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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Im Paradiesgärtlein

Zur Kirschblüte im Markgräflerland

Text und Fotos: Ulrich Traub

„Wir sind hier nicht die ‚Toskana Deutschlands’, wir sind das Markgräflerland“, stellt Hans Adam energisch fest. Recht hat er. Das ganze Tal, die sanften Hügel und die Wiesen - ein Meer in Weiß. Im April stehen hier die Kirschbäume in voller Blüte – im Markgräflerland, nicht in der Toskana. „Und jedes Dorf behauptet, die schönsten Exemplare zu haben“, erzählt Adam, der als Chef des Feldberger Landgasthofs „Ochsen“ die Produkte seiner Heimat zu schätzen weiß.

Kirschbäume in Blüte im Markgräflerland

Die Signatur der Landschaft: Ob in Reih und Glied oder wild verteilt auf Streuobstwiesen – die Kirschbäume prägen das Bild des Eggenertals

Südlich von Müllheim (1), der inoffiziellen Hauptstadt dieser südwestlichsten Ecke Deutschlands, erstreckt sich das Eggenertal, eine alte Kulturlandschaft. Zehntausende Kirschbäume stehen in Reih’ und Glied oder wild verteilt auf Streuobstwiesen. Ein Hingucker sind sie allemal, zumal die reizvolle Kulisse nicht von Einkaufszentren oder Tankstellen flankiert wird. „Seit der Besiedlung des Tals wird hier Obstbau betrieben“, weiß Herbert Schumacher, ein ehemaliger Landwirt. Das Bild der Landschaft habe sich daher kaum verändert. Weswegen man sich hier rechtschaffen über Photovoltaikanlagen und geplante Windräder aufzuregen versteht.
„Früher haben die Leute zum Pflücken ihre Leitern holen müssen“, erinnert sich Schumacher, „das war zeitaufwändig und nicht ungefährlich.“ Neuzüchtungen hätten niedrigere Stämme. Das erklärt das eher zierliche Erscheinungsbild der meisten Kirschbäume. „Auch wir fiebern immer wieder der Blüte entgegen und wenn es so weit ist, hält es keinen mehr zuhause“, erzählt der Ruheständler. Da könne es passieren, dass spontan ein Blütenfest organisiert werde – „wobei dann auch unser Wein immer eine Rolle spielt“, merkt Herbert Schumacher an. Denn natürlich ist das Markgräflerland auch eine Heimat der Reben.

Herz des Markgräflerlandes: Müllheim und das Markgräfler Museum, das in einem Palais eines Weinhändlers aus dem Jahre 1780 residiert

Herz des Markgräflerlandes: Müllheim und das Markgräfler Museum, das in einem Palais eines Weinhändlers aus dem Jahre 1780 residiert

Der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, der im Markgräflerland in aller Munde ist, hat diese Gegend vor rund 200 Jahren als „Paradiesgärtlein“ bezeichnet. Und da heute noch mit den Einheimischen gut Kirschen essen ist, erfährt man schnell, wie sehr sie sich bewusst sind, an einem besonders schönen Ort zu leben. Schließlich gilt das Markgräflerland obendrein als die sonnenreichste Region Deutschlands. Weshalb eine berühmte Reblage nicht zu Unrecht auf den Namen „Sonnenstück“ getauft wurde.

Den Kirschbaum hat er auch besungen, der Hebel. Elisabeth Laemmlin zitiert die Verse aus dem Effeff. Und das liegt nicht an den prämierten Obstbränden, die bei den Laemmlins verkostet werden können. „Wir sind hier halt alle sehr mit der Heimat und unserer Geschichte verbunden“, erklärt sie, „obwohl die Brennerei nur mehr ein Hobby ist“, ergänzt Ehemann Berthold freimütig. Wie die Lämmlins, die nur eigenes Obst verarbeiten, haben früher viele Bauern gebrannt. Aber auch im Markgräflerland haben sich die Zeiten geändert. „Heute wird unser Obst zum größten Teil bei der Marmeladenherstellung verwendet oder es gelangt als Tafelkirsche auf die Märkte“, informiert Berthold Lämmlin.

