Sprungbrett nach Skandinavien

Ansturm und Stille auf der Insel Fehmarn

Text und Fotos: Volker Mehnert

Deutschland Fehmarn Rapsfeld

Fehmarn ist eine Insel. Diese Feststellung ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Sundbrücke, die Fehmarn ans Festland anbindet, ist weniger als einen Kilometer lang und lässt Autofahrer und Zugreisende beinahe unmerklich auf die Insel hinauf- und von ihr herunterfahren. Auch nach Norden, Richtung Dänemark, verlässt man Fehmarn reibungslos, denn die kontinuierliche Fährkette der Vogelfluglinie überwindet den neunzehn Kilometer breiten Belt zwischen Puttgarden und Rødby. Dänen und Schweden sehen deshalb in der Insel lediglich eine zwölf Kilometer lange Durchgangszone auf ihrem Weg in den Süden, für die Deutschen ist sie ein praktisches Sprungbrett nach Skandinavien. Um die Insel als solche kümmern sich die wenigsten.

Deutschland Fehmarn Sundbrücke

Die Verbindung zum Festland: die Sundbrücke

Früher hatte niemand Zweifel am Inselcharakter. Die Bewohner fühlten sich sogar wie auf einem sechsten Kontinent und machten vorsichtshalber ihr Testament, wenn sie einmal „na anner Siet“, aufs Festland, reisen mussten. Wie überall an der deutschen Ostseeküste, nur etwas langsamer, entwickelten sich Kurbetrieb und eine züchtige Bäderkultur. Die ursprünglich verwendeten Badekarren wurden abgelöst von getrennten Badehäusern für Damen und Herren; später setzte man sich am öffentlichen Strand gemeinsam in die Strandkörbe und baute Sandburgen. Die Kurgäste schätzten die Abgeschiedenheit der Insel und wohnten bescheiden in kleinen Hotels und Privatzimmern.

Die Route der Zugvögel

Als Künstlerkolonie machte sich Fehmarn zwar keinen Namen, zu den frühen Gästen gehörte jedoch der Maler Ernst Ludwig Kirchner, der vier lange Sommer dort verbrachte. Ein großer Teil seines malerischen Werkes entstand auf der Insel, denn vor allem in den Sommerwochen der Jahre 1912 bis 1914 erlebte Kirchner einen regelrechten Schaffensrausch.

Deutschland Fehmarn Leuchtturm

Der Leuchtturm am Staberhuk

Er hinterließ mehr als hundert Gemälde mit Fehmarnmotiven, dazu Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen. „Ich male soviel wie möglich“, schrieb er damals, „um wenigstens etwas von den tausend Dingen, die ich malen möchte, mitzuschleppen.“ Kirchner quartierte sich beim Leuchtturmwärter am Staberhuk ein. Auf der östlichen Landzunge lebte er seinen eigenen Künstlertraum, der sich an die Vorstellungen vom fernen Paradies anlehnte. Ausgerechnet auf der Ostseeinsel entdeckte er einen natürlichen „Südseereichtum“ und ergänzte diese sehr persönliche Sichtweise durch das Aufstellen geschnitzter Holzskulpturen aus Strandgut.

Dass Fehmarn auf Dauer keine beschauliche Existenz als Sommerfrische für Künstler und Kurgäste führen würde, hatte sich frühzeitig angedeutet. Bereits 1863 arbeitete ein Landvermesser namens Gustav Kröhnke einen bahnbrechenden Plan aus, der eine durchgängige Verkehrsverbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen vorsah.

Deutschland Fehmarn Segelboot

Ein beschaulicher Platz für Sommerfrischler

Seine Idee beruhte auf der Route der Zugvögel, die im Frühjahr und Herbst über Fehmarn fliegen. Wie nirgendwo sonst in Mitteleuropa bündeln sich dort die Zugwege, und man schätzt, dass etwa siebzig Millionen nordische Land- und Wasservögel die Insel überfliegen. Der preußisch-dänische Krieg von 1864 machte Kröhnkes Vorhaben zunichte, und noch ein Jahrhundert lang blieb diese „natürlichste aller Verkehrsrouten vom Kontinent nach Skandinavien“ in verschiedenen Planungsphasen stecken, bevor sie schließlich verwirklicht wurde.

Plattenbau mit Stil

Mehrfach standen neuaufgelegte Projekte kurz vor der Umsetzung, doch Krieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise machten Politikern, Investoren und Verkehrsplanern immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Als der Brückenschlag über den Sund und der Ausbau des Fährhafens Puttgarden dann tatsächlich erfolgten, mochten die Insulaner nicht mehr so recht daran glauben.

Deutschland Fehmarn Brücke

Ein gelungener Brückenschlag

Auf die Auswirkungen jedenfalls waren sie nicht vorbereitet. Im ganzen Land berichteten die Medien überschwänglich von der neuen Verkehrsverbindung, die als eine der großen technischen und architektonischen Errungenschaften der jungen Bundesrepublik gefeiert wurde.

