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Frankfurt
Städel

Ein Blick in die Sammlung des Städel:
Kunst zwischen 1800 und 1945


Ausstellungen

Ein Blick in die Sammlung des Städel:
Kunst zwischen 1800 und 1945

Die Neupräsentation bietet einen konzentrierten Überblick über die Entwicklung der europäischen Malerei und Skulptur im 19. und 20. Jahrhundert. Schwerpunkt ist die deutsche und französische Malerei. Mit Gemälden wie Claude Monets „Das Mittagessen“ (1868), Pablo Picassos „Fernande Olivier“ (1909) oder Ernst Ludwig Kirchners „Stehendem Akt mit Hut“ (1910) verfügt das Museum über Schlüsselwerke der neueren Kunstgeschichte. Die Ausstellung wird die inhaltlichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den europäischen Kunstströmungen und den Künstlern verstärkt nachvollziehbar machen sowie erstmals Fotografien und in einem höheren Maß als bisher Werke von Künstlerinnen einbeziehen. Je ein Saal ist dem Werk von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner gewidmet.

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Franz Marc (1880-1916) Liegender Hund im Schnee, um 1911 Öl auf Leinwand, 62,5 x 105 cm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum - ARTOTHEK Eigentum des Städelschen Museums-Vereins

Machen wir uns zunächst auf die Suche nach neuen Formen, wie einer der thematisch strukturierten Ausstellungssäle verheißt: Riesig ist die Nase, pausbäckig das Gesicht, aus dem den Betrachter „Basedowsche Augen“ anstarren – derart geformt ist eine Bronze von Pablo Picasso, die im Städel im „Dialog“ mit einer „defragmentierten Skulptur“ des 1943 im KZ Majdanek ermordeten Otto Freundlich steht. „Ascension“, also „Ausstieg“, benannte der Künstler sein Werk. Von Freundlich ist nachstehende Aussage überliefert: „Ich kämpfe für die Befreiung des Menschen und der Dinge von den Gewohnheiten des Besitzes und gegen alles Begrenzende.“ Nur mit Mühe kann man der tektonischen Skulptur von Freundlich figurative Züge entnehmen, während bei Picasso das Figurative nicht zu übersehen ist. Übrigens, Freundlichs Bronze findet sich als Guss auch in Münster im öffentlichen Raum und ist Teil des in Münster alle zehn Jahre stattfindenden Kunstevents Skulptur Projekte.

Passend zu den Porträts in Bronze ist der von Jawlenskys Hand stammende „Abstrakter Kopf in Rosa“ gehängt worden, der sich in seiner Ausformung auf wenige „Striche“ beschränkt und eher dem Gesicht eines „Maschinenmenschen“ gleicht. „Konstruktion“ ist der Titel einer Arbeit des Bauhausmeisters Moholy-Nagy. In dem gezeigten Werk überlagern diagonale „Balken“ ein Rechteck und ein Quadrat. Eine gänzlich andere Bildauffassung finden wir in Franz Marcs „Liegender Hund im Schnee“. Wie es scheint, ist es ein ungarischer Hirtenhund, den wir sehen, auch wenn das changierende Gelb ganz im Sinne der „Brücke-Maler“ als gefühlte Farbe“ anzusehen ist. Besonders ins Auge springend ist der grelle Kontrast zwischen dem gelbtonigen Fell des Hundes zu dem bläulich-weißen Schein des Schnees.

Vielleicht hat unser europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich ja von einem neuen Europa. Franz Marc

Dass die Kunst im 20. Jahrhundert durchaus als eine politische Waffe, mithin als Instrument der Propaganda benutzt und auch missbraucht wurde, lehrt uns die Geschichte. Unter dem NS-Regime wurde die Kunst der Avantgarde geächtet – ein Thema, das im Städel dankenswerterweise seinen Platz hat. Hunderte von Werken deutscher Künstler wurden als entartet angesehen und aus deutschen Museen verbannt.

