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"Eigentlich braucht's bloß a Schnalzerl"

Zum Kutschlehrgang nach Garmisch-Partenkirchen

Text und Fotos: Adrienne Friedlaender

Wie auf ein geheimes Zeichen werfen sich Leo und Lantano plötzlich in die Riemen und beschleunigen das Tempo. Immer wieder tritt die Kutscherin fest auf die Bremse, was aber nur zur Folge hat, dass die beiden hellbraunen Kaltblüter noch schneller werden. Dazu scheint es, als haben Leo und Lantano ihre glänzenden Ohren auf Durchzug gestellt, denn auch alle beruhigenden „Brrr´s “ und „Ho-Ho´s“ verfehlen vollkommen ihre Wirkung.

Garmisch-Partenkirchen - Kutschlehrgang

In Westernfilmen springt in solcher Situation der Kutscher mit einem waghalsigen Sprung vom Bock auf den Rücken des rennenden Pferdes, um das Gespann zu bremsen. Fahrlehrer Franz Erhard weiß sich zum Glück anders zu helfen. Er greift in die Leinen und übernimmt die Führung. Sofort fällt das Gespann in einen ruhigen Schritt zurück. „Häufigster Anfängerfehler ist das Treten der Bremse, ohne die Leinen zu verkürzen“, erklärt er seiner Fahrschülerin und gibt ihr die Leinen zurück.

Wie Wanderer, Ski- und Schlittenfahrer, gehören auch die Pferdekutschen nach Garmisch-Partenkirchen. Schon seit Beginn des Tourismus in den dreißiger Jahren traben die Gespanne mit Gästen durch den Traditionsort. Auf dem Fiakerhof der Familie Erhard werden in dritter Generation die Pferde angespannt. Früher in der Land- und Forstwirtschaft, später dann dienten die Pferde-Droschken als Taxis im Ort und beförderten die Kurgäste vom Bahnhof in die Unterkünfte.

Heute noch ist Franz Erhard Vorsitzender der „Lohnkutscher- und Taxivereinigung, Abteilung Pferdedroschke“. Und wie seine Kollegen bietet er Rundfahrten durch die Alt Partenkirchener Gassen an, über blühende Wiese oder zur geschichtsträchtigen Skisprungschanze. Einzigartig auf dem Fiakerhof allerdings ist das Angebot für Pferdefans, einmal selber die Zügel in die Hand zu nehmen. In einem dreistündigen Schnupperkurs weist Franz Erhard seine Schüler in die Kunst des Wagenfahrens ein.

Garmisch-pArtenkirchen - kutschlehrgang

So hat sich auch an diesem Morgen eine bunt gemischte Gruppe Fahrschüler in der Geschirrkammer des Fiakerhofes versammelt. Denn wie beim Auto-Führerschein steht auch beim Kutschieren vor dem ersten Start erst einmal die Theorieeinheit auf dem Programm .

Zaumzeuge, Leinen, Sattelgurte und Lederzeug aller Art pflastern die Holzbalken der Kammer. Erste Trockenübungen finden am Kutschsimulator statt. Nebeneinander sitzen die Teilnehmer vor der Wand und halten Leinen in der Hand. Die laufen über zwei Rollen und simulieren das Gewicht der Fahrleinen am Pferd.

Garmisch-Partenkirchen - Kutschlehrgang

In Strickjacke, Cordhose und Wanderstiefeln gekleidet steht Franz Erhard vor den Teilnehmern und erklärt die Leinenhaltung. „Die linke Leine zwischen Daumen und Zeigefinger, die rechte zwischen Ring und Mittelfinger, die unteren drei Finger der linken Hand halten beide Leinen fest und die Peitsche in der rechten Hand zeigt immer leicht schräg nach oben“.

Von wegen einfach mal die Zügel in die Hand nehmen! Wer hätte gedacht, dass schon das Halten der Leinen eine Kunst für sich ist. Drei Leinenhaltungen nutzen die Kutscher beim Fahren: Die Grundhaltung, die Gebrauchshaltung und die Dressurhaltung: Wenig später heißt es, in Sekundenschnelle zwischen den Haltungen zu wechseln. Immer wieder verheddern sich die Leinen, rutschen durch die Finger und die Peitsche fällt aus der Hand.

Garmisch-Partenkirchen - Kutschlehrgang

Zweite Lektion ist das Anschirren. Franz erklärt den Unterschied zwischen Brustblatt- und Kumtgeschirr, die Funktion von Kammdeckel, Schweifriemen und Kopfstück. Dem Laien schwirrt der Kopf von all dem Kutscher-Chinesisch. Dann sind die Teilnehmer dran: „Kammdeckel auf den Unterarm, Brustblatt in die Hand und einfach das Geschirr über den Kopf des Pferdes ziehen.“ Leo und Lantano lassen geduldig die ungeschickten Bemühungen der Schüler über sich ergehen. Und irgendwann sitzt das Geschirr tatsächlich.

Endlich heißt es: Rauf auf den Bock. Jeweils einer der Schüler sitzt vorn bei Lehrer Franz, Die übrigen nehmen hinten im Wagen Platz. „Verbindung zum Pferdemaul aufnehmen, rechter Fuß von der Bremse und dann braucht´s nur noch a Schnalzerl“, ermutigt Franz seine Schülerin. Und wirklich setzen sich beiden Pferde auf ein kurzes „Hüah“ sofort gehorsam in Bewegung.

Garmisch-Partenkirchen - Kutschlehrgang

Und während die ersten Touristen in den Braustuben am Häuten der Weißwürste verzweifeln, kämpfen die Fahrschüler neben Franz mit Leinen und Peitsche. Am Hausberg starten zwei Gleitschirmflieger, schweben vor dem Bergpanorama am strahlenden blauen Himmel und betrachten die Bemühungen der Fahrschüler von oben.

Zufrieden schnaubend ziehen die Pferde die Kutsche. Vor dem Panorama von Zug- und Alpspitz führt die Fahrt vorbei an bayerischen Wiesen mit ihren Holzstadeln und am Flüsschens Partnach entlang Richtung Olympiastadion. Während der Fahrt erzählt Franz von der Skiweltmeisterschaft, den Traditionen seiner Heimat und natürlich von Pferden und Fahrerlebnissen: „Einmal erschien eine Teilnehmerin im Minirock und Flip-Flops zum Unterricht“, erinnert sich Franz . „Da musste ich schon ein wenig schmunzeln“.

Obwohl es natürlich keine Kleidervorschrift gibt, ist zünftige Kleidung gern gesehen und das Tragen fester Schuhe ratsam. Sollte einer der Kaltblüter versehentlich auf dem Fuß treten, ist dies in Flip-Flops oder Turnschuhen ein unvergessliches Erlebnis! Besondere Voraussetzungen für die Teilnahme am Kutschlehrgang gibt es aber nicht. „Hilfreich für den Umgang mit den Pferden“, sagt Franz, „ist grundsätzlich ein schnelles Reaktionsvermögen und die Fähigkeit, den Tieren immer einen Blick voraus zu sein. Alles Weitere lernt man auf der Kutsche.

Garmisch-Partenkirchen - Kutschlehrgang

Im Zwanzig-Minuten-Takt wechseln die Schüler an den Leinen. Nach drei Stunden lenkt der letzte Schüler das Gespann schon recht souverän zurück auf den Fiakerhof. Leo und Lantino bekommen eine Portion Heu. Für die Gäste endet der Vormittag in der gemütlichen Bauernstube mit Weißwürstchen und Hefeweizen.

Wer nach dem Schnupperkurs seine Leidenschaft für das Kutschieren entdeckt hat, kann weitere Fahrstunden mit Franz durch die bayerische Landschaft buchen. Oder aber seine Kenntnisse in einem mehrwöchigen Fahrlehrgang perfektionieren. Wer danach die offizielle Prüfung besteht, bekommt dafür das Fahrabezeichen Klasse IV.

 

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