Deutschland Fehmarn Kate

Der „sechste Kontinent“ war von diesem Tage an erschlossen, Fehmarn hatte seine insulare Unschuld verloren, und die Vogelfluglinie wurde zum durchschlagenden Erfolg. Bereits 1964 überquerten drei Millionen Passagiere und dreihunderttausend Autos den Belt. Drei Jahrzehnte später war die Route zum selbstverständlichen und voll ausgelasteten Transitkorridor von Skandinavien nach Mitteleuropa geworden. Kaum war die Brücke eingeweiht, erlebte auch Fehmarn als Reiseziel einen nicht erwarteten Ansturm von Touristen. 1965 wurde deshalb der Ausbau des Südstrandes von Burg „zu einem zukunftsorientierten Kur- und Ferienzentrum“ beschlossen. Nach den modernistischen Entwürfen des dänischen Architekten Arne Jacobsen entstand ein Urlaubsdorf aus Bungalows, Terrassenhäusern und drei siebzehnstöckigen Hoteltürmen, die seither das touristische Katalogbild der Insel prägen, obwohl sie nur einen kleinen Teil von Fehmarn ausmachen.

Bis heute ist Jacobsens Anlage wegen ihres Plattenbaucharakters und des scharfen Kontrasts zur traditionellen Inselarchitektur umstritten. Doch die Gebäude am Burger Südstrand präsentieren sich auch heute noch in einer erstaunlichen stilistischen Frische. Die Betonbauten stehen auf freien Wiesenflächen, die kurz gemäht sind, und kaum irgendwo wird der Versuch unternommen, die blanke, graue Platte durch Büsche, Bäume oder Blumenkästen zu kaschieren. Die heutigen Eigentümer und Bewohner bekennen sich weiterhin zu Jacobsens architektonischer Klarheit. Die Kombination von Beton und strenger Geometrie, die in den Großstädten oft genug Tristesse verbreitet, stellt sich in der Umgebung von Strand und Ostsee als kühnes bauliches Modell dar.

Wundervolle Küstenbildung

Deutschland Fehmarn Wanderweg

Fehmarns zwiespältiges Dasein als Seebad und Trittstein nach Skandinavien wird sich auch in Zukunft fortsetzen. Nachdem Dänemark 1997 die Brücke über den Großen Belt eingeweiht hatte, wurde zwar der gesamte Güterverkehr der Bahn über Flensburg und die neue Nordroute geführt, und auch viele Autofahrer bevorzugen jetzt diesen Weg. Dennoch verzeichnet das Verkehrsaufkommen über die Vogelfluglinie weiterhin Wachstumsraten, und noch immer spielt sich am Kai von Puttgarden ein eindrucksvolles „Roll on - Roll off“ ab: Die Doppelendfähren verkehren halbstündig, bei Tag und bei Nacht. Sämtliche Fahrzeuge haben über fünf Spuren auf drei Rampen die Decks verlassen, und die neue Ladung für die Gegenrichtung ist bereits wieder an Bord, wenn die riesigen Fähren nach nur fünfzehn Minuten Aufenthalt von der Mole ablegen.

Parallel dazu versucht Fehmarn, sich als eigenständiges Reiseziel ins Bewusstsein zu rücken. Und die Insel kann ein durchaus überraschendes Bild präsentieren: Der Wanderpfad vom Südstrand zum Leuchtturm Staberhuk zum Beispiel ist ein Weg aus der Gegenwart hinein ins ländliche Fehmarn der Vergangenheit, das sich links und rechts der Vogelfluglinie erhalten hat. Zunächst läuft man über die betriebsame Promenade, vorbei an den Plattenbauten und Hochhäusern des Ferienzentrums. Dann wird der Pfad immer schmaler und windet sich kilometerlang zwischen Feldern auf der einen Seite und der Steilküste auf der anderen Seite am Meer entlang.

Deutschland Fehmarn Strand

Von dieser Küste schwärmte schon Ernst Ludwig Kirchner

Mannshoch steht der Raps, und zehn Meter weiter unten plätschert die Ostsee gegen die Sandsteinklippen. Fehmarn ist zwar nicht mehr das „unberührte irdische Paradies“, von dem der Maler Ernst Ludwig Kirchner schwärmte, aber man findet noch die „wundervolle Küstenbildung“ und die mal blassen, mal kräftigen Farben, die auf seinen Bildern vorherrschen. Trotz Brückenschlag und Vogelflugtransit ist Fehmarn auch eine vertraute, stille Insel geblieben.

Deutschland Fehmarn Inselhaus

Reiseinformationen zu Fehmarn

Vogelfluglinie: Das Fährcenter Puttgarden informiert über Fahrpläne und Reservierungen für den Fährverkehr zwischen Fehmarn und dem dänischen Rødby, Tel. 04371/865161, Internet: www.scandlines.de.

Insel Fehmarn: Insel-Information, Landkirchener Weg 2, Burg, 23769 Fehmarn, Tel. 04371/868686, Internet: www.fehmarn.net.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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