Die Arbeiten der weniger bekannten Künstler Hanns Ludwig Katz und Anton Räderscheidt sowie Reinhold Ewald stehen dabei stellvertretend für andere, die während der Zeit zwischen 1937 und 1945 als „undeutsch“ angesehen wurden. Für viele Künstler, die man als entartet diffamierte und deren Kunst man mit Außenseiterkunst Geisteskranken gleichsetzte, blieb entweder wie im Falle von Otto Dix und Emil Nolde die innere Emigration oder bei anderen wie Katz und Raderscheidt der Weg ins Exil. Ewald zeigt uns seine Landschaft mit bewegtem Wolkenhimmel. Sie ist in ihrer Farbigkeit und Duktus m. E. an die Landschaftskompositionen Cézannes angelehnt. Räderscheidt ist mit seinem Gemälde „Adam und Eva“ präsent. Die Arbeit von 1936, im Pariser Exil entstanden, steht ganz in der „Schule der Neuen Sachlichkeit“. Zu sehen ist ein verzweifeltes Paar in einer Einöde. Beinahe plastisch kann man den dicken Auftrag der verschiedenen Farbschichten bezeichnen, die die Komposition prägt. Auch im Stil der Neuen Sachlichkeit´malte Katz eine „Junge Frau im Korbstuhl“. Katz, mosaischen Glaubens, entkam zwar den brauen Herrn, indem er nach Südafrika floh. Dort verstarb er jedoch 1940 verarmt und von der Kunstwelt nahezu vergessen.

Künstler verstanden es aber auch sich im sogenannten Dritten Reich mehr oder minder unbeschadet einzurichten, so auch Georg Kolbe, vom dem eine 1938 gefertigte Franco-Büste zur Sammlung des Städel gehört. Von Kolbe ist zudem der „Frauenraub“ (1916-19) zu sehen, eine Arbeit, die auf der Großen Deutschen Kunstausstellung zu sehen war. Aber neben dieser „Anerkennung“ durch die braunen Machthaber wurden andere Arbeiten Kolbe als „entartet“ aus der Öffentlichkeit verbannt. So kann man an der Person Kolbe auch verstehen, in welcher Art und Weise nationalsozialistische Ideologie funktioniert, nämlich dogmatisch, aber bisweilen auch pragmatisch.

Nein, die Malerei ist nicht dazu da, die Appartements zu schmücken. Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind. Pablo Picasso

Ein Hohelied auf gefühlte Farbe

Beim weiteren Rundgang durch die Ausstellungsräume, in denen immer wieder auch Bildhauerei zu sehen ist, treffen die Besucher unter anderem auf eines der Hölzer, die Ernst Ludwig Kirchner schuf: „Traurige Frau“ ist ein stehender Akt eines Mädchens und 1921 entstanden. Etwas gekünstelt-unnatürlich erscheint die Körperhaltung der Figur, die im „Dialog“ zu Nolde Werk „Christus in der Unterwelt“ auf ihren Sockel gesetzt wurde. Auch der norwegische Maler Munch, der ja eher durch seine „Seelenbilder“ bekannt ist, ist im Städel vertreten. Dass er durchaus kein eigenbrötlerischer Künstler war, der seine Mitmenschen mied und sich um gesellschaftliche Phänomene nicht scherte, unterstreicht sein Gemälde „Alter Fischer mit Tochter“, in dem er wie die belgischen sozialen Realisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts das Leben des einfachen Volkes porträtierte. Paarbeziehungen ist außerdem auch das Thema bei Kirchner, der 1913 „Zwei Schwestern“ malte: Die beide herausgeputzten Damen – die eine in einem rosa Kleid, die andere in einem tannengrünen Outfit – lassen an die Kokotten vom Potsdamer Platz denken, die Kirchner gleichfalls gemalt hat. Wie kein anderer Brücke-Maler beherrschte Schmidt-Rottluff das Spiel mit Komplementärfarben, so auch in seiner Arbeit von 1910 „Roter Turm im Park“. In der Verneigung von der Kunst Afrikas schuf Schmidt-Rottluff aus farbig gefasstem Holz das Werk „Adorant“. Nacktheit war für die Brücke-Maler kein Tabu. Das wird anhand des „Aktes im Atelier“ von Kirchner mehr als deutlich: Breitbeinig sitzt Kirchners Modell da, lässt den Blick auf ihr Geschlecht zu, ähnlich direkt wie in Courbets „Der Ursprung der Welt“. Dass Kirchner „aus der Farbe gestaltete“, erkennt man unschwer beim Blick auf „Fehmarn-Häuser“ und „Handorgler in Mondnacht“

Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel. Kolossal deutsch, wie van Eyck, nur modern. E. L. Kirchner 1925

Dass im Städel doch recht zahlreiche Werke Kirchners zu sehen sind, ist als Glücksfall zu bezeichnen, wurden doch nach 1937 mehr als 600 seiner Arbeiten beschlagnahmt und aus Museen entfernt.

Ganz in der Tradition des Expressionismus stand auch Kees van Dongen, der mit einem prächtigen Dahlienstrauß die Blicke der durch die Sammlung schlendernden Besucher auf sich zieht.

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Gustave Courbet (1819-1877) Die Woge, 1869 Öl auf Leinwand, 63 x 91,5 cm Städel Museum, Frankfurt am Main Foto: Städel Museum - ARTOTHEK Eigentum des Städelschen Museums-Vereins

„Kriegserklärung an die Schönheit“

„Sie sind Impressionisten, weil sie nicht etwa eine Landschaft wiedergeben, sondern die Sinnempfindung, die diese Landschaft erzeugt“, so Jules-Antoine Castagnary, frz. Kunstkritiker 1874. Besser hätte man den Begriff Impressionismus nicht umschreiben können. Als diese Kunstströmung gegen die gängigen akademischen Muster auftrumpfte, war dies ein Skandal. Arbeiten von Künstlern wie Monet, Manet oder Renoir hatten wenig Chancen, auf den Kunstsalons gezeigt zu werden. Doch die Magie des Lichts, die ihre Werke ausströmten, überzeugte schließlich auch die letzten Kritiker. Es sind vor allem die jahreszeitlichen Landschaften, die bis heute faszinieren, so auch Alfred Sisley mit „Seine-Ufer im Herbst“: Herbstlaub bedeckt den Boden des Wäldchens an der Seine, auf der ein Ruderboot dahingleitet. Ein Baum neigt sich weit über den Fluss so, als wolle er einen Eingangsbogen für den Flusslauf bilden. Spaziergänger stehen am Ufer und schauen zum Kahn auf dem Wasser hinüber. Völlig losgelöst und der Schwerkraft entfliehend erscheint die kleine Tänzerin, eine Bronze von Edgar Degas, der für seine weit über 200 Pastellzeichnungen zum Thema Ballett bekannt ist.

Strichweise erfolgte der Farbauftrag für das Gemälde „Lesendes Mädchen mit Blumenhut“ von Auguste Renoir. Von Renoir stammt auch die bronzene Eva, die das Städel ausstellt.

Walchensee und Amsterdam

Neben den französischen Impressionisten zeigt man in Frankfurt auch die deutschen Impressionisten wie Lovis Corinth („Walchensee im Winter, 1923). Zum Dreigestirn des deutschen Impressionismus gehört zudem Max Liebermann. Besonders das brillante Licht-Schattenspiel fasziniert in seinem Gemälde „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“: Mädchen, die sich im Hof des Waisenhauses mit Handarbeiten die Zeit vertreiben, fing Liebermann für die Nachwelt ein. Von der zeitgenössischen Kritik wurde er nicht allein wegen dieser Arbeit als „Apostel des Hässlichen“ beschimpft.

Kunst im Zwiespalt

Man muss über die politische Lage zu Lebzeiten Honoré Daumiers Bescheid wissen, um eine Bronze wie „Ratapoil“ auch einordnen zu können. Daumier zeigt uns hier einen zwielichtigen Gehilfen der napoleonischen Propaganda. Doch nicht Napoleon Bonapartes Politik steht im Fokus, sondern die des Prinz-Präsidenten der Zweiten Republik Louis-Napoleon Bonaparte, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Zepter in der Hand hielt. Fast satanisch ist der Gesichtsausdruck des Modellierten, der eine zerknitterte Hose und Gehrock trägt. Besonders auffallend ist der Schnurrbart, ein weiteres Attribut, das die Figur als Karikatur des Prinz-Präsidenten erscheinen lässt.

