Ein plätschernder Bach mit Riesling-Reben
Die Ruwer: Plädoyer für einen Weinbau-Winzling
Text und Fotos: Volker Mehnert
Irgendwie erscheint sie wie ein Stiefkind, die Ruwer. Nur 46 Kilometer ist sie lang, wächst vom Bächlein zum Bach, schafft es aber nie, ein richtiger Fluss zu werden. Wenn es sich das Thema um Wein dreht, wird sie fast immer nur als letztes Anhängsel des Weinbaugebietes Mosel-Saar-Ruwer genannt, und in Zukunft soll auch diese kleine Rücksichtnahme verschwinden, sobald sich das gesamte Anbaugebiet nur noch nach der Mosel benennt. Es ist deshalb an der Zeit, der Ruwer die verdiente Aufmerksamkeit zu erweisen und wieder einmal klipp und klar zu sagen, dass der Ruwer-Riesling auf Steillagen wächst, die zu den besten in Deutschland gehören.

„Ruwer-Weine sind im Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer die mineralischsten, bedingt durch den harten, dunklen Schieferboden und das kühlste Mikroklima“, sagt Annegret Reh-Gartner, und sie muss es wissen. Denn sie leitet seit einigen Jahren das namhafte Weingut Reichsgraf von Kesselstatt, das nicht nur Weinberge im Ruwertal, sondern auch an der Mosel und an der Saar besitzt. Nicht zufällig aber wurden Produktion und Firmensitz des Weinguts von Trier ins Ruwertal verlegt, nach Schloss Marienlay in Morscheid - sicher auch eine Verbeugung vor der Besonderheit dieses winzigen Weinbaugebiets. Dort thront das herrschaftliche Gemäuer über dem Tal und über dem Bach, der sich allerdings ziemlich versteckt hält. Eine so winzige Wasserfläche hat deshalb auch keinen nennenswerten Einfluss auf den Reifegrad der Weine, wie dies an Rhein, Main oder Mosel der Fall ist.

Schloss Marienlay in Morscheid
Der Ruf hallt bis Amerika
Zwölf Hektar bewirtschaftet Reichsgraf von Kesselstatt im Ruwertal - immerhin ein Drittel der Gesamtfläche des Weingutes. Zu den besten Lagen dort gehören Kaseler Kehrnagel und Kaseler Nies´chen. Es wird ausschließlich Riesling angebaut, denn für Frau Reh-Gartner und die meisten anderen Winzer gibt es dazu keine qualitativ überzeugende Alternative. Das Ruwertal ist und bleibt Riesling-Terroir. Die Trauben werden mit der Hand gelesen, die Steillagen lassen gar keine andere Methode zu. Der Wein von Kesselstatt wird sowohl trocken ausgebaut als auch zu erstklassigen edelsüßen Tropfen wie Auslesen, Beerenauslesen und hin und wieder einem Eiswein verarbeitet. Die 2003 geerntete Riesling Spätlese vom Kaseler Nies´chen hat sich sogar transatlantische Sporen verdient und vom angesehenen amerikanischen Magazin „Wine Spectator“ veritable 90 Punkte erhalten.
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