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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Wo Hopfen und Malz noch nicht verloren sind

Superlative rund ums Bier im Kelheimer Land

Text und Fotos: Ulrich Traub

Typisch Hallertau im August: Hopfen so weit das Auge reicht

Typisch Hallertau im August: Hopfen so weit das Auge reicht

Eigentlich machten sie schon lange Craft-Biere. Da sind sich die Brauer im Kelheimer Land einig. Nur legen die selbst- und traditionsbewussten Bierproduzenten keinen Wert auf diesen momentan angesagten Titel. Warum auch, schließlich arbeiten sie in einer Region der Bier-Superlative. Der 500. Geburtstag des Reinheitsgebots ist ein willkommener Anlass, mal zur Kostprobe vorbeizuschauen.

Kelheim - Vor der Bierverkostung geht’s in den Hopfengarten: Hopfenbäuerin Elisabeth Stiglmaier vor den annähernd sieben Meter hohen HopfenrebenRund um das rechtwinklig angelegte Donau-Städtchen Kelheim (1), eine ehemalige Residenz der Wittelsbacher, herrscht eine Brauereien-Dichte, wie sie in den meisten anderen Landstrichen längst Vergangenheit ist. Kein Wunder, mag man denken, liegt doch die Hallertau, das weltweit größte Hopfenanbaugebiet, direkt vor den Toren der Stadt. 50 Prozent der Welternte werden hier im September von den sieben Meter hohen Gerüsten, an denen sich die schnell wachsende Pflanze über ein paar Monate hoch geschlungen hat, gepflückt.

Eine Bierreise könnte bei Elisabeth Stiglmaier in Attenhofen beginnen. Sie ist nicht nur Hopfenbäuerin, sondern auch Hopfenbotschafterin und obendrein Biersommelière. „Wir stehen zu unserem Reinheitsgebot, aber es ist gut, dass es neue Sorten wie den fruchtigen Aromahopfen gibt.“ Das Hopfenforschungszentrum im benachbarten Hüll sei wegweisend. „Zu meinen Aufgaben als Hopfenbotschafterin gehört es auch, mit den speziellen Bierstilen, die sich hier in den letzten Jahren entwickelt haben, bekannt zu machen.“ Darauf kommt man gern zurück.

Seit dem Jahre 860 werde in der Gegend Hopfen angebaut – in umzäunten Gärten, die die Pflanzen vor dem Wild schützten, erklärt Frau Stiglmaier. „Die Dolden sind das Herzstück des Hopfens.“ Sie würden von den in den Gärten abgeschnittenen Hopfenreben getrennt. „Das geschieht bei uns auf dem Hof. Dann werden die Dolden getrocknet, gepresst und gekühlt. Hopfen ist keine anspruchsvolle Pflanze, braucht aber viel Wasser. Daran mangele es zunehmend. „Der Klimawandel macht uns zu schaffen.“

Weltenburg - Benediktinerkloster und Treffpunkt für Bierfreunde: Im Kloster Weltenburg am Donaudurchbruch wird seit 1050 gebraut

Benediktinerkloster und Treffpunkt für Bierfreunde: Im Kloster Weltenburg am Donaudurchbruch wird seit 1050 gebraut

Nach der Hopfenkunde und ersten Probierschlückchen führt der Weg zu einer der Keimzellen der Biergeschichte, nach Weltenburg (2), der ältesten Klosterbrauerei der Welt. Seit 1050 wird in diesem stillen Winkel direkt am Donau-Durchbruch Bier hergestellt. Die Benediktiner haben die Brauerei zwar verpachtet, aber gebraut wird immer noch im Kloster. Wie ist es, an solch einem Ort zu arbeiten? „Was ganz Besonderes natürlich“, verkündet Ludwig Mederer mit Nachdruck. Der junge Braumeister betont nicht ohne Stolz, dass die Rohstoffe aus der Region kämen und das Brauwasser aus dem eigenen Brunnen. Bier gehöre eben zur Klostertradition. Wer das Weltenburger Dunkel probiert, das zu Recht den Begriff Barock im Titel trägt, wird mit einer Geschmacksfülle belohnt, die nur von den Sinneseindrücken der Klosterkirche übertroffen wird. Hinter der schlichten Fassade liefern sich Pracht und Prunk reinsten Barocks einen Wettkampf ohne Sieger.

Weltenburg - Im Weltenburger Klosterhof: Direkt vor der Barockkirche mit der schlichten Fassade liegt die älteste Klosterbrauerei der Welt

Im Weltenburger Klosterhof: Direkt vor der Barockkirche mit der schlichten Fassade liegt die älteste Klosterbrauerei der Welt

Vor den Klostermauern legen die Ausflugsdampfer an, die den Bierfreund nach Kelheim bringen. Oder man nimmt die Fähre zum anderen Donauufer und wandert. Man kann sicher sein: Zur Belohnung warten Bierspezialitäten, dieses Mal in der ältesten Weißbierbrauerei Bayerns. 1872 erhielt der Ahnherr der Brauerei Schneider als erster Bürgerlicher das Weißbierbraurecht, das bis dato den Wittelsbachern vorbehalten war. Das ist wohl auch der Grund, warum das Bier überhaupt gebraut werden durfte. Von der Zutat Weizen ist im Reinheitsgebot jedenfalls nicht die Rede.

