. Das schlicht gestaltete, weiß geschlämmte Ernst-Barlach-Haus – erbaut 1961/62 – nimmt als Flachbau den klassizistischen weißen Würfel des benachbarten Jenisch-Hauses in moderner Form in sich auf. Die rund um ein Atrium gruppierten Räume gleichen einer modernen Klause.

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Ansicht der Ausstellungspräsentation im Sommer 2009 foto: fdp

50 plastischen Arbeiten und etwa 400 Zeichnungen umfasst die Sammlung des Hauses. Ein Teil der Plastiken und Zeichnungen sind stets zu sehen.

In Barlachs frühen Plastiken gerinnen Eindrücke einer Russlandreise im Jahr 1906 in Skulpturen wie »Frierende Frau« und „Russische Bettlerin II«, derb ausschauend und vom Leben gezeichnet. Die generelle Vermittlung des menschlichen Ausdrucks von Leid, Elend, Verzweiflung und der Würde in all dieser Not war nicht nur in den Frühwerken, sondern auch in den späteren Arbeiten Anliegen Barlachs.

Ausstellungen 2012

TONY CRAGG - Against the grain
10. Juni — 30. September 2012

Der britische Bildhauer Anthony Cragg (*1949) zählt zu den bedeutendsten Künstlern unserer Zeit – sein Werk ist vielschichtig, überraschend und unverwechselbar. Seit den 1970er Jahren erweitert Cragg die Grenzen plastischen Arbeitens mit beeindruckender Konsequenz. Dabei schöpft seine bildnerische Energie aus unterschiedlichsten Lebensbereichen und verschränkt künstlerische mit naturwissenschaftlichen Interessen. Vertrauten Materialien wie Kunststoff, Bronze oder Holz entlockt Cragg neue Formen und Qualitäten. Seine komplexen Werke vereinen mathematische Präzision mit beschwingter Eleganz, expressiver Dynamik und spielerischer Leichtigkeit. Für sein wegweisendes Œuvre wurde Tony Cragg mit den höchsten Kunstpreisen geehrt; Ausstellungen seiner Skulpturen sind international beachtete Ereignisse. Da Craggs Arbeiten in Hamburg bislang noch nicht zu sehen waren, bietet das Ernst Barlach Haus im Sommer 2012 eine Premiere: In einer vom Künstler konzipierten Werkschau wird man seine Plastiken im Jenischpark ähnlich konzentriert erleben können wie im Skulpturengarten "Waldfrieden", den Tony Cragg 2008 in seiner Wahlheimat Wuppertal eröffnet hat.

"Farben sind Feste für die Augen"
EMIL SCHUMACHER ZUM 100.
14. Oktober 2012 — 27. Januar 2013

Im Herbst 2012 feiert das Ernst Barlach Haus ein Doppeljubiläum: Zu seinem fünfzigjährigen Bestehen würdigt es Emil Schumacher, dessen Geburtstag sich 2012 zum hundertsten Mal jährt. Wenige Künstler haben in der deutschen Nachkriegsmalerei so markante, nachhaltig wirkende Spuren hinterlassen wie Emil Schumacher (1912–1999). Seine abstrakten, oft großformatigen Werke sind zu Ikonen einer Epoche geworden, die für existenzielle Fragen eine neue, befreite Bildsprache suchte. Schumacher fand sie: In intensiver Auseinandersetzung mit der Farbe als Material schuf er auratische Bilder, die stets auch ihre eigene Entstehung zum Thema machen. Als allgemeingültige Spiegel des Individuellen protokollieren sie Zaudern und Zupacken, wuchtige Selbstbehauptung und seismografische Sensibilität. Die Ausstellung "Farben sind Feste für die Augen" – ein Ausspruch des Künstlers aus dem Jahr 1958 – konzentriert sich programmatisch auf Schumachers informelles Schaffen der späten 1950er und der 1960er Jahre. Diese zeitliche Verankerung in der Gründungsphase des Ernst Barlach Hauses rückt eine aufregende Entwicklungsetappe ins Blickfeld – jenes Jahrzehnt, in dem Emil Schumacher sein einzigartiges Zeichenrepertoire entfaltete und wurde, was er ist: ein Klassiker der Moderne.

»Die singenden Frauen« im Foyer wirken ebenso der Wirklichkeit entrückt und mit sich zufrieden wie der bronzene »Singende Mann«, ein Jüngling, der mit gespreizten Beinen auf dem Boden hockt und sich auf seine Stimme zu konzentrieren scheint. Der zwischen 1930 und 1935 entstandene »Fries der Lauschenden«, eines der Highlights der Sammlung, vereint Heiligen- und Andachtsgestalten in sich, wie sie durch die Ausstattungen von Fassaden und Portalen mittelalterlicher Kirchen in vielfältigen Ausprägungen überliefert sind.

