Ein geraspelter Zungenbrenner
Warum schmeckt der Meerettich besonders gut in Franken?
Text und Fotos: Judith Weibrecht
„An Kren, biddä!“, sagt der Mann neben mir zur Bäuerin am fränkischen Marktstand und erhält eine bräunliche Wurzel ausgehändigt. In diesem Zustand ist er auch gar nicht scharf und treibt einem keineswegs die Tränen in die Augen, der Meerrettich, oder lateinisch Armoracia rusticana, der zur Familie der Kreuzblütler gehört. Kren heißt er aber im Fränkischen, was vermutlich vom altslawischen „Krenas“ herrührt, das so viel wie „weinen“ bedeutet. Verantwortlich für die Tränen ist das so genannte Allylisothiocyanat oder im Volksmund auch Senföl genannt. „Und gsund iss er fei scho!“ Ja natürlich, Frau Bäuerin! Er enthält jede Menge Vitamin C, angeblich doppelt so viel wie Zitronen, ätherische Senföle und soll zunächst eher als Heilpflanze, zum Beispiel gegen Grippe, Harnwegsinfektionen, als Hustenlöser, bei Rheuma und bei Ischias als Umschlag und erst später als Gewürz eingesetzt worden sein.

Der Meerrettich in einer botanischen Zeichnung
Wer die Wurzel nicht selber raspeln oder raffeln, die Schärfe in der Nase beißen spüren und dabei weinen möchte, kann - ja er könnte zum Beispiel beim Reiben eine Taucherbrille aufsetzen. Das soll es tatsächlich geben. Aber den Meerrettich kann man ja seit geraumer Zeit auch fertig kaufen. Schon seit mehr als 150 Jahren gibt es den Familienbetrieb der Schamels, die sich ganz der magischen Wurzel verschrieben haben. Das grün-rot-weiße Logo zeugt inzwischen von Weltruf. Ist doch der Meerrettich der Firma Schamel, beheimatet in der Kren-Hauptstadt Baiersdorf bei Erlangen, die schon seit 1447 oder noch früher ein traditionsreiches Zentrum der Wurzel ist, der meistgekaufte überhaupt.

So hat´s begonnen
Und warum gerade hier? Hanns-Thomas Schamel erklärt, dass ein gewisser Johann, der wegen seiner chemischen Spielereien den Beinamen Alchemista hatte, vor mehr als fünfhundert Jahren hier Markgraf war und angeblich den Meerrettich aus fernen Ländern mitgebracht hat. Außerdem seien die Böden hier einfach ideal für den Anbau! Und drittens habe eben sein Großvater Johann Jakob Schamel als erster die Idee gehabt, den Zungenbrenner fertig geraspelt in kleinen Gläschen zu verkaufen.
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