Reisemagazin schwarzaufweiss

Gastarbeiter unterm Roten Stern

Das "Erlebnis Grünes Band" in der Grenzregion Thüringen/Franken

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Deutschland - Grünes Band - Von Souvenirjägern übersehen: alter DDR-Grenzstein

Von Souvenirjägern übersehen: alter DDR-Grenzstein

Die Dämmerung bricht jetzt sehr schnell herein, der Pfad durchs Gehölz ist nur noch schwer auszumachen. Jedes Knacken der Äste, jeder halbunterdrückte Fluch, wenn ein Schuh in den Morast tappt - das wäre damals zu viel, wäre verräterisch gewesen. Damals, in den Jahren nach dem Krieg bis 1961, als die deutsch-deutsche Grenze noch stellenweise durchlässig war, und einige Thüringer sich in dem hügeligen, bewaldeten Gebiet bei Sonneberg öfter nachts nach Oberfranken wagten. Verstohlen, lautlos, nach allen Seiten sichernd schlichen sie zwischen den Fichten hindurch. Manchmal verfing sich im Geäst ihr Huckelkorb, der bis obenhin voll war mit Räuchermännchen, Zieh-Enten und Nussknackern, die sie drüben gegen Lebensmittel eintauschten. Zumindest ein wenig können die fünf Männer, die heute abend auf den alten Pfaden unterwegs sind, die Angespanntheit und Nervosität ihrer Vorgänger nachempfinden. "Meine Mutter haben sie einmal geschnappt", sagt der Klempner aus Sonneberg in die Dunkelheit hinein. "Sie hat Schuhe getauscht. Man sperrte sie eine Nacht ein und nahm ihr die Kartoffeln weg. Sonst hatte es keine Folgen."

Deutschland - Grünes Band - Ein Stück Mauer in Heinersdorf

Ein Stück Mauer in Heinersdorf

Jetzt mündet der Pfad auf den ehemaligen Kolonnenweg, der parallel zum Grenzzaun verlief. Das Gehen wird einfacher, es ist Zeit für Geschichten aus dem Grenzland: Wie manchmal die Minen hochgingen, weil ein Wildschwein darauf getreten war. Warum es eine "Stillhalteprämie" für Menschen im Sperrgebiet gab. Und was man empfand, als der Kollege Kartoffelausfahrer mit dem LKW in den Westen durchbrach. "Ich bin hiergeblieben", sagt der Klempner. "Thüringer sind heimattreu. Ich habe es nicht bereut."

Deutschland - Grünes Band - Grenzmuseum in Gräfenthal

Grenzmuseum in Gräfenthal

Der Rundgang auf den alten Schmuggelpfaden zwischen Thüringen und Oberfranken ist Höhepunkt einer Pauschaltour im Rahmen des Projektes "Erlebnis Grünes Band". 1393 Kilometer lang und zwischen 50 und 200 Meter breit zieht sich der einstige "Todesstreifen" durch Deutschland. Etwa ein Drittel davon steht unter Naturschutz: ein Verbund von Auenwiesen, Bruchwäldern und Heideflächen, in denen mehr als 600 gefährdete Tier- und Pflanzenarten leben. Zum 20. Jahr der Grenzöffnung förderte das Bundesamt für Naturschutz drei Modellprojekte, in denen die Quadratur des Kreises versucht wird: Im Harz, der Region Elbe-Altmark-Wendland und eben hier, im Gebiet Thüringer Schiefergebirge-Obere Saale-Frankenwald soll länderübergreifend der Naturschutz verstärkt, zugleich die Erinnerung an die Grenze wachgehalten und die Zahl der Besucher erhöht werden.

Sonnentau und Smaragdlibellen

Deutschland - Grünes Band - Naturschutzgebiet bei Mitwitz

Naturschutzgebiet bei Mitwitz

Speziell ausgebildete Naturführer zeigen Interessierten die kleinen und großen Schätze im einstigen Sperrgebiet. "Sonnentau, Smaragdlibelle, Keulenschrecke", zählt Biologe Stefan Beyer auf. "Und vor allem die sehr gefährdete Heidelerche". Sie braucht einen trockenen, lichten, mageren Standort am Waldrand - so, wie sie ihn auf dem ehemaligen Grenzstreifen bei Mitwitz vorfand. Doch während der letzten zwanzig Jahre schossen manche Birken fünf, sechs Meter hoch. Deshalb haben Jugendliche aus aller Welt in diesem Sommer Schösslinge und Bäume ausgerissen und die niedere Strauchheide wieder freigelegt - auch diese workcamps sind Teil des Projekts.

Deutschland - Grünes Band - Hotel "Haus des Volkes" in Probstzella

Hotel "Haus des Volkes" in Probstzella

Daneben aber nutzten die Touristiker die Chance, einzelne kleinere Attraktionen in Pauschalen einzubinden. Und förderten dabei so manches Schmuckstück zutage. So gestaltete in Probstzella ein Fabrikant ohne viel Tamtam das ehemalige Haus des Volkes, das größte Bauhausdenkmal Thüringens, zu einem Hotel um. Alfred Arndt errichtete das Gebäude 1927, während der DDR-Zeit fanden dort Konzerte für die Grenztruppen statt, in den letzten fünf Jahren ließ Dieter Nagel Lampen, Stühle, Tische und Schränke originalgetreu nachbilden. Die Ausmalung der Räume - Terrakotta, Blau und Grau und Gelb -, verrät, warum Arndt als der Farbkünstler der Dessauer galt.

