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Wandergenuss im Fichtelgebirge - häppchenweise

Text und Fotos: Dagmar Krappe

2013 hatte der oberfränkische Dichter Jean Paul 250. Geburtstag und warb für seine alte Heimat. Ihm zu Ehren gibt es einen 200 Kilometer langen Wanderpfad, aber auch an weiteren Themenwegen mangelt es nicht im Naturpark Fichtelgebirge.

Fichtelgebirge - Quelle des Weissen Mains am  Jean-Paul-Weg

Quelle des Weissen Mains am Jean-Paul-Weg

Seine Werke sind schwer verdauliche Kost. Jean Paul lässt sich nur häppchenweise genießen. Zu Lebzeiten waren seine Bücher „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ oder „Flegeljahre“, die heute kaum noch gelesen werden, echte Bestseller. Selbst Goethe und Schiller stellte er in den Schatten. Doch wenn man zu seinen zum Teil verschrobenen Sätzen aus dem 18. und 19. Jahrhundert erst einmal Zugang gefunden hat, erweisen sie sich als erstaunlich aktuell: „In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist“ oder „Das Alter ist trüber als die Jugend. Nicht, weil seine Freuden, sondern weil seine Hoffnungen erloschen.“

Nachzulesen auf Schautafel Nummer 70 entlang des 200 Kilometer langen Jean-Paul-Wanderpfads, auf dem man in Etappen zu den Lebensstationen des Literaten wandert. Die Route verläuft von Joditz (1) über Schwarzenbach an der Saale (2), wo der Poet aufwuchs, nach Wunsiedel (3), wo Johann Paul Friedrich Richter 1763 geboren wurde, bis nach Bayreuth (4). Hier lebte er nach Stationen in Leipzig, Weimar und Berlin 21 Jahre lang, bis er 1825 verstarb. Der letzte Abschnitt des Weges, der 2012 eröffnet wurde, endet in Sanspareil(5). In Bayreuth schließt er auch das Jean-Paul-Museum, das Schwabacher Haus, in dem der Dichter 12 Jahre verbrachte, und die Jean-Paul-Stube in der Rollwenzelei ein, wo so mancher Buchstabe zu Papier kam. Literarisch nimmt Jean Paul eine Sonderstellung zwischen Klassik und Romantik ein. Die Namensänderung geht auf seine große Bewunderung für den französischen Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau zurück.

Jean-Paul-Denkmal in Bayreuth

Jean-Paul-Denkmal in Bayreuth

„Viele Orte zwischen Hof und Bayreuth fanden Eingang in seine Bücher und Briefe“ erzählt Wanderführerin Inge Hessedenz: „Wanderungen durchs Fichtelgebirge waren für ihn eine Kraftquelle.“ „Ich kann mich nicht erinnern, dass ein einziger Gedanke in der Stube gefasst wurde, sondern immer im Freien“, soll der Dichter gesagt haben. Schon in seiner Kindheit spazierte er einmal in der Woche mit Rucksack und Einkaufsliste zu den Großeltern von Joditz nach Hof, um das Notwendigste aus der Stadt zu holen. Alle ein bis eineinhalb Kilometer säumen grüne Tafeln mit Aphorismen und Zitaten aus seinen Schriften den Wanderweg. 161 an der Zahl. Dazu Hinweise zur Landschaftsgeschichte um 1800. Zu einzelnen Stationen sind Original-Texte als Hörspiel hinterlegt. Der „mobile Reiseführer“ ist per Telefon abrufbar.

Wanderer am Fichtelsee auf dem Weg zum Jean-Paul-Brunnen

Wanderer am Fichtelsee auf dem Weg zum Jean-Paul-Brunnen

„Jean Paul war auch ein kulinarischer Genießer und beschrieb die eine oder andere Köstlichkeit in seinen Erzählungen“, meint Inge Hessedenz: „Kartoffeln waren seine Leib- und Magenspeise, und er liebte ein kühles Bier.“ Zum Jean-Paul-Jahr 2013 haben sich einige Gasthäuser und Cafés entlang der Strecke auf Gerichte aus alten Zeiten zurückbesonnen: Schnepfendreck (eine gehaltvolle Vorspeise), Sardellensuppe mit Himmelsbrot, Fischpresssack, Wespennester, Hoppelpoppel (ein cremiges Dessert), Siebenkäs, Bernecker Pfefferkuchen und ein dunkles, leicht malziges Jean-Paul-Bier stehen auf den Speisekarten. „Ich halt’ es für schwer, einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken, weil man ihn oft kurz vor der Schenkung selber verzehrt“, so eine Aussage des Poeten.

