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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Die Wurst misst einen Meter

Zum Meterbratwurst-Essen nach Sulzfeld am Main

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Deutschland Sulzfeld Bratwürste

Franken ist gespalten. Jawohl. Man mag es gar nicht glauben, denn angeblich ist der hier wohnhafte Menschenschlag im ganzen Frankenland gleichermaßen wortkarg, eigenbrötlerisch und eigenartig. Man sagt ihm nach, er sei sehr verschlossen, wenn er aber einmal auftaue, dann sei Freund eben Freund, bis ans Lebensende! Schön eigentlich. Da nimmt man a bissla Muffigkeit doch gerne in Kauf. Soviel zum Charakter. Essen wiederum tut der Franke an sich gerne Bratwurst, womit wir bei den Spaltereien wären. Auch wenn sie identitätsstiftend wirkt und frankendeckend vorzufinden ist: DIE fränkische Bratwurst nämlich, es gibt sie nicht!

Postwendend erinnere ich mich an gemeinsame Grillabende im Fränkischen, während derer stets danach gefragt wurde, wo die Wurst denn gekauft worden sei. Dann wusste man auch gleich im Voraus, ob sie schmecken wird, oder eben nicht. Einer meiner Onkel trieb es darin zur Meisterschaft: Er brachte stets welche von mindestens zehn verschiedenen Metzgereien zur Probe mit. Möge der Einzelne sich selbst ein Urteil bilden! Dies endete meist in fränkischem Gezänk bei heimischen Obstbränden, weil „die Wurst ja so fett war“.

Deutschland Sulzfeld Bratwurstteller

Wieviel ist "a weng a Wurst"?

Sprachlich betrachtet ist es so, dass der Franke meist „a weng a Bratwurst“ bestellt. Der geneigte Leser mag sich darunter ein wenig Wurst vorstellen, doch das ist damit nicht gemeint. Im Fränkischen ist fast alles „a weng“. Auch wenn die Wurst einen Meter misst! Ja, Bratwürste sind nicht immer winzig und niedlich wie die Nürnberger. Im Winzerdörfchen Sulzfeld etwa, da verspeist man sie geringelt und meterweise. Potzblitz! Die in Nürnberg seien ganze 93 Zentimeter kürzer, beeilt man sich, mir zu erklären. Vielleicht sind die Nürnberger überhaupt die kleinsten Bratwürste auf der Welt. Wer will schon so was, man möchte schließlich gesättigt sein nach dem Genuss.

Ein Meter Wurst plus ein Liter Wein?

Bleiben wir also in Sulzfeld am Main, da gibt’s die Wurst am Meter, was doch sehr sympathisch ist! Erfunden wurde sie vor mehr als fünfzig Jahren. Der Sage nach fielen im Jahre 1953 n. Chr. einige Kanuten im „Gasthaus zum Löwen“ ein und verzehrten die damals noch normal zugeschnittenen Würste mit großem Hunger und Appetit. Einer der Heißhungrigen und Wurstbegeisterten soll dann ausgerufen haben: „Mein Gott, die sind so gut, davon könnt’ ich einen ganzen Meter essen“. Metzger und Wirt Lorenz Stark ließ sich nicht zweimal bitten und stellte eilends einen Meter Wurst her.

Deutschland Sulzfeld Meterbratwurst mit Kraut

Da ringelt sich der Meter ums Sauerkraut

Inzwischen lebt der halbe Ort davon, denn auch andere Sulzfelder Wirte haben die Idee flugs übernommen. In jedem der fünf Gasthäuser, die sie heute anbieten, schmeckt sie ein wenig anders, denn ein jeder bereitet sie nach seinem eigenen Rezept zu. Es gibt sie in den Gasthäusern „Ratsstube“, „Zum goldenen Löwen“, „Michels-Keller“, „Zum Hirschen“ und im Gasthaus „Zum Stern“. Man könnte sich also auch durchprobieren, so man kann. Ich wähle „Zum Stern“ für die Meterprobe. Dort gibt es sogar eine eigene Bratwurstkarte, auf der sich auch Paare finden, die einen dickeren Darm haben müssen, erklärt Bernd Staudt, der nette Wirt. Schließlich kann nicht jeder einen ganzen Meter verdrücken, so werden eben auch halbe Meter und die genannten Paare angeboten.

Deutschland Sulzfeld Wirt

Der Wirt und seine Wurst

Ich bringe es „nur“ auf einen halben Meter, der aus nicht so magerem, sondern aus besonders saftigem feinem Fleisch besteht. Die Wurst darf nicht zu trocken sein, erklärt Herr Staudt, denn sonst ließe sie sich auf dem Teller nicht so hübsch in Schneckenform einkringeln. Die Feineren lassen sich eben einfach besser rollen. Zum halben Meter nehme ich ganz traditionsgemäß Sauerkraut und kantiges Schwarzbrot und trinke einen Schoppen Silvaner von Staudts eigenem Weingut. Einen Schoppen bestellte ich und bekam prompt eine ganze Flasche geliefert. So viel kann ich nun auch wieder nicht! Ein Meter plus ein Liter? Man muss sich doch schließlich begrenzen.