Deutschland - Grünes Band - Draisine bei Gräfenthal

Draisine bei Gräfenthal

Zwischen Gräfenthal und Lichte ist eine Draisine unterwegs, von Steinwiesen nach Nordhalben verkehrt die restaurierte Rodachtalbahn. Es gibt Grenzmuseen in Gräfenthal und in Nordhalben, und Fahrradtouren, die am berühmten Rennsteig entlang führen, mit Halt in Heinersdorf, wo noch ein Stück der Mauer steht. Nicht immer klappt das Zusammenspiel zwischen Naturschutz und Tourismus ganz reibungslos.

Deutschland - Grünes Band - Vom Rennsteig ins Tal der Tettau

Vom Rennsteig ins Tal der Tettau an der ehemaligen Grenze entlang

Die Unimog-Touren der Firma Grenzfahrten sehen die Biologen nicht gerade mit Begeisterung. Dröhnend röhrt der bullige Laster die dreißigprozentige Steigung des Plattenwegs bei Nordhalben hinauf. Oben erklärt Marcel Müller anhand von Schaubildern sehr verständlich den Aufbau der Grenzbefestigungen mit Signalzaun, Selbstschussapparaten, Hundelaufanlagen und Plastikminen: "Eine Million Mark kostete jeder Kilometer Grenze die DDR - kein Wunder, dass es keinen Beton im Land gab."

Deutschland - Grünes Band - Mit dem Unimog auf dem Plattenweg bei Nordhalben

Mit dem Unimog auf dem Plattenweg bei Nordhalben

Ein Liter Schnaps bei Sollerfüllung

Wer lieber auf eigene Faust loszieht, kann an fünf Stellen Audioguides leihen, die ihn mit Informationen zu Natur und Geschichte versorgen. Bei der Herstellung dieser Führer stieß man auf eine ganze Reihe von Zeitzeugen, die etwas über die Grenze zu erzählen haben, und dies noch nicht vor allen Kameras der Republik ausgebreitet haben.

Günter Hoderlein ist 65 und stammt aus Reichenbach in Franken. Mit 13 stellte er sich im Schieferwerk in Lehesten in Thüringen vor und wurde genommen, um Schieferabfälle mit Schablone und Schere in Form zu bringen. Zwischen 100 und 200 Westdeutsche arbeiteten damals in dem Schieferbruch, fuhren jeden Morgen mit dem Bus über die Grenze und kehrten abends zurück - "Gastarbeiter", von denen man wenig weiß. Zwei Drittel des Gehalts gab es in Westgeld, ein Drittel als Gutschein, mit dem man einkaufen konnte im HO, der extra gut bestückt wurde: "Ich hatte schon mit 16 ein Fahrrad mit Gangschaltung." Perlonstrümpfe und Orangen wanderten in die andere Richtung, selbst die eine oder andere Ost-West-Liebschaft entwickelte sich: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", sagt der Franke, leise lächelnd. War der Monat um, gingen alle Blicke hoch zum Roten Stern. War der erleuchtet, hatte die Belegschaft das Soll erfüllt und es gab einen Liter Bergmannschnaps für jeden. 1961 war Schluss: "Nach dem Mauerbau ging der Hüttenmeister herum und sagte: Ihr könnt dableiben, jeder kriegt eine Wohnung gestellt. Aber keiner ließ sich darauf ein."

Deutschland - Grünes Band - Führerin Veronika Beuche zeigt im Schieferwerk von Lehesten, wie Schiefer bearbeitet wurde

Führerin Veronika Beuche zeigt im Schieferwerk von Lehesten, wie Schiefer bearbeitet wurde

Natürlich kommt bei den vielen Begegnungen mit Menschen im Grenzland auch die Gegenwart nicht zu kurz. Der Wirt im fränkischen Stockheim lobt die Lebenslust seiner thüringischen Gäste: "Mir komma mit de Lottokass - die woll ma voll vrfrass!" Die Jugendlichen in Probstzella fahren selten nach Franken, weil ihnen dort "die Musik zu hausbacken" ist. Die Chefin der Porzellanfabrik in Schauberg hat je zur Hälfte Beschäftigte aus Ost und West und sieht keine Unterschiede. Alle Unternehmer im Westen aber schimpfen auf das "Förderungsgefälle" zugunsten des Ostens. Während die Bürgermeister drüben wissend lächeln und darauf hinweisen, dass alle Gemeinden im Grenzgebiet mit Abwanderung zu kämpfen hätten.

Deutschland - Grünes Band - Verkäufer Dieter Stark mit Wiedervereinigter

Verkäufer Dieter Stark mit "Wiedervereinigter"

Lediglich in Stockheim ist schon zusammengewachsen, was zusammengehört. Am "Neuglosberger Bratwursthäusle" gibt es für zwei Euro 40 die "Wiedervereinigte": "Eine fränkische und eine Thüringer Bratwurst zusammen im Brötchen", sagt Pächterin Karin Spindler verschmitzt. "Für alle, die sich immer noch nicht entscheiden können, ob es im Westen besser ist oder im Osten."

 

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