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Ernst Barlach: Der lesende Klosterschüler, 1930 foto: fdp

Barlach beschäftigt sich in Folge des Ersten Weltkrieges mit der Gewalt des Krieges und der Barbarei, so auch in der Skulptur »Der Berserker«: breitbeinig auf dem Boden Halt suchend, die Hüfte eingedreht und die Rechte zum Schwertschlag ausholend. Barlach identifiziert sich mit der Figur des Wilden, wie in einem Brief nachzulesen: »In mir wird so oft der Berserker lebendig, ich muss mich immer mal ausleeren, um mit frischer Hoffnung etwas Besseres aus Weltweiten einströmen zu lassen.« Völlig im Gegensatz zum »Berserker« steht die »säulenförmige« Figur »Moses«, der dem Betrachtenden die leeren Schrifttafeln wie ein Spiegel vor Augen hält. Die Leere der Tafeln ist Sinnbild dafür, dass (christliche) Normen ohne Bedeutung und wirkungslos sind.

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Ernst Barlach: Gruppe mit drei Figuren, 1925 foto: fdp

 

PUPPEN, MASKEN UND IDOLE

Zum Jubiläumsauftakt 2012 präsentiert das Ernst Barlach Haus ein faszinierendes Kapitel im Schaffen des norddeutschen Südseereisenden Emil Nolde (1867–1956): seine Stillleben mit Masken und Figuren. Hintersinnig und oft humorvoll arrangiert, überschreiten Noldes Stillleben malerische Konventionen und kulturelle Grenzen – eine bislang kaum bekannte, erstaunlich kosmopolitische Kunst. Rund einhundert Figurenstillleben malte Emil Nolde bis 1929, ein Drittel von ihnen ist – dank einer engen Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung Seebüll, mit bedeutenden Museen und privaten Sammlungen – in der Ausstellung zu sehen. Mehr als einhundertdreißig Zeichnungen, Textilien, Masken und Objekte runden die Schau ab und geben Einblick in den vielgestaltigen Figurenkosmos, aus dem Nolde mit kombinatorischer Darstellungslust schöpfte.

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Emil Nolde: Der Missionar, 1912
Öl auf Leinwand, 79 x 65,5 cm
Privatsammlung © Nolde Stiftung Seebüll

Ein Drittel aller bis 1929 entstandenen Figurenstillleben ist in der aktuellen Ausstellung zu sehen. Darunter sind auch Werke, die seit Noldes Lebzeiten nicht mehr öffentlich gezeigt wurden. Ausgangspunkt der Schau sind Blätter mit Zeichnungen, die Nolde zwischen 1910 und 1912 bei seinen Museumsbesuchen in Berlin, Flensburg und Kiel angefertigt hat. Diese Arbeiten sind skizzenhaft angelegt und als Momentaufnahmen eines Museumsbesuchs zu begreifen. Einigen fehlt die Kolorierung, die durch Notizen über die Farbgebung ersetzt wurde. Eine Vielzahl von gezeichneten Figuren stammt aus der Sammlung Noldes, der neben Porzellanfiguren auch exotische Masken und Figuren zusammentrug.

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Emil Nolde: Stillleben E (Hirschgruppe, Kissen, Tamburan), 1914
Öl auf Leinwand, 72,5 x 77 cm Sammlung Würth
© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Volker Naumann, Schönaich

Um motivische Verbindungen zwischen der Nolde-Sammlung, den Zeichnungen und den Ölgemälden kenntlich zu machen, hat man sich bei den Werklegenden dazu durchgerungen, einen Symbolkanon ergänzend hinzuzusetzen. Schwarzes Quadrat steht für Gemälde, weißes Quadrat für Zeichnung sowie schwarzes Dreieck für Figur, Maske und Objekt. Dieses System der Verweise soll den Besucher anregen, in der Ausstellung auf Spurensuche zu gehen, um die Beziehungen zwischen den Gemälden und der Nolde-Sammlung zu entdecken – 100 Objekte dieser Sammlung sind dort zu sehen, wo sonst der Fries der Lauschenden seinen Platz hat. Dieser ist nun im Raum hinter dem Gang zu sehen, begleitet von Barlachs Stillleben, in denen er Buntnesseln und Dahlien mit exotischen Figuren verbindet.