Die Maler sollten stets nur Erhabenes und Schönes oder doch unbefangene Heiterkeit darstellen wollen und nie Elend. Arnold Böcklin 1866

Getreu dieser Maxime Böcklins entstand dann wohl auch der von Victor Müller erdachte Frauenakt mit dem Titel „Waldnymphe“ (1862): Alles Licht ist auf die nackte, auf einer Waldlichtung Liegende gerichtet, umgeben von tonigem Grün. Doch das Schöne blieb in der Kunst nicht das alleinige Motiv, betrachtet man Wilhelm Leibls „Älterer Bauer und junges Mädchen“. Auch Engelbert Goebel hat sich eher mit dem einfachen Volk und denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen befasst, betrachtet man sein Werk „Arme Leute“.

Besonders beeindruckend ist Courbets „Die Woge“, bei deren Anblick man meint, sie rolle gleich aus dem Rahmen auf den Betrachter zu und verschlucke diesen wie ein Tsunami. Sechzigmal hat Courbet dieses Sujet gemalt, Ausdruck der entfesselten Natur. Von Courbet stammt zudem eine Dorfansicht im Winter. Ausgestorben und unter der Schneelast ächzend, so liegt das Dorf da. Niemand scheint zuhause zu sein, denn weder ist hinter den Fenster ein Lichtschein zu sehen, noch raucht es aus den Schornsteinen.

Eine zweite Wirklichkeit

Auch der Malerei des Symbolismus geht man im Städel auf den Grund. Einer der Vertreter des Symbolismus ist der Belgier Fernand Khnopff, der über seine Bilderwelten sagte: „Ich schaffe mir meine eigene Welt und gehe in ihr spazieren.“ Zu sehen ist von diesem Künstler das Gemälde „Der Jagdaufseher“: Einsam und gleichsam versteinert steht der Jagdaufseher im lichten Grün der Landschaft von Fosset, einem Lieblingsmotivs Khnopffs. Die Figur des Jagdaufseheres erscheint dabei wie ausgeschnitten und in die Landschaft geklebt.

Doch auch der Steinguss eines Frauenkopfs des Duisburger Bildhauers Wilhelm Lehmbruck ist zu sehen. Von diesem Künstler stammt zudem „Sitzender Jüngling“, die Figur eines Verzweifelten. Das Thema Geschlechterkampf verarbeitete Liebermann in seinem Werk „Simson und Delila“.

Zum Schluss: Max Beckmann

Abschließend sei noch auf einige Beckmann-Gemälde hingewiesen: Neben „Tänzerin im Spagat“ (1935) ist auch ein „Selbstbildnis mit Sektglas“ Bestandteil der Städel-Sammlung. Auch in seinem Gemälde „Frankfurter Nachtclub“ begegnen wir dem blassen Künstler, der uns mit leeren Augen anschaut. Beckmann ist neben der Ansicht der Synagoge – entstanden 1919 – auch die des Frankfurter Hauptbahnhofs zu verdanken. © fdp