Blick vom Ochsenkopf auf Fichtenwald

Blick vom Ochsenkopf auf Fichtenwald

Wem Jean Pauls Gedankensplitter zu schwer verdaulich sind, der hat auf zahlreichen weiteren Wegen Gelegenheit, die oberfränkische Region vor den Toren Bayreuths kennen zu lernen. Zum Naturpark Fichtelgebirge am Fuße des Ochsenkopfs zählen die vier Gemeinden Bischofsgrün (6), Fichtelberg (7), Mehlmeisel (8) und Warmensteinach (9) mit insgesamt rund 8.000 Einwohnern. Der Fränkische Gebirgsweg ist 425 Kilometer lang und firmiert als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“. „200 Kilometer führen durchs Fichtelgebirge“, sagt die Wanderführerin: „Dabei sind zwei Eintausender, Schneeberg und Ochsenkopf, zu erklimmen.“ Aber die Anstiege auf breiten Trassen durch dichten Fichtenwald und entlang von Granitformationen sind gemäßigt. Niemand benötigt Hochgebirgskondition. Der Ochsenkopf ist zwar nur der zweithöchste Berg, gab aber der Gegend den Namen. Nicht nur Jean Paul, auch Goethe hat ihn 1785 erklommen - wie am Goethe-Felsen vermerkt. Der Schneeberg war bis Mitte der 1990er Jahre militärisches Sperrgebiet. Heute erwartet den Wanderer auf dem Gipfel neben einem wuchtigen Radarturm der bescheidene Aussichtsturm Backöfele von 1926.

Blick zum Schneeberg 1051 Meter

Blick zum Schneeberg

Themenwege erinnern an die „steinreiche Ecke Bayerns“ und an alte Handwerke. Das Fichtelgebirge war von Eisenerz- und Silberbergbau geprägt. Schmelzöfen und Hammerwerke säumten einst die Ufer der Steinach, die als Energielieferant diente. Auf dem bergbauhistorischen Wanderweg „Auf den Spuren der Bergleute“ rund um Warmensteinach geht es zu Stollen und Schächten des ehemaligen Flussspat- und Eisenerzabbaus. Elf Stationen erläutern Technik und Geschichtliches. Mit echter Grubenlampe und Bergmannshelm fahren Besucher ein ins Silbereisenbergwerk „Gleisinger Fels“ bei Fichelberg.

Ein weiterer Erwerbszweig im oberen Steinachtal war die Glasherstellung. Er habe noch Glasbläser gelernt, berichtet Bernhard Raab, bevor er 1969 das Gasthaus „Zum Loisl“ seiner Eltern übernahm, an dem der elf Kilometer lange Glaswanderweg vorbeiführt. Das uralte Glasmacherzeichen, eine liegende Acht auf einem Kreuz, markiert die Strecke. „Das Zeichen symbolisiert einen alten Glasmacherspruch: Es ist ein unendlich Kreuz, gutes Glas herzustellen“ erklärt Raab: „Über 400 Jahre währte die Glasmachertradition rund um den Ochsenkopf. Proterobas, ein dunkelgrünes Gestein, Holz und Wasser waren die Grundlage.“ Es begann mit Knöpfen und Perlen, die anfangs zu Rosenkränzen verarbeitet wurden. Später folgte die Herstellung von Schmuck und Spiegelglas.

Wegweiser Glasmacherzeichen für Glaswanderweg

Wegweiser mit Glasmacherzeichen für den Glaswanderweg

Nur ganze 56 Meter Höhenunterschied sind auf dem Echowaldweg rund um Mehlmeisel (8) zu überwinden. Gekennzeichnet ist der Verlauf durch eine gelbbraune Trompete auf weißem Grund. Wer es besonders romantisch mag, der bestellt sich bei der Touristinformation des Ortes einen Trompeter. Dieses Klangerlebnis hätte ganz sicher auch Jean Paul zu neuen Geschichten inspiriert.

Echowaldweg bei Mehlmeisel - Trompeter Fritz Kuhbandner

Echowaldweg bei Mehlmeisel - Trompeter Fritz Kuhbandner

 

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