Emil Nolde: Exotische Figuren I (Fetische), 1911
Öl auf Leinwand, 64,5 x 78 cm Privatbesitz, Dauerleihgabe an das Franz Marc Museum, Kochel am See © Nolde Stiftung Seebüll

Doch bereits im Foyer stoßen wir auf Noldes „Nippesfiguren“: Hoch zu Ross sitzt ein Reiter, der in der Komposition von chinesisch anmutenden Figuren begleitet wird. Zu Füßen des Reiters – er trägt eine auffällig orangefarbene Jacke und eine gelbe Kappe – hastet ein gefleckter Hund dahin. Unter den Studienzeichnungen, die bereits zuvor erwähnt wurden, finden sich zum Beispiel eine weibliche afrikanische Holzfigur mit spitzen Brüsten, eine kniende Afrikanerin in buntem Gewand mit ihrem Kind auf dem Rücken, ein Krieger mit Schwert in der einen und dem Schädel des Erschlagenen in der anderen Hand sowie ägyptische Köpfe. Nolde schuf bizarr anmutende Kompositionen wie die einer exotischen Figur in Begleitung zweier die Zähne fletschenden braunen Katzen. Oder sollte man gar von Raubkatzen sprechen? Prinz Albert und Königin Victoria verewigte Nolde gleichfalls und griff dabei auf eine Porzellangruppe zurück, die sich in seiner Sammlung befand. Ein gewisser Hang zum Naiven ist in diesem Gemälde wie auch in anderen gezeigten durchaus auszumachen. Auch die genannten Zeichnungen muten eher wie Kinderzeichnungen an, in denen sich der Sinn für das Abbilden widerspiegelt und nicht das Bild des Objekts. Wie in dem Bildnis des royalen Paares finden sich bei Nolde noch weitere Paare, ob Mann und Frau oder Mutter und Kind. Dabei scheint der Künstler in den Kompositionen bemüht gewesen zu sein, zwischen den Objekten eine dialogische Beziehung herzustellen, so bei dem afrikanischen Paar und auch bei den „Kirchenfiguren II“.

Emil Nolde: Wajangfigur und Blumen, 1928 Öl auf Leinwand, 73,5 x 88,5 cm Nachlass Jolanthe Nolde © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg/Dirk Dunkelberg, Berlin

Mit durchaus gestischem Duktus gestaltete Nolde die „Collage“ einer melanesischen Maske und einer Birmatänzerin – die Letztere hatte er als Teil seiner „Exotik-Sammlung“ zunächst selbst geschnitzt und vergoldet. Dass er in diesem wie in anderen Werken Webarbeiten Ada Noldes „eingewoben“ hat, kommt wohl nicht von ungefähr. Diese Art der Komposition gehörte zu Nolde und seinem Verständnis als dem nordisch-deutschen Maler, der zunächst außereuropäischer Kultur offen gegenüber war, ehe er in den 1930er Jahren seine nationalistisch-völkische Gesinnung nicht länger versteckte. „Jahre der Kämpfe“, seine Autobiographie jener Zeit, spricht Bände. Auch seine Anbiederung an die Nationalsozialisten muss erwähnt werden. Diese hatte ihm jedoch nicht geholfen. Mehr als 1000 Werke Noldes wurden als entartet klassifiziert. Malen war im hinfort nur noch im stillen Kämmerlein möglich.

Es ist schon eine erstaunliche Palette von außereuropäischer Kunst, die sich bei Nolde entdecken lässt, ob Figuren von Pueblo-Indianern, chinesische Terrakotta, melanesische Masken und Kultschilde oder aber afrikanische Hölzer. Nicht immer gelang es allerdings Nolde, die richtigen kulturellen Bezüge herzustellen, wie das Gemälde „Der Missionar“ unterstreicht. Bei der als Missionar bezeichneten Figur handelt es sich nicht etwa um einen Europäer, der die Wilden bekehrt, sondern um eine koreanische Wegfigur, die Nolde mit einer knienden Afrikanerin im blauweiß gestreiften Wickelkleid – auch als Zeichnung zu sehen – und einer Maske verbindet. Also entdecken Sie den etwas anderen Nolde. Es ist eine dank der Inszenierung im Barlach-Haus gewiss unterhaltsame Spurensuche. © fdp


Afrikanische und ozeanische Objekte
aus der Sammlung von Emil Nolde
Nolde Stiftung Seebüll
© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Andreas Weiss

Ernst-Barlach-Haus
Baron-Voght-Straße 50 a
22609 Hamburg
Öffnungszeiten
Di. – So. 11 – 18 Uhr


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