Ausstellungen

Antoine Watteau. Zeichnungen
bis 15. Januar 2017

Der französische Maler Antoine Watteau (1684–1721) zählt zu den großen Meistern der Zeichnung. Seine sensiblen Studien in roter, schwarzer und weißer Kreide halten weibliche und männliche Modelle, Detailbeobachtungen und spontane Einfälle fest und entwickeln die Welt jener heiteren Gemeinschaften des aufmerksamen Miteinander, denen man den Namen "Fêtes galantes" (Galante Feste) geben sollte. Für den Herbst 2016 plant das Städel Museum in Zusammenarbeit mit dem Teylers Museum in Haarlem eine Ausstellung über die Zeichenkunst von Antoine Watteau. Beide Institutionen verfügen über bedeutende Bestände an Werken des Künstlers, der als einer der hervorragendsten Zeichner der französischen Kunstgeschichte gelten kann. Sein innovativer Stil, der sich durch eine Verbindung von genauester Beobachtung mit Spontaneität, Leichtigkeit und Intimität auszeichnet, steht in einem deutlichen Kontrast zur formellen Tradition der akademisch ausgerichteten Künstler seiner Zeit. Die neue, virtuose Kunst reflektiert in ihrer psychologischen Einfühlsamkeit den Geist der beginnenden Aufklärung. Watteau ist in Deutschland verhältnismäßig wenig bekannt, obwohl er im 18. Jahrhundert einer der Lieblingskünstler Friedrichs des Großen war. Zuletzt gab es 1984 eine Watteau gewidmete Ausstellung. Das Städel Museum besitzt in seiner Gemäldesammlung die früheste Fassung der Komposition Einschiffung nach Kythera, die, auch durch die beiden weiteren Fassungen im Louvre und in Schloss Charlottenburg, wohl die berühmteste Schöpfung des Künstlers ist. Um die Einschiffung nach Kythera des Städel Museums, die durch eine kleine Auswahl weiterer Gemälde ergänzt wird, gruppiert die Ausstellung ungefähr 50 ausgewählte Zeichnungen aus den Beständen der beteiligten Institutionen sowie aus bedeutenden deutschen, niederländischen und französischen Sammlungen. Um die Nachwirkung des Künstlers zu zeigen, präsentiert die Schau zusätzlich etwa 20 Zeichnungen von Nachfolgern wie François Boucher, Nicolas Lancret oder Jean-Honoré Fragonard. Die Ausstellung wird im Anschluss vom 2. Februar bis 14. Mai 2017 im Teylers Museum, Haarlem, gezeigt.

Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo
24. November 2016 bis 19. März 2017

Die Ausstellung "Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo" behandelt die künstlerische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Die traditionelle Definition von männlich und weiblich als aktiv/passiv, rational/emotional, Kultur/Natur war in der Kunst der Moderne ein intensiv behandeltes Thema: Viele Künstler führten ihrem Publikum überzogene Charaktereigenschaften vor Augen und untermauerten in ihren Werken stereotype Rollenbilder. Andere griffen gängige Rollenklischees an und versuchten, diese durch Strategien wie Ironie, Überzeichnung, Maskerade und Hybridisierung aufzubrechen. Anhand einer Auswahl von etwa 140 Werken der Malerei, Skulptur, Grafik, Fotografie sowie Filmen macht es sich das groß angelegte Ausstellungsprojekt zur Aufgabe, besonders prägnante künstlerische Positionen zu bestimmen und in einen Dialog zu stellen. Die Ausstellung baut auf dem Sammlungsbestand des Städel Museums auf, der mit Gemälden von Max Liebermann, Edvard Munch und Franz von Stuck, Skulpturen von Auguste Rodin sowie Fotografien von Frank Eugene oder Man Ray wichtige Arbeiten zu der Thematik umfasst. Anhand von wichtigen Leihgaben werden bekannten Namen der Kunstgeschichte, wie Paul Cézanne, Édouard Manet, Gustav Klimt, Otto Dix oder Frida Kahlo, gezielt Entdeckungen zur Seite gestellt, die den Kanon um aussagekräftige Positionen erweitern, darunter Künstlerinnen und Künstler wie Leonor Fini, Charles Maurin oder Gustav Adolf Mossa. Vor dem Hintergrund der intensiven Diskussion um Genderfragen und die sich stetig wandelnde Rolle von Frau und Mann bietet das Projekt einen Einblick in die Komplexität der Problematik und beleuchtet die kunsthistorische Dimension eines hochrelevanten gesellschaftspolitischen Themas.

