Reisemagazin schwarzaufweiss

Heißer Sound in der Provinz

Udo Lindenberg auf der Spur

Text und Fotos: Manfred Lädtke

Die Soundmaschine streikt. Ausgerechnet vor Europas erstem und einzigen Rock´n´Popmuseum, dessen sakrale Architektur an den nüchternen Baustil norddeutscher Kirchen erinnert. „Keine Panik, Leute“, würde jetzt Udo Lindenberg sagen, highliger Vater des Deutschrock und Mitinitiator des Museums.

Gut, dass Hanspeter Dickel nicht „Rudi Ratlos“ ist. Linke Taste, rechtes Knöpfchen, Doppelklick: „Alles klar auf der Andrea Doria“, gibt der Guide das Zeichen zum Gedächtnis-Walk durch Lindenbergs westfälische Heimatstadt Gronau.

Gronau - Mit Handwagen, CDs, Fotoalben und Soundmaschine unterwegs auf den Spuren von Udo Lindenberg

Mit Handwagen, CDs, Fotoalben und Soundmaschine unterwegs auf den Spuren von Udo Lindenberg

Mit einem Bollerwagen voller CDs, alten Fotoalben und einem XXL-Musikrekorder geht der Weg- und Musikgefährte aus Lindenbergs Jugendjahren voran. Zwei Dutzend Fans im Alter zwischen 30 und 60 Jahren haben sich an diesem Sonntag zum Stadtspaziergang nach Noten auf dem Udo-Lindenberg-Platz beim Museum versammelt. „Hinter dem Horizont geht es weiter…zusammen sind wir stark“: Sechs Hände ziehen und schieben das mobile Arbeitsgerät dem ersten Höhepunkt entgegen. Von einem 25 Meter hohen Hügel blicken die Udonauten auf die rockige Pilgerstätte in der umgebauten Turbinenhalle einer ehemaligen Textilfabrik herab.

Bis in die frühen 1970er Jahre war das Städtchen an der niederländischen Grenze Westfalens Zentrum der Baumwollspinnerei. Seine unmittelbare Nähe zum progressiven holländischen Enschede, wo der Beat früher und lauter schlug als in Deutschland, ließ in den sechziger Jahren eine Jugendkultur nach Noten und mit Folgen entstehen. In Bäckereikellern, Werkstätten, Jugendheimen und verräucherten Kneipensälen tobte an Wochenenden die „Honky Tonk Show“, gaben sich lokale und holländische Beatbands die Klinge in die Hand. Meikel, Internetschreiber, Udo-Doubel und Bodyguard mit rotem Fanstern auf schwarzer Mütze, zitiert aus der Lyrik seines Chefs: „Die Mutter guckt alleine Krimi oder Quiz, und die Tochter ist da, wo die Action ist“.

Gronau - Pilgerstätte für Rockfans im westfälischen Gronau: In die alte Turbinenhalle einer Baumwollspinnerei zog das erste Rock´n´Popmuseum Europas ein

Pilgerstätte für Rockfans im westfälischen Gronau: In die alte Turbinenhalle einer Baumwollspinnerei zog das erste Rock´n´Popmuseum Europas ein

Udo Lindenberg war damals 20 Jahre jung, Student an der Musikschule im benachbarten Münster und Trommler bei den „Mustangs“. Als in Gronau die Fabriksirenen aufhörten die Menschen zu wecken und die letzten Akkorde aus selbst gebauten Verstärkeranlagen verstummten, hatte sich der berühmte Sohn der Stadt an der Dinkel längst zum bundesrepublikanischen Panikpräsidenten empor gerockt. Nur für das musikalische Industriestädtchen war der wirtschaftliche Faden gerissen, die Zeit der Nebenverdienste an der Spinnmaschine für diverses Bandequipment vorbei. Hausgemachte Beatmusik spielte fortan wo anders.

Dickel zeigt auf das weitläufige Museumsgelände mit grünen Inseln, kühn geschwungenen Brücken und putzigen Grachten. Bis vor vier Jahren blickte man hier auf ein „panisches“ Panorama, auf die Trümmer einer platt gemachten Fabrikarchitektur und ihrer mehr als 100jährigen Geschichte. Weil aber auch Stadtväter manchmal Rocker sind, oder viel Geschick entwickeln kommunalpolitisch von heimischen Berühmtheiten zu profitieren, haben sie „Gerhard Gösebrecht“ von der LP „Ball Pompös“ genau zugehört: „Wir brauchen in unserem Imperium, dich für´s Musikministerium“.

Also ließ Deutschrocker Udo sein „Mädchen in Ostberlin“ warten, kam „getrampt oder mit ´n Moped oder schwarz mit der Bahn“ nach Gronau und kommentierte fachkundig die Idee für ein Rock´n´Popmuseum: „Echt cool, Leute“. Er machte Geld locker, ließ seine Verbindungen zu den „Waldemar Wunderbars“ und „Votan Wahnwitzen“ der internationalen Rockszene spielen. Für eine Sonderausstellung veranlasste Panik-Udo die 1987 an Erich Honecker verschenkte und längst verschollen geglaubte Gitarre samt seines goldenen Trabis, dem letzten vom Band gelaufenen DDR-Kultauto, in seine Heimat zu karren.

