Prickelnde Pfalz
Wachenheim: Sekt-Hochburg an der Deutschen Weinstraße
Text und Fotos: Volker Mehnert

Die deutsche Sektlandschaft ist geprägt von einem ziemlichen Einheitsbrei. Ganz im Gegensatz zum Wein stürzen sich auch viele anspruchsvolle Konsumenten auf die immergleichen Marken, die in jedem Supermarktregal stehen und dort oft mit kräftigen Rabatten verscherbelt werden. Daneben sprießen in einer Nische die so genannten Winzersekte: Raritäten, über die man nur selten stolpert. Im Winzerdörfchen Wachenheim hingegen haben wir eine vielfältige Sekt-Kollektion aufgespürt, die nicht nur das pfälzische Terroir und die regionalen Rebsorten in sich trägt, sondern auch beweist, dass deutscher Sekt sich nicht im Marken-Einerlei erschöpfen muss und auch abseits von Silvesterfeiern bei Tisch individuelle Rollen ausfüllen kann.
Wachenheim ist eines der Bilderbuchstädtchen entlang der Weinstraße. In den teilweise barocken Gebäuden residieren Weingüter mit so renommierten Namen wie Bürklin-Wolf oder Zimmermann. Die alte Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert ist restauriert und mit einem ebenerdigen Rundweg erschlossen. Der hübsche Ortskern ist eine Sache, doch sollte man auf keinen Fall die Wanderung hinauf zum Eckkopf und danach zur Wachtenburg verpassen. Auf dem gut fünfhundert Meter hohen Eckkopf hat man eine fabelhafte Aussicht über die Pfälzer Höhenzüge und im Wanderheim lässt sich prächtig einkehren - bei deftigem Essen wie Pfälzer Saumagen, versteht sich.

Wachenheimer Fachwerk-Idylle
Die Wachtenburg bietet ein noch besseres Panorama. Steil ragt sie am Hang des Vorgebirges nach oben und gibt den Blick frei hinunter nach Wachenheim, auf die weiten Rebfelder im Tal und über den Rhein hinweg auf Teile des Schwarzwalds und den Odenwald. „Balkon der Pfalz“ nennt sich dieser Ort vollkommen zu Recht. Und unter dem Balkon, mitten im Ortszentrum von Wachenheim, da wartet dann auch unser prickelndes Sekterlebnis.
Dom Pérignon hält Wache
Schloss Wachenheim ist eine von Deutschlands ältesten Sektkellereien, seit 1888 im Geschäft. Hier hat man vor allem die hochwertige Flaschengärung der Champagnerherstellung auf die Riesling-Weine der Pfalz übertragen. Im Hof steht deshalb nicht zufällig über einem Brunnen (zum Leidwesen der Besucher „kein Sekt, kein Trinkwasser“) eine Statue des guten alten Dom Pérignon, der lange Zeit als Erfinder des Prickelns und Blubberns im Wein galt. Zwar war das eine typische „Ente“, erfunden im 19. Jahrhundert, doch mit seinem strengen Blick scheint er die Winzer der Moderne dennoch an die Überlieferungen seines Handwerks zu gemahnen. Man nimmt sie ernst hier, die Traditionen, was aber die Sektmeister nicht davon abhält sich auf der Basis des Bewährten mit Neuem zu befassen.

Dom Pérignon zum Gedenken
Schon lange hat sich Schloss Wachenheim vor allem mit seinen Riesling-Sekten einen Namen gemacht, die sich durch die Auswahl frischer, spritziger Grundweine auszeichnen. Die eigentliche Entdeckung aber ist die Schloss Wachenheim Edition, eine Serie von Premium-Sekten, die fast ausschließlich auf der Basis von Pfälzer Weinen erzeugt werden. Flaschengärung ist eine Selbstverständlichkeit, und was dabei herauskommt demonstriert die Vielfalt der Pfälzer Weinwelt ebenso wie die Möglichkeiten, die in deutscher Sekt-Fabrikation stecken. Die einzelnen Sekte sind sortenrein, reichen vom Riesling über Chardonnay, Gewürztraminer und Weißburgunder bis hin zum Spätburgunder Blanc de Noir und zum Crémant Pfalz.

