Eine gesegnete Gegend
Der Linzgau am Bodensee: Geheimtipp für Genießer
Text und Fotos: Ulrich Traub
Wo kann man sich Flusskrebse in Maultäschle oder Felchenfilets auf Safranfenchel, Kalbszüngle in Estragonsauce oder ein gepökeltes Schweinsbäckle munden lassen? Na klar, irgendwo in Schwaben und der Bodensee dürfte auch nicht weit entfernt sein, so viel scheint gewiss. Aber auf den Linzgau, diese stille Region im Hinterland nordöstlich des Sees, tippt wohl kaum jemand. Dafür ist diese Gegend nicht bekannt genug.

Eine gesegnete Gegend: Auch Weinbau wird im Linzgau
– wie hier am Ufer des Bodensees - betrieben
„Bei uns gedeiht fast alles“, erzählt Andreas Schiele, „Obst und Getreide, Wein, Spargel und Pilze, Wild und Fische. Da ist es doch eigentlich nicht erstaunlich, dass hier gut gekocht wird“, grinst der Küchenchef, dessen Salmannsweiler Hof in Salem zu den Gasthöfen und Restaurants gehört, die in die Offensive gegangen sind und fast ausschließlich Speisen anbieten, die aus regional und oft biologisch erzeugten Zutaten bereitet werden. „Es ist eine gesegnete Gegend und das sollen unsere Gäste auch schmecken.“
Bauernland Linzgau
Andreas Schiele bezeichnet seine Linzgauer Heimat als Bauernland. Auch wenn der Anteil der landwirtschaftlichen Betriebe in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen ist, im Bild dieser Landschaft spielen Felder und Weiden, Obstplantagen und Streuobstwiesen, Hopfengärten und Weinberge noch eine Hauptrolle. Orte wie Frickingen, wo sich im Schatten des Kirchturms alte Hofanlagen um Fachwerkhäuser gruppieren, sind nicht selten. Wie lebendig die Bauernkultur ist, zeigen die vielen Märkte und Hofläden – und die Speisenkarte im Salmannsweiler Hof. Dort findet man auch ein Verzeichnis der Linzgauer Betriebe, aus denen die verarbeiteten Produkte stammen. „Das stärkt die Identität unserer Region“, ist sich Andreas Schiele sicher.

Herrschaftliche Renaissance: Schloss Heiligenberg
auf einer Aussichtsterrasse über dem Salemer Tal
Wer das Ufer des Bodensees bei Überlingen hinter sich lässt und ins Landesinnere vorstößt, trifft auf eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft. Vom Barock der prächtig strahlenden Wallfahrtskirche Birnau am Seeufer geht es hinauf nach Heiligenberg - und in der Zeit zurück in die Renaissance. Schloss Heiligenberg liegt exklusiv auf einer Aussichtsterrasse mit Blick auf See und Alpen. Dazwischen wartet ein berühmter Ort, von dem aber kaum einer weiß, dass er im Linzgau liegt: Schloss Salem.
Schloss Salem
Auf dem Gelände der ehemaligen Zisterzienserabtei, von der Münster, Klostergebäude und Schlosspark besichtigt werden können, arbeiten nicht nur die Schüler des gleichnamigen Elite-Inter-nats, auch Werkstätten und Ateliers von Kunsthandwerkern sind in die historischen Gebäude von Schloss Salem eingezogen. Besonderes bietet auch der Weinkeller, denn die Nachfolger der Zisterzienser setzen die Tradition der Mönche fort. Eine Weinstube, in der früher das Klostergefängnis lag, offeriert Kostproben. Vor allem verstehen sich die Winzer auf Müller-Thurgau und Spätburgunder. Trotz ihrer Vergangenheit bleibt man in der gemütlichen Stube gerne etwas länger sitzen.

Bekannter als der Linzgau: Schloss Salem, Blick auf
die
Prälatur aus dem 18. Jahrhundert
Da ist es gut zu wissen, dass die weitläufige Anlage des Salemer Schlosses auch Ausgangspunkt zahlreicher Radwege ist. Zunächst strampelt man gemächlich, vorbei an den Klosterweihern, durch das grüne Bauernland. Wer’s sportlicher mag, findet in den seenahen Hügeln, die hier Drumlins heißen, und den Höhenzügen, die das Salemer Tal abschließen, die entsprechende Herausforderung. Für Abwechslung ist gesorgt. Auf sonnige Hänge, an denen sich die Reben wohlfühlen, folgen bewaldete Bergrücken und von Bächen durchflossene Tobel. Hier findet der Wanderer sein Revier. Ein lohnendes Ziel ist der Haldenhof, der auf einem Steilufer liegt, 230 Meter über dem See bei Sipplingen: Weitblick garantiert.

Vom Aussichtspunkt am Haldenhof oberhalb von
Sipplingen
überblickt man den nördlichen Teil des Bodensees
Mistkrazerle und Knöpfle
Es wär verwunderlich, wenn die Aussicht auf Linzgauer Spezialitäten Radler und Wanderer nicht beflügeln würde - auch wenn einem nicht bei jedem regionalen Gericht gleich das Wasser im Munde zusammenläuft. Aber auch Mistkrazerle und Knöpfle sind durchaus genießbar, handelt es sich dabei doch um Stubenküken und eine knubbelige Variante der Spätzle.
Es gehört zur neuen Linzgauer Küche, Bewährtes und Bodenständiges mit neuen
Ideen zu kombinieren. Andreas Schiele hat etwa die Dampfnudel wiederentdeckt: „Die ist eigentlich im Linzgau daheim, war aber hier fast vergessen.“ Der Koch serviert die klassische Nachspeise auch salzig mit dicker Kruste und frisch gegartem Gemüse. Und stolz erzählt er von dem Gastrokritiker, der es kaum glauben konnte, dass auf Schieles Speisenkarte ein Schmorbaten stand: „Den kannte er nämlich nur von Muttern.“
Urlauber, die die Ruhe dem Trubel in den touristischen Bodensee-Orten vorziehen, sind im Linzgau an der richtigen Adresse. Wenn es zudem Reisende sind, die „gutes Essen und den Idealismus unserer Köche zu schätzen wissen“, wie es Andreas Schiele formuliert, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Name dieses Genießerwinkels weitaus bekannter sein wird als heute.
Seite 1 / 2 (Infos) / zur Startseite