Wahrzeichen des Markgräflerlandes: das barocke Schloss Bürgeln oberhalb des Eggenertals

Wahrzeichen des Markgräflerlandes: das barocke Schloss Bürgeln oberhalb des Eggenertals

Ins Herz des Eggenertals führt ein neuer Obstwanderweg. Herbert Schumacher liegt richtig: „Bei dieser Blütenpracht macht man sich doch gerne auf den Weg.“ Von Ferne grüßen die ersten Hügel des nahen Schwarzwaldes. Attraktivstes Ziel für Wanderer ist das hoch gelegene Schloss Bürgeln (2), so etwas wie das Wahrzeichen des Landstrichs. Bei guter Fernsicht kann man von hier die Vogesen und manchmal sogar Eiger, Mönch und Jungfrau in den Berner Alpen sehen. „Dann lege ich immer eine Überstunde ein“, freut sich Gastronom Hans Adam, der auch in der Schlosswirtschaft den Kochlöffel schwingt, schon auf den nächsten Panoramablick.

Im barocken Schloss mit seinem hübschen Rosengarten, das seit langen Jahrzehnten von einem Verein und einem hohen Maß an ehrenamtlicher Arbeit getragen wird, findet man neben dem historischen Mobiliar, das in mühsamer Arbeit ersteigert worden ist, auch Keramiken aus Kandern. Der Ort, der ein Tal weiter liegt, ist immer noch ein Töpferzentrum. Vom Kirschblüten-weißen Eggenertal unterscheidet sich das weniger lichte Kandertal durch seine wildromantische Waldeinsamkeit, die an den Schwarzwald denken lässt.

Panoramaterrasse: Von Schloss Bürgeln genießt man die Fernsicht in Richtung Frankreich und der Schweiz

Panoramaterrasse: Von Schloss Bürgeln genießt man die Fernsicht in Richtung Frankreich und der Schweiz

Immer schon hat es Künstler ins Markgräflerland gezogen - auch nach Kandern (3). „Ich kenne keinen Ort, der derart klassische Motive aufzuweisen hätte wie dieses herrliche Kandern“, schwärmte August Macke vor hundert Jahren. „Einige Motive, die der Maler festgehalten hat, kann man heute noch im Ortsbild finden“, weiß Karlheinz Beyerle, einer der Initiatoren des Macke-Rundwegs. Auf Tafeln mit Reproduktionen wird erklärt, was der Künstler ins Bild gesetzt hat. Nicht zuletzt Mackes Wendung vom Impressionismus zum Expressionismus wird sichtbar. „Vergessen Sie aber nicht, unser Museum zu besuchen“, empfiehlt Beyerle. Ausgehend vom Werk Max Laeugers, einem der Wegbereiter moderner Keramik in Deutschland, der mit floralen Dekors den Jugendstil in die Töpferkunst überführte, wird die Kanderner Keramik-Geschichte umfangreich dokumentiert.

Auf den Spuren von August Macke in Kandern: Karlheinz Beyerle zeigt eine Reproduktion eines Gemäldes von Macke am heutigen Standort

Auf den Spuren von August Macke in Kandern: Karlheinz Beyerle zeigt eine Reproduktion eines Gemäldes von Macke am heutigen Standort

Auch der jung gestorbene August Macke ließ sich von der Keramikkunst faszinieren. „Einen Entwurf von ihm haben wir als Symbol des Rundwegs ausgewählt“, berichtet Karlheinz Beyerle. Dem Maler hatte es im Kandertal so gut gefallen, dass er „Grüße aus der herrlichsten Naturschlemmerei“ sendete. Apropos Schlemmen: Das Genießen der Natur macht hungrig. Da schadet es nicht zu wissen, dass Hans Adams Behauptung, „wo Wein wächst, ist auch die Esskultur zuhause“, im Markgräflerland vielerorts Bestätigung findet – weit über Schwarzwälder Kirschtorte hinaus.

 

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