Das Tor zum Prickeln
Noch eher konservativ daher kommt der Weißburgunder Pfalz, ein ausgeglichener Sekt mit fruchtigen Duftnoten, in denen uns vor allem Banane und Pfirsich aufgefallen sind. Frisch und unkompliziert. Nicht jedermanns Sache dürfte der Gewürztraminer Pfalz sein, ebenso wie der entsprechende Wein. Wegen seines würzigen, man könnte es auch aufdringlichen Rosenduftes und seiner kräftigen Muskatnote eignet er sich nur zu ausgewählten Speisen, und selbst die möchte er am liebsten übertönen. Vorsicht also. Am besten begleitet er vielleicht ein fruchtiges Dessert.
Eigenständige Pfälzer Produkte
Und dann natürlich der Riesling. Basisweine sind die typischen Pfälzer Rieslinge, gewachsen auf dem Lössboden bester Lagen. Die Frische sowie die spritzigen Apfel- und Zitrusaromen sind die herausragenden Merkmale dieses Sekts, der ausschließlich aus dem Saft der ersten Traubenpressung hergestellt wird. Er ist vielleicht das deutscheste und pfälzischste Produkt aus der Editions-Serie. Das wird vor allem im direkten Vergleich mit dem Chardonnay Pfalz deutlich, der sich - es sei erlaubt zu sagen - ein kräftiges Stück Wegs hin zum Champagner bewegt. Kalkböden, Rebsorte, Flaschengärung, dazu Honig- und Vanilletöne - da hat man ja auch Parallelen. Aber wahrscheinlich hört das der Sektmeister gar nicht so gern, denn Vergleiche dieser Art sind immer problematisch. Erst recht, wenn man auf ein eigenständiges Produkt Wert legt: Chardonnay Pfalz eben. Und wie lange kann man so einen Sekt lagern? „Wenn sie ihn haben, trinken Sie ihn“, sagt der Sektmeister trocken. Soll heißen: Sicher hält er sich noch einige Jahre, aber der Reifevorgang ist mit der Flaschengärung abgeschlossen, und besser wird er nun einmal nicht.

Schon mal vorgekühlt
Also verkneifen wir uns ähnliche Anmerkungen beim Pinot Noir, Blanc de Noir Pfalz, erzeugt aus der roten Spätburgundertraube, weiß gekeltert, weil nur mit dem Saft und nicht mit der Haut der Trauben vergoren. Uns hat er am besten gefallen in der Editionsreihe: wegen seiner gleichzeitigen Frische und Eleganz, wegen seiner mineralischen Kraft und seinem reifen Himbeeraroma. Da kann der Privilegium Rot Pfalz nicht mithalten, eine Cuvée aus Spätburgunder, Schwarzriesling und Dornfelder. Ein solider Rotsekt mit kräftigem Farbton und hervorstechenden Beerenaromen.
Nicht fehlen darf in einer so vielfältigen Reihe von Rebsortensekten eine Cuvée, die in vielen Weinbauregionen Europas die jeweils typischen Rebsorten zusammenfasst und deshalb unter dem Etikett Crémant verkauft werden darf. Der Crémant Pfalz von Schloss Wachenheim stützt sich auf Riesling, Chardonnay und Spätburgunder und bringt damit die prickelnde Pfalz sozusagen vinologisch auf den Begriff. Man möchte hoffen, dass auch in anderen Weinbaugebieten eine so kompakte und vielfältige Sekt-Reihe entsteht. Das wäre doch mal eine Herausforderung für die eingangs erwähnten Sektfabrikanten. Eine Edelserie stünde ihnen gut zu Gesicht und würde das Image des deutschen Sektes insgesamt weiter aufpolieren.
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