In die dritte Dimension.
Raumkonzepte auf Papier vom Bauhaus bis zur zeitgenössischen Konzeptkunst
15. Februar bis 14. Mai 2017

Uns scheinbar vertraute Merkmale wie Form, Volumen, Grenzen, Leere und Strukturen bilden den Raum und stiften somit Orientierung. Doch wie werden diese Elemente einer dritten Dimension in Zeichnung und Druckgrafik, also in der Fläche, dargestellt? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung "In die dritte Dimension. Raumkonzepte auf Papier vom Bauhaus bis zur zeitgenössischen Konzeptkunst" in der Graphischen Sammlung des Städel Museums. Zu sehen sind ausgewählte Arbeiten von 13 Künstlern, darunter Lucio Fontana, Eduardo Chillida, Donald Judd, Sol LeWitt, Giò Pomodoro, Blinky Palermo, James Turrell und Michael Riedel. Die Schau setzt bei den geometrischen Kompositionen von El Lissitzky und Laszlo Moholy-Nagy aus dem Jahr 1923 an und führt bis zu Druckgrafiken der gegenwärtigen Konzeptkunst. So treffen Lithografien mit konstruktivistischen Perspektivdarstellungen auf in den Raum drängende Prägedrucke. Schlitzungen, die imaginative Räume eröffnen, werden Entwürfen für Wandarbeiten gegenübergestellt. Das Objekthafte evozierende Druckgrafiken von Künstlern der Minimal Art, der Raum- und Lichtkunst begegnen Kreidezeichnungen, Faltungen und Collagen von Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Um vielfältige Raumerfahrungen zu ermöglichen, werden die gezeigten Druckgrafiken und Zeichnungen zudem mit Skulpturen kombiniert, sodass die verschiedenen Dimensionen in einen angeregten Dialog treten können.

Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse
27. April bis 13. August 2017

Andreas Gursky, Candida Höfer, Axel Hütte, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Thomas Struth – mit diesen Namen und mehr noch mit jenen ihrer Lehrer, Bernd und Hilla Becher, verbindet sich eine der radikalsten Veränderungen der Kunst unserer Gegenwart in Bezug auf ihre ästhetischen, medialen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Diese Generation von Künstlern, zu der auch Namen wie Volker Döhne, Tata Ronkholz oder Petra Wunderlich gehören, bildete die erste von vielen folgenden "Becher-Klassen" an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die Ausstellung "Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse" versammelt über 150 teils großformatige Hauptwerke, aber auch Frühwerke dieser bedeutenden Künstlerinnen und Künstler. Sie haben die Fotografie in den 1990er-Jahren nicht nur international wesentlich geprägt, sondern auch Stellenwert und Wahrnehmung der künstlerischen Fotografie vollkommen neu bestimmt. In ihren formal wie konzeptuell argumentierenden Bildschöpfungen befragen sie den Natur- und Lebensraum des Menschen, dessen unmittelbare Umgebung, private oder globale Dimensionen ebenso wie gesellschaftliche und ästhetische Organisationsprinzipien. Ihr Œuvre kennzeichnet, bei aller Heterogenität, stets ein ambivalentes Verhältnis zur Malerei, das sich zwischen Aneignung und Abgrenzung bewegt. Ihre Werke sind Ausdruck einer selbstbewussten Emanzipation der Fotografie als künstlerisches Medium und reflektieren zugleich jenen – nicht nur digitalen – Moment, in dem sich die Grenzen der beiden ehemals konkurrierenden Medien auflösen.