Kelheim - Die gute Stube der Kelheimer Altstadt, Treffpunkt von Alt und Jung: der Brauerei-Ausschank der Weißbierbrauerei Schneider

Die gute Stube der Kelheimer Altstadt, Treffpunkt von Alt und Jung: der Brauerei-Ausschank der Weißbierbrauerei Schneider

„Wir stehen zu diesem ältesten Verbraucherschutzgesetz“, äußert Stephan Butz. „Es liefert eine Basis, die viel Spielraum bietet.“ So sei es zum Beispiel erlaubt, mit Hopfen-, nicht jedoch mit Malzextrakten zu arbeiten. „Wir züchten unseren Hopfen selbst“, informiert der Biersommelier bei Schneider, der Brauerei mit den meisten Weißbiersorten. Wer sich mit ihm im Bräustüberl zur Verkostung trifft, muss sich auf was gefasst machen: 13 Bierspezialitäten mit wenig bis viel Alkohol, von bitter bis süß und fruchtig, von Hell bis Dunkel warten auf Genussfreunde. Ananas-, Bananen- und Pflaumennoten, Lakritz- und Nussnuancen - diese Aromafülle sagt man nur den Craft-Bieren nach. „Wenn wir Craftbrewer wären, hätten wir Bärte und Tattoos“, meint der gut rasierte junge Mann lachend. Und warum gibt es so viele Brauereien im Umkreis? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Wir sitzen mitten in den besten Rohstoffen“, weiß Butz.

Das sieht man auch im Riedenburger Brauhaus (3) so. Allerdings mit etwas anderem Anspruch. Michael Krieger produziert Biobier und ist der Überzeugung, dass nur bei diesem Brauverfahren das Reinheitsgebot wirklich eingehalten werde. „Als wir vor rund 25 Jahren den Betrieb auf Bio umgestellt haben, wollten wir nicht nur die Welt verbessern, vorrangig ging es uns um Qualitätssteigerung“, erinnert sich der Senior. Der letztlich erfolglose Kampf gegen den Main-Donau-Kanal in den 80er-Jahren hätten seine Frau und ihn für Umweltthemen sensibilisiert. Sie seien ihren Weg trotz wirtschaftlicher Anfangsschwierigkeiten und Anfeindungen konsequent gegangen. „Wir sind Überzeugungstäter“, gesteht Krieger.

Die Rohstoffe bezieht der Brauer auch aus dem nahen Benediktinerkloster Plankstetten. Die Mönche bauen alte Getreidesorten wie Dinkel, Emmer und Einkorn an, aus denen in Riedenburg ungefilterte Spezialbiere gebraut werden. „Bier ist ein Nahrungsmittel“, unterstreicht Krieger, aber dieser Charakter gehe bei der industriellen Herstellung verloren. „Deshalb fordern wir ein ökologisches Reinheitsgebot.“ Wird das die Zukunft der 500 Jahre alten Verordnung sein?

Wandererziel: Die Burg Prunn liegt hoch über dem Tal der Altmühl bzw. des Main-Donau-Kanals, sie gilt als schönste Burg Bayerns

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Die Drei-Burgen-Stadt Riedenburg erreicht man, indem man von Kelheim aus dem Lauf der Altmühl folgt, die hier im Bett des einst umstrittenen Main-Donau-Kanals fließt. Unterhalb von lohnenswerten Etappenzielen wie der Befreiungshalle bei Kelheim und Burg Prunn, kurz vor Riedenburg, radelt man am Ufer entlang. In Riedenburg lockt das Kristallmuseum die Edelstein-Fans. Für viele sind jedoch die Brauereien die wahren.

Essing: malerischer Ort zwischen Felsen und Fluss - und mit Brauerei

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Perlen. Ach ja, auch im Dorf Essing (4), das sich ansehnlich zwischen Fluss und Felsen zwängt, gibt es eine kleine . . . Man ahnt es schon. Der Chef Matthias Schneider meint: „Andere haben eine Eisenbahn und ich eine Brauerei.“ Den vielen Freunden des Gerstensaftes soll es Recht sein.

Reiseinformationen

Informationen

Tourismusverband Kelheimer Land: 09441/2077330, www.tourismus-landkreis-kelheim.de

Aktiv

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich dem Bier zu nähern: eine Brauereikarte mit Radwandertouren, Brauereiführungen und Verkostungen, den Erlebnispfad „Hopfen und Bier“, Hopfenführungen

Passiv

Brauereigasthof Schneider in Essing (Übernachten bei einem Brauer): 09447/91800, www.brauereigasthof-schneider.de

Gasthof Paulus in Marching (Übernachten bei einem Hopfenbauern): 09445/7812, www.gasthaus-paulus.de

Gästehaus St. Georg im Kloster Weltenburg: 09441/ 6757500, www.kloster-weltenburg.de/gaestehaus

 

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