Deutschland Sulzfeld Schoppen

Der Schoppen zur Wurst

Ich begrenze, wie gesagt, auf einen halben knusprig braun gebratenen, knackigen Meter mit wahrhaft würzigem Geschmack und einen Schoppen Silvaner. Schließlich isst oder ist man hier genau zwischen den Lagen Maustal und Cyriakusberg. Das ist schon Leben wie Gott in Franken! Im lauschigen Garten oder in der gemütlichen Wirtsstube lässt es sich gut aushalten und genießen und am Nachbartisch werden halbe Meter mit Kartoffelsalat und sogar halbe Meter mit Kloß serviert.

Meterwurst-Rekorde

Zum ganzen Meter gehört schon ein etwas größerer Bratwursthunger. Ein nicht ganz so großer aber wie der, den die Menschen haben, die hier um die Rekorde kämpfen. Denn bei solch langen Würsten geht es natürlich auch um Rekorde und Wettbewerbe. Die finden in jeder Wirtschaft nach eigenen Regeln statt, aber niemals darf man während des Wettbewerbs den Raum verlassen. Wäre ja noch schöner! Den aktuellen Rekord hält Herr Wilfried Hack aus Ebersbrunn. Ganze 5,73 Meter Sulzfelder Meterwurst hat er hier im Gasthaus „Zum Stern“ verspeist und dafür eine Urkunde eingeheimst:

Deutschland Sulzfeld Bratwurst und Schoppen

Lecker, aber nicht rekordverdächtig

„Hiermit wird untertänigst bestätigt, dass Ihre Hochwohlgeboren Wilfried Hack ohn’ Schmatzen und Rülpsen daselbst im unterfränkischen Sulzfeld am Main, 915 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnet, im altehrwürdigen Gasthaus ‚Zum Stern’ 5,73 Meter Bratwurst an einem Stück, gemessen mit dem untrüglichen Augenmaß des Wirts, restlos ohn’ Beanstandung selbst verspeiset und im Wirtshaus nicht wieder herausgelassen hat.“

Deutschland Sulzfeld Gasthof

Hier gibt´s die Wurst, hier geht´s um die Wurst

War er denn dann nicht übersatt? „Im Gegenteil“, erzählt Herr Staudt, „der hat danach sogar noch ein Himbeereis mit Sahne verspeist!“. Meine Güte, ich frage nach, ob der Herr denn recht dick gewesen sei. „Überhaupt net“, meint Herr Staudt da, „kräftig schon, aber ganz bestimmt net dick.“ Respekt! Dies geschah am 18. April 2006, nicht einmal ein und drei Viertel Stunden hat der Rekordhalter dazu gebraucht und zu den 5,76 Metern Wurst auch noch vier Portionen Kartoffelsalat verdrückt. Darauf kann man sich verlassen, denn aufgepasst und gemessen wird ganz genau. Da die Würste nämlich nach dem Kochen „zusammengehen“, in rohem Zustand sind sie 5 – 10 Zentimeter länger, wird beim Wettessen in gebrühtem Zustand gemessen! Eine rohe Meterwurst wiegt übrigens 550 bis 600 Gramm. Puh! Wer jedoch den Rekord bricht, braucht die Zeche nicht zu begleichen. Dann nämlich übernimmt der Wirt die Kosten!

Die kleinste und die längste Wurst

Sollten Sie nun ihre Pfunde wieder loswerden wollen: Der Mainradweg liegt gleich gegenüber! Oder gehören Sie eher zu der nach-dem-Essen-sollst-du-ruhen-Fraktion? Auch kein Thema: Im Gasthof „Zum Stern“ gibt es wunderschöne Fremdenzimmer! Sie möchten gar tausend Schritte tun? Es lohnt sich, denn was für ein Städtchen ist das, in dem die Würste meterweise überden Tresen gehen? Das mittelalterliche Sulzfeld in Unterfranken bietet einiges: zum Beispiel eine Stadtmauer mit ganzen 21 Türmen.

Deutschland Sulzfeld Biergarten

Sitzenblieben oder Aufstehen nach der Wurst-Orgie?

„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, dröhnt es in meinem Kopf. Das muss aber nicht an der Wurst liegen, viel eher an dem süffigen Silvaner des Herrn Staudt. Und, ja, auch das ist etwas, was Franken spaltet: Die Bier- und die Weingrenze. Aber dazu vielleicht ein ander Mal mehr. Die Autorin gesteht schlussendlich, was Sie, lieber Leser, sicher schon zu Anfang des Artikels erraten haben: dass sie Fränkin ist.

Die kleinste Bratwurst also in Nürnberg und die längste in Sulzfeld? Wird schon stimmen.

Reiseinformationen zu Sulzfeld am Main

Deutschland Sulzfeld Gasthausschild

Anfahrt:
Mit der Deutschen Bahn z. B. über Würzburg oder Nürnberg nach Kitzingen, ab dort weiter mit dem Bus 8112 nach Sulzfeld a. Main.

Einkehren zur Meterwurst:
Gasthof „Zum Stern“, Weingut – Hotel, Peuntgasse 5, 97320 Sulzfeld am Main, Tel. 0 93 21/1 33 50, www.stern-sulzfeld.de

Auskunft:

Sulzfeld: www.sulzfeld-main.de

Tourismusverband Franken e. V., Wilhelminenstraße 6, 90461 Nürnberg, Tel. 09 11/9 41 51 – 0, http://www.frankentourismus.com/

 

Website der Autorin: www.judith-weibrecht.de

 

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