Gronau - Pilgerstätte für Rockfans im westfälischen Gronau: In die alte Turbinenhalle einer Baumwollspinnerei zog das erste Rock´n´Popmuseum Europas ein

Eine Dauerausstellung im Rock´n´Popmuseum nimmt Musikscouts mit auf eine Magical History Tour durch die Musiksalons der goldenen Zwanziger, in die Ära des Rock´n´Roll zu Ted Herold und Jerry Lee Lewis und in die Schlagerzeit als Conny Francis sang und man Radio Luxemburg hörte. Zwischen „Robotersounds und Computerklängen“ bis zum Techno der Neunziger begegnen den Besuchern Utensilien wie das Bühnenkostüm von Jimi Hendrix, Bill Wymans Gitarre oder Anekdoten, Skandale und Biografien von Rebellen und Exzentriker, die zeitgenössische Musikgeschichte(n) geschrieben haben. Soundschubladen liefern den passenden Klang und garantieren „authentisches feeling“.

Zu Udos Elternhaus sind es nur wenige Meter, erklärt Hanspeter Dickel vor einer Volkschule und erinnert die Pilgerschar: Prügelnde Lehrer versuchten in den fünfziger Jahren Bad Boys mit Rohrstock und Lineal zur Räson zu bringen. Solch „panische“ Momente seien am „lieben Udo“ jedoch vorbei gegangen. Der frühreife Knabe habe schon mit zehn Jahren die richtige Wellenlänge für Melodie und Rhythmus gefunden. Ersten Trommelversuchen auf Benzinfässern folgte mit 12 Jahren das erste Schlagzeug. Auch in Hanspeter Dickels Beatformation „The Lightnings“ saß Trommler Udo Jahre ein paar Mal an der „Schießbude“. Ein irrer Schlagzeuger, auch wenn er voll von getankter Lebensfreude zu vorgerückter Stunde manchmal den Takt nicht mehr hielt, erinnert sich der Bassist.

Vor einer grauen Hausfassade zeigt der Stadtführer auf eine Wandtafel: „Am 15.5.1946 wurde die Rocklegende Udo Lindenberg in diesem Haus, Gartenstraße 3 in Gronau, geboren“ liest er vor. Darunter haben sich Freunde verewigt, die der quicklebendigen Legende zu dessen 60. Geburtstag die quadratische Ehrung zuteil werden ließen. Hinten im Hühnerhof vor einer bekritzelten Betonwand habe er mit Schlagstöcken seine ersten Takte geschlagen. „Als ich noch ein kleiner Knilch war, stand ich immer an der Milchbar“ setzte der Rockpoet später einer Szenekneipe im Gronauer Zentrum ein musikalisches Denkmal. Fabrikarbeiter und Gymnasiasten trafen sich in dem schummrigen Treff zur klassenlosen Vereinigung Beat und Jazz begeisterter junger Leute.

Gronau - Eine Wandtafel am Elterhaus von Lindenberg erinnert an den Rockstar, der im westfälischen Gronau schon zu Lebzeiten eine Legende ist

Eine Wandtafel am Elterhaus von Lindenberg erinnert an den Rockstar, der im westfälischen Gronau schon zu Lebzeiten eine Legende ist

Lindenberg sah man dort immer seltener. „Hier wirst Du auf die Dauer nur Schipper oder Bauer“, beklagte er in einem Song die Karrierechancen „hoch im Norden“. Stets „leckeren Boogie Woogie Mädchen“ auf der Spur sah man ihn an der Ausfahrtsstraße nach Münster mit dem „Daumen im Wind“. Nicht, dass Udo die Wahnsinnsfrauen vom Lande nicht zu schätzen wusste, räumt Dickel ein. Aber um die anzufassen, hätte er ihnen erst ein Haus bauen müssen.

Und damit hatte der Mann mit Hut nun wahrlich nichts am Hut. Der zog ausgedehnte Lehr- und Wanderjahre zu den Jazzern in Norddeutschland, in die Ami-Clubs von Tripolis und Frankreich und zu Klaus Doldingers „Passport“ in München vor – und hatte sich damals schon als Veranstalter skurriler Partys einen Namen gemacht. Zum Entsetzen ehrenwerter Gronauer Vereinsbrüder lud er Kumpels zu einem alternativen Schützenfest auf den Friedhof ein und ließ mit Luftgewehren auf noch skurrilere Ziele ballern.

Geschadet hat es seinem Ansehen nicht. Auch nicht, dass er bei diversen Ehrungen oder Auftritten vor honorigen Herren schon mal vorschlug: „So, jetzt gehen wir alle noch nackt baden.“ Im Gegenteil, stellt Dickel bei einem Zwischenstopp in den Überbleibseln der ausgebrannten „Concordia“, einer mit viel Nostalgie behafteten einstigen westfälischen Kult-Halle der Beatmusik fest. Aus dem verlorenen Sohn ist ein gern gesehener Gast geworden. Hat er doch dem verstummten Aschenputtel in der Provinz (s)einen Überlebenssound gegeben. Manchmal sieht man „den Herrn Lindenberg“ im Rock´n´Popmuseum oder in irgendeiner Kneipe in Lindenberg-City: „Alles easy. Mal n´ bisschen kucken, n´ bisschen schnüffeln“.

Bliebe noch das Geheimnis unter seinem schwarzen Schlapphut zu lüften. Irgendwo und irgendwann auf der ultimativ letzten Tournee des Rockstars werde es eine mehr oder weniger haarige Offenbarung geben, war aus „gut unterrichteten Kreisen“ zu hören. Wenn Udo dann seinen Hut (ab)nimmt, gilt für alle Fans: Locker bleiben, und keine Panik.

 

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