Bonnard – Matisse. "Es lebe die Malerei!"
13. September 2017 bis 14. Januar 2018

"Es lebe die Malerei!" – mit diesem programmatischen Ausruf grüßte Henri Matisse (1869–1954) seinen Freund Pierre Bonnard (1867–1947) am 13. August 1925. Die kurzen Worte auf einer Postkarte aus Amsterdam waren der Beginn eines Briefwechsels zwischen den beiden Künstlerkollegen, der bis 1946 andauerte und ihre gegenseitige Wertschätzung deutlich macht. Die groß angelegte Sonderausstellung im Städel nimmt die über 40 Jahre andauernde Freundschaft vor dem Hintergrund des jeweiligen Beitrags der beiden Künstler zur Klassischen Moderne in den Blick und zeigt den Stellenwert der Beziehung für ihr Œuvre. Anhand von etwa 100 Gemälden, Plastiken und Zeichnungen eröffnet die Schau einen Dialog zwischen den beiden Künstlern und bietet damit neue Perspektiven auf die Entwicklung der europäischen Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie eng der Austausch zwischen den Künstlern war, zeigt sich in ihrer intensiven Auseinandersetzung mit ganz ähnlichen Themen. In mehreren Kapiteln zu zentralen Sujets wie Interieur, Stillleben, Landschaft, Akt und Porträt werden die unterschiedlichen künstlerischen Umsetzung verdeutlicht. Die hochkarätigen Exponate umfassen Meisterwerke aus international bedeutenden Sammlungen wie dem Art Institute of Chicago, dem Baltimore Museum of Art, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou in Paris, der Eremitage in Sankt-Petersburg, der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen sowie der National Gallery of Art in Washington. Bereichert wird die umfangreiche Werkauswahl durch eine Reihe von Fotografien Henri Cartier-Bressons, der 1944 sowohl Bonnard als auch Matisse in Südfrankreich besuchte.

Maria Sibylla Merian und die Kunst der Pflanzendarstellung
11. Oktober 2017 bis 14. Januar 2018

Die in Frankfurt geborene und aufgewachsene Maria Sibylla Merian (1647–1717) zählt zu den berühmtesten Töchtern der Stadt. 2017 jährt sich ihr Todestag zum 300. Mal. Aus diesem Anlass zeigt das Städel Museum in Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin eine Ausstellung, die sich der Blumendarstellung in Zeichnungen und Druckgrafiken vom 15. bis zum 18. Jahrhundert widmet. Maria Sibylla Merian – Kupferstecherin, Blumen- und Insektenmalerin, Naturforscherin und Forschungsreisende – steht im Zentrum dieser Präsentation. In der Tradition von Florilegien (Blumenbüchern) und Tulpenbüchern ausgebildet, entwickelte sie sich zu einer Naturforscherin, die zunächst der Metamorphose von Raupen und Schmetterlingen, dann der Symbiose von Insekten und Pflanzen nachging. Die Ergebnisse ihrer Forschungen publizierte Merian in illustrierten Büchern mit Kupferstichen und Radierungen sowie in Deckfarbenzeichnungen von höchster künstlerischer Qualität. Eingebettet werden diese zentralen Arbeiten der außergewöhnlichen Künstlerin in Blumendarstellungen ihrer Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger. Gärten und wertvolle Pflanzen, darunter speziell Tulpen, waren insbesondere im 17. Jahrhundert ein kostbares Gut. Florilegien aus dieser Zeit mit prachtvollen Deckfarbenzeichnungen auf Pergament oder als exklusive Kleinauflagendrucke mit kolorierten Kupferstichen im Riesenformat, wie etwa der berühmte Hortus Eystettensis des Basilius Besler, vermitteln einen Eindruck dieses besonderen Stellenwerts. Daneben umfasst die Ausstellung florale Ornamentstiche etwa von Martin Schongauer, Apothekerbücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert, Pflanzenstudien aus dem Umkreis von Albrecht Dürer sowie Naturstudien von Georg Flegel und Georg Hoefnagel aus der Zeit um 1600. Außerdem werden eine Gruppe von Blumenzeichnungen von Bartholomäus Braun, der ebenso wie Maria Sibylla Merian in Nürnberg tätig war, sowie Blumenkompositionen von Barbara Regina Dietzsch und ihrem Umkreis aus dem 18. Jahrhundert gezeigt.

Städelsches Kunstinstitut
und Städtische Galerie

Holbeinstraße 1, Ausstellungshaus
60596 Frankfurt am Main
http://www.staedelmuseum.de/
Öffnungszeiten
Di., Fr., Sa, So 10–18 Uhr, Mi. / Do. 10–21 Uhr
Anfahrt
U-Bahnen U1, U2, U3 (Schweizer Platz), Straßenbahnen 15 und 16 (Otto-Hahn-Platz), Bus 46 (Städel), zu Fuß ca. 10 Minuten vom Hauptbahnhof

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