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3000-mal Denkmalschutz

Ein Besuch in Görlitz

Text und Fotos: Axel Scheibe

Warum nicht einmal mit Bier beginnen. Oder besser gesagt, mit einer Brauerei, die ebenso unter Denkmalschutz steht, wie ein Großteil der Altstadt an der Neiße. Es gibt Leute, die sind der Meinung, Görlitz sei die schönste Stadt Deutschlands. Darüber lässt sich sicherlich trefflich streiten. So mancher wird einen anderen, seinen eigenen Favorit in dieser Liste haben. Zu den reizvollsten Zielen im Osten Deutschlands gehört Görlitz aber allemal. Und nur wenige Sorten des leckeren Gerstensaftes werden in so ehrwürdigen Mauern gebraut, wie das Landskron, das sich mit Geschmack und Sortenvielfalt seit Jahren eine immer größer werdende Fangemeinde „erarbeitet“ hat. Doch auch Besucher, die einen guten Wein bevorzugen werden auf den Besichtigungstouren durch die denkmalgeschützte Brauerei manch Wissenswertes erfahren und Interessantes entdecken. Wo findet man sonst noch eine Brauerei mit offener Gärung? Mit ihrer 140jährigen Geschichte gehört die Landskronbrauerei sicher nicht zu den ältesten im Land, doch immerhin wurde hier bereits 1872 das erste große Restaurationsgebäude mit einladenden Colonaden für Görlitz errichtet. Also schon damals gehört ein Ausflug zur Brauerei am Rande der Stadt zum Standardprogramm der Görlitzer und ihrer Gäste. Bis zu 800 Besucher fasste der große Saal und 3.000 Gäste konnten draußen bestens versorgt werden.

Görlitz - In der traditionsreichen Landskronbrauerei, in der bis heute die offene Gärung für den Biergenuss sorgt
In der traditionsreichen Landskronbrauerei, in der bis heute
die offene Gärung für den Biergenuss sorgt

Auch heute wird bei Landskron nicht nur Bier gebraut. Axel Hahn, Vorsitzender der Geschäftsführung, legt darauf großen Wert. „Wir firmieren nicht nur auf dem Papier auch als KULTurBRAUEREI. Die Zahl der Veranstaltungen ist groß. Über 30.000 Besucher sind im vorigen Jahr gekommen.“ Namen wie Roland Kaiser, Captain Hook und Matthias Reim sind ebenso Publikumsmagneten wie Kabarett und Abiturbälle. „Das absolute Highlight wird aber zweifellos wieder unser großes BRAUfest im Sommer, wenn es auf dem Brauereihof zugeht wie in einem Ameisenhaufen.

Geteilte Stadt auf dem Weg zur Einheit

Görlitz - Blick über die Neiße auf die polnische Seite
Blick über die Neiße auf die polnische Seite

Gut eingestimmt durch alte und neue Traditionen, ist der Weg in die Görlitzer Altstadt nicht weit. Dort warten dann die anderen über 3.000 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, die der Neißestadt ihr unverwechselbares Flair verleihen. Die geteilte Stadt, auf polnischer Seite gehört Zgorzelec irgendwie dazu, beginnt zu einer neuen Einheit zusammenzuwachsen. Wohl kaum ein Besucher lässt sich eine kurze Stippvisite auf die andere Neißeseite entgehen. Und sei es nur des besseren Blicks auf die Görlitzer Altstadt mit den mächtigen Türmen der Peterskirche oder einer billigen Stange Zigaretten wegen.

Görlitz - Peterskirche
Die Peterskirche

Trotz deutlicher Anstrengungen auf polnischer Seite befindet sich bis heute, das war früher nicht anders, der schönste und interessanteste Teil der Stadt westlich des Flusses. Dort gibt es sehr viel zu sehen und zu entdecken. Ein Bummel über den Unter- und den Obermarkt gehört ebenso dazu, wie durch die kleinen Straßen und Gassen, in denen sich manch Kleinod versteckt und nur darauf wartet, auf Zelluloid, oder besser gesagt auf den Speicherchip gebannt zu werden. Bei über 3.000 denkmalgeschützten Objekten fällt es nicht leicht, einzelne herauszupicken. Doch es gibt schon Einiges, was man in Görlitz auf keinen Fall vergessen sollte. Dazu gehören die Kirche St. Peter und Paul mit ihrer weltberühmten Sonnenorgel, das Rathaus, die Altstadtbrücke, die Barockfassade des Hauses Neißestraße 30 sowie das so genannte Biblische Haus, dessen Fassade mit Szenen aus dem Alten- und Neuen Testament verziert wurde. Ein besonderes Schmuckstück ist die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften.

Görlitz - Im historischen Bibliotheksaal der Oberlausitzer Bibliothek der Wissenschaften
Im historischen Bibliotheksaal der Oberlausitzer
Bibliothek der Wissenschaften

Doch auch spätere Jahrhunderte haben ihre baulichen und durchaus sehenswerten Spuren hinterlassen. So ist das Jugendstil-Warenhaus nicht nur für Schnäppchenjäger einen Besuch wert. Das Gründerzeitviertel südlich der Altstadt entstand im Zuge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts und präsentiert sich bis heute als geschlossenes, noch vollständig erhaltenes Areal mit Einkaufs- und Flaniermeilen.

Görlitz - Jugenstil-Kaufhaus
Im Jugendstil-Kaufhaus

Die vielgestaltige und wohl oft unterschätzte Kulturgeschichte der Region kommt im Schlesischen Museum zu ihrem Recht. Vom Mittelalter bis hin zur Neuzeit bietet es ein Panorama schlesischer Geschichte, das einst zum piastischen Polen, dann zum habsburgischen Böhmen, später zum Preußen der Hohenzollern und letztlich zum Deutschen Reich gehörte. Der Focus der Ausstellung richtet sich auch auf die Ansiedlung polnischer Bewohner in Schlesien und das Schicksal der Vertriebenen in Ost- und Westdeutschland. Heute ist Schlesien ein Teil Polens, nur Randgebiete liegen in Deutschland und Tschechien. Nicht nur die Schlesier selbst hoffen, dass ihr Land wieder seinen Platz im Herzen eines gemeinsamen Europas finden wird. Wer über die Altstadtbrücke in den polnischen Teil bummelt, ohne jede Grenzkontrolle, erlebt, wie man diesem Ziel Stück für Stück näher kommt. Einmal auf polnischer Seite lädt, nur einige Schritte von der Brücke entfernt, das Jacob-Böhme-Haus zu einem Besuch ein. An diesem Ort verbrachte der Schuhmacher und Theosoph, der Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts in Görlitz wirkte, viele Jahre seines Lebens. Einem anderen bekannten Sohn der Stadt hat man zwar noch kein Museum gewidmet, doch Michael Ballack nutz man natürlich gern als bekannten Werbeträger, was nicht schwer fällt. Er ist ein ausgewiesener Fan seiner Geburtstadt, auch wenn er heute sein Brötchen (und vieles mehr) anderswo verdient.

Nach so viel Historie und Altstadteindrücken sei ein Besuch im Naturschutz-Tierpark empfohlen. Er zählt zu den schönsten kleinen Tiergärten Deutschlands und bietet Pflastermüden einen